Intensivmedizin und COVID-19 Wie gut sind deutsche Krankenhäuser auf Corona vorbereitet?

Gibt es genügend Betten mit Beatmungsgeräten für Corona-Patienten, können sie isoliert werden und was wird aus den anderen, die die Intensivmedizin benötigen? Vor diesen Fragen stehen jetzt die Kliniken in Deutschland. Drei Mediziner schätzen die Lage ein.

 Leeres Patientenbett, bereit für die Aufnahme eines Patienten.
Intensivmedizinischer Bereich in einer Klinik in Deutschland (Archivbild) Bildrechte: imago/Jochen Tack

Die Entwicklung in Italien zeigt: Deutsche Krankenhäuser müssen sich in den kommenden Wochen wahrscheinlich auf einen Ansturm von Covid-19-Patienten einstellen. In Italien müssen nach aktuellen Schätzungen 10 Prozent aller positiv auf das Virus getesteten Patienten maschinell beatmet und intensivmedizinisch behandelt werden. Für China kommt eine Studie aber nur auf einen Anteil von 5 Prozent aller Betroffenen, die eine besonders intensive Behandlung benötigen. Haben die deutschen Kliniken genügend Kapazitäten, um sich auf ein ähnliches Szenario einzustellen?

Betten und Beatmungsmaschinen reichen voraussichtlich aus - Knappheit beim Personal möglich

Professor Rainhard Busse, Gesundheitswissenschaftler von der Technischen Universität Berlin, glaubt bislang nicht, dass es zu Engpässen auf den Intensivstationen der Krankenhäuser kommen wird. "Insgesamt haben wir in Deutschland etwa 27 bis 28.000 Intensivbetten. Das sind im Vergleich zu Italien bezogen auf 1.000 Einwohner zweieinhalb Mal so viele. Wir kommen mit unseren Kapazitäten also gut hin. Auch die italienischen Verhältnisse würden uns nicht überlasten." Voraussetzung sei allerdings, dass das Klinikpersonal geschützt werden könne und es nicht zu großen Ausfällen komme.

Bislang kaum Erfahrungen mit Covid-19-Patienten

Am Universitätsklinikum Heidelberg haben die Mediziner eine bisherige Wachstation in eine zusätzliche Intensivstation umgewandelt. Sie dient als eigener Bereich für Corona-Infizierte, um sie von den übrigen Patienten isolieren zu können. Aktuell werden dort vier Betroffene des SARS-Cov-2-Viruses behandelt. Für die Medizinprofessorin Ute Merle besteht eine der größten Schwierigkeiten darin, dass es noch kaum Erfahrungen bei den Krankheitsverläufen von Covid-19 gibt. "Wir sehen hier eine Krankheit, die wir ja alle gar nicht so gut kennen", sagt sie.

Zum Beispiel sei unsicher, ob der Einsatz von ECMO-Lungenmaschinen Patienten retten könne, die unmittelbar vom Tod bedroht seien. Oder der weitere Einsatz des noch in der Testphase befindlichen Medikaments Remdesivir müsse geprüft werden. Am wichtigsten sei allerdings, dass es einen engen Wissenstransfer zwischen allen Ärzten gebe, die mit Corona befasst seien.

Wir alle hier lesen ganz viel und tauschen uns eng aus. Wenn einer hier im Klinikum etwas besonders Gutes gelesen hat, schickt er es sofort an den Verteiler. Man muss sehen, wie schafft man das in den kleinen Häusern? Als es unserem ersten Patient plötzlich schlechter ging, hab ich auch kurz gedacht: 'Oh Gott, hab ich irgendetwas, was es in der Literatur gibt, verpasst?' Ich glaube, das wird auch den Ärzten in kleineren Häusern so gehen.

Professorin Uta Merle, Universitätsklinikum Heidelberg

Übung mit Schutzkleidung täglich nötig

Ute Merle betont außerdem, wie wichtig die Übungen mit Schutzkleidung gewesen seien. "Das haben wir intensiv geübt mit strengem Feedback. Man konnte gleich in der Simulation sagen: Das war jetzt nicht in Ordnung, dabei wäre jetzt jemand potenziell kontaminiert gewesen. Deshalb merken wir jetzt, dass wir eine gute Lernkurve haben."

Offen sei jetzt noch, wie mit geplanten Operationen weiter verfahren werden soll, die als elektiv eingestuft werden, also als optional. Etwa der Ersatz von Hüftgelenken könne erstmal pausiert werden. Bei anderen Krankheiten sei das schwieriger. "Wir haben viele Patienten, deren Eingriffe könnten wir drei Wochen verschieben, aber nicht drei Monate."

Klinikum München-Schwabing kennt sich am besten mit Corona-Infektionen aus

Bislang die meisten Erfahrungen mit Covid-19 hat die Klinik in München Schwabing gesammelt. Dort wurden in den vergangenen fünf Wochen bislang 35 Infektionen behandelt. Ein Großteil davon habe nur wenige oder gar keine Symptome gezeigt. "Diese Patienten werden wir künftig weniger sehen, denn sie werden in häusliche Quarantäne geschickt. Wir werden die schweren Fälle stationär sehen. Darauf sind wir hier in Schwabing gut vorbereitet", sagt Professor Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektologie an der Klinik.

Um genügend Personal zu haben, werde in Schwabing neben Urlaubssperren und der Absage von Dienstreisen auch über die Einrichtung einer eigenen Kinderbetreuung für die Klinikmitarbeiter nachgedacht. "Die Versorgungssituation wird weniger von Betten und Beatmungsgeräten abhängen, denn die kann man schnell verfügbar machen. Zum Schluss wird es am Personal hängen", sagt Wendtner.

Coronakrise in Deutschland kann gut gemeistert werden

Eine absolute Eindämmung von Covid-19 sei in Deutschland jetzt nicht mehr möglich. Aber einen Zeitgewinn könne man erzielen. "Die stationären Kapazitäten sind prinzipiell in Deutschland verfügbar. Wir müssen nur die Ressourcen sehr vernünftig nutzen und uns nicht gegenseitig blockieren", sagt Wendtner. Seien diese Kapazitäten für wirklich schwer erkrankte COVID-19-Patienten frei, könne die Krise in einem gemeinsamen Kraftakt in Deutschland gut gemeistert werden.

(ens)

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2020, 16:02 Uhr