Das MDR Klima-Update | Freitag, 30. Juli 2021 Deutschland ist bereits 1,6 Grad wärmer

Autorenfoto von Clemens Haug
Bildrechte: Tobias Thiergen/MDR

Das MDR Klima-Update: Das Klima in Deutschland ist bereits 1,6 Grad wärmer als zu vorindustrieller Zeit. Und immer noch verbrauchen wir deutlich mehr Ressourcen, als natürlich nachwachsen. Was wir dagegen tun können und mehr im zweiten MDR Klima-Update.

Eine Grafik zeigt die Erde, auf der ein Kraftwerk, eine Sonne und zwei Bäume zu sehen sind. 1 min
Bildrechte: MDR/Maximilian Schörm

Ein Thermometer
Bildrechte: MDR Wissen

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Nach den extrem heißen und trockenen Sommern 2018 und 2019 und dem de facto ausgefallenen, weil viel zu warmen Winter 2019/2020 erlebt Deutschland im Sommer 2021 eine andere Facette der Klimawandel bedingten Wetterextreme: Häufige Gewitter, die mitunter sintflutartigen Regen mit sich bringen und in kürzester Zeit zerstörerische Flutwellen auftürmen können.

In unserer Region Mitteldeutschland wissen wir aus eigener, schmerzlicher Erfahrung, was Hochwasser bedeuten: 2002 traf es Sachsen, da war von einem Jahrhunderthochwasser die Rede. 2013, als die Elbe unter anderem das Dorf Fischbeck bei Tangermünde zerstörte, da wunderten wir uns, wie schnell so ein Jahrhundert vergehen kann.

Nun also hat es Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen erwischt, mindestens 179 Menschen sind durch die Katastrophe gestorben. Und wenn wir uns jetzt fragen, was hat Deutschland bislang unternommen um die weitere Erhitzung des Weltklimas zu bremsen und derartige katastrophale Folgen abzuwenden, dann muss ich leider nüchtern bilanzieren: Zu wenig!

Wo wir als Land beim Klimawandel stehen, was wir unternehmen können und warum es zum Handeln nie zu spät ist, möchte ich ihnen anhand der folgenden Themen in dieser Ausgabe des Klima-Updates zeigen:

  • Deutschland hat die 1,5 Grad-Marke bereits erreicht
  • Dürre trotz Flut: Warum unsere Böden monatelangen Regen bräuchten
  • Die richtige Wortwahl: Warum der Begriff "Klimaerwärmung" das Problem verfehlt
  • Windkraft und Basaltstaub: Wie wir das Klima nicht weiter aufheizen

Falls Sie selbst nachsehen wollen, wie stark die Durchschnittstemperaturen hierzulande seit 1961 gestiegen sind und wie stark sie je nach Klimapolitik weiter steigen könnten, sehen Sie auf unserer interaktiven Karte nach:

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Seit vergangenem Montag treffen sich Klima-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus vielen Ländern bei einer virtuellen Tagung, um über den neuen IPCC-Bericht zu beraten. Das IPCC ist das Intergovernemtnal Board on Climate Change, sozusagen das wichtigste Gremium der Welt beim Thema Klimawandel.

Die IPCC-Berichte sind der offizielle Stand in Sachen Weltklima, am 9. August soll nun der erste Band des 16. Berichts erscheinen.

Schon vorab ist klar: Als Menschheit stehen wir vor einem gewaltigen Problem. 11.000 Wissenschaftler aus 153 Ländern, darunter 871 aus Deutschland, warnten in dieser Woche im Fachjournal "BioScience": Wenn sich das menschliche Verhalten nicht grundlegend und anhaltend verändert, sei "unsägliches menschliches Leid" nicht mehr zu verhindern.

Deutschland steht nicht gut da. Wir haben die Marke von 1,5 Grad Celsius, auf die die Klimaerhitzung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden soll, schon überschritten und liegen jetzt bei 1,6 Grad Celsius.

