22. Juni 1941 "Barbarossa" - Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion

Am 22. Juni 1941 überfällt die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Das "Unternehmen Barbarossa" ist der Auftakt eines Vernichtungskrieges, mit dem Hitler die "Lebenskraft Russlands" zerstören und "Lebensraum im Osten" gewinnen will. In riesigen Kesselschlachten werden Hunderttausende Rotarmisten getötet oder gefangen genommen. Doch auch die Wehrmacht zählt in den ersten zehn Wochen des Krieges über 400.000 Mann an Toten, Vermissten oder Verwundeten.

Soldaten der Waffen SS-Division Totenkopf im Juni 1941 in der Sowjetunion
Soldaten einer Waffen-SS-Division im Juni 1941 auf dem Vormarsch durch die Sowjetunion. Bildrechte: imago images/KHARBINE-TAPABOR

Es ist ein Feuerschlag, wie ihn die Welt bis dahin noch nicht erlebt hat. Am 22. Juni 1941, um 3:05 Uhr, bricht entlang der 2.130 Kilometer langen deutsch-sowjetischen "Interessengrenze" zwischen Ostsee und Schwarzem Meer die Hölle los. Aus mehr als 7.100 Geschützen eröffnet die deutsche Wehrmacht an diesem Sonntagmorgen das Feuer auf Stellungen und Befestigungen der Roten Armee in Litauen, Ostpolen-Weißrussland (Belarus), der Ukraine und in Moldau.

Kampf um den Prut-Übergang

Deutscher Panzer und Infanterie im Gefecht, 1941
Wehrmacht-Panzer und Infanterie im Gefecht, vermutlich in Weißrussland 1941. Bildrechte: imago/United Archives International

Schon mit dem Einsetzen der Artillerie-Vorbereitung stürmen an den Grenzflüssen Bug und Prut Sturmpioniere Eisenbahn- und Straßenbrücken. Sie sollen die Bauwerke unbeschädigt einnehmen, damit Panzer- und motorisierte Verbände über sie schnell ins sowjetische Hinterland vorstoßen können. Bei Brest-Litowsk fällt den Angreifern die große Eisenbahnbrücke über den Bug unzerstört in die Hände. Etwas weiter nördlich, bei Pratulin, setzen deutsche Stoßtruppen in Sturmbooten ans Ostufer des Flusses, wo sie einen Brückenkopf bilden. Über eine von Pionieren gebaute Behelfsbrücke gelangen anschließend zwei deutsche Panzerverbände, unter ihnen die aus Chemnitz stammende 18. Panzerdivision, über den Bug.

Angriff ohne Kriegserklärung

Deutsche Panzer und Kradschützen beim Vormarsch im Juni 1941
Deutsche Panzer und Kradschützen beim Vormarsch im Juni 1941. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Rund 3,3 Millionen deutsche Soldaten mit fast 3.650 Panzern und Sturmgeschützen, rund 600.000 Kraftfahrzeugen und etwa 3.000 Flugzeugen treten am 22. Juni 1941 zum Angriff auf die Sowjetunion an. Eine offizielle Kriegserklärung gibt es nicht. Erst um 4 Uhr - also fast eine Stunde nach Beginn der Kampfhandlungen - lässt die deutsche Führung ihren Botschafter in Moskau, Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, dem sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow eine Note verlesen. "Die feindselige Haltung der Sowjetregierung und die schwere Bedrohung, die das Reich in den russischen Truppenkonzentrationen an der deutschen Ostgrenze erblickt, hat das Reich gezwungen, militärische Gegenmaßnahmen zu ergreifen", heißt es darin.

Legende vom Präventivkrieg

Deutscher Panzer III durchfährt in der Sowjetunion einen Fluss
Ein deutscher Panzer III durchfährt im Sommer 1941 einen Fluss. Bildrechte: imago/United Archives International

Auch in einem vier Stunden vor dem Angriff verlesenen "Führerbefehl" an die "Soldaten der Ostfront" sowie einer "Proklamation des Führers an das deutsche Volk" vom 22. Juni wird der deutsche Überfall auf die Sowjetunion als unvermeidlicher Präventivschlag dargestellt. In einer späteren Rede im Berliner Sportpalast am 3. Oktober 1941 behauptet der deutsche Diktator Adolf Hitler: "Denn wenn ich schon einmal sehe, dass ein Gegner das Gewehr anlegt, dann werde ich nicht warten, bis er abzieht, sondern dann bin ich entschlossen, lieber vorher loszudrücken."

