Corona-Forschung aktuell: 15. Dezember Deutsche wollen offen über Unsicherheiten bei Corona-Prognosen informiert werden

Prognosen der Corona-Fallzahlen sind mit Unsicherheiten behaftet. Eine repräsentative Befragung zeigt: Wenn das klar kommuniziert wird, sind auch Skeptiker eher bereit, Maßnahmen mitzutragen. Und: Wer nicht raus darf, wird depressiv.

Menschen in einem Park.
Menschen spazieren in Athen während des Lockdowns durch einen Park: Ein Zugang zur Natur ist laut einer neuen Studie existenziell wichtig dafür, das Menschen seelisch stabil durch die Corona-Maßnahmen kommen. Bildrechte: imago images/Le Pictorium

Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse über Corona

Deutschland bereitet sich vor auf den zweiten harten Lockdown, der das Weihnachtsfest überschattet. Derweil gibt es aus der Forschung täglich neue Erkenntnisse zu Covid-19, SARS-CoV-2 und den Folgen der Pandemie sowie ihrer Bekämpfungsmaßnahmen. MDR WISSEN verschafft Ihnen hier den Überblick über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Deutsche stimmen Corona-Maßnahmen eher zu, wenn wissenschaftliche Unsicherheit offen kommuniziert wird

Haben die Corona-Maßnahmen Erfolg und wie werden sich die Fallzahlen weiter entwickeln? Das schätzen Modellrechnungen von Epidemiologen ab. Da die Modelle genau wie eine Wettervorhersage nie alle Faktoren berücksichtigen können, die die Wirklichkeit bestimmen, sind die Prognosen stets mit Unsicherheiten behaftet. Wie reagieren die Bürger darauf, wenn diese Unsicherheiten benannt werden? Das wollten Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Berliner Charité wissen. Deshalb starteten sie im Juli eine repräsentative Umfrage im Internet, an der über 2000 Teilnehmer aus Deutschland teilnahmen. Das wichtigste Ergebnis: Je deutlicher über die Unsicherheit informiert wird, desto eher lassen sich auch Skeptiker vom Sinn der Corona-Maßnahmen überzeugen.

Die Forscher legten den Befragen insgesamt vier Versionen vor, in denen Wissenschaftler ihre Prognose über der kommenden Verlauf der Pandemie abgaben. Dabei wurde unterschiedlich stark betont, wie unsicher die Prognosen sind. In der ersten Version wurde das Risiko gar nicht benannt, sondern alle Werte als absolut gesetzt und von einer einsetzenden zweiten Coronawelle gewarnt. In der vierten Version dagegen wurden keine absoluten Zahlen genannt, sondern lediglich Spannweiten, die die mögliche Entwicklung abdeckten. Zudem hieß es, eine zweite Coronawelle sei möglich, die beobachteten Zahlen könnten aber auch eine zufällig Schwankung sein. Am Ende beider Versionen wurden die Befragten aufgefordert, Rücksicht auf Risikogruppen zu nehmen und beispielweise Masken zu tragen.

Dann wurden die Teilnehmer gefragt, welche Version der Prognose am meisten geeignet sei, die Bevölkerung über den Verlauf der Pandemie zu informieren. Die meisten Befragten (32 Prozent) wählten die Version, die die Unsicherheit am deutlichsten betont hatte. Über die Hälfte der Befragten (54 Prozent) zogen insgesamt Formate vor, die die wissenschaftliche Unsicherheit entweder im Test oder in den Zahlen benannte. Nur 21 Prozent und damit die kleinste Gruppe bevorzugten die Version, die absolute Zahlen ausgab. Besonders auffällig sei laut den Meinungsforschern, dass Menschen, die die Corona-Maßnahmen kritisch sehen, am ehesten bereit waren, diese mitzutragen, wenn die Unsicherheit kommuniziert wurde.

„Politiker und Gesundheitsexperten scheuen manchmal davor zurück, wissenschaftliche Unsicherheit zu kommunizieren, aus Angst, dass dies zu Misstrauen führen könnte. Wenn man aber vorgibt, dass eine Prognose zum weiteren Verlauf der Pandemie absolut sicher sei, riskiert man das Vertrauen der Bürger, wenn die Vorhersagen dann doch nicht so eintreffen“, sagt Max-Planck-Forscherin Odette Wegwarth.

In den USA haben Corona-Impfungen mit BioNTech/Pfizer Impfstoff begonnen

In den USA beginnt das Militär damit, die Bevölkerung gegen Corona zu impfen. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA stellte dazu eine Notfallgenehmigung für den Impfstoff BNT162b2 von BioNTech/Pfizer aus. Die ersten Menschen wurden in New York geimpft.

