Die Angeklagten im Nürnberger Ärzteprozeß
Die Angeklagten im Nürnberger Ärzteprozess Bildrechte: dpa

Mörder in Weiß: Der Nürnberger NS-Ärzteprozess

Vor 70 Jahren sind die Nürnberger Ärzteprozesse zu Ende gegangen. Prominente NS-Mediziner mussten sich wegen ihrer Verbrechen verantworten, neben anderen auch die führenden Köpfe der sogenannten NS-Euthanasie, also der massenhaften Tötung von psychisch Kranken und Behinderten. Eines der Opfer war Jutta von Gustedt – ein junges Mädchen aus gutem Hause, das schon mit 27 Jahren sterben musste.

von Cezary Bazydlo

Die Angeklagten im Nürnberger Ärzteprozeß
Die Angeklagten im Nürnberger Ärzteprozess Bildrechte: dpa

Bei ihrer Geburt 1914 steht Jutta von Gustedt auf der Sonnenseite des Lebens. Ihr Elternhaus ist ein stattliches Herrenhaus im Vorharz. Die Lebensbahnen der adligen jungen Frau und ihrer Geschwister scheinen vorgezeichnet: Die Jungen werden Beamte oder Offiziere, die Mädchen Ehefrauen. Doch für Jutta kommt alles anders. Ihr Leben endet vorzeitig in der Gaskammer in Bernburg. Die Stadt Bernburg ist eines der sechs Mordzentren im damaligen "Großdeutschen Reich", in denen Geisteskranke getötet werden - neben Pirna, Brandenburg, Grafeneck, Hartheim und Hadamar. Der Massenmord geht unter dem Namen "Aktion T4" oder NS-Euthanasie in die Geschichtsbücher ein.

Jutta von Gustedt, Opfer der NS-Euthanasie, vergast in Bernburg
Jutta von Gustedt, Opfer der NS-Euthanasie, wurde in Bernburg vergast. Bildrechte: Familienarchiv von Gustedt

Die Krankheit von Jutta von Gustedt macht sich um 1930 zum ersten Mal bemerkbar – kurz nachdem Juttas Vater die Familie für eine jüngere Frau verließ. 1934 stellen die Ärzte die Diagnose Schizophrenie und stecken Jutta für immer in die Psychiatrie.

Stimmungsmache gegen "unnütze Brotfresser"

Noch im Jahr ihrer Machtübernahme, 1933, beschließen die Nazis, dass Menschen wie Jutta von Gustedt zwangssterilisiert werden sollen. Geisteskranke, Taubstumme und Epileptiker gelten als "unnütze Brotfresser", die der "Volksgemeinschaft" zur Last fallen. In Propagandafilmen und auf Plakaten wird unverhohlen Stimmung gegen sie gemacht. Während die Kranken angeblich in Palästen wohnen, müssten gesunde Arbeiterfamilien mit dreckigen Hinterhöfen Vorlieb nehmen, lautet die Botschaft. So wird der Boden für die Ermordung von insgesamt mehr als 70.000 Menschen bereitet. Auch für den gewaltsamen Tod der Jutta von Gustedt.

Wie viel Butter kostet ein Menschenleben?

Fünf Jahre später, kurz nach Kriegsbeginn, werden mit einem formlosen Schreiben Hitlers die Weichen für den gewaltsamen Tod von Menschen wie Jutta gestellt. Es ist ein unscheinbares Schriftstück, das aus wenigen Sätzen besteht, auf den privaten Briefbogen des "Führers" getippt. Danach sollen die Befugnisse bestimmter Ärzte so erweitert werden, "dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann". Einige Zeilen gestelztes Beamtendeutsch, die für Tausende das Todesurteil bedeuten.

Doch mit einem "Gnadentod" hat das Ganze nichts zu tun. Die Nazis wollen Krankenhausbetten für verwundete Soldaten freimachen und außerdem Geld und Ressourcen sparen. In einer geheimen Statistik wird der tausendfache Mord in Lebensmittel umgerechnet, erzählt Dr. Ute Hoffmann, die heute eine Gedenkstätte an Juttas Sterbeort in Bernburg leitet. "In dieser Statistik ist aufgelistet, welche Einsparungen der Tod eines Menschen bringt – also ganz genau die Einsparung von Butter, Milch, Eiern und Zucker."

Verbrecher in weißen Arztkitteln

Die Mordaktion wird gründlich vorbereitet. In allen Psychiatrie-Anstalten Deutschlands müssen Ärzte spezielle Fragebögen für jeden Insassen ausfüllen. Anhand dieser Formulare fällen jeweils drei Gutachterärzte das Urteil: Ein rotes Kreuz steht für den Tod, ein blaues Minus für Weiterleben. "Die Auswahl fiel nach ganz pragmatischen Leistungskriterien", erklärt Hoffmann. "Wer länger als fünf Jahre in einer psychiatrischen Einrichtung war, galt als Dauerpatient und damit als Dauer-Kostenfaktor. Ebenso wer nicht arbeiten konnte oder wollte. Die größten Überlebenschancen hatten Patienten, die in der Lage waren, außerhalb des Krankenhauses zu arbeiten, zum Beispiel in einer Gärtnerei", erzählt die Historikerin. Doch anfangs ahnen die Ärzte nicht den wahren Zweck der Fragebögen und stellen die Fälle absichtlich schlechter dar, um ihre besten Arbeitskräfte nicht zu verlieren – ein tödlicher Irrtum.

Lea Rosh, die Initiatorin des Holocaust-Denkmals in Berlin, geht am Denkmal der Grauen Busse vorbei
Das "Denkmal der grauen Busse" erinnert an NS-Morde an Kranken. Bildrechte: dpa

Jutta von Gustedt fällt bei der Prüfung durch. Im März 1941 wird sie in einem unscheinbaren Bus der Reichspost nach Bernburg gebracht. Die grauen Fahrzeuge werden später zu einem Symbol der Mordaktion. Drei Busse mit insgesamt 75 Menschen an Bord reichen, um die 14 Quadratmeter große Gaskammer von Bernburg zu füllen. Die Todesfabrik beginnt sofort nach ihrer Ankunft mit der "Arbeit".

Der Massenmord wird in Rechnung gestellt

"Die Opfer, die hier ankamen, hatten weder eine Übernachtung, noch eine Verpflegung, noch irgendeine Art von Versorgung. Sie wurden hierher gebracht, um sofort getötet zu werden", erzählt Gedenkstättenleiterin Hoffmann. Eine Bürokraft checkt nach der Ankunft die Identität der Opfer, um Verwechslungen zu vermeiden. Danach werden sie kurz von einem Arzt in Augenschein genommen, um eine plausible Todesursache für den gefälschten Totenschein zu finden. Teenager lässt man vorgeblich an Diphterie sterben, einer damals weit verbreiteten Kinder- und Jugendkrankheit. Die Alten "sterben" an Herzschwäche oder Kräfteverfall.

Um die Morde zu verschleiern, werden auch weitere Angaben, etwa der Sterbeort, gefälscht. Das Sterbedatum der Jutta von Gustedt wird um zwei Wochen nach hinten verlegt. Dahinter steckt System – die Tötungsmaschinerie finanziert sich auf diese Weise komplett von selbst, denn den Krankenkassen werden die Verpflegungsätze für die ermordeten Patienten munter weiter in Rechnung gestellt – ein groß angelegter Betrug, der selbst nach den Gesetzen des Dritten Reiches strafbar ist.

Der Schwindel fliegt auf