Hitler beschließt Angriff 1940

OKW-Chef Keitel, OKH-Chef Von Brauchisch und Adolf Hitler im Juli 1941.
Hitler, Heeres-OB von Brauchitsch und OKW-Chef Keitel (v.r.n.l.) bei einer Lagebesprechung im Juli 1941. Bildrechte: imago images/KHARBINE-TAPABOR

Was Hitler dabei verschweigt ist die Tatsache, dass er den Angriff auf die Sowjetunion bereits Anfang Juni 1940 - also noch während des Westfeldzuges - ins Auge fasst. Am 31. Juli 1940 teilt er seinen Entschluss den Führungsspitzen der Wehrmacht mit. Laut einer Notiz des Chefs des Generalstabes des Heeres, Generaloberst Franz Halder, soll "Russland" als "ostasiatischer Degen Englands erledigt werden". Als Ziel nennt Hitler die "Vernichtung der Lebenskraft Russlands" und die Gewinnung von "Lebensraum im Osten". Weil Großbritannien nach der Niederlange Frankreichs weiterkämpft und in der Luftschlacht um England nicht bezwungen werden kann, wendet sich Hitler der Sowjetunion zu. Er ist überzeugt, dass die Entscheidung über die Hegemonie in Europa im "Kampf gegen Russland" fallen wird.

Vom "Todfeind" zum Verbündeten

Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow unterzeichneten 1939 den deutsch-russischen Nichtangriffspakt. Hinten neben Ribbentrop Josef Stalin, ganz rechts Friedrich Gaus, daneben U. Pavlov.
Im Beisein Stalins unterzeichnen die Außenminister Ribbentrop (links hinten) und Molotow (sitzend) den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Bildrechte: dpa

Damit beginnt Hitler zwar einen Zweifrontenkrieg, den er bislang vermeiden wollte. Aber gleichzeitig hat er auch den Krieg, den er von Anfang an am meisten gewollt hat. Bereits in seiner 1924 verfassten Programmschrift "Mein Kampf" erklärt er das "Land im Osten" zum Ziel künftiger deutscher "Bodenpolitik". Bolschewisten, Juden und das Slawentum in der Sowjetunion sind für ihn die "Todfeinde" des Nationalsozialismus. Doch zunächst werden zum Entsetzen der übrigen Welt aus "Todfeinden" Verbündete. Im Hitler-Stalin-Pakt sichern sich Deutschland und die Sowjetunion am 24. August 1939 gegenseitige Neutralität zu. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilen sie Osteuropa unter sich auf. Polen ist das erste Opfer des Arrangements. Am 1. September überfällt die Wehrmacht das Land. Am 17. September besetzt die Rote Armee Ostpolen.

Sowjetisches Öl für deutsche Kriegführung

Eine Gesamtansicht eines riesigen Ölfeldes mit hoch aufragenden Bohrtürmen in Baku.
Ölfeld im sowjetischen Baku. Öl von dort wird bis Juni 1941 auch nach Deutschland geliefert. Bildrechte: imago/United Archives International

Nach der Aufteilung der polnischen "Beute" schließen die früheren Erzfeinde am 28. September einen Grenz- und Freundschaftsvertrag. Am 11. Februar 1940 folgt ein Wirtschafts- und am 10. Januar 1941 ein Handelsabkommen. Im Volumen von 618 Millionen Reichsmark (nach heutigem Wert knapp 2,7 Milliarden Euro) liefert die Sowjetunion Getreide, Öl, Kautschuk und andere kriegswichtige Rohstoffe an das Deutsche Reich. Ohne diese Lieferungen wäre der spätere Vormarsch durch die Sowjetunion kaum möglich gewesen. Bis zum Schluss halten die Sowjets ihre Liefervereinbarungen akkurat ein. Noch eine Stunde vor dem deutschen Angriff am 22. Juni 1941 rollt über die Eisenbahnbrücke bei Brest-Litowsk ein vollbeladener Güterzug in Richtung Deutschland.