Auch für Deutschland forderten verschiedene Verbände eine rasche Zulassung des Impfstoffs. Gesundheitsminister Jens Spahn rechnet damit noch vor Weihnachten. BioNTech/Pfizer haben inzwischen die Ergebnisse aus ihren Phase-3-Studien veröffentlicht und darin auch Auskunft über die Nebenwirkungen des Impfstoffs gegeben. Eine neue, noch nicht von unabhängigen Wissenschaftlern begutachtete Studie, gibt weitere Daten zur Immunantwort, die der Impfstoff auslöst.

Befragung von Wissenschaftlern: Covid-19 verdrängt Kampf gegen andere Krankheiten

Der Kampf gegen die Covid-19-Pandemie könnte die Bekämpfung anderer Krankheiten und Gesundheitskrisen völlig in den Hintergrund drängen. Diese Befürchtung äußern Mediziner und Gesundheitswissenschaftler in einer anonymen Befragung der Nichtregierungsorganisation Global Health Technologies Coalition (GHTC). In dem Report diskutierten Forscher, die sich sonst mit HIV, Tuberkulose, Malaria, Dengue und anderen verdrängten Tropenkrankheiten befassen, was der Kampf gegen das Coronavirus auf ihren Forschungsgebieten bewirkt hat. Viele Experten beobachten, dass die schon zuvor knappen Finanzmittel nun gänzlich für Projekte gegen Corona umgeschichtet worden sind. Besonders betroffen sind Projekte, die sich mit Krankheiten beschäftigen, die vor allem wirtschaftlich arme Weltgegenden oder Schichten betreffen und die schon zuvor nur schwach finanziert waren. Aber auch in US-Regierungsbehörden berichten Führungskräfte, die Hälfte ihrer Teams sei für Covid-19 abgestellt worden. Besonders stark betroffen seien klinische Tests, die sich mit Corona befassen. Zahlreiche lang geplante Versuchsreihen seien auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Lockdown: Menschen brauchen Zugang zur Natur

In den Ländern, in denen die Lockdowns während der ersten Corona-Welle am strengsten waren, litten die Menschen am ehesten unter Symptomen einer Depression und Angststörungen. Das ist das Ergebnis einer internationalen Befragung von rund 5218 Teilnehmern aus neun Ländern während der ersten Welle von Lockdowns im Frühjahr 2020. Die Studie erscheint in der Fachzeitschrift  „Science of the Total Environment“.

Das internationale Forscherteam aus Spanien, Großbritannien und Norwegen analysierte und verglich die Situation mehrerer Staaten, darunter Italien und Spanien, wo die Maßnahmen am strengsten waren. Dort war den Bürgern das Verlassen der eigenen Wohnung nur noch gestattet, wenn sie zur Arbeit fuhren oder um Einkäufe zu erledigten. In Spanien zeigte sich, dass Menschen, die einen Balkon hatten, durch ihre Fenster in die Natur schauen konnten oder sogar die Möglichkeit hatten, an der frischen Luft Sport zu treiben, weniger Symptome einer Depressionen zeigen, als diejenigen, die auf den Kontakt zur Natur völlig verzichten mussten. Dieser Zugang zu einem Garten oder den Blick in die Natur durch das Fenster waren deutlich weniger entscheidend für die Stimmung von Befragten in Ländern wie Deutschland, wo die Bewegung an der frischen Luft grundsätzlich erlaubt war.

(ens)

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11 Kommentare

MDR-Team vor 21 Wochen

@Altmeister, das ist eine Vermutung. Wenn die Fälle der Depressionen zunehmen, heißt das trotzdem nicht, dass auch die Selbstmorde im gleichen Maße zunehmen. Nur weil ein Mensch an Depressionen erkrankt, heißt dass nicht das er auch Suizid gefährdet ist.

MDR-Team vor 21 Wochen

Studien werden erhoben um eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen. Diese Forschungen können dazu beitragen bestimmte Sachverhalte besser zu verstehen, zu bewerten und darauf zu reagieren.

MDR-Team vor 21 Wochen

Die Stiftung Deutsche Depressions Hilfe gibt an, dass jährlich ca. 10.000 Menschen durch einen Suizid sterben. Die Mehrheit davon litten zuvor an einer psychatrischen Erkrankung (ca. 90%) an einer Depression. Wie sich die Corona-Maßnahmen auf diese Zahlen weiterhin auswirken ist nicht absehbar. Ob die Lockdownmaßnahmen zu einer drastischen Erhöhung von Suiziden führt ist eine reine Mutmaßung.