Muttertag in Corona-Zeiten Lockdown: Familienverantwortung ist auch Vätersache

Wie verändert der Lockdown die Rolle der Frau in der Familie, wie geht es Alleinerziehenden? MDR WISSEN hat zwei Wissenschaftlerinnen gefragt. Das Ergebnis: zwei Perspektiven, die sich nur scheinbar widersprechen.

Morgendlicher Spaߟ am Frühstückstisch
Seelische Unversehrtheit - dafür können in der Familie alle Verantwortung übernehmen. Bildrechte: imago/Kristin Schnell

"Schafft dein Mann das Zuhause mit den drei Kindern?", fragt ein sehr geschätzter Kollege zu Beginn des Corona-Lockdowns. Unvorstellbar diese Frage unter umgekehrten Vorzeichen: "Schafft deine Frau das jetzt Zuhause mit den Kindern?" Der Kollege lacht peinlich berührt, als ihm die Absurdität seiner Frage aufgeht. Denkt der wirklich so? "Hinter solchen Bemerkungen steckt ein normaler Mechanismus unseres Gehirns", sagt Kathrin Mahler Walther.

Die Soziologin ist Geschäftsführerin der EAF, einer Organisation, die Chancengleichheit und Veränderungsprozesse in Unternehmen beackert. "Wir alle leben mit diesen Zuschreibungen und Bildern. In Zeiten der Krise greifen Menschen auf das wieder, was sie gelernt haben, auf traditionelle Bilder". Die sorgende Mutter, der malochende Mann. Auch in der DDR war das nicht anders, da haben Frauen neben dem Job zusätzlich die Familienverantwortung geschultert", meint die gebürtige Leipzigerin.

In der Krise greifen Stereotype

Dass man in ungewöhnlichen Situationen auf stereotype Muster zurückgreift, bestätigt auch die Hamburger Genderforscherin Dr. Stevie Schmiedel, die sich für Geschlechtergerechtigkeit engagiert:

Erst in der Krise zeigt sich wie in einem Vergrößerungsglas in welchen Geschlechterstereotypen wir denken. Auch in den Medien. In Talkshows, in denen über die Folgen der Corona-Zeit sinniert wird. Alle wollen mit allen tauschen, nur niemand mit der dreifachen Mutter, die im Homeoffice zeitgleich die Kinder betreut.

Kinder machen am Küchentisch gemeinsam ihre Hausaufgaben mit den Eltern.
Homeoffice, Kantinenchef plus Familienmangement: E-mails zur Schule schicken, digitale Schullernsysteme und Hausaufgaben erklären. Druckerpatronen wechseln, die angesichts der wöchentlich auszudruckenden Hausaufgaben und drei Kindern schneller leer sind als die Eispackung abends beim Familienfilm (wenn einer welches gekauft hat). Bildrechte: imago images/MiS

Auch Frauen tappen in solch stereotype Denkfallen: "Kochst du also alles vor und kaufst alles ein?", mutmaßt eine Kollegin, die von diesem Corona-Familienmodell hört. Das Stereotyp hier: Ein Vater kann das ja gar nicht schaffen, Haushalt, Hausarbeit und Homeschooling. Wenn, dann nur mit Vorgekochtem, mit Essens- oder Einkaufsplan.

Check up Unabhängig von Corona: Wer erledigt was im Familien-Alltag?

Rechnen Sie anhand der MDR-Wissen-Liste einfach durch, wie sich bei Ihnen die Alltags-Care-Arbeit verteilt.