"Weisung für die Kriegführung Nr. 21"

Hitler mit Jodl und Keitel vor Lageplan in Wolfsschanze 1942
Hitler mit OKW-Chef Keitel (Mitte) und dem Chef des Wehrmachtführungsstabes Jodl (rechts) bei einer Lagebesprechung, 1942. Bildrechte: imago images/Leemage

Die konkreten Kriegsvorbereitungen gegen die Sowjetunion sind da bereits seit über einem halben Jahr im vollen Gange. Am 18. Dezember 1940 gibt Hitler die "Weisung für die Kriegführung Nr. 21" heraus. Durch sie wird das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) angewiesen, alle Wehrmachtteile auf die "Niederwerfung Sowjetrusslands in einem schnellen Feldzug (Fall Barbarossa)" vorzubereiten. Mit den Feldzügen gegen Jugoslawien und Griechenland sowie der Einnahme Kretas durch Fallschirmjäger und Luftlandetruppen im April/Mai 1941 soll die "Südflanke" für den "Russland-Feldzug" gesichert werden. Hitler will die Sowjetunion ausschalten, bevor die USA auf der Seite Großbritanniens in den Krieg eintreten. Zudem fürchtet er, dass Stalin dem britischen Werben für ein Bündnis mit Großbritannien nachgeben könnte.

Stalin glaubt nicht an Hitlers Angriffspläne

Dr. Richard Sorge
Dr. Richard Sorge verrät eine Woche vor dem 22. Juni 1941 den Angriffstermin. Bildrechte: IMAGO / United Archives International

Doch Stalin denkt überhaupt nicht daran. Er traut den westlichen "Imperialisten" noch weniger als den Nationalsozialisten. Warnungen seiner Geheimdienste, die bereits seit 1940 über Hitlers Kriegspläne und später auch über den deutschen Aufmarsch berichten, ignoriert er. Auch die Warnungen des für den sowjetischen Militärgeheimdienst GRU in Tokio als Agent tätigen deutschen Journalisten Dr. Richard Sorge, der bereits am 15. Juni den konkreten Angriffstermin nach Moskau meldet, schießt Stalin in den Wind. Er weigert sich im Juni 1941 auch, die Rote Armee rechtzeitig in Alarmbereitschaft zu versetzen. Der sowjetische Diktator kann sich nicht vorstellen, dass Hitler so verrückt sein könnte, eine zweite Front im Osten aufzumachen, während er im Westen immer noch gegen Großbritannien im Krieg steht. Doch Stalin täuscht sich.

Angriff trifft Fronttruppen unvorbereitet

Am Boden zerstörte sowjetische Flugzeuge
Am Boden zerstörte sowjetische Flugzeuge. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

So trifft der deutsche Überfall am 22. Juni 1941 die sowjetischen Fronttruppen weitgehend unvorbereitet. Gleich am ersten Angriffstag vernichtet die deutsche Luftwaffe einen Großteil der massiert und ungetarnt auf Flugplätzen des sowjetischen Hinterlandes stehenden Flugzeuge. Den vier Panzergruppen des Ost-Heeres, in denen die Masse der deutschen Panzer konzentriert ist, gelingt es, die gegnerischen Stellungen schnell zu durchbrechen und innerhalb von einer Woche bis zu 400 Kilometer auf sowjetisches Gebiet vorzustoßen. Eine zusammenhängende Front kann die Rote Armee unter diesen Umständen nicht mehr aufbauen.

Erste große Kesselschlachten

Deutscher Panzer und Soldaten im Kampf um eine sowjetische Stadt 1941
Ein Wehrmacht-Panzer und deutsche Infanterie im Straßenkampf. Bildrechte: imago images/KHARBINE-TAPABOR

Ziel der vorpreschenden Wehrmachtverbände ist es, in gewaltigen Zangenbewegungen große sowjetische Truppenkörper einzukesseln und zu vernichten. Bei Białystok und Minsk schließen die zur deutschen Heeresgruppe Mitte gehörenden Panzergruppen 2 und 3 gleich vier sowjetische Armeen ein. Rund 325.000 Rotarmisten geraten in deutsche Gefangenschaft. Auch mehr als 3.300 sowjetische Panzer und über 1.800 Geschütze werden von den deutschen Truppen in der ersten großen Kesselschlacht des Deutsch-Sowjetischen Krieges erbeutet. Auch der Versuch der Roten Armee, bei Smolensk in Westrussland eine neue Verteidigung aufzubauen, scheitert. Die Masse von drei sowjetischen Armeen mit rund 300.000 Soldaten und 3.000 Panzern wird in der dortigen Kesselschlacht aufgerieben.

