Hirnforschung Politische Haltungen im Gehirn ablesbar

Politische Diskussionen gehen auch an unserem Gehirn nicht spurlos vorbei. Bei der Verarbeitung politischer Informationen aus Kontroversen oder auch nur informativen Berichten arbeitet es auf Hochtouren in kognitiven und emotionalen Bereichen. Doch warum überzeugen rationale Argumente manchmal nicht? Warum wirken politische Einstellungen manchmal wie festgemeißelt? Der Schlüssel für die neuronale Polarisierung könnte im dorsomedialen präfrontalen Kortex (DMPFC) - dem vorderen Teil des Frontallappens der Großhirnrinde liegen.

Hirnforschung
Es gibt eine "neuronale Polarisierung", die liberale und konservative Haltungen verstärkt. Dieser These sind US-Forscher aus Princeton nachgegangen. Bildrechte: MDR/ Maik Schuntermann

Vertretern politischer Haltungen und Denkrichtungen werden schon seit längerem von der Wissenschaft bestimmte Eigenschaften und Mentalitäten zugeschrieben. Während liberale Menschen eher den Blick nach vorn richten, aufgeschlossen und risikobereiter sind sowie viel Neues ausprobieren, wird konservativen Menschen oft ein höheres Sicherheitsbedürfnis zugeschrieben. Für sie seien feste Rituale, Werte und Strukturen besonders wichtig. Ihr Fokus liege eher auf der Erhaltung als auf Neuem.

Liberale und konservative Gehirne arbeiten anders

Diesen in den Geisteswissenschaften schon länger analysierten Zuordnungen widmen sich seit über zehn Jahren auch die Hirnforscher. Bereits 2007 hat David Amodio von der New York University gezeigt, dass der Gyrus cinguli anterior – ein wichtiger Teil des limbischen Systems im Großhirn – bei Liberalen viel aktiver arbeitet als bei Konservativen. Dem Gyrus cinguli wird oft mit Aufmerksamkeit, Konzentration und Motivation in Verbindung gebracht. Drei Jahre später entdeckte der Forscher Ryota Kanai vom University College London bei einer Untersuchung von 90 Studenten, dass es zwischen den Gehirnen von Liberalen und Konservativen nicht nur funktionelle, sondern auch strukturelle Unterschiede gibt: Liberale haben einen größeren Gyrus cinguli, Konservative einen größere rechte Amygdala (Mandelkern). Der Mandelkern im Gehirn wird mit Emotionen, vor allem Angst und Wutgefühlen in Verbindung gebracht. Menschen mit einem größeren Mandelkern orientieren sich stärker an externen Reizen vermuten die Forscher.

Digitales menschliches Gehirn mit Schaltplan und Laptop auf einem Tisch. 3D-Illustration.
Per Magnetresonanztomographie untersuchen Hirnforscher, welche Areale von Teilnehmern mit liberalen und konservativen Haltungen besonders aktiviert werden. Bildrechte: imago images/Alexander Limbach

Bei Demokraten funkelte der Insellappen, bei Konservativen der Mandelkern

Im Jahr 2013 kommen Forscher aus Budapest zu ähnlichen Ergebnissen. Sie glichen die Daten des Kalifornischen Wahlregisters mit MRT-Aufnahmen von 82 Probanden aus einer Studie über Risikobereitschaft ab. Dabei stellten sie fest: Bei den Demokraten funkte es vor allem im linken Insellappen, der eine wichtige Rolle bei der Empathie spielt. Bei den Republikanern hingegen wurde vor allem der Mandelkern aktiviert.

Grafische Darstellung der Position der Amygdala im Gehirn
Hier sitzt der Mandelkern - oder Amygdala genannt. Er ist Teil des limbischen Systems im Gehirn. Zusammen mit dem Hippocampus regelt diese Hirnregion emotionale Äußerungen. Bei Konservativen wird diese Region stärker aktiviert. Bildrechte: imago/Science Photo Library

Wie verändert sich das Gehirn durch die Politik?

Doch sind uns die liberalen und konservativen Einstellungen durch die Größe und Beschaffenheit unserer Hirnreale in die Wiege gelegt? Oder lassen sich diese politische Einstellungen ändern? Wie spiegelt sich die Verarbeitung politischer Kontroversen im Gehirn wieder? Diesen Fragen gingen jetzt US-Forscher der Princeton University nach. Ihre These: Es gibt eine "neuronale Polarisierung", die bereits bestehende liberale oder auch konservative Haltungen verstärkt.