Teenager tippt im Bett auf seinem Smartphone herum.
Ich weiß, wie mein Kind sich in sozialen Medien nennt: 1 Münze. Ich kenne, auf welchen Kanälen es unterwegs ist: 1 Münze. Ich weiß, wieviel Zeit es am Tag am Handy verbringt: 1 Münze. Ich diskutiere, setze Regeln ein und durch: 3 Münzen. Bildrechte: imago images/Frank Sorge
Teenager tippt im Bett auf seinem Smartphone herum.
Ich weiß, wie mein Kind sich in sozialen Medien nennt: 1 Münze. Ich kenne, auf welchen Kanälen es unterwegs ist: 1 Münze. Ich weiß, wieviel Zeit es am Tag am Handy verbringt: 1 Münze. Ich diskutiere, setze Regeln ein und durch: 3 Münzen. Bildrechte: imago images/Frank Sorge
Eine Frau sortiert Wäsche in einemKleiderschrank.
Klamotten: Eine Münze für die exakte Kenntnis der Kleidergröße des Kindes. Vier Münzen fürs saisonale Umräumen, passend nach Jahreszeit und rausgewachsen/reingewachsen, Klamotten be- und entsorgen. Pro Kind eine Münze auszahlen. Bildrechte: imago images / Westend61
Mädchen bei einer Kontrolluntersuchung beim Zahnarzt
Wer koordiniert Vorsorgetermine für den Nachwuchs? Eine Münze. Wer geht mit hin? Eine Münze. Bildrechte: imago/NBL Bildarchiv
Putzeimer und Putzmittel.
Wer übernimmt den Einkauf von Reinigungsmitteln? Zwei Münzen. Wer putzt Bad/ Küche/Wohnzimmer? Jeweils eine Münze. Wer räumt das/die Kinderzimmer auf? Pro Kind zwei Münzen. Achtung: Man muss wissen, welches Spielzeug zu wem gehört, und wo es hingeräumt wird. Bildrechte: MDR
Junge bläst Kerzen auf einer Torte aus.
Wer sorgt für den Geburstagskuchen, für Deko und Kerzen und schmückt? Vier Münzen. Bildrechte: imago images / Cavan Images
Zwei Jungen versuchen in Donuts zu beißen, die von einem Baum hängen
Wer organisiert die Spiele für den Kindergeburtstag? Wer bestimmt und besorgt die Preise bei Spielen und die "Mitgebsel"? Vier Münzen zum Aufteilen. Bildrechte: imago images/Cavan Images
Nikolausstiefel aus Gummistiefel.
Wer besorgt den Inhalt für den Nikolausstiefel? Eine Münze. Wer sorgt für den Adventskranz? Eine Münze. Wer besorgt und füllt den Adventskalender? 24 Münzen für Selbst-Füller, eine Münze für komplett gekaufte. Bildrechte: imago images/STPP
Halloween Muffins
Wer besorgt/bäckt die Dinge, die Ihr Kind zum Geburtstag mit in den Kindergarten bringt, Kuchen, Saft, Servietten...? Eine Münze. Bildrechte: Colourbox.de
Eine Brotbüchse
Wer bestückt die Brotbüchse, füllt die Trinkflasche? Eine Münze. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein mit einfachen Packpapier eingepacktes Geschenk. Auf dem Geschenk kleben Kreise, die aus bunten Zeitschriften ausgeschnitten wurden.
Wer klärt mit der Verwandtschaft: Was wünscht sich das Kind zum Geburtstag, zu Weihnachten, zur Einschulung? Vier Münzen. Warum so viele? Man muss wissen, was das Kind schon hat, was es freut und was es braucht. Bildrechte: Annett Zündorf
Wäsche in Waschmaschine stopfen
Wer übernimmt das Wäsche waschen? Eine Münze. Wer hängt sie auf oder steckt sie in den Trockner? Eine Münze. Wer verteilt sie auf die richtigen Schränke? Hier eine Münze pro Kind im Haushalt. Man muss die Wäsche und Kleidungsgröße dem richtigen Kind und Schrank zuordnen können. Bildrechte: Colourbox.de
Viele verschiedene Socken liegen am Boden.
Sockenpaare puzzeln: Zwei Sondermünzen pro Kind. Oder umgeschwenkt auf die pragmatische Lösung - eine Sockenfarbe für alle in allen Größen? Eine Münze. Bildrechte: Liane Watzel
Ein Einkaufswagen mit verschiedenen Lebensmitteln.
Wer kauft für die Woche ein? Eine Münze. Wer räumt die Dinge in Schränke, Regale, Kühlschrank? Zwei Münzen. Wer macht die Einkaufsliste? Eine Münze. Wer mit der fertigen Liste eines anderen einkaufen geht: Vier Punkte Abzug. Abchecken was im Kühlschrank und Vorrat da ist, frisst Zeit & Energie. Planen und bestimmen, was in der Woche gegessen wird, auch. Bildrechte: imago images/photothek
Eine fünfköpfige Familie macht einen Fahrradausflug
Wer packt Desinfektionsmittel und Pflaster in den Rucksack für den Tagesausflug? Eine Münze. Wer plant den Ausflug, zum Beispiel Ziel, Route, Picknick oder Essen gehen? Zwei Münzen. Bildrechte: MDR/Colourbox.de
Kind fährt mit einem Erwachsenen Fahrrad auf der Straße
Ich habe meinem Kind das Radfahren beigebracht: Drei Münzen. Das kostet Zeit, Nerven und starke Rückenmuskeln. Akute Radreparaturen selbst erledigen: vier Münzen. Rad zur Werkstatt bringen: vier Münzen. Bildrechte: IMAGO
An eine Tafel wird mit Kreide 'Elernabend - Heute um 20 Uhr!' geschrieben.
Wer geht zu Elternabenden in Kindergarten/Schule? Je eine Münze. Entwicklungsgespräch mit Erziehern: Eine Münze. 1:1 Elterngespäche mit Lehrpersonal in der Schule: Eine Münze. Bildrechte: imago images / Panthermedia
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Väter mit Verantwortung statt Familien-Gast

