Verleihung Mutterkreuze von 1939
Verleihung von Mutterkreuzen an kinderreiche Frauen am Muttertag 1939 Bildrechte: dpa

Mutterkult bei den Nationalsozialisten "Karnickelorden" zum Muttertag

Mutterkult unter den Nationalsozialisten: Da sollten die Frauen in erster Linie Kinder gebären, je mehr, desto besser, ab 1938 winkte das Mutterkreuz als Auszeichnung. Verliehen wurde es - im Volksmund auch "Karnickelkreuz" genannt - am Muttertag, den die Nazis nach der Machtergreifung schnell für sich vereinnahmten und 1934 offiziell zum Feiertag erklärten.

Verleihung Mutterkreuze von 1939
Verleihung von Mutterkreuzen an kinderreiche Frauen am Muttertag 1939 Bildrechte: dpa

Das Idealbild der Frau im Nationalsozialismus ist die deutsche Mutter, die ihre Aufgabe, so der Nazijargon, "in der Reproduktion des 'deutschen Volkskörpers'" und in der Erfüllung der häuslichen Tätigkeiten sieht. Endlich, so scheint es, wird die biologische Funktion der Frau vom Staat gebührend anerkannt. "Mutter, Deine Söhne sind die Zukunft des Staates", propagieren die Nazis.

Es hat sicher eine Menge Frauen gegeben, die das angenehm fanden, dass ihre Leistung in Familie und Haushalt endlich anerkannt wurde, das wäre illusorisch, das abzustreiten.

Kirsten Heinsohn Historikerin, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Männer machen Geschichte, Frauen gebären

Die deutsche Familie als Keimzelle der Gesellschaft ist fester Bestandteil der Nazi-Propaganda. Das Hohelied auf die Mutter wird im Sinn der Bevölkerungs- und Rassenpolitik gesungen, verbunden mit dem pseudoreligiösen Versprechen, dass "zum besten Volke gehören wird, wer sein Bestes dem Volke gibt". Bei alldem lässt Reichspropagandaminister Joseph Goebbels aber keinen Zweifel daran, dass Männer das Sagen haben und Geschichte machen. Frauen haben die Söhne zu gebären und zu erziehen.

Kirsten Heinsohn Historikerin Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
Kirsten Heinsohn Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Mutterkult ist nichts anderes als die Hochschätzung der Frau als Gebärende, weil das eine wichtige Aufgabe für die Entwicklung des Volkes, des deutschen Volkes ist, im Sinne einer demografischen und rassischen Aufwertung.

Kirsten Heinsohn Historikerin, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

"Karnickelorden" in Gold ab acht Kindern

Hitler stiftete 1938 das "Ehrenkreuz der Deutschen Mutter", kurz Mutterkreuz. Verliehen wurde es auf öffentlichen Feiern. In Bronze gab es die Auszeichnung mit vier und fünf Kindern. An Kandidatinnen herrschte kein Mangel, lebten doch in rund einem Viertel der Familien in Deutschland mindestens vier Kinder. Mit acht Kindern hatte sich eine Frau das goldene Mutterkreuz, die höchste Stufe des "Karnickelordens", verdient. Die Verehrung von Müttern oder ein Mutterkult sind keine Erfindung der Nationalsozialisten. Neu ist jedoch im nationalsozialistischen Deutschland:

... dass es dafür eine staatliche Belohnung gibt, wenn Frauen - bei denen es gewünscht ist -, dass sie Mütter werden und wenn sie das tun und das auch als ihren ausschließlichen Beruf begreifen.

Kirsten Heinsohn Historikerin, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Die Ehe ist keine reine Privatangelegenheit mehr, sondern dient dem Fortbestand des deutschen Volkes. Ab 1933 wird das Ehestandsdarlehen gesetzlich eingeführt. Bis zu stattlichen 1.000 Reichsmark gibt es. Die Ehefrau muss sich aber verpflichten, ihre Erwerbsfähigkeit aufzugeben, bis das Geld zurückgezahlt ist. Pro Geburt eines Kindes reduziert sich das Darlehen, bei Vieren ist es sozusagen "abgekindert". Zusätzlich werden "Beihilfen" ab dem dritten Kind gezahlt und die Familien erhalten Steuerermäßigungen.

Magda Goebbels mit ihren Kindern
Übermutter der Nation: Magda Goebbels, die Frau des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels mit ihren sieben Kindern. Der älteste Sohn Harald (letzte Reihe in Uniform) ist ihr Sohn aus der geschiedenen Ehe mit dem Unternehmer Quandt. Bildrechte: dpa

Frauen wurden aus dem Berufsleben gedrängt

Eine Folge des Mutterkultes und der staatlichen Förderung ist jedoch, dass Frauen, vor allem mit Kindern, aus Arbeitsmarkt und Berufsleben gedrängt werden. Doppelverdiener gab es bald kaum noch, denn meist hängte die Frau die Erwerbstätigkeit an den Nagel. Die Machthaber schlugen damit zwei Fliegen mit einer Klappe, denn auf diese Weise ließ sich die Arbeitslosigkeit verringern. Nur noch die "typisch weiblichen" Tätigkeiten wie Krankenschwester, Hausgehilfin oder Sekretärin sind erwünscht, akademische Berufe für Frauen dagegen nicht mehr.

Auf der anderen Seite: Zwangssterilisationen und Heiratsverbot

Das von Hitler erlassene Gesetz zur "Verhütung erbkranken Nachwuchses" gehört zur anderen Seite der "Reinhaltung" des Volkes. Frauen, die den rassischen Ansprüchen der Nationalsozialisten nicht genügen, dürfen keine Kinder bekommen. Zwangssterilisationen und Heiratsverbot werden für Menschen mit Behinderung und sogenannte Erbkranke angeordnet.

Im Vernichtungslager bedeutete Mutterschaft: Tod

1941 beginnt die systematische Ermordung der Juden. Millionen Menschen werden in Viehwaggons in die Vernichtungslager im Osten transportiert. Perverser Höhepunkt einer Weltanschauung, der auch die Verlogenheit des nationalsozialistischen Mutterkultes zeigt.

In der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten im Osten bedeutete Mutterschaft: Tod. Sofort. Jede Mutter, die mit einem Kind in Auschwitz angekommen ist, ist sofort selektiert worden und mit ihrem Kind in den Tod geschickt worden.

Kirsten Heinsohn Historikerin, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Mit Kriegsbeginn zum Arbeitsdienst verpflichtet

Frau wiegt 1941 Granaten
Nach Kriegsbeginn brauchte das nationalsozialistische Regime die Frauen wieder - diesmal als Arbeitskräfte in der Rüstungsindustrie. Bildrechte: dpa

Für die deutschen Mütter bedeutet der Krieg das Ende ihres Hausfrauendaseins. Dieselben Frauen, denen jahrelang die Rolle als Mutter und Hausfrau angepriesen worden war, werden jetzt zum Arbeitsdienst verpflichtet. In den Rüstungsfabriken leisten sie Schwerstarbeit. Gleichen Lohn wie die Männer erhalten sie nicht. Für ihren Nachwuchs ist nun im Kindergarten gesorgt.

Am Ende, als schon alles verloren war, schickt Hitler die Kinder, die die Frauen für ihn hatten zur Welt bringen sollen, an die Front, in den Tod.

Längst vergessen ist der Mutterkult, als der Krieg die deutschen Städte erreicht. Die Frauen kämpfen um das Überleben ihrer Familien.

Über dieses Thema berichtet MDR ZEITREISE auch im TV: Wenn Mutti heut' gefeiert wird | 12.05.2019 | 22:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2019, 15:14 Uhr