Sanktionen gegen Putin Leopoldina: Wie Deutschland russisches Erdgas sofort ersetzen kann

Deutschland und Europa können einen sofortigen Lieferstopp für russisches Erdgas verkraften, sagen Forscher der Leopoldina. Dafür müsste unter anderem aber kurzfristig mehr Strom aus Kohle erzeugt werden.

Das warme Licht der tiefstehenden Abendsonne scheint auf die Kühltürme des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG).
Um einen Stopp des Erdgasimports aus Russland kurzfristig aufzufangen, schlagen die Wissenschaftler der Leopoldina vor, die Stromerzeugung mit Kohle auszuweiten. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Deutsche und europäische Politiker diskutieren einen Stopp russischer Energieimporte, um Putins finanzielle Möglichkeiten im Krieg gegen die Ukraine weiter einzuschränken. Zugleich könnte Russland von sich aus Lieferungen stoppen, um Europa für die Unterstützung der Ukraine zu bestrafen. Klar ist also, dass EU und Bundesrepublik möglichst schnell unabhängig werden müssen von den Importen. Wie das gehen könnte, haben nun Mitglieder der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in einer Ad-hoc-Stellungnahme dargelegt.

Russland liefert bislang 50 Prozent der in Deutschland verbrauchten Erdgasmenge

Klar ist, eine rasche Abkehr vom Erdgas wirbelt bisherige Pläne für die Energiewende ordentlich durcheinander. Denn das Gas ist zwar ein fossiler Energieträger wie Kohle, verbrennt jedoch deutlich sauberer und unter wesentlich geringerem Ausstoß klimaschädlicher Gase. Daher galt Erdgas als wichtige Brücke zwischen dem Ausstieg aus der Stromerzeugung mit Kohle und dem vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energieträger.

Laut den Leopoldina-Forschern hat Erdgas in Deutschland einen Anteil von 25 Prozent an der primären Energieerzeugung. Dabei wird es meistens zum Heizen verbrannt, sowohl in industriellen Prozessen als auch in privaten Haushalten. Das genutzte Erdgas stammt hierzulande zu etwas mehr als der Hälfte aus Russland. Die übrigen Anteile kommen vorwiegend aus Nordwegen und den Niederlanden.

Kurzfristige Maßnahme: Mehr Stromerzeugung mit Kohle

Flüssigerdgastanker auf See
In den kommenden drei Jahren sollte Deutschland seine Kapazitäten für den Import von Flüssiggas per Schiff ausbauen, rät die Leopoldina. Bildrechte: imago/imagebroker

Um sich auf einen Importstopp des Gases aus Russland vorzubereiten, sollte Deutschland laut den Wissenschaftlern der Leopoldina zunächst seine Erdgasreserven halten oder nach Möglichkeit sogar vergrößern, um sich auf den Winter 2022/2023 vorzubereiten. Aktuell seien die Speicher zu 27 Prozent gefüllt. Durch Importe von Flüssiggas könnte diese Menge vergrößert werden, wenn zugleich der Verbrauch etwa dadurch reduziert werde, dass kurzfristig die Verstromung von Kohle ausgeweitet werde.

Die Folge seien dann zunächst höhere Kosten für den Kauf notwendiger CO2-Zertifikate, da der geplante Ausstieg aus der Kohle bis zum Jahr 2030 nicht in Frage gestellt werden solle. Der sei allein schon deshalb sinnvoll, da auch die Hälfte der nach Deutschland importierten Kohle derzeit aus Russland stamme.

Die Politik müsse aber durch Zuschüsse oder Umlagen dafür sorgen, dass die zusätzlichen finanziellen Kosten für Bürgerinnen und Bürgern mit niedrigen Einkommen sozial abgefedert würden und dass Unternehmen von Energiesteuern entlastet würden. Notwendig seien auch politische Garantien für die privaten Betreiber der Gasspeicher, um große wirtschaftliche Risiken durch mögliche Preisschwankungen am Gasmarkt auszugleichen.

Mittel- und langfristig: Ausbau der Erneuerbaren und der Wasserstoff-Infrastruktur

Hybridkraftwerk in Prenzlau
Langfristig soll Deutschland die Energieerzeugung mit Erneuerbaren ausbauen, wie etwa dieses Hybridkraftwerk im brandenburgischen Prenzlau, wo Windkraft und Biogas kombiniert werden. Bildrechte: IMAGO / Rainer Weisflog

Mittelfristig müsse Deutschland dringend seine Energieversorgung diversifizieren. Dafür sei einerseits ein Ausbau der Flüssiggasimportmöglichkeiten notwendig und eine Ertüchtigung des Gasnetzes. Die Bundesregierung hat bereits entsprechende Schritte beschlossen, unter anderem durch die Beteiligung am Ausbau eines LNG-Terminals im Nordseehafen Brunsbüttel. Auch für zwei weitere Standorte seien die Planungen weit fortgeschritten. Die Leopoldina-Forscher rechnen allerdings damit, dass der Aufbau dieser Terminals mindestens drei Jahre dauert.

