Falter-Atlas aus Halle Schmetterlinge und Widderchen: Erster Atlas über Deutschlands Falterwelt

Schmetterlinge, federleichte Frühlings- und Sommerboten. Wunderschön, wenn sie durch unsere Parks und Gärten schweben. Nur, welche eigentlich - und wann überhaupt? Wo sich welche Falter noch vom Wind herumtreiben lassen, zeigt jetzt der erste große Schmetterlingsatlas für Deutschland.

"Guck mal, ein Schmetterling!" - rufen nicht nur Kinder, wenn im Garten, auf dem Balkon oder auf der Wiese ein Falter vorbeischwebt.

Mittlerer Weinschwärmer (Deilephila elpenor) an einem Zweig
Mittlerer Weinschwärmer, nachtaktiv und in Auwäldern, Gärten und Parks unterwegs: Bei Gefahr zieht er seinen Kopf in sein Bruststück ein. Als Raupe ist er erst grün, dann braunschwarz. Bildrechte: imago/imagebroker

Theoretisch gibt es ganz schön viele Arten; allein in Deutschland sind 184 Schmetterlingssarten heimisch. Nur - wer kennt spontan mehr als den Zitronenfalter, das Tagpfauenauge oder den Kleinen Fuchs beim Namen? Ganz zu schweigen von den - man muss fast sagen, bedauernswerten - (Nacht)faltern, die wir meist unter dem Begriff "Motte" subsumieren und als lästige Flieger kurzerhand mit dem Latschen erschlagen, wenn sie uns zu nahe kommen.

Thymian-Widderchen (Zygaena purpuralis), auf einer Blüte
Das farbenfrohe Thymian-Widderchen entpuppt sich aus einer gelben Raupe und findet mangels Nektarpflanzen kaum noch geeignete Habitate. Bildrechte: imago/imagebroker

Wissenschaftlern des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Halle würde das vermutlich nicht passieren. Sie haben jahrelang an einem "Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands" gearbeitet. Widderchen? Wer dabei spontan an Felltiere mit gedrehten Hörnern denkt, ist vermutlich in großer Gesellschaft. Und das, obwohl es in Deutschland immerhin allein 24 verschiedene tagaktive Widderchen gibt. Allein - genau wie bei den Pflanzen, oft Unkräuter geschimpft, kennen wir viele kaum noch beim Namen. Dem stellt sich der detaillierte Falteratlas entgegen - mit detaillierten Verbreitungskarten, die in zehn mal zehn Kilometer große Quadrate unterteilt sind. Dort ist für jeden Falter aufgezeigt, ob und wann seine Art dort gesichtet wurde: Angefangen von 1900, über verschiedene Abschnitte des 20. Jahrhunderts oder nach dem Jahr 2000. 

Schmetterlingsdaten gibt es viele. Nur keine Zusammenfassung

Ein Hummelschwärmer
Auch der Hummelschwärmer ist ein Schmetterling, und zwar aus der Familie der Schwärmer. Und einer der beiden Schwärmerarten, der tagaktiv ist. Wer Glück hat, sieht ihn im Mai und Juni bzw. im August. Allerdings ist er sehr selten. Bildrechte: imago/imagebroker

Die Idee für den Atlas stammt von Erst-Autor Rolf Reinhardt aus Mittweida. Vor zehn Jahren begann das Mammutprojekt, in das nicht nur die Arbeit vieler freiwilliger Falter-Enthusiasten mit eingeflossen ist. Auch Landesämter und Behörden, Vereine, Museen, Arbeitsgemeinschaften und verschiedenen Monitoring-Projekten lieferten Daten. Ein Zeitfresser bei dem Projekt: Alle Informationen aus nicht miteinander arbeitenden Datenbanken zusammenzuführen. Bioinformatiker Alexander Harpke vom UFZ hat dafür mehr als sechs Millionen Datensätze im Laufe der Jahre aufbereitet. Er hofft, dass die für den Atlas entwickelte Daten-Infrastruktur für künftige Biodiversitätsprojekte genutzt wird. Schon jetzt zeigte die Datensammlung, dass zum Beispiel der wärmeliebende Karst-Weißling, der auf Schleifenblume und Wilder Rauke in Gärten lebt, erst 2008 von der Schweiz aus in deutsche Gärten geflattert ist.

Wer ist wo gefährdet?

Blauschillernder Feuerfalter (Lycaena helle), Maennchen sitzt auf auf dem Bluetenstand des Schlangenknoeterichese.
Der Blauschillernde Feuerfalter liebt Feucht- und Moorwiesen. Bildrechte: imago stock&people

Schmetterlingsexperte Prof. Josef Settele vom UFZ zufolge zeigen die Karten aber auch sehr deutlich, wo welche Arten im Laufe des 20. Jahrhunderts verschwunden seien. Bei der Erstellung künftiger Roter Listen wisse man anhand des Atlas', in welchen Regionen besonders auf den Erhalt bestimmter Arten geachtet werden müsse. Wie zum Beispiel beim Blauschillernden Feuerfalter: Der kommt dem Atlas zufolge nur noch in der Eifel, im Westerwald und im Voralpenraum in größeren Mengen vor.

Erstmals gebündeltes Schmetterlingswissen

Was den Atlas so besonders macht: Es summiert alle Tagfalter und deren Vorkommen in einem Band. Das einzige vergleichbare Werk bisher stammte aus der DDR der 1980er-Jahre. Ansonsten war - und wird - die Falter-Welt nur für einzelne Bundesländer oder Regionen genau erfasst. Das zeigt sich zum Beispiel dann, wenn der NABU Nordrhein-Westfalen zur Schmetterlingszählung aufruft, in diesem Jahr vom 15. Juni bis zum 15. Juli 2020. Der NABU in Hessen ist schon durch, er hatte Schmetterlingsfans bis 15. Mai zum Zählen aufgefordert.

Nicht verwechseln: Admiral und Kleiner Fuchs

Der Admiral hat schwarz-weiße Flügelbinden und sein rot-oranger Streifen rahmt den Restkörper ein. Der Kleine Fuchs ist farblich ähnlich, an den Flügeln mit hellblauen Punkten gesäumt.

Admiral auf einem Brückengeländer
Bildrechte: imago images/Loop Images
Admiral auf einem Brückengeländer
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Frisch geschlüpfter Kleiner Fuchs (Aglais urticae) mit leerer Puppenhülle (Exuvie)
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Der Atlas als Buch

Der "Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands" ist im Verlag ulmer erschienen, ISBN 978-3-8186-0557-5.

(lfw)

Schmetterlinge 1 min
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Schmetterlinge im Garten sorgen für gute Laune und sind wichtige Bestäuber. Deshalb sind insektenfreundliche Pflanzen so wichtig. Vielleicht kommen dann Schachbrettfalter, Admiral oder kleiner Fuchs vorbei.

MDR FERNSEHEN Fr 31.05.2019 19:00Uhr 00:57 min

https://www.mdr.de/mdr-garten/geniessen/schmetterlinge-erkennen-100.html

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