"Smartphones Geist" Beseelte Dinge: Die Renaissance des alten Animismus

Als "Animismus" werden jene spirituell-religiösen Glaubensformen bezeichnet, die von beseelten (lat. Anima) Objekten sprechen – also eine beseelte Wolke, ein Baum oder Wind. In unseren digitalen Zeiten erfährt dieser alte Animismus eine Renaissance, etwa, wenn unser Smartphone seinen "Geist aufgibt". Dieses Denken greift immer mehr um sich, je unverständlicher und fast magisch wirkend die immer neuen Funktionen der uns umgebenden Alltagsgegenstände werden.

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Der Trommelgesang der westgrönländischen Inuit dient der Anrufung der Geister, ganz konkret des Tupilak. Der Tupilak ist ein mystisches Wesen, entstanden aus dem Geist eines Verstorbenen, erzählt Tuperna – eine junge Einwohnerin des Städtchens Sisimuit auf Westgrönland. Aus geschnitztem Walrosselfenbein gefertigt, wird der Schutzgeist zeremoniell zum Leben erweckt. Dann ist er in allen Elementen zu Hause, die seinen Träger in der grönländischen Eiswelt umgeben.

Als ich ein Kind war, erzählte mir meine Großmutter, dass jeder von uns einen Begleiter hat. Der warnt uns vor dem Wetter, wie es sich verändert und wie es werden wird. Und wer in der Siedlung böse ist, wer nicht. Sein Name ist Tupilak.

Tuperna aus Sisimuit

Und wenn wir nicht freundlich zu ihm sind, ergänzt Tuperna, "verlässt er uns, wenn wir schlafen."

Eine neue Form des Geister-Glaubens

Der Glaube an die Seele in den Dingen, den gibt es auch heute, trotz all der Technik, die uns umgibt. Fast scheint es, dass er eine Wiedergeburt erlebt, gerade deswegen. "Die gegenwärtige Renaissance des Spiritismus hat sicherlich auch etwas zu tun mit den neuen wirkmächtigen Technologien, mit denen wir uns heute umgeben", erläutert Karl-Heinz Kohl, Professor für Ethnologie in Frankfurt/am Main. Mit "wirkmächtigen Technologien", von denen er spricht, sind vor allem Smartphones oder Laptops gemeint und Wearables – also Computertechnologien, die man am Körper oder am Kopf trägt.

Schlittenhunde ziehen einen Inuit Schlitten.
Schlittenhunde ziehen einen Inuit Schlitten. Bildrechte: WDR/Kieran O'Donovan

War in alten Kulturen die Umwelt von gottgleichen mystischen Wesen beseelt – Animismus (von lateinisch Anima für Seele, Geist) nennen Ethnologie und Religionswissenschaft diese Vorstellungen –, so sind heute Smartphone und Co. mystisch-magische Geräte, die ähnlich den Kami (japanische Naturgeister) oder dem Tupilak um und an uns sind. Mehr und mehr sind Smartphones belebt. Sie "geben ihren Geist auf", "spinnen" oder "wollen nicht". Dass das so ist, ist zutiefst menschlich.

Wir haben grundsätzlich das Bestreben, Dinge in unserer Umwelt mit menschlichen Eigenschaften auszustatten, sie zu anthropomophisieren. Das ist der gewöhnliche Umgang miteinander und wir übertragen den auch auf Dinge. Es ist eher eine Mischung von Affektivem und Intellektuellem, die eine Rolle spielen, und insofern ist der Unterschied zwischen dem klassischen animistischen Denken und dem, was heute geschieht, gar nicht so groß.

Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl, Goethe-Universität Frankfurt

Schon seit Anbeginn der menschlichen Gegenwart auf der Erde wurden Waffen, Orte, Häuser oder Plätze mit mystischen Eigenschaften belegt. Etwa Caesars Schwert, das "Crocea Morus" genannt wurde: "Der gelbe Tod."