 Symbolbild ein Mann hält ein Kind auf dem Arm während er kocht
"Schafft dein Mann das?" - Soziologin Mahler Walther sagt: Alle können lernen, solche stereotypen Denkfallen zu umschiffen. Und man dürfe andere darauf hinweisen. Bildrechte: imago/Westend61

Natürlich können Väter Familienverantwortung tragen. Viele entdecken das vermutlich derzeit auch, "weil sie nicht auf Dienstreise, sondern im Homeoffice zuhause sind", sagt Kathrin Mahler Walther. Statt Gast zuhause - aktiver Teil der Familie, verantwortlich sein. Nicht für sich allein in der Homeoffice-Pause mittags ein Ei in die Pfanne hauen, sondern auch für die Kinder. Arbeit delegieren wie im Büro - und einen Lieferdienst anrufen. Manche Homeoffice-Väter können sich das vermutlich locker leisten. Jedenfalls wenn man sich die unbereinigten Gender-Pay-Gap-Daten von 2020 anschaut: Frauen in Deutschland haben 2019 durchschnittlich 20 Prozent weniger verdient als Männer.

"Arbeitgeber müssen Familienverantwortung sehen"

Alleinerziehende werden sich den Lieferdienst eher nicht leisten: 90 Prozent der 692.000 erwerbstätigen Alleinerziehenden mit Kindern unter 13 Jahren sind Frauen. Als Arbeitnehmende sind sie für Arbeitswelt dauerhaft Wackelkandidaten.

Wenn das Kind krank wird, wenn Elternabende oder Arztbesuche anstehen: Schon im normalen Alltag sind solche Rahmenbedingungen oft das Ticket in die Teilzeit. Hatten Alleinerziehende im Lockdown das Glück, arbeiten zu können, blieb trotzdem noch die Familienverantwortung, aber ohne das normale soziale Netzwerk von Großeltern, Freunden, bzw. Schule und Kindergarten. "Dabei sollten die Arbeitgebenden die Familienverantwortung derzeit im Blick haben" sagt Mahler Walther. Sie warnt:

Homeoffice und parallel Kinderbetreuung führen langfristig in den Burnout.

Kathrin Mahler Walther
Homeoffice mit Kindern
100 prozentig im Homeoffice, nebenher Familienmangement: Das führt unweigerlich zu Erschöpfungszuständen, sagt Kathrin Mahler Walther. Bildrechte: Ute Grabowsky/Photothek.net

Wer jetzt alle Urlaubstage verballert, hat später keine Zeit zum Erholen. Und was ist in den Sommerferien? Wer betreut die Kinder dann, wenn die Eltern keine Urlaubstage mehr haben, überlegt Mahler Walther.

Und die Arbeitswelt nach Corona?

Der Stand der Frauen in der Arbeitswelt wird auch nach Corona nicht leichter, da sind sich Schmiedel und Mahler Walther einig. Soziologin Kathrin Mahler Walther sagt:

Kathrin Mahler Walther
Kathrin Mahler Walther Bildrechte: Kathrin Mahler Walther

"Ich glaube zwar nicht, dass Frauen aus der Arbeitswelt verschwinden. Die Familien sind viel zu sehr auf dieses Geld angewiesen. Aber berufliche Entwicklungsmöglichkeiten der Frauen werden geschmälert. Nämlich wenn die Home-Officezeit andauert, wenn Betreuungseinrichtungen geschlossen bleiben.