Auch was den nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen angeht, sind wir noch schlechter, als ein Großteil der Welt: Hatte die Menschheit in diesem Jahr am 9. Juli alle Ressourcen aufgebraucht, die die Erde in einem Jahr erneuern kann, hatten wir das als Deutsche bereits am 5. Mai getan.

Deutschland hat die 1,5 Grad-Marke bereits erreicht:

Die häufigen Gewitter der vergangenen Wochen und der Regen haben uns bei der schon seit Jahren andauernden Trockenheit in den tiefen Bodenschichten leider nicht weitergeholfen. Darüber berichtet meine Kollegin Annegret Faber:

Baumsterben in Sachsen-Anhalt 3 min
Bildrechte: IMAGO / Steffen Schellhorn

Die Böden in Mitteldeutschland sind immer noch besorgniserregend ausgetrocknet, trotz des vielen Starkregens der vergangenen Wochen. Der Grundwasserspiegel sinkt kontinuierlich ab, warnen Umweltforscher.

MDR KULTUR - Das Radio Di 27.07.2021 12:50Uhr 02:48 min

https://www.mdr.de/wissen/audios/duerre-trotz-flut-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Klimakrise und Klimaforschung in der ARD-Audiothek:

Das Problem richtig benennen: Klimawandel ist verharmlosend

Wie können wir so über das Klima sprechen, dass deutlich wird: Wenn wir weiter ungebremst CO2 und andere Treibhausgase in die Atmosphäre blasen, dann ist unser Überleben als Menschheit akut bedroht!? Kersten Sven Roth ist Linguist an der Universität Magdeburg und hat ein paar Hinweise für uns.

Klimawandel oder Klimakatastrophe?

  • "Klimawandel" enthält keinerlei Bedrohungssemantik: Wandel ist mindestens semantisch neutral, eher positiv. "Krise" ist dringlicher, allerdings gehört zur Semantik des Wortes auch, dass es sich um ein Durchgangsstadium, also etwas Vorübergehendes handelt. "Notstand" dagegen ist ein eher politisch-institutioneller Begriff, der auf das Klima nicht so recht passen will. Tatsächlich handelt es sich ja am ehesten um eine "Naturkatastrophe". Katastrophen mobilisieren beim Menschen Kräfte und den Willen, sie trotz aller Schäden zu bewältigen.

Erderwärmung oder Erderhitzung?

"Wärme" ist etwas rundum Positives. Wärme versprechen wir uns von guter Kleidung im. Der Wetterbericht sagt uns, dass es "wärmer" wird, bis unerträgliche Spitzentemperaturen erreicht sind, unter denen dann alle ächzen. Die werden dann aber eben "Hitze" genannt. Deshalb gilt auch hier: Im Sinne des Versuchs, das Klimathema mehr in den Fokus des Interesses zu rücken, ist natürlich "Erderhitzung" der passendere Ausdruck. Allerdings ist Erderwärmung wohl der etablierte fachliche Begriff.

Klimaskeptiker vs. Klimaleugner?

  • "Klimaleugner" ist in sich nicht ganz stimmig, denn die Menschen, die man meint, leugnen nicht, dass es Klima gibt. Hier wird ein Wortbildungsmuster aufgegriffen, das vom "Corona-Leugner" bekannt ist oder auch vom älteren "Holocaust-Leugner". Dort ist es semantisch stimmig. Das ist natürlich kein Zufall. Die damit angedeutete politische Lagerzuordnung ist beabsichtigt. Der "Klimaskeptiker" ist im Grunde genauso unstimmig gebildet, aber natürlich weniger ausgrenzend. Grundsätzlich profitiert eine Gesellschaft immer davon, wenn Sie versucht, über Positionen hinweg im Gespräch zu bleiben. Hier würde ich zur weniger pauschal ausgrenzenden Bezeichnung raten.

Klimafolgen und Klimaprotest im ARD Fernsehen

Wie wir das Klima nicht weiter aufheizen

Eine Rückkehr zu einem vorindustriellen Leben ist keine Option. Aber wie können wir unsere Energieversorgung umbauen, dass sie CO2 neutral wird und trotzdem sicher und bezahlbar ist? Können wir zum Beispiel unbegrenzt Energie aus Wind gewinnen? Nein, sagt jetzt ein Forscherteam, das mit Hilfe von Modellen ausgerechnet hat: Im weltweiten Durchschnitt können wir maximal 0,5 Watt Strom pro Quadratmeter mit der Windenergie gewinnen. Das ist aber genug, sagen nicht an der Studie beteiligte Wissenschaftler.