Eine junge Frau liegt auf dem Fußboden und träumt
Weil wir Träumen können, könnte es neben dem Körper auch einen eigenständigen Geist geben, so die Vorstellung. Bildrechte: IMAGO

Doch insgesamt, sagt Karl-Heinz Kohl, ist Animismus kein einfacher Begriff: "Er geht zurück auf den britischen Anthropologen Edward B. Tylor." Der sei damals davon ausgegangen, dass die Ursache für alle Geister- und Seelenvorstellungen die Traumerfahrung sei. Also, dass wir im Traum Personen sehen, von denen wir wissen, dass sie körperlich nicht anwesend sind, erläutert der Ethnologie-Professor. "Wir sehen Dinge, wir sehen Tiere, Pflanzen und so weiter, die möglicherweise nicht real existieren, sondern die in unserer Vorstellung vorhanden sind." Und deshalb wäre eben der frühe Mensch zu dem Schluss gelangt, so Kohl weiter, dass es neben dem Körper auch den Geist gebe, der sich vom Körper lösen könnte und ein Eigenleben entwickelt und der auch den Tod überlebe.

Magisch anmutende Technologie

Dass sich der alte Animismus heute neu gestaltet und durch die Geräte eine Renaissance erfährt, ist kaum verwunderlich. Denn tatsächlich wissen sehr viele Menschen nicht, wie ein Smartphone funktioniert. Es grenzt fast an Zauberei, wenn man mit einer Wischbewegung Kontakte herstellt, bearbeitet oder löscht, Geld überweist, Sprachnachrichten schickt oder unter Tausenden Fotos ein bestimmtes sucht.

Ein Mann schreibt eine Nachricht auf einem Smartphone.
Für einen Wisch auf dem Smartphone bräuchte es tausende Ur-Computer. Bildrechte: imago images/Westend61

Um sich zu vergegenwärtigen, welche gigantische, lautlose Leistung dahintersteht, lohnt ein Blick zurück. Im Berliner "Museum für Verkehr und Technik" steht der Zuse 3, kurz Z3 genannt – der erste funktionsfähige Computer der Welt und vor 80 Jahren von Konrad Zuse gebaut. Sein Sohn Horst Zuse und emeritierter Informatikprofessor, steht vor dem wohnzimmergroßen Gerät und sagt: "Das Wischen auf dem Smartphone, also dass man mit dem Finger über die Bilder so langsam rübergeht, nur für diese Operation bräuchten Sie ungefähr fünf bis sechstausend von diesen Z3."

Der neue Spiritismus unserer Alltagsgeräte kam mit der Digitalisierung. Und je digitaler und zugleich unnachvollziehbarer unsere Welt wird, umso mehr gewinnt Spiritualität mit animistischen Formen an Raum und Zuspruch. Was uns zuhört, mit uns spricht und antwortet, was für uns sucht, uns unterstützt, berät und Dienste erledigt, kann nur lebendig sein – im Sinne von Leben an sich, mit magisch-mystischen Fähigkeiten. Das Problem ist nur: Habe ich all das um mich herum, fehlt mir nichts mehr. Oder doch?

Die Auflösung der Gesellschaft in verschiedene Identitätsblasen, die nicht mehr miteinander kommunizieren, ist natürlich auch eine Folge des Handys. Von daher ist es kein Wunder, wenn wir es immer mehr vermenschlichen, ja sogar wie eine lebende Person behandeln, zumal ihm Google, Apple und Co. eine eigene Stimme verliehen haben.

Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl, Goethe-Universität Frankfurt

"Hey Siri" ist ein Ruf, mit dem wir das Smartphone gewissermaßen zum Leben erwecken, ergänzt Kohl. Und deshalb sei es geradezu selbstverständlich, dass wir es auch mit menschlichen Eigenschaften ausstatten, als sei es ein Partner.

Standbilder aus dem Beitrag "Geschichte der Medien" 3 min
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