Kathrin Mahler Walther

Für Wissenschaft und Politik und schlussendlich für die Gesellschaft bedeutet das auch, "dass Themen von der Agenda verschwinden, für die jahrelang gekämpft worden ist", sagt Mahler. Weil diejenigen fehlen, die Themen wie Chancengleichheit, Lohngerechtigkeit, Familiengerechtigkeit mit Leben füllen und dafür kämpfen. Oder diejenigen, die zu diesen Themen forschen.

Viele Studien dazu verhallen ungehört und ohne Echo, sagen Schmiedel und Mahler Walther. Das wird in Zukunft nicht besser, glauben beide. Erste Ausläufer davon kann man schon jetzt erleben: Wer in Corona-Tagen Expertinnen befragen will, findet viele im Homeoffice beim Homeschooling. Und bekommt Antworten auf Fragen spät in der Nacht zugeschickt.

Was Mütter aus der Krise mitnehmen

Über die Corona-Folgen für Mütter sind sich Schmiedel und Mahler Walther uneins. Schmiedel hat vor allem die Überlastung der Frauen vor sich, die Erschöpfungszustände der Home-Office-Mütter und Alleinerziehenden. Schmiedels Blick in die Zukunft ist entsprechend düster: Sie sieht am Horizont hinter Corona Trennungen, Jobverlust oder Frauen, die beruflich noch kürzer treten. Konsequent durchdacht verfolgt die Auswirkungen der Corona-Epedemie Mütter dann bis zur Rente. Wenn sie nämlich von dem leben müssen, was sie an bezahlter Arbeit leisten konnten - oder eben nicht.

Eine Pflegerin schiebt einen Mann in einem Rollstuhl. Beide tragen einen Mundschutz.
Von den 5,7 Millionen Arbeitenden im Gesundheitssektor sind 75,6 Prozent Frauen. Ihre Arbeit lässt sich nicht im Homeoffice managen, das geht nur vor Ort. Bildrechte: imago images / localpic

Soziologin Mahler Walther sieht die Zukunft heller. Die Krise als Chance für Familien. Sie glaubt, diese Zeit könne für Familien fruchtbar sein, den Zusammenhalt stärken, die Väter anders in die Familien einbinden.

Sämtliche gesellschaftliche Nachwehen werden Zeit und Forschungen ans Licht bringen. Denn die Forschungswelt hat die Nebenwirkungen längst im Blick. Die einen erfragen online, ob wir jetzt mehr Musik als früher hören und welche, Soziologen erfragen den Corona-Alltag, Statistiker erfassen die Fälle häuslicher Gewalt. Wen werden die seelischen Spätfolgen interessieren, von Kindern, die im Lockdown geschlagen, sich selbst, ihren Schularbeiten oder dem Bildschirm überlassen wurden? Damit Corona-Nachbetrachtung und Analyse in breitem Blickwinkel erfolgt, braucht es eine Lobby, sprich Frauen in der Wissenschaft, genau wie in Wirtschaft und Politik. "Solange nicht genug Frauen zu familienfreundlichen Konditionen arbeiten dürfen, so lange wird sich nichts ändern," sagt Stevie Schmiedel .

Wie man es auch dreht und wendet - erholsam ist und war diese Zeit keinesfalls. Egal, wie man als Familie funktioniert, oder nicht, anstrengend ist die Corona-Zeit für alle. Egal, ob am Muttertag oder Vatertag, am Sonntag genauso wie am Freitag.

1 Kommentar

Atheist am 10.05.2020

Frau Mahler, wir hatten schon die volle Berufstätigkeit da waren Sie noch gar nicht geboren.
Und glauben Sie mir es ist keine Freude Kinder, Arbeit , Haushalt unter einen Hut zu bringen, ohne Mikrowelle, mit Schwarzenberg, ohne Wegwerfwindeln, ohne Fertignahrung, ohne Auto.....
Ich kann deshalb das gejammerte nicht mehr hören.
Zumindest bin ich froh das ich in der glücklichen Lage bin Hausfrau zu sein, und ehrlich gefällt mir dieses Leben besser als 8 Stunden in der Produktion zu stehen.
Einzig quält mich die Frage _was Koch ich heute.