Trennungskinderstudie Wie viel Mama, wie viel Papa ist gut fürs Kind?

Wie viel Zeit mit Mama, wie viel Zeit mit Papa ist gut fürs Kind, wenn Eltern sich trennen? Nur am Wochenende oder immer für eine ganze Woche? Diese Fragen beschäftigen nicht nur Juristen und Familienberater, sondern auch Wissenschaftler. Viele Studien haben versucht, fundierte Antworten zu finden und damit Entscheidungshilfen zu liefern, wenn die Fronten verhärtet sind. Eine neue Untersuchung aus Duisburg betrachtet erstmals, wie gut das sogenannte Wechselmodell in Deutschland funktioniert.

Wenn Eltern sich trennen, sollen sie zum Wohle des Kindes entscheiden, bei wem es wie viel Zeit verbringen soll. Die Paarebene von der Elternebene trennen, so nennen es die Familienberater. In der Praxis gelingt das nur selten, denn die Gefühle lassen sich nicht so einfach ausblenden. Oft müssen Jugendämter und Familiengerichte Empfehlungen aussprechen oder gar Regelungen anordnen. Dabei ist das Maß, wie viel Zeit Kinder bei Mutter oder Vater verbringen sollen bzw. dürfen nicht gesetzlich festgelegt, sondern muss in jedem einzelnen Fall gesondert betrachtet werden. Ausschlaggebend dafür soll immer das Wohl des Kindes sein. Doch wie definiert man das? Und welche Faktoren macht man dafür verantwortlich? Wie viel Mama, wie viel Papa sind gut für den Nachwuchs nach einer Trennung? Unzählige Studien haben versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Auch das sogenannte Wechselmodell wurde untersucht, in dem jedes Elternteil mindestens 30 Prozent der Betreuungszeit übernimmt.

Erste deutsche Studie zum Wechselmodell

In Deutschland ist derzeit das sogenannte Residenzmodell die Regel. Die Kinder haben ihren Lebensmittelpunkt bei einem Elternteil und besuchen das andere für einige Tage, zum Beispiel am Wochenende und in den Ferien. Das Wechselmodell, in dem die Betreuungszeit fast gleich aufgeteilt wird, ist eher die Ausnahme. Einige internationale Studien haben diese Umgangsvariante bereits untersucht, doch wie es Kindern hierzulande damit geht, wurde bislang nicht betrachtet. Die Universität Duisburg-Essen hat nun in Zusammenarbeit mit der Universität Marburg eine Studie dazu veröffentlicht, für die insgesamt 1.554 Familien befragt wurden. Um Vor- und Nachteile zu differenzieren, wurden 611 Familien im Wechselmodell, 622 im Residenzmodell und 321 sogenannte Kernfamilien, also Eltern mit leiblichen Kindern in einem Haushalt, miteinander verglichen.

Wie geht es Kindern mit 50 Prozent Mama und 50 Prozent Papa?

Der Anteil von Trennungsfamilien, die ein Wechselmodell praktizieren, liegt in Deutschland bei etwa fünf Prozent, eine Schätzung, da genaue Daten dazu nicht vorliegen. Doch wie geht es den Kindern damit, wenn sie praktisch Woche um Woche umziehen, dafür aber beinahe gleich viel Zeit mit beiden Elternteilen verbringen können? Genauso gut oder sogar ein wenig besser als Kindern, die einen Wochenend-Papa oder eine Wochenend-Mama haben, sagen die Autoren der aktuellen Studie. Das gelte vor allem für die Altersgruppe der 7- bis 14-Jährigen und besonders für die Kinder, die nicht 50:50 wechseln, sondern eher 70:30 Prozent der Zeit mit den getrennten Eltern verbringen. Außerdem war das Wechselmodell bei 65,2 Prozent der Befragten der Wunsch des Kindes. Weit weniger wurden die Wünsche der Kinder mit nur 41,8 Prozent beim Residenzmodell berücksichtigt. Die Forschenden fragten die beteiligten Kinder auch, wie zufrieden sie mit der Zeit seien, die sie mit Mama und Papa verbringen. Im Residenzmodell waren die meisten Kinder sehr zufrieden im Hinblick auf die Zeit mit ihren Müttern (96,8%), doch am wenigsten zufrieden im Hinblick auf die Zeit mit ihren Vätern (71,1%). Im Wechselmodell hingegen empfanden sie die Zeit mit beiden Eltern als ausreichend.