"Feldzug innerhalb vierzehn Tagen gewonnen"

Lager mit sowjetischen Kriegsgefangenen 1941
Ein Lager mit sowjetischen Kriegsgefangenen, 1941. Bildrechte: imago images/Everett Collection

Angesichts derartiger Erfolge triumphiert der ansonsten eher zur Vorsicht neigende Chef des Heeres-Generalstabs Halder Mitte Juli 1941: "Im Ganzen kann man also schon jetzt sagen, dass der Auftrag, die Masse des russischen Heeres vorwärts Düna und Dnjepr zu zerschlagen, erfüllt ist. Es ist also wohl nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, dass der Feldzug gegen Russland innerhalb vierzehn Tagen gewonnen wurde."

Die Tatsache, dass ein großer Teil der sowjetischen Landtruppen und Fliegerkräfte bei Kriegsbeginn nahe der westlichen Staatsgrenze der Sowjetunion steht, wird von der Wehrmachtführung um Hitler als Beleg für ihre Präventivkriegsbehauptung ausgeschlachtet.

Militärdoktrin sieht offensive Abwehr vor

Sowjetische BT-7-Panzer 1941
Leichte sowjetische BT-7-Panzer, 1941. Bildrechte: imago images / Photo12

Die hohen Truppenkonzentrationen und deren offensive Aufstellung in den westlichen Militärbezirken der Sowjetunion im Juni 1941 sind allerdings durch die seit 1939 geltende neue offensive Militärdoktrin der Roten Armee zu erklären. Sie sieht auch im Fall der Abwehr eines Angriffs eine großangelegte Offensive auf das Territorium des Gegners samt dessen vollständiger Vernichtung vor. Dadurch sollen große Zerstörungen und Opfer auf dem eigenen Gebiet vermieden werden. 1941 befinden sich die sowjetischen Truppen allerdings noch mitten in einem Umstellungs- und Neuausrüstungsprozess, der frühestens 1942 abgeschlossen werden kann.

Das heißt aber nicht, dass der sowjetische Diktator nicht selbst langfristig "imperialistische Ziele verfolgte, die zum Teil bis ins Zentrum von Europa zielten", wie es der Militärhistoriker Dr. Christian Hartmann formuliert hat: "Sie aber sollten erst später realisiert werden, wenn sich das kapitalistische Europa in einem neuen Weltkrieg erneut verausgabt hätte."

Ein rassenideologischer Vernichtungskrieg

Familie beobachtet wie die Front auf ihr Heimatdorf zurückt
Die großen Leitragenden des Krieges: Eine Familie sieht, wie die Feuerwalze der Schlacht über ihr Zuhause hinweg rollt. Bildrechte: imago images/Everett Collection

Mit dem deutschen Überfall am 22. Juni 1941 befindet sich die Sowjetunion nun selbst in einem neuen Weltkrieg. Es ist ein rassenideologischer Vernichtungskrieg, wie ihn die Welt bis dahin noch nicht erlebt hat. Erklärtes Ziel der NS-Führung ist die Auslöschung der "jüdisch-bolschewistischen Elite" der Sowjetunion sowie aller dort lebenden Juden überhaupt, die Unterwerfung, Dezimierung und Vertreibung der slawischen Bevölkerung und die Eroberung von "Lebensraum" für ein "Großgermanisches Reich".

