Erschöpfungssyndrom Long-Covid: Gibt es einen Zusammenhang mit Herpes?

Anhaltende Symptome nach dem Ende einer Corona-Infektion stellen Mediziner vor Rätsel. In Würzburg prüfen Forscher nun einen Zusammenhang zum ebenso rätselhaften chronischen Erschöpfungssyndrom: Herpesviren.

Eine Frau schläft auf der Couch
Nach einer Corona-Infektion klagen viele Betroffene über anhaltende Erschöpfungszustände (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Westend61

Noch Monate nach dem Ende einer Corona-Infektion klagt ein Teil der Patienten über anhaltende Symptome. Dabei spielt es meist keine Rolle, wie schwer die Covid-19-Erkrankung verlaufen ist. Auch Menschen mit milden Erkrankungen berichten über Erscheinungen wie chronische Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Konzentrationsschwierigkeiten. Viele Studien gehen von etwa 25 Prozent der Corona-Infizierten aus, die noch zwei bis sechs Monate nach der eigentlichen Krankheit nicht wieder so gesund sind wie vor der Infektion. An der Würzburger Julius-Maximilians-Universität prüfen nun der Virologe Bhupesh Prusty und seine Kollegen einen Zusammenhang zu einem anderen rätselhaften Leiden, dem chronischen Erschöpfungssyndrom, das auch Myalgische Enzephalomyelitis (ME) genannt wird.

Corona könnte Herpesviren im Erbgut aktivieren

Genau wie bei der Long Covid leiden auch Betroffene einer ME unter chronischer Müdigkeit, Nervenstörungen, grippeähnlichen Symptomen oder Muskelschmerzen. Prusty und seine Kollegen vermuten, dass ein sehr spezielles Virus die Ursache für beide Erkrankungen sein könnte: Das Humane Herpes Virus-6 (HHV-6).

Laut Prusty könne sich HHV-6 in das Erbgut der infizierten Menschen integrieren und dort lange inaktiv verharren, dann aber unter bestimmten Bedingungen aufgeweckt werden. Solche Auslöser könnten unter anderem eine Infektion mit Chlamydien sein, die Einnahme von Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken und möglicherweise auch eine Infektion mit Sars-Coronavirus-2.

Wird HHV-6 wieder aktiv, greifen die Viren die Mitochondrien an. Das sind die Kraftwerke aller Zellen, die den Treibstoff Adenosintriphosphat (ATP) produzieren, der unter anderem auch für die Bewegung von Muskeln notwendig ist. Befallene Mitochondrien produzieren weniger ATP und zeigen zugleich einen schwankenden Kalziumhaushalt.

Führt Herpes zur chronischen Erschöpfung?

Thomas Stamminger ist Herpesexperte an der Universität Ulm und kennt die Arbeit seiner Kollegen in Würzburg. Dass Covid-19 die Herpes-6 Viren aktivieren kann, hält er durchaus für wahrscheinlich, denn Herpes lässt sich relativ leicht aktivieren. Oft genügt ein wenig Fieber, wie es bei einer Covid-19 auch auftreten kann. Ob es aber auch ME auslöst, daran hat er Zweifel. "Das Problem ist, dass diese Viren extrem häufig in der Bevölkerung vokommen, über 90 Prozent aller Menschen sind mit diesen Viren infiziert." Die meisten Menschen erkrankten als Kinder daran, es sei auch als Drei-Tage-Fieber bekannt. "Wenn man jetzt diese Viren bei Menschen nachweist, die sich über längere Zeit besonders müde fühlen, dann muss das nicht unbedingt eine ursächliche Bedeutung haben."

Es kann auch sein, ergänzt der Virologe, dass die Konditionen, die das Chronic Fatigue-Syndrom auslösen, auch zur Reaktivierung der Herpesviren führen. Wäre das Herpes nämlich die Ursache, müsste es eigentlich viel mehr Betroffene geben: "Es müssen weiter Faktoren eine Rolle spielen. Ich will nicht sagen, dass Herpesviren unschuldig sind, die können natürlich mit zu dem Zustand des Chronic Fatigue-Syndrom beitragen. Aber sie sind meiner Meinung nach nicht der Auslöser."

Ursachenforschung in den Genen

Ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Long-Covid, ME und den Herpesviren gibt, will das Team um Bhupesh Prusty nun in den kommenden Jahren erforschen. Dafür haben die Wissenschaftler gerade rund eine Millionen Euro Forschungsgelder von Stiftungen aus den USA und dem Vereinigten Königreich eingeworben. So sollen weitere Untersuchungen zu den genetischen Abläufen in den Zellen von ME- und Long-Covid-Betroffenen möglich werden.

(ens/kie/idw)

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