Langfristig empfehlen die Wissenschaftler den Ausbau der Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenkraft sowie der Infrastruktur für die Erzeugung und den Import von Wasserstoff. Die Erneuerbaren müssten dafür um mindestens 40 Prozent gegenüber der bereits heute installierten Leistung ausgebaut werden.

Ausstieg aus russischen Energieimporten kann Energiewende beschleunigen

Wichtig sei bei all diesen Maßnahmen, dass sie in enger Abstimmung mit den Partnern in der EU geplant und umgesetzt werden müssten, raten die Forscher. Sie sehen die aktuelle Situation als Chance für eine Beschleunigung der Energiewende im Rahme des EU Green Deals.

(ens)

Nina Scheer 5 min
Bildrechte: imago images/Political-Moments

106 Kommentare

Janes vor 10 Wochen

"Verstehen Sie bitte die Botschaft - die Dinge die hier geschehen, sind kein Zufall." "So ist Wissenschaft nicht die Lösung, sondern einfach nur ein Instrument."

Bei solchen Kommenaren kann man wirklich nur den Kopf schütteln. Sie sind doch komplett neben der Spur. Ständig deuten sie irgend etwas verschörerisches an, ohne auch nur den Hauch einer Erklärung oder eines Beleges. Sie stellen die Wissenschaft in Frage, als wäre das eine x-beliebige Meinung von irgendwem und tun dabei so, als wären sie ein kleiner Teil einer elitären Gruppe, welche allein die Wahrheit kennt.

Und trotzdem lässt ihnen der MDR so viel Raum ihre Märchenmeinung hier öffentlich darzustellen!
Hoffentlich können sie damit leben, dass ich ihren Märchen weder ernst nehme noch ihre Meinung auch nur im Ansatz teile.

Das nervige ist halt, dass, wenn man solche ein Geschwurbel anhören muss, damit viel Zeit verliert für wichtigere Dinge. Blumen gießen z.Bsp.

hinter-dem-Regenbogen vor 10 Wochen

@AlexLeipzig __" warum konstruieren Sie . . . Verschwörung . . . "

Der Plan, diese Welt zu verändern, ist nur eine Konstruktion (demnach wohl auch nur eine Verschwörung ? ) - Wie sich das in der Praxis auswirkt, können wir ja gerade beobachten. Das war schon vor 200 Jahren genauso, wie heute auch.

Verstehen Sie bitte die Botschaft - die Dinge die hier geschehen, sind kein Zufall.

Und das vermisse ich in der "Wissenschaft" von Leopoldina - mir fehlen in deren Vortrag die Zusammenhänge. Ich brauche keine Therapie - ich versuche nur wertfreie Informationen zusammenzutragen - eigentlich das, was ich von der Wissenschaft erwarte.

Fazit:
Die Wahl der Worte vermittelt weniger das "Medium", das worum es eigentlich in der Wissenschaft geht (gehen sollte) , dafür aber gibt diese gleich mal die Richtung vor.
So ist Wissenschaft nicht die Lösung, sondern einfach nur ein Instrument.

Janes vor 10 Wochen

Klingt irgendwie nach einem "alles oder nichts Prinzip".

Viele Gemeinden bauen als Gemeindeverbund und beteiligen die lokalen Investoren.

Das aber auch der Bund, Energiekonzerne und ausländische Firmen am Markt beteiligt sind, ist nicht ungewöhlich. Grund und Boden kann ja gekauft werden-nur mitnehmen können die das nicht.
Und schlussendlich gibts als ultima ratio noch das Mittel der Enteignung. Dabei stehen hierzulande übrigens schon über 50.000 Windräder. Ein beruhigendes Gefühl, dass wir nicht bei Null anfangen müssen. Wenn Bayern und BaWü auch noch bissl mitmachen, dass es besser wird, wirds ne runde Sache. Und was die anderen Möglichkeiten der Stromgewinnung angeht, da ist auch noch ne Menge Luft nach oben. Und das ist auch nur ein Teil einer Energiewende. Speicherung, Mobilität und Nachhaltigkeit kommen noch dazu. Ein weites Feld.