MyHeritage, AncestryDNA, 23andMe & Co Ist Ahnenforschung mit Gentests-to-go zuverlässig?

West- oder Osteuropa, Italien oder Irland: Laut Werbung kann jetzt jeder mittels DNA-Test erfahren, woher seine Vorfahren stammen. Doch sind die neuen Gentests-to-Go wirklich zuverlässig? Und wie gut sind Daten geschützt?

In den USA verkaufen sich Gentests to Go schon seit ein paar Jahren gut: Zwischen 60 und 120 Dollar kostet ein DNA-Test bei Anbietern wie MyHeritage, AncestryDNA oder 23andMe. Kunden sollen damit herausfinden können, woher ihre Vorfahren stammen, so das Werbeversprechen. In der Erbinformation lasse sich ablesen, zu welchen ethnischen Gruppen die Ahnen gehört haben, ist die Behauptung. Besonders bei weißen US-Amerikanern ist das sehr Angebot beliebt.

Nun schwappt der Trend auch nach Deutschland. Besonders auf Youtube wimmelt es von Videos junger Deutscher mit oder ohne Migrationshintergrund, die einen Test gemacht haben. Beliebt sind die kleinen Filme wegen der Emotionen: Eine Youtuberin kreischt, als ihr ein Anbieter mitteilt, sie sei zu wenigen Prozent Griechin. Ein schwäbelndes Mädchen bricht in Tränen aus, als ihr der Test zeigt, dass ihre Ahnen überallher kommen, aber nicht aus Deutschland. Andere sind belustigt oder nur erstaunt.

Aber ist die Ahnenforschung per DNA-Abstrich wirklich so einfach möglich? Und was ist mit dem Datenschutz? Ist es wirklich unbedenklich, ein Wattestäbchen mit seiner Erbinformation an ein Labor in den USA zu schicken?

Abstammung wird nicht direkt untersucht

"Die kommerziellen Anbieter untersuchen auf dem Genom nur solche Regionen, bei denen sich einzelne Menschen unterscheiden. Das betrifft sogenannte SNIPS, also Single-nucleotide polymorphisms", sagt Martin Moder. Er ist Molekularbiologe am Zentrum für molekulare Medizin der Universität Wien und hat sein Spezialgebiet in mehreren Büchern erklärt.

Der Science-Slammer ist von den Möglichkeiten der Genforschung begeistert. Während seiner Studienzeit hat er selbst bei einem kommerziellen Anbieter einen Gentest machen lassen und das Ergebnis danach analysiert. Die Aussagekraft der Herkunftsanalysen sieht er aber ein wenig skeptisch.

Man kann nicht sehen, wo DNA in Vergangenheit spazieren gegangen ist. Man kann nur schauen, wo bestimmte Varianten wie häufig vorkommen und entsprechend zuordnen, welchen Regionen mein heutiges Genom wie sehr entspricht. Ganz weit zurück in der Zeit kommen wir ja alle aus Afrika. Warum zeigt dann 23andme nicht für alle Afrika an? Weil die Anbieter nicht direkt Abstammung messen, sondern schauen, mit welcher Wahrscheinlichkeit welche Gen-Regionen heute wo vorkommen.

Martin Moder, Molekularbiologe

Datenschutz mangelhaft

Sehr kritisch sieht Isabell Bartram die kommerziellen Gent-Test-Anbieter. "Es ist auffällig, dass die Tests immer billiger werden", sagt die Biologin. Sie arbeitet beim Gen-ethischen Netzwerk, einer NGO, die sich mit den Folgen der Gentechnik beschäftigt. "Das liegt daran, dass sie anderen Firmen Nutzungsrechte an den Daten ihrer Kunden geben. Oft muss man zustimmen, dass die DNA für für Forschungszwecke weiter verwendet werden darf. Was dann genau mit diesen Daten passiert, ist sehr unklar."

DNA sei keine gewöhnliche Information, warnt Bartram. Unter EU-Recht gelte sie als besonders schützenswert, denn jeder Mensch könne individuell anhand seiner DNA identifiziert werden. "Sowohl das Verlieren von DNA-Spuren als auch die Analysetechnologie sind nicht kontrollierbar für Betroffene", sagt sie.

Hinzu kommt, dass die Anbieter, wenn überhaupt, einen nur sehr mangelhaften Datenschutz bieten. Eine Analyse von Datenschützern kam etwa in Bezug auf den Anbieter AncestryDNA zum Ergebnis, dass das Angebot in keinster Weise den Anforderungen europäischer Datenschutzvorgaben genügt. Hinzu kommen die üblichen Probleme mit der Cybersicherheit. Beispielsweise die Firma MyHerritage war erst kürzlich von einem Hack betroffen, bei dem Passwörter verloren gingen.

Gefahr von Stereotypen

Die Medizinethikerin Tina Rudolph von der Universität Jena findet die Attraktivität der Tests dennoch nachvollziehbar. "Ich kann Verwandte finden überall auf der Welt. Das ist ganz einfach, man muss nur eine Speichelprobe abgeben und hat die Aussicht, viel über sich selbst zu erfahren." Auch sogenannte Plausibilitätserklärungen sind verlockend, erklärt sie. "Jetzt weiß ich zum Beispiel, warum ich spanisches Essen mag, wenn ich zu einem bestimmten Prozentsatz die Gene dieser Region habe."

Doch dieses Denken sei auch problematisch. Die Tests zeigen, dass man zu bestimmten Gruppen gehört. Im Umkehrschluss gehört man dann aber nicht zu anderen. "Sie können für sich Eigenschaften und Zugehörigkeiten erklären. Dadurch können aber auch Stereotype und Abgrenzungsdenken verstärkt werden."

Das ist nicht aus der Luft gegriffen, sagt der Molekularbiologe Martin Moder. "Es gibt eine Studie, die zeigt: Wenn ich zwei Gruppen nehme, die historisch in Konflikt stehen und gebe ihnen einen Artikel über genetische Unterschiede, dann verhalten sie sich der anderen Konfliktpartei gegenüber negativer. Andersrum aber: Gibt man ihnen zu lesen über genetische Gemeinsamkeiten, wird das Konfliktpotenzial gesenkt." Wichtig sei dabei auch die Verhältnismäßigkeit. "Wenn wir von genetischen Unterschieden zwischen Populationen sprechen, sprechen wir nur von 0,1 Prozent der DNA. 99,9 Prozent sind identisch! Wir haben so viel mehr gemeinsam, als uns trennt."

Niemand könne beispielsweise per Gentest beweisen, dass er "Biodeutsch" sei.

Gerade unser Wissen um das Genom spricht dem entgegen. Die Einteilung in Rassen nach Hautfarbe ist Schwachsinn, das sieht man beispielsweise bei Schwarzafrikanern. Die genetischen Unterschiede zwischen verschiedenen Populationen dunkelhäutiger Menschen aus Afrika sind größer, als Beispiel zwischen Nordeuropäern und Asiaten obwohl die ja sehr unterschiedlich aussehen.

Martin Moder, Molekularbiologe

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 18. Oktober 2018 | 11:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2019, 11:22 Uhr