Biologie Von wegen Rudolph: Weihnachtsmann-Rentiere sind Weibchen – und im Frühjahr Einhörner

Wenn es um Rentiere und die bevorstehenden Feiertage geht, bestehen noch allerhand Unsicherheiten. Vor allem ein alter Geschlechtermythos macht Rudolphs Truppe das Leben schwer. Dabei ist der ganz leicht aufzuklären.

Nahaufnahme Rentierkopf in Zaunlücke: Hirschtier mit dicker Schnauze und Auge, das weit aufgeissen aussieht – lustiger Anblick
Gut, bei dieser Nahaufnahme fällt es schwer, das Geschlecht zu bestimmen. Obwohl ... der Mund wirkt mädchenhaft. Oder nicht? Bildrechte: IMAGO / agefotostock

Mitteleuropäische Weihnachtspuristinnen und -puristen mögen ja von der nordamerikanischen Interpretation der Feiertage nicht unbedingt angetan sein, aber auch hierzulande werden den Weihnachtsmann chauffierende Rentiere am Firmament als klares Symbol der anstehenden Festlichkeit gesehen. Überhaupt: Rentiere, es gibt wohl kaum ein Tier mit mehr Weihnachtssubstanz.

Wie viele es sind und wie sie alle heißen, da kursieren unterschiedliche Ansichten. Nehmen wir mal: Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner, Blitzen und Rudolph. Bei diesen Namen ist es nicht unbedingt einfach, das Geschlecht zuzuordnen – außer beim Rudolph natürlich. Beschränken wir uns also auf den. Dem Namen nach ist er ein Rentiermännchen. Aber vielleicht sollten wir unser Geschlechterrollenbild bei Hirschtieren mal überdenken.

Geweih? Haben sie doch alle.

Ob auf dem Geschenkpapier aus dem Schreibwarenladen um die Ecke oder in der Festtagsdeko vom Nachbarn: Die weihnachtliche Rentierdarstellung findet konsequent mit Geweih statt. Rentiermännchen haben ein Geweih. Rentierweibchen allerdings auch – ein Alleinstellungsmerkmal unter den Hirscharten, zu denen das Ren gehört. Die Hörner sehen auch bei jedem Tier anders aus – dass sie demnach in jeder Abbildung anders gemalt werden, entspricht durchaus dem natürlichen Vorbild. Das Geweih von Männlein und Weiblein unterscheidet sich auch dahingehend, dass die Männer schaufelartige Enden am Geweih haben.

Karte mit Titel "Lebensraum von Rentieren" zeigt Weltkarte. Karibu ist in großen Teilen Kanadas und Alaskas als Fläche eingezeichnet, Rentier in Skandinavien, Russland und etwas auch Mongolei. Kleine Populationen in Alaska, Island und auf dem Kerguelen-Archipel zwischen Indischer Ozean und Antarktis sind als "eingeführt" gekennzeichnet.
Rentiere gibt's nur auf der Nordhalbkugel. Fast. Schon mal was vom Kerguelen-Archipel gehört? Bildrechte: Wikimedia Commons (M, gemeinfrei)/MDR

Schneeschaufel nennt man die, weil man einst annahm, dass die Tiere damit Schnee wegschaufeln. Rudolph hat keine Schneeschaufel, das ergab eine kurze Stichprobe in einer Onlinebildersuche. Und deutet schon mal darauf hin, dass Rudolph kein Männchen sein kann. Aber es gibt noch einen weiteren, viel entscheidenderen Punkt. Die Geweihe von Rentieren sind nicht das gesamte Jahr gegenwärtig, sondern werden im Laufe dessen abgeworfen.