Viele Reaktionen im Frontallappen der Großhirnrinde

Um dies herauszufinden, maßen die Wissenschaftler die neuronale Aktivität von Studienteilnehmern, die sich Videos zur Einwanderungspolitik ansahen. Obwohl sie sich dieselben Videos ansahen, zeigten konservative und liberale Teilnehmer unterschiedliche neuronale Reaktionen. "Die neurale Polarisierung wurde im präfrontalen Kortex (DMPFC) beobachtet, einer Hirnregion, die mit der Interpretation narrativer Inhalte in Verbindung steht", schreiben die Forscher. Der DMPFC ist der vordere Teil des Frontallappens der Großhirnrinde. Dieser wird immer wieder im Zusammenhang mit Aufmerksamkeit, Nachdenken und Entscheidungen genannt und gilt als Sitz der Persönlichkeit.

Emotionale Sprache verstärkte Aktivität

Den Forschern fiel jedoch nicht nur die Aktivität im Kortex an sich auf, sie bemerkten auch eine Veränderung je nach Sprache und Inhalten. Videos, in denen eine risikobezogene und moralisch-emotionale Sprache verwendet sowie streitbare Inhalte hervorgehoben wurden, verstärkte die Aktivität im Hirnareal. " Die neuronale Polarisierung verstärkte sich in den Momenten, in denen eine emotionale Sprache und brisante Inhalte hervorgehoben wurden", schreiben die Forscher. "Schließlich war es wahrscheinlicher, dass Teilnehmer, deren DMPFC-Aktivität der eines durchschnittlichen konservativen oder eines durchschnittlichen liberalen Teilnehmers entsprach, ihre Einstellung in Richtung der Position dieser Gruppe änderten."

Das Gehirn als Filterblase?

Arbeitet unser Gehirn also auch nach dem Prinzip Filterblase – bestehende Einstellungen werden weiter verstärkt? Zumindest in dieser Untersuchung zeigt sich, dass dies genauso passiert. Die Forscher sehen die verschiedenen neuronalen Reaktionen als Hinweis darauf, dass sich die politischen Einstellungen als Reaktion auf die Videos verstärken. "Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine voreingenommene Verarbeitung im Gehirn zu einer entsprechenden Interpretation politischer Informationen und einer anschließenden Polarisierung der Einstellungen führt", erklären die Forscher. "Zusammen werfen diese Ergebnisse ein Licht auf die psychologischen und neuronalen Grundlagen, wie identische Informationen von Konservativen und Liberalen unterschiedlich interpretiert werden."

Konzeptbild Gehirn eines Menschen und Neuronen
Bildrechte: imago/StockTrek Images

Einstellungen überhaupt nicht veränderbar?

Folgt man diesen Ergebnissen konsequent, hätte das zur Folge, dass sich Einstellungen nur sehr schwer überhaupt ändern können. Anders formuliert: Nicht nur die künstliche Intelligenz auch die menschliche Ursprungsintelligenz ist Filterblaseneffekten erlegen. Vielleicht haben es Aufklärung, Vernunft und Verstand deswegen schon immer viel schwerer gehabt. Sie funktionieren mit Bedacht und Nüchternheit. Inwieweit sich die emotionale und rationale Verarbeitung bei Teilnehmern mit liberalen und politischen Einstellungen unterscheidet, wäre sicher ein weiterer spannender Ansatz.

Die Studie im Überblick: National Academy of Sciences, Print ISSN: 0027-8424, Online ISSN: 1091-6490, published first October 20, 2020.

2 Kommentare

Brigitte Schmidt am 23.10.2020

Liberal versus konservativ. Hier hat man wohl etwas vorschnell die Begriffe aus dem Englischen/Amerikanischen übersetzt oder übernommen.
Bei uns sind liberal und konservativ anders belegt und meines Erachtens auch nicht so gegensätzlich wie man hier den Anschein erwecken will.

MDR-Team am 23.10.2020

Was genau meinen Sie damit? Es handelt sich ja um eine US-Studie.

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