Sowjetische Soldaten kämpfen tapfer

Gefallene sowjetische Soldaten in der Zitadelle von Brest-Litowsk
Die Verteidiger von Brest-Litowsk kämpfen bis zum Tod. Bildrechte: imago images / Photo12

Aus Sicht der NS-Ideologie sind die Soldaten der Roten Armee nur "slawische Untermenschen", die sich mit den kriegserfahrenen Wehrmachtsoldaten nicht messen können. Doch die sowjetischen Soldaten kämpfen zäh und tapfer und geben sich meist nur in aussichtslosen Lagen geschlagen. So leisten die Verteidiger der Grenzfestung Brest-Litowsk am Bug bis in den Juli hinein erbitterten Widerstand. Eine Kapitulation lehnen sie ab. Erst als alle tot sind, endet der Kampf.

Große Erfolge und furchtbare Verluste

Für Hitler und seine Generale ist die Sowjetunion dennoch ein "Koloss auf tönernen Füßen". Durch die gigantischen Verluste der Roten Armee in den ersten Kesselschlachten des Deutsch-Sowjetischen Krieges sehen sie sich in ihrer Annahme bestätigt, dass die militärische Widerstandkraft des Landes kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Deutscher Soldatenfriedhof in der Sowjetunion 1941
Ein deutscher Soldatenfriedhof in einer sowjetischen Stadt, 1941. Bildrechte: IMAGO / teutopress

Doch nicht nur die militärischen Erfolge der Wehrmacht in den ersten Kriegswochen sind riesig, ihre Verluste sind es genauso. So verlieren die deutschen Streitkräfte allein an den neun Juni-Tagen an der Ostfront knapp 42.000 Gefallene, Vermisste und Verwundete. Im Juli liegen die Gesamtverluste der Wehrmacht bei knapp 168.000 und im August bei rund 196.000 Soldaten. Allein die ursprünglich knapp 17.500 Mann starke 18. Panzerdivision aus Chemnitz, die am 22. Juni über die Bug-Brücke bei Pratulin rollt, hat drei Wochen später bereits mehr als 2.400 Gefallene zu beklagen.

Sowjetunion hat das größere Potential

Deutsche Soldaten nach der Eroberung von Witebsk 1941
Deutsche Soldaten nach der Eroberung von Witebsk. Bildrechte: imago/United Archives

Zwar sind die Gesamtverluste der Roten Armee um ein Vielfaches höher. Jedoch kann die Sowjetunion mit ihren 194 Millionen Menschen diese auch besser ersetzen als das etwa 80 Millionen Einwohner zählende Großdeutsche Reich, das zudem an mehreren Fronten Krieg führt. Generalstabschef Halder und andere führende Heeresgenerale wissen, dass sie die Sowjetunion möglichst bis zum Winter besiegen müssen. Für einen längeren Waffengang reichen ihre Ressourcen nicht. Ihrer Meinung nach soll der deutsche Hauptstoß deshalb nach dem Sieg bei Smolensk auf das nur 300 Kilometer entfernte Moskau zielen. Durch eine Ausschaltung des "sowjetrussischen" Nervenzentrums erhoffen sie sich den Zusammenbruch des gesamten Landes und damit ein siegreiches Kriegsende.

Nicht Moskau, sondern Kiew

Doch Hitler entscheidet am 21. August 1941, dass zunächst nicht die sowjetische Hauptstadt, sondern die Ukraine mit ihren riesigen Agrarflächen und dem Industrie- und Kohlerevier im Donbass das Hauptziel der deutschen Operationen sein soll. Während vor den Toren Moskaus eine neue sowjetische Abwehrfront aufgebaut wird, drehen die Panzergruppen und Armeen der Heeresgruppe Mitte nach Süden ab. Roslawl, Uman und Kiew heißen die Orte, an denen die Wehrmacht noch einmal riesige Kesselschlachten schlägt und weitere Hunderttausende Rotarmisten gefangen nimmt. Doch ein Ende des brutalen Vernichtungskrieges, der am 22. Juni 1941 begann, ist damit noch lange nicht in Sicht. Er nimmt erst richtig Fahrt auf.

Literaturhinweise Hartmann, Christian: Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941-1945, München 2011.

Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 4. Der Angriff auf die Sowjetunion. Von Horst Boog, Jürgen Förster, Joachim Hoffmann, Ernst Klink, Rolf-Dieter Müller, Gerd R. Ueberschär. Hrsg. Vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Stuttgart 1983.