Rentier im winterlichen Zoo von Cleveland mit rot eingefärbter Nase 4 min
Bildrechte: Wikimedia Commons/Pwojdacz (CC BY-SA 3.0) (M)

Das muss zeitweise ein ziemlich ulkiger Anblick sein, weil die Tiere beide Geweihseiten nicht gleichzeitig, sondern nacheinander verlieren. So wird das Rentier vorrübergehend zu einer Art Einhorn, gewissermaßen. Wichtig ist aber der Zeitpunkt des Abwurfs: Der findet bei Männchen im Herbst, bei Weibchen im Frühjahr statt. Die Tatsache, dass in sämtlichen Darstellungen die Zugtiere des Weihnachtsmannschlittens zur Weihnachtszeit mit Horn ausgestattet sind, kann nur bedeuten: Es sind Weibchen. Auch das Argument, Rudolph und Co. könnten auf der Südhalbkugel zugegen sein, kann nicht stimmen. Zwar findet Weihnachten dort im Sommer statt, aber dann liegt eben auch kein Schnee. Ohnehin ist der Verbreitungsraum von Rentieren auf Nordamerika, Nordeuropa und Nordasien beschränkt (mit einer winzigen Ausnahme).

Rote Nase? Haben sie doch alle.

Sie mögen jetzt argumentieren, dass die Darstellung der Rentiere beim Weihnachtsmann sowieso mit einer gehörigen Portion künstlerischer Freiheit passiert. Schon allein die rote Nase, wo gibt's denn sowas? Lassen Sie sich eines Besseren belehren: Der Fehler liegt vielmehr darin, dass nur Rudolphine eine rote Nase hat und die anderen Weibchen nicht. Die Nase leuchtet bei manchen Rentieren auch in der Nicht-Weihnachtswelt rot, weil sich direkt unter der Haut eine hohe Konzentration an Äderchen befindet. Die haben einen Zweck: Da sich die Tiere zumeist in eher frischeren Gefilden aufhalten, wird die Nase so mit wärmenden Blut versorgt.

Ren, Rentier, Karibu? Alles das gleiche Tier! Ren ist fachsprachlich für Rentier. Die wilde Art in Nordamerika heißt Karibu (Caribou), die domestizierte ebenfalls Rentier. Rentiere sind die einzige domestizierte Hirschart.

Apropos Wärme. Ein Mythos wäre noch zu klären. Um möglichst alle Kinder auf der Welt irgendwie zwischen Heiligabend und Weihnachtsmorgen zu erreichen, müssen Weihnachtsmann und Schlitten sportliche zehn Millionen Kilometer pro Stunde schnell sein. Sollte das für Rudolph und Familie kein größeres Problem darstellen, kommt ein anderes hinzu: Reibung. Die Tierchen wären einer Energie von 37 Trillionen Joule ausgesetzt. So viel Leistung bringen sonst nur 25 Milliarden Kernkraftwerke auf die Beine. Ein ordentlicher Luftwiderstand, der so viel Reibungswärme erzeugt, wie 250 Milliarden Raumschiffe beim Wiedereintritt in die Atmosphäre.

Das hieße nicht, dass zu Weihnachten gegrilltes Rentierfilet vom Himmel regnet. Sondern dass von den armen Tieren überhaupt nichts mehr übrig bleiben würde. Bei all den Unsicherheiten also lieber ein Weihnachten ohne Rentier, so ganz altdeutsch? Na, bringen Sie das mal ihren Zöglingen bei. Und Weihnachten ist nicht nur das Fest des Rentieres – sondern, das hat uns Loriot nahegelegt – auch das Fest des Kindes!

flo

Rentieraugen 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
2 min

Ein Tier, dessen Augen in der Dunkelheit leuchten - und zwar in Augenhöhe eines Menschen - was könnte das sein? Ein Rentier! Woran liegt das - am Wettter, an der Jahreszeit oder vielleicht am Geschlecht?

Mi 16.08.2017 16:17Uhr 01:56 min

https://www.mdr.de/wissen/videos/bissenwissen/bissen-wissen-rentieraugen100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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1 Kommentar

Theodor Dienert vor 6 Wochen

Der Weihnachtsmann 🎅🏼 in Deutschland kommt nicht mit einem Rentier, sondern mit einem Pferd! Um ganz genau zu sagen, mit einem Schimmel!

„Bald nun ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit;
Nun ist der Weihnachtsmann gar nimmer weit!
2. Horch nur, der Alte klopft draußen ans Tor!
Mit seinem Schimmelchen steht er davor.

3. Leg ich dem Schimmelchen Heu vor das Haus,
Packt gleich der Ruprecht den großen Sack aus.

4. Pfeffernüß, Äpfelchen, Mandeln, Korinth,
Alles das bringt er dem artigen Kind.“

Alles andere ist Amisch..ße!

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