Psychologie Stimmungsschwankungen: typisch Frau – und typisch Mann

Fahren Frauen häufiger auf der Gefühlsachterbahn als Männer? Das wird gern erzählt und vorgeschoben. Forschende aus den USA wollten es genauer wissen. Und sagen: Pustekuchen, diesen Unterschied gibt es wohl nicht.

Sonnige Herbststimmung im Park: Kinderwagen im alten Stil, daneben Frau und Mann mit verschränkten Armen, schmollend auf Wagen blickend. Perspektive aus Bodennähe.
Ach Kinderchen, vertragt euch. Bildrechte: IMAGO / Westend61

Ups: Das bequeme Schächtelchen voller geschlechterspezifischer Stereotypen wurde just einer weiteren Mär beraubt – einer, die tendenziell immer dann herhalten muss, wenn Männer zu erklären versuchen, warum – halt so ganz "nüchtern und sachlich" betrachtet – Frauen etwas schon "von Natur aus" nicht können. Führungspositionen zum Beispiel. Zu wenig stabil, zu emotional auf und ab, zu … affektiv variabel. Das wäre dann der Fachterminus, mit dem sich nebenbei ganz gut angeben lässt.

Und dieser Fachterminus wurde historisch betrachtet auch dann vorgeschoben, wenn es um die Forschungsbeteiligung durch Frauen und weibliche Individuen ging. Die Annahme war, dass Eierstock-Hormonschwankungen zu (emotionalen) Variationen führen würden, die experimentell nicht kontrollierbar seien. Eine Studie, die sich mit dem Thema am Beispiel von Ratten beschäftigt hat, konnte das bereits vor fünfeinhalb Jahren widerlegen. Gleiches gilt auch für Menschen – spätestens ab jetzt.

Auf und Ab bei jungen Erwachsenen

In einer aktuellen Studie hat ein Forschungsteam der University of Michigan im gleichnamigen US-Bundesstaat die gefühlstechnischen Aufs und Abs von 142 18- bis 38-Jährigen untersucht. Insgesamt wurden über einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten zehn positive und negative Gefühle abgefragt. Zum Beispiel, wie glücklich oder gereizt die Proband*innen seien. Durch die Forschenden wurde so die Breite der Gefühlsschwankungen gemessen, außerdem die Regelmäßigkeit wiederkehrender Emotionen und wie konstant Gefühle waren.

Und wie geht's Ihnen heute eigentlich?
Hören Sie mal in sich hinein. Welches Gefühl überwiegt?

Die Ergebnisse legen nahe, dass es hinsichtlich Gefühlsschwankungen zwischen Männern und Frauen wahrscheinlich keine Unterschiede gibt. Das Team hat außerdem die Hypothese berücksichtigt, dass es einen Unterschied geben könnte zwischen Frauen, die hormonell verhüten und Frauen mit einem natürlichen Zyklus. Gibt es aber nicht, zumindest keinen großen. Ein kleines bisschen anders ist es allerdings bei Frauen, die triphasische Hormonpräparate verwenden. Die Dosis der Hormone in diesen Präparaten variiert in drei Phasen innerhalb des monatlichen Zyklus. Frauen, auf die das zutraf, galten gefühlstechnisch als träger und waren eher zyklischen, regelmäßigen Gefühlsschwankungen unterworfen.

Sexualhormon hat nix zu sagen

Was erzählen uns also die vorliegenden Daten? Erst mal noch nicht genug. Die Stichprobe beschränkt sich vor allem auf junge, vornehmlich weiße Frauen und Männer mit einem akademischen Hintergrund. Hier sollten sich Folgeuntersuchungen einer breiteren Datenbasis bedienen und die Messabstände verfeinern, so das Forschungsteam. Darf die Sache mit der angeblich unzureichenden Gefühlsstabilität bei Frauen also vorerst wieder in die Stereotypenschachtel? Nö, dazu gibt es keinen Grund. Die Forschenden sagen: Wenn sich Sexualhormone im Alltag wirklich derart stark auswirken würden wie einst gedacht, hätte man bei der aktuellen Untersuchung bereits deutlichere Unterschiede sehen müssen. Das ist natürlich nicht nur eine gute Nachricht für Frauen. Auch Männer dürfen jetzt endlich zu ihrer Gefühlsachterbahn stehen.

flo

Link zur Studie

Die Studie "Little evidence for sex or ovarian hormone influences on affective variability" erschien im Oktober 2021 im Fachjournal Scientific Reports.

DOI: 10.1038/s41598-021-00143-7

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