Steigende Fallzahlen Über 700 FSME-Erkrankungen: 2020 war Zecken-Rekordjahr

Zecken sind lästige, aber auch ungeheuer spannende Parasiten. Als Krankheitsüberträger haben sie letztes Jahr für einen Rekord seit Beginn der FSME-Meldepflicht geführt – Tendenz steigend. Die blutdurstigen Spinnentiere bleiben unberechenbar: Aus einigen Gebieten verschwinden sie, in anderen wurden erstmals welche registriert. 2020 hat der Zeckenforschung spannende Daten geliefert.

Frau betrachtet Zecke in einem Glasträger
Zeckenforscherin Prof. Ute Mackenstedt von der Uni Hohenheim Bildrechte: Corinna Schmid

Das Zeckenjahr 2020 hat der Forschung verschiedenste Daten geliefert und dabei jede Menge neue Fragen aufgeworfen. Über 700 Menschen, die an der frühsommerlichen Meningoenzephalitis FSME erkrankt waren, meldet die Uni Hohenheim in Stuttgart für 2020: Das ist in Deutschland ein neuer Rekord, seit die Krankheit meldepflichtig ist. Besonders betroffen war demnach Baden-Württemberg. Dort wurden deutschlandweit sowohl 2018 als auch 2020 die meisten FSME-Fälle gemeldet - im vergangenen Jahr allein 331.

Ein Diagramm zeigt die FSME-Fälle durch Zeckenstiche
Bildrechte: Jörg Schwulst

Zecken-Risikogebiete im Wandel

Wenn man über den deutschen Tellerrand hinausschaut, schält sich einerseits ein geographisches Muster heraus. So wurden in den südlichen Nachbarländern Deutschlands im Jahr 2020 Rekordzahlen gemeldet und neue Risikogebiete ausgewiesen. In den nördlichen Nachbarstaaten ging die FSME-Zahl zurück. Die Mittelgebirge scheinen dabei eine Art Grenzlinie zu sein – südlich dieser Linie stiegen die Zahlen drastisch an, nördlich blieben sie nahezu unverändert. Professor Dr. Gerhard Dobler, Leiter des Nationalen Konsiliarlabors für Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, verdeutlicht das:

In Skandinavien, den baltischen Staaten und Polen sind die Zahlen nahezu konstant geblieben und in Schweden haben sie sogar abgenommen. Das heißt aber nicht, dass nicht auch im Norden Hotspots auftreten können.

Gerhard Dobler, Mikrobiologe

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. So gilt beispielsweise das Emsland seit 2020 als Risikogebiet - das erste in Niedersachsen. Die Forschung registrierte die Zahlen, aber eine Erklärung dafür hat noch niemand. Zeckenspezialistin Professorin Ute Mackenstedt, die an der Uni Hohenheim lehrt und forscht, sagt:

Generell beobachten wir seit einigen Jahren, dass sich das Risiko nicht mehr lokal eingrenzen lässt. In einigen Hotspots bleibt das Krankheitsrisiko über Jahre hinweg unverändert, in anderen Regionen nimmt es zu und wieder in anderen sogar ab. Dabei korreliert die Anzahl der Erkrankungen nicht zwangsläufig mit der Zeckenzahl.

Ute Mackenstedt, Zeckenforscherin

Insgesamt sei eine Wanderung der FSME-Fälle von Ost nach West zu beobachten, sagt die Forscherin auch. Eine mögliche Erklärung könnte der Klimawandel sein, vermutet sie. Der gemeine Holzbock Ixodes ricinus, der sonst nur in wärmeren Jahreszeiten aktiv ist, ist inzwischen auch im Winter aktiv. Eine andere Art, Dermacentor reticulatus - die Auwaldzecke, breitet sich den Forschungen zufolge in Deutschland aus und könne auch eine Rolle bei der FSME-Verbreitung spielen. Und nicht zu vergessen Hyalomma, die Jagdzecke, die ihren potentiellen Wirt über 100 Meter weit folgt, zeigt auch, dass unser Klima sich ändert, denn bis vor ein paar Jahren war sie nur im Süden Europas unterwegs.

lfw

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