Tagung in Halle Wissenschaftler: "Das Dorf gibt es nicht."

Die Menschen ziehen vom Land in die Städte. Hat das Dorf als Lebensmittelpunkt ausgedient? Eine wissenschaftliche Tagung in Halle untersucht das Konzept vom Dorf und seiner Zukunft.

Es passt nicht zusammen: Auf der einen Seiten boomen Zeitschriftentitel wie Landlust, Landidee oder Liebes Land. Auf der anderen Seite sterben gerade in Ostdeutschland ganze Landstriche aus, weil die Jungen weggehen. Wie können Dörfer zugleich idealisiert und verlassen werden? Warum will niemand im Dorf leben, wenn es zugleich ein Traumziel ist?

Literaturwissenschaftler Werner Nell von der Uni Halle leitet die wissenschaftliche Tagung "Experimentierfeld Dorf" und denkt beim Wort Dorf an ganz unterschiedliche Konzepte.

Das Dorf als ein Dorf oder als eine Vorstellung, das gibt es nicht.

Werner Nell, Literaturwissenschaftler

Hier die grüne Idylle mit Tourismus und Reiterhof, dort abgehängte Dörfer. Und dann gibt es noch Dörfer, wo das Land seine klassische Funktion hat, die Landwirtschaft. "Gerade in Ostdeutschland gibt es große argrarindustriell geprägte landwirtschaftlich bestimmte Flächen, da ist von einer Idylle nicht viel zu spüren", sagt Nell.

Das "Dorf" als Lebenskonzept

Die aktuelle Dorfforschung sieht im Dorf nicht mehr den Ort auf dem Land, sondern ein Lebenskonzept. Man versucht, gegen das immer höhere Tempo und die unendlichen Möglichkeiten der modernen Welt, Übersicht und Selbstbestimmtheit im eigenen Leben zu bewahren.

Es ist die Vorstellung, die man damit verbindet, irgendwo bekannt zu sein, die Nachbarschaft zu kennen, sich vielleicht ein Stück weit auf die Nachbarschaft berufen zu können. Es hat was zu tun mit der Vorstellung, wie überschaubar ist ein Nahbereich.

Werner Nell

Und damit verfolgt das Forschungsprojekt auch, wie Partizipation sich neu definiert, so Literaturforscher Nell, "das heißt die Vorstellung, in einem Bereich leben zu können, in dem ich noch in einer bestimmten Art und Weise gehört werde, vielleicht sogar mitbestimmen kann."

Das Dorf kommt in die Stadt

Damit passiert in der Wissenschaft, was das moderne Leben zeigt: Die Vermischung von Stadt und Land. Dörfer im Umkreis großer Städte sind immer mehr städtisch geprägt. Umgekehrt kommt das Dorf in die Stadt. "Wenn Sie jetzt die Kieze anschauen, wenn Sie bestimmte Wohnanlagen anschauen, da sind die, da, wo es gelingt, mit Wertmustern besetzt, die ansonsten eben eher im dörflichen Raum verbunden sein würden", sagt Nell.

Gelebte Nachbarschaft, aktive Mitarbeit des Einzelnen an der Gemeinschaft: Dass in den Städten wieder dörfliche Strukturen entstehen könnte aus Sicht der Wissenschaftler einen ganz einfachen Grund haben. Menschen, die in die immer größeren Städte ziehen, kommen vom Land und bringen ihre Ideen mit.

Was braucht die Zukunft?

Werner Nell wünscht sich zweierlei: Das Gemeinschaftsbildende der Dorfidee überall und Dörfer, die attraktiv und lebenswert sind. Positive Entwicklungen sieht er auch in Sachsen-Anhalt: "Das hat lange gedauert, aber wir haben inzwischen auch auf der regionalen Ebene eine ganze Reihe von Initiativen Dorfbürgermeister, Vereinswesen, auch die freiwillige Feuerwehr ist da zu nennen, das sogenannte Ehrenamt und all solche Dinge mehr, in denen sich Erhebliches tut."

 Denn für Dörfer, die die Gesellschaft vergisst, besteht die Gefahr, dass rechte völkische Kräfte sie in ihrem Sinne umgestalten. Auch diese Tendenzen sehen die Wissenschaftler und wollen bei ihrer Tagung in Halle Konzepte und Perspektiven entgegensetzen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSEN-ANHALT HEUTE | 05. Juli 2018 | 19:00 Uhr