Und: Ein anderes Forscherteam hat sich gefragt, wie wir bereits ausgestoßenes CO2 aus der Atmosphäre zurückholen können. Ihr Vorschlag: Wir bauen Basaltsteine ab, zermahlen sie und streuen den Staub in der Luft aus. Dieser Staub verwittert, bindet CO2 und fällt dann zu Boden, wo er als Pflanzendünger wirkt. Es könnte aber Nebenwirkungen geben.

Zum Schluss

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Er gehört zu den deutschen Forschern beim IPCC und warnt vor Pessimismus: 

Ich habe Mühe mit dem Konzept "point of no return", dem Punkt, an dem die Klimawandelfolgen unumkehrbar sind. Klar werden wir einiges unwiderruflich verlieren, etwa Korallenriffe. Aber wenn die Katastrophenlyrik besungen wird, klingt das so, als ob da dieser Punkt kommt, und danach geht die Welt unter, egal was wir tun. Diesen Punkt gibt es nicht. Es lohnt sich immer, weitere Erwärmung zu verhindern oder zu begrenzen.

 Jochem Marotzke, Max-Planck-Institut für Meteorologie

Haben Sie vergangene Woche ihren CO2-Fußabdruck ausgerechnet mit Hilfe des Links, den meine Kollegin geschickt hat? Falls nicht: Ich habe eben den neuen CO2-Rechner des Umweltbundesamts benutzt. Mit 10,06 Tonnen liege ich leicht unter dem deutschen Durchschnitt von 11,17 Tonnen. Aber da geht noch was. Ein Mensch in Indien stößt nur etwa 1,82 Tonnen pro Jahr aus.

Das war die zweite Ausgabe unseres Klima-Updates. Wenn Sie mögen, empfehlen Sie uns gerne weiter. Die nächste Ausgabe erhalten Sie in einer Woche, wieder am Freitag, von meiner Kollegin Julia Heundorf von MDR Sachsen-Anhalt.

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende und freue mich auf Ihre Rückmeldungen.

Ihr
Clemens Haug

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 11 | 19. Juli 2021 | 11:00 Uhr

18 Kommentare

Bosshaft vor 6 Wochen

Ich mag es wärmer !
Außerdem bin ich gegen weitere Windräder in meiner näheren Umgebung - setzt die Dinger in Sicht/Hörweite der Politikerwohnorte , in die Elbhänge von Dresden oder vors Kanzleramt in Berlin mal sehen ob die Begeisterung dann noch so groß ist !

MDR-Team vor 6 Wochen

@Graf von Henneberg
1. Dunkelflauten sind sehr wohl beherrschbar, etwa laut Bundeswirtschaftsministerium durch den europäischen Stromverbund.
2. Die Ausbeute an elektrischer Energie au erneuerbaren Energien lag im ersten Halbjahr 2021 bei 122 Milliarden Kilowattstunden. Dies entspricht einem Rückgang um über zehn Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2020, vor allem wegen geringerer Windmengen (https://www.umweltbundesamt.de/themen/erneuerbare-energien-im-1-halbjahr-2021-zeigen).
3. Das stimmt, aber deutlich weniger als bei konventionellen Kraftwerken. Im Vergleich zu Braunkohlekraftwerken ist es etwa vier Mal so wenig (https://www.lwk-niedersachsen.de/index.cfm/portal/6/nav/198/article/24157.html).
LG, das MDR-Wissen-Team

MDR-Team vor 6 Wochen

@Graf von Henneberg
"Germanwatch" ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich für globale Gerechtigkeit und den Erhalt der Lebensgrundlagen einsetzt. Dazu betreibt sie Lobbyarbeit für den "globalen Süden".
LG, das MDR-Wissen-Team