Ab heute leben wir auf Pump Erdüberlastungstag: Der Corona-Effekt ist verpufft

Der diesjährige Erdüberlastungstag fällt auf den 29.Juli. Ab heute sind die Ressourcen, die die Erde selbst in einem Jahr erneuern kann, aufgebraucht. Das Datum ist fast vier Wochen nach vorn gerutscht. Nachdem die Übernutzung durch Corona im letzten Jahr etwas zurückgegangen war, ist dieser Effekt in diesem Jahr wieder gänzlich verpufft.

Demonstrationszug durch Wien mit Schüler und Schülerinnen im Zuge der Klimabewegung ,,Fridays for Future"
Bildrechte: imago images/photosteinmaurer.com

Der globale Erdüberlastungstag markiert den Tag im Jahr, ab dem wir Menschen durch alle ökonomischen Aktivitäten mehr Ressourcen in Anspruch nehmen, als die ökologischen Kreisläufe der Erde innerhalb eines Jahres auf natürliche Weise erneuern. Ab heute verbrauchen wir Ressourcen, die wir eigentlich gar nicht haben bzw. verbrauchen Ressourcen, die zukünftige Generationen benötigen werden. Wir leben auf Pump.

Corona-Effekt verpufft

Im vergangenen Jahr machten sich die Auswirkungen des Corona-Lockdowns bemerkbar. Die Ressourcen-Übernutzung war zurückgegangen, der Erdüberlastungstag knapp vier Wochen nach hinten verschoben, auf den 22. August. Die Erde atmete leicht auf. Doch dieses Aufatmen hielt nur kurz an. Die nachhaltig nutzbaren Ressourcen sind in diesem Jahr fast so früh verbraucht wie 2019. Experten:innen sprechen bei dem sprunghaften Wiederanstieg der Emissionen nach dem Höhepunkt der Pandemie von einem Rebound-Effekt.

Dass der Ressourcenverbrauch trotz Anhalten der Pandemie schon dieses Jahr wieder fast das Niveau von 2019 erreicht, zeigt: Wir brauchen dringender denn je ein Umsteuern in der Klima- und Ressourcenpolitik. COVID-19-Konjunkturprogramme müssen unbedingt auf nachhaltige Wirtschaftsweisen ausgerichtet werden.

Steffen Vogel, Germanwatch

Die Berechnung des Erdüberlastungstags oder des Earth Overshoot Day erfolgt durch das Global Footprint Network. Laut der Organisation beruht die zunehmende Übernutzung der Ressourcen zum einen auf einem starken Anstieg der CO2-Emissionen, die prognostiziert um 6,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr angestiegen sind. Zum anderen geht sie auf den Verlust von 0,5 Prozent der Biokapazität der Wälder zurück. Vor allem die rasante Abholzung des Amazonas-Regenwaldes fällt hier ins Gewicht. Das hat dramatische Folgen, die schon jetzt spürbar sind. Olaf Bandt vom BUND mahnt:

Nie dagewesene Hitzesommer, schwere Überschwemmungen und Brände in Nordamerika zeigen: Die Alarmlampen stehen auf Rot. Wir müssen diese Signale unbedingt ernst nehmen und den schon heute dramatischen Auswirkungen der Klimakrise und des weltweiten Artensterbens etwas entgegensetzen. Den Preis unserer vermeintlichen Freiheit zahlen unsere Kinder und nachfolgende Generationen.

Olaf Bandt, Vorsitzender des BUND

Bandt macht deutlich, dass die Zeit der Lippenbekenntnisse vorbei ist und die künftige Bundesregierung sich dessen bewusst sein muss.

Deutschland hat grossen Anteil

Für unsere kleine Nation Deutschland war der Erdüberlastungstag übrigens schon am 5. Mai gekommen. Zum Vergleich: Die gesamte Weltbevölkerung bräuchte beim derzeitigem Ressourcenverbrauch "nur" circa 1,7 Erden. Würden aber alle Menschen so leben wie wir in Deutschland, bräuchten wir drei Erden, um unseren Ressourcen-Verbrauch nachhaltig abzudecken. Da das aber offenkundig nicht möglich ist, ist schnelles und effektives Handeln gefragt. Der Ressourcenverbrauch muss massiv gesenkt und gerechter verteilt werden. Der BUND fordert daher die Einführung einer Primärbaustoff- und einer Materialinputsteuer.

Wer der Natur Material entnimmt, soll künftig dafür zahlen. Der Zugang zu Ressourcen muss so gestaltet sein, dass alle Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Mit den Einnahmen aus diesen Steuern muss ein sozialer Ausgleich erfolgen.

