Zwangsumgang Aus Sicht des Kindes: "Man braucht nicht beide Eltern, um gesund aufzuwachsen"

10. Februar 2023, 21:30 Uhr

Annas* Eltern trennten sich, als sie noch ein Kleinkind war. Das Mädchen lebte bei ihrer Mutter. Auch der Vater wollte sie sehen. Es kam aber zu keiner Einigung zwischen den Eltern und so entschied das Familiengericht. Alle zwei Wochen sollte Anna das Wochenende beim Vater verbringen. Als Grundschulkind begehrte das Mädchen auf.

Ihr leiblicher Vater wollte Sie regelmäßig sehen. Aber für Sie war es eine Tortur. Warum?

Anna: Ich hatte furchtbare Angst vor ihm. Ich habe immer geweint und geschrien, bevor ich abgeholt wurde. Sobald ich die Türklingel gehört habe, habe ich meine Tränen schnell weggewischt. Bei meinem Vater konnte ich keine Emotionen zeigen.

Gab es dort häusliche Gewalt?

Nein. Außer, dass er mal zugepackt hat, gab es keine physische Gewalt. Es war psychische Gewalt, die er mir angetan hat. Er hat mich zum Beispiel zum Essen gezwungen und im gleichem Atemzug zu mir gesagt, dass ich zu dick bin. Schlimm war auch, dass mein Vater über meine Mutter gehetzt hat. Das war für mich unheimlich verletzend.

Hat Ihre Mutter auch schlecht über ihn gesprochen?

Nein. Mir wurde immer gesagt, mein Vater liebt mich. Auch wenn er es nicht so zeigen könne. Meine Mutter erzählte mir Jahre später, dass sie vom Gericht und vom Jugendamt unter Druck gesetzt wurde, als sie sich gegen die Umgangsregelung wehrte. 'Wenn Sie nicht aufhören, sind Sie es, die ihre Tochter besucht und nicht der Vater', hieß es.

Was ist Ihre schlimmste Erinnerung?

Das war in der Öffentlichkeit: Ich wurde überrumpelt und sollte Knall auf Fall zum Vater. Ich habe mich versteckt, wurde gefunden und dann vor den Augen fremder Leute ins Auto gezerrt. Die haben alle erschrocken geguckt, aber keiner hat etwas gemacht. Als Kind fühlst du dich so verraten.

Als Sie in die Schule kamen, begannen Sie sich gegen die Kontakte zu wehren.

Ja, ich sagte meiner Mutter, dass ich nicht mehr zu ihm will. Das sogenannte Helfersystem hat von mir erwartet, dass ich das allein sage. In der Regel wird sonst Manipulation seitens des Elternteils vorgeworfen. In meinem Fall von meiner Mutter. Ich musste also meinen ganzen Mut zusammennehmen.

Was passierte?

Es kamen Unmengen von Leuten - Psychologen, Sozialarbeiter -, die mit mir gesprochen haben. Ich hatte nicht das Gefühl, wirklich ernst genommen zu werden. Was ich sagte, wurde eher abgetan. Es hieß, 'das kann doch gar nicht so schlimm sein'. Das war verstörend.

Es kam dennoch zur gerichtlichen Anhörung.

Das war echt gruselig und ist eine Sache, die ich nie vergessen werde. Als Kind saß ich auf der einen Seite des Tisches und alle anderen saßen mir gegenüber. Ich war komplett allein und wurde wieder ausgefragt. Im Hinterkopf war die Angst, was passiert, wenn ich nach alldem doch wieder zum Vater geschickt werde.

Wie ging es aus?

Die Umgangsregelung wurde aufgehoben. Ich musste tatsächlich nicht mehr hin.

Haben Sie später von selbst Kontakt zum Vater aufgenommen?

Nein, ich will absolut keinen Kontakt. Ich verbinde so viel Schlechtes mit ihm.

Sind Sie gegen geteiltes Umgangsrecht, wenn sich Eltern trennen?

Nein, das nicht. Aber es darf nicht auf Biegen und Brechen durchgesetzt werden. Ich finde nicht, dass man beide Elternteile braucht, um gesund aufzuwachsen. Auch geht es bei gerichtlichen Auseinandersetzungen zum Umgang eher um die Interessen der Eltern und nicht um die des Kindes. Hier muss das System dringend revolutioniert werden.

Wie geht es Ihnen heute?

Wenn ich eine bestimmte Automarke gesehen habe, habe ich am Anfang immer Panik und Schweißausbrüche bekommen. Das ist vorbei. Ich hatte zeitweise auch Depressionen und Zwangsstörungen. Bis heute gibt es Trigger im Alltag, die bei mir schlimme Erinnerungen hervorrufen. Ich bin deshalb in psychotherapeutischer Behandlung.

*Der Name wurde zum Schutz der Betroffenen und Angehörigen geändert.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 27. September 2022 | 20:15 Uhr

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