Gastbeitrag Es gibt keinen Point-of-no-Return im Klimaschutz

Der diese Woche veröffentlichte Bericht des Weltklimarats IPCC kann erschüttern: Das Pariser Klimaziel könnte schon Anfang der 2030er-Jahre gerissen werden, die Erde erwärmt sich schneller denn je, heißt es. Das klingt dramatisch und die Situation ist es den Forschenden zufolge auch, aber dennoch gibt es keinen Grund die Hoffnung zu verlieren, meint Prof. Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in seinem Gastbeitrag für MDR WISSEN:

Prof. Jochem Marotzke
Prof. Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie ist einer der Leitautoren des IPCC-Berichts. Bildrechte: MPI-M / D. Ausserhofer

Der soeben veröffentlichte 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC hält folgende eindringliche Botschaften bereit: Erstens, der derzeitige Klimawandel wurde eindeutig vom Menschen verursacht. Zweitens, wenn der Ausstoß von CO2 nicht rasch und dauerhaft gesenkt wird, werden die Pariser Klimaziele verfehlt. Drittens, selbst bei raschem Herunterfahren des CO2-Ausstoßes könnte die 1,5 Grad Celsius-Marke des Pariser Abkommens im Lauf der nächsten zwanzig Jahre überschritten werden, wenn auch nicht zwangsläufig. Und viertens, der Anstieg des Meeresspiegels etwa durch das Abschmelzen der großen Eisschilde auf Grönland und in der Antarktis wird auf Jahrtausende unumkehrbar sein.

Ein Hinweis der Hoffnung

Auch die Aussage "Jedes halbe Grad globale Erwärmung verursacht klar unterscheidbare Zunahmen an Hitzewellen, Starkniederschlägen und Dürren" ist angesichts der Hitzerekorde in Kanada sowie der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands und der Waldbrände in Südeuropa äußerst beunruhigend. Allerdings enthält diese Aussage auch einen essentiellen Hinweis, der Hoffnung machen sollte – denn es gibt keinen Point-of-no-Return im Klimaschutz.

Warum ist das so?

Zwar steigen Klimarisiken mit dem Grad der Erwärmung, es gibt aber keinen abrupten Übergang vom "sicheren" zum "gefährlichen" Klimawandel. Klima- und Wetterextreme hat es immer gegeben, und auch wenn die Risiken mit der globalen Erwärmung zunehmen werden, bedeutet das Überschreiten der 1,5 Grad Celsius-Marke keinen Untergang. Das regelmäßig beschworene Bild, beim Überschreiten einer bestimmten Marke sei ein Punkt ähnlich einer Klippe erreicht, die man hinter sich lässt und sich anschließend im freien Fall befindet, ist völlig falsch. Richtig ist vielmehr, dass die Risiken mit fortschreitender Erwärmung zwar immer weiter zunehmen, aber nicht auf solche Weise, dass es irgendwann egal wäre, wie die Menschheit handelt.

Prof. Dr. Jochem Marotzke Jochem Marotzke ist Klimatologe und Meereskundler. Der Hochschulprofessor ist außerdem Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Marotzke ist studierter Physiker und ging nach seiner Promotion in Kiel zunächst im Jahr 1990 ans renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT) und arbeitete dort zur Physikalischen Ozeanographie. Von 1999 bis 2003 war er Professor am Southampton Oceanography Centre, anschließend wurde er zum Direktor des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie berufen. Seit 2007 ist er Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Marotzke war beim ersten Teil des 6. IPCC-Sachstandsberichts einer der beiden koordinierenden Leitautoren des Kapitels "Künftiges globales Klima: Szenario-basierte Projektionen und kurzfristige Informationen".

Graduelle Risikozunahme

Auch ein nur partielles Erreichen der Klimaziele wird viele Klimarisiken mindern. Konkret: Sollte sich die Welt um 2,5 Grad Celsius erwärmen, wären viele Folgen wie das drohende Absterben der Korallenriffe oder der erwähnte Anstieg des Meeresspiegels unumkehrbar. Auch besteht ein erhebliches Risiko, dass es bei zunehmender Erwärmung zu politischen Verwerfungen und zur Destabilisierung im Beziehungsgeflecht der Staatengemeinschaft kommt. Dennoch würde die Notwendigkeit bleiben, weiterhin auf Klimaschutz hinzuarbeiten, denn in einer 2,5 Grad Celsius wärmeren Welt werden die Menschen mit geringeren Risiken umgehen müssen als in einer 3,5 Grad Celsius wärmeren Welt.

Diese Betonung der graduellen und stets fortschreitenden Risikozunahme deckt sich mit dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 24. März 2021, in dem zu lesen ist: "Klimaschutz genießt keinen unbedingten Vorrang gegenüber anderen Belangen, sondern ist im Konfliktfall in einen Ausgleich mit anderen Verfassungsrechtsgütern und Verfassungsprinzipien zu bringen. (...) Dabei nimmt das relative Gewicht des Klimaschutzgebots in der Abwägung bei fortschreitendem Klimawandel weiter zu."

Es ist wichtig, sich der stets fortschreitenden aber graduellen Risikozunahme bewusst zu sein. Ansonsten kommt es zu konkreter und persönlicher Überlebensangst, die mir gegenüber bereits von jungen Menschen geäußert wurde. Klimaschutz ist dringlich und wird bei zunehmender Erwärmung immer dringlicher, aber es gibt kein "jetzt ist es zu spät für weiteren Klimaschutz" – jegliches Vermeiden weiterer Erwärmung mindert weitere Risiken.

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9 Kommentare

Wagner vor 14 Wochen

Das ist endlich mal sehr sachlich und ohne Ideologie formuliert !
Das ist gut so, die Angstmacherei wird es zwar nicht von der Angst befreien ,die rational und vernünftig Denkenden wird es aber schon überzeugen. Unsere Innovationskraft ist gefragt — es geht in der Schule los — nicht freitags zur Demo ,sondern Sonderkurse in Mathe und Physik - so entsteht Wissen und dieses kann dann angewandt werden zur Konstruktion und Erfindung von kompensierenden Maßnahmen. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber.

Tacitus vor 15 Wochen

@MDR-Moderation, genau das sage ich ja, es ist ein globales Problem und Deutschland hat seine Emmissionen schon stark gesenkt. Wenn die 1,85% komplett wegfallen würden, ändert das gar nichts am Verlauf des Klimawandels. WIR können nichts verändern, ganz gleich wie man das schönredet.
Das mit der Verlagerung der Produktion sind peanuts.

Anni22 vor 15 Wochen

Dann machen wir es doch einfach, bestimmen wir den Co2 Ausstoß pro Kopf. Das darf Jeder verbrauchen, nicht mehr. Jeder ohne Ausnahme. Mal sehen wer dann jammert...

Luftaufnahme: Fluss in Wald
Breite Flüsse, weite Wälder - typisch für Sibirien. Forscher sehen hier reichlich Platz für noch mehr Bäume und fordern Aufforstung für den Klimaschutz. Bildrechte: IMAGO