Soziologie Metropolen schlagen Kleinstädte: Wissen, Beziehungen und Geld immer ungleicher verteilt

Nicht alle Bewohner boomender Metropolen profitieren vom Fortschritt ihrer Städte. Während Gutverdiener über die Zeit immer mehr Vorteile anhäufen, werden Geringverdiener schnell abgehängt.

New York Skyline
Skyline von New York: In den Metropolen konzentrieren sich neben Geld auch Wissen und soziale Beziehungen in den Händen weniger. Bildrechte: IMAGO/Cavan Images

Nicht nur Geld sammelt sich gerne in den Händen sehr weniger Menschen, auch Wissen, Kreativität und soziale Verbindungen sind sehr ungleich verteilt. Das gilt auch für den Wettbewerb von Städten untereinander, wobei die großen Metropolen in Europa und den USA immer mehr Vorteile anhäufen im Vergleich zu kleineren Städten. Diese ungleiche Verteilung von Wirtschaftsleistung, Innovation und Macht innerhalb und zwischen den Städten ist eine potenzielle Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung, warnt jetzt eine Studie von schwedischen und deutschen Soziologen unter Beteiligung der Universität Leipzig, die im Fachmagazin "Nature Human Behaviour" erschienen ist.

Auch Wissen und Beziehungen sammeln sich in den Händen weniger

Der französische Soziologe Pierre Bordieu hatte in seinem theoretischen Werk darauf aufmerksam gemacht, dass es im Kapitalismus nicht nur auf Geld und Finanzen ankommt. Auch Wissen und Beziehungen sind Kapital, genau wie die Fähigkeit, sich in einer Gesellschaft Anerkennung zu verschaffen. Das Team der Soziologen Martin Arvidsson und Niclas Lovsjö von der Linköping Universität in Schweden und Marc Keuschnigg von der Universität Leipzig zeigt nun mit empirischen Daten, dass auch diese Arten von Kapital eine Tendenz zur immer stärkeren Konzentration haben.

So zeigt sich, dass sowohl die Vernetzung, das Einkommen aber auch die Innovationsleistung von Personen sehr stark ungleich verteilt sind, je nachdem, in welchem Umfeld eine Person lebt. Je größer Städte sind, desto wahrscheinlicher sei es, das hoch qualifizierte und fachlich spezialisierte Menschen auf andere Personen treffen, mit denen sie sich gut ergänzen können. Auch innerhalb einer Stadt stehen die Wege zu solch spezialisierten Gruppen aber nicht allen Menschen gleichermaßen offen.

Vorteile akkumulieren sich über Zeit

Die Wissenschaftler haben Daten zu den Berufskarrieren von mehr als einer Millionen Schwedinnen und Schweden analysiert. Dabei hatten diejenigen eine steilere Lohnentwicklung, die ihre Karriere in einer Großstadt begannen im Vergleich mit denjenigen, deren Berufsweg in ländlicheren Regionen und Kleinstädten begann. Wer in kleinen Städten gut verdiente, zog tendenziell eher in eine der größeren Städte um als umgekehrt.

Marc Keuschnigg, Professor für Soziologie an der Universität Leipzig und der Universität Linköping in Schweden.
Marc Keuschnigg, Professor für Soziologie an der Universität Leipzig. Bildrechte: Verena Seibold

Und die Vorteile sammeln sich über die Zeit hinweg an. Wer zu Beginn seiner Karriere Erfolg in einer Großstadt hatte, setzte sich über die Jahre hinweg auch immer stärker von den durchschnittlich verdienenden Menschen in der eigenen Stadt ab. "Großstädte brummen, weil dort auch viele der innovativsten, kontaktfreudigsten und qualifiziertesten Menschen leben. Diese Ausreißer tragen überproportional zur Wirtschaftsleistung ihrer Städte bei", sagt Marc Keuschnigg.

Fairer Wettbewerb wird irgendwann ausgeschlossen

Diese Konzentration von Vorteilen ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Zum einen vergrößern sich die Abstände zwischen den Zentren und der Peripherie immer weiter. Zum anderen sind auch viele durchschnittlich verdienende Bewohner der boomenden Zentren selbst von den Vorteilen ihres Lebensorts ausgeschlossen. Nicht nur haben sie weniger Handlungsmöglichkeiten als die Angehörigen der Elite. Sie sind angesichts höherer Lebenshaltungskosten in den Metropolen wirtschaftlich teilweise sogar schlechter gestellt, als diejenigen in den kleineren Städten.

"Frühere Studien haben mit ihrem Fokus auf Durchschnittswerte die extreme Ungleichheit innerhalb von Städten übersehen, sodass Vorhersagen zum Wachstum von Städten an der Lebenswirklichkeit vieler Städter vorbeigingen", fasst Keuschnigg zusammen.

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(ens)

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 20. Dezember 2022 | 18:00 Uhr