Entscheidend ist, wie Mutter und Vater miteinander umgehen

Auch das legte die Studie offen: Wenn die Eltern trotz der Trennung wohlwollend miteinander umgehen, kann das Wechselmodells gut funktionieren und wirkt sich sogar besonders positiv auf das Kindeswohl aus. Gibt es hingegen anhaltend Streit zwischen Mutter und Vater, ist der Loyalitätskonflikt für das Kind im Wechselmodell größer als bei anderen Umgangsmodellen. Das Verhältnis der Beteiligten zueinander hat auch Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit der Kinder. Zwar zeigten die statistischen Berechnungen der Studie, dass Kinder im Wechselmodell seltener unter psychischen Problemen und psychosomatischen Beschwerden leiden, was jedoch nicht allein auf das Familienmodell zurückzuführen ist. Viel bedeutsamer ist dafür die Eltern-Kind-Bindung und auch die Beziehung der getrennten Eltern zueinander. Es gibt also weder ein klares Pro, noch ein klares Contra für die einzelnen Modelle:

Das Wechselmodell funktioniert mindestens genauso gut wie das bisher vorherrschende Residenzmodell. Es ist aber kein Patentrezept, das sich in jeder Trennungssituation als erste Wahl aufdrängt.

Prof. Dr. Anja Steinbach, Institut für Soziologie, Universität Duisburg-Essen

Das bestätigen auch die an der Studie beteiligten Rechtswissenschaftler der Universität Marburg. So sieht Prof. Tobias Helms in den Ergebnissen eine Bestätigung der von den Gerichten derzeit praktizierten Herangehensweisen.

Können sich die Eltern nicht einigen, zieht der Richter das Wechselmodell als eine ernsthaft in Betracht kommende Option in Erwägung. Eine zu bevorzugende Lösung ist das Wechselmodell jedoch nicht. Ausschlaggebend ist das Wohl des konkret betroffenen Kindes.

Prof. Dr. Tobias Helm, Institut für Familienrecht, Universität Marburg

Wie schwierig es für die Eltern ist, das selbst einzuschätzen, zeigen ebenfalls Zahlen aus der Studie: so gaben 17,7 Prozent der Befragten an, ein gerichtliches Verfahren über eine Umgangsregelung geführt zu haben. Viel häufiger wurden Jugendamt, Mediatoren und beratende Anwälte hinzugezogen: Bei 35,6 Prozent der Eltern, die das Residenzmodell praktizieren, bei 60,2 Prozent im Wechselmodell. Unterstützung, den Umgang im Sinne aller Beteiligten zu finden, bieten unter anderem die Diakonie, die Caritas und der Internationale Bund. Die Berater dort nehmen sich Zeit, die Situation der Kinder und ihrer Familien im Detail zu betrachten, was Familienrichter nicht leisten können. Die Kontaktdaten zu nahegelegenen Beratungsstellen kann man auch bei den Jugendämtern erfragen.

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8 Kommentare

Erichs Rache vor 25 Wochen

"Können sich die Eltern nicht einigen, zieht der Richter das Wechselmodell als eine ernsthaft in Betracht kommende Option in Erwägung."

Eben NICHT, Herr Prof. Dr. Tobias Helm!

Der Richter/die Richterin ist an Gesetz gebunden und verhängt DANN nach Maßgabe sogar den Entzug des Sorgerechtes

Erichs Rache vor 35 Wochen

@Vater2

Sehen Sie, und genau das kann ich in keinster Weise mehr nachvollziehen. Andere europäische Länder machen es uns seit Jahren vor (Frankreich, Belgien, Holland, Norwegen, Schweden etc.) und der deutsche Gesetzgeber ist nicht in der Lage, da mal hinzuschauen und Erfahrungen zu sammeln???
Was hindert den Gesetzgeber daran? Gleichgültigkieit, Ideologie?

Ich frag mich manchmal, von wem wir hier regiert werden.

Vater2 vor 39 Wochen

In erster Linie ist die Rechtslücke zu schließen und weniger eine Leitbild zu definieren. Sicherlich ist bei der Kindeswohlbewertung die Ausgangssituation immer, dass ein Kind seine Eltern braucht. Wenn man sich das Familienrecht genauer anschaut dann wird schnell klar, dass das Wechselmodell außerhalb von Gerichten zu vereinbaren ist. Die aktuelle Rechtsprechung macht für Härtefälle Sinn, hier ist der Ansatz „Alleinerziehend“ zu prüfen. Gemeinsamerziehend ist ein Fremdwort für das aktuelle Familienrecht. Darüber hinaus sind aktuelle Bemühungen in diese Richtung leicht boykottierbar z.B. durch die Kommunikation- & Kooperationsbereitschaft. Aus meiner Sicht fehlt es Familiengerichten & Jugendämtern an Qualität in der Arbeit, die durch Standardisierung für die Einzelfallbetrachtung herbeizuführen ist, so dass beispielsweise Kinder in Cochem die selben Chancen haben wie Kinder in Düsseldorf. Norwegen ist ein schönes Beispiel wie man es richtig macht aber ein Kulturwandel ist nie einfach.