Olaf Bandt, Vorsitzender des BUND

Besonders besorgniserregend ist, dass ärmere Länder mit einem vergleichsweise kleinen ökologischen Fußabdruck die Folgen des übermäßigen Ressourcen-Konsums der Industrieländer schultern müssen.

Während wenige Menschen aus Spaß ins All fliegen, verlieren viele Menschen aufgrund der Klimakrise alles, was sie besitzen. In diesen Extremen zeigen sich die Folgen des kapitalistischen Raubbaus. Wir brauchen dringend einen Systemwechsel, der die Bedürfnisse der Menschen, Chancengleichheit sowie Ressourcen-, Klima- und Artenschutz vor unternehmerische Profite stellt.

Constantin Kuhn, BUNDjugend

Jeder hat die Verantwortung

Aber nicht nur die Politik ist zum Handeln gezwungen, sondern jeder einzelne von uns. Jeder kann dazu beitragen in seinem eigenen Umfeld Strukturen für mehr Nachhaltigkeit zu schaffen. Nachhaltiges Verhalten kann so zum Standard für alle werden. Und das muss es angesichts des immer früher stattfindenden Erdüberlastungstages auch. Um das zu erreichen, reicht die Verringerung des persönlichen ökologischen Fußabdrucks aber nicht aus. Denn die Bemühungen eines nachhaltigen Lebensstils stoßen oft an ihre Grenzen, vor allem dort wo nachhaltige Optionen nicht verfügbar, kompliziert oder zu teuer sind. Hier kommt der Handabdruck ins Spiel.

Der Handabdruck steht für die Hebel, die jede und jeder von uns selbst in Bewegung setzen kann, um Nachhaltigkeit in Mobilität, Ernährung, Energie, Finanzen oder Ressourcennutzung zum neuen Standard zu machen. Das geht am Arbeitsplatz, in der Schule oder Uni, im Verein oder in der Kommune sowie auf Landes- und Bundesebene.

Marie Heitfeld, Germanwatch

Handabdruck-Aktionen sollen die Rahmenbedingungen so verändern, dass nachhaltiges Verhalten leichter, naheliegender, preiswerter und zum Standard wird. Beispiele dafür sind etwa Fahrgemeinschaften zu etablieren, ein vegetarisches Essen in Kantinen als Standardoption einzuführen oder Sharingmodelle statt Besitz zu etablieren. Mehr konkrete Vorschläge gibt es hier durch den Handabdruck-Test.

JeS

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50 Kommentare

MDR-Team vor 7 Wochen

@Britta.Weber
Es stimmt, dass das globale Bevölkerungswachstum eine Herausforderung darstellt. Die Frage ist aber, wie wir damit umgehen. Maßnahmen zur Geburtenkontrolle sind nur sehr schwierig umsetzbar, wie das Beispiel China zeigt. Und die Konsequenz daraus kann auch nicht sein, dass in der westlichen Welt überhaupt keine Veränderung beim Ressourcenverbrauch eintritt. Schon allein, um mit positivem Beispiel voranzugehen.
LG, das MDR-Wissen-Team

Britta.Weber vor 7 Wochen

@MDR-Team, meine Worte waren etwas hart, dafür bitte ich um Entschuldigung. Ich bin aber der Meinung, meine Kernaussagen sind richtig und der MDR sollte ernsthaft darüber nachdenken.
Ich möchte das an einem Beispiel erläutern:
Ständig wird das Argument mit dem Pro-Kopf- Verbrauch an Ressourcen gebracht im Vergleich Westen- 3. Welt.
Das ist völlig unsinnig und reine Propganda. Die Bevölkerung Afrikas wird bis 2050 um 1,2 Milliarden Menschen wachsen, all die Menschen werden deutlich kleinere Ressourcen-Fußabdrücke haben als im Westen, dennoch wird dieser Zuwachs den Ressourcenverbrauch auf der Erde an die Grenzen bringen (Wasser, Lebensmittel, Energie!) und Instabiltität (Kriege, Migration, Hunger) bringen. Der Westen hat diesen Ländern viel geholfen (Lebensmittel über UNO, Entwicklungshilfen, Exporte) . Das Bevölkerungswachstum ist ein Hauptproblem für das 21.Jahrhundert, auch für den Klimawandel. Ob Bürger X auf Fleisch verzichtet, ist zweitrangig und ändert nichts am Klimawandel.

Eulenspiegel vor 7 Wochen

Hallo Tacitus
„ Das Kernproblem für die Ressourcen (die Überbevölkerung) wird nicht einmal angesprochen.“
Vielleicht sollten sie diese Behauptung erst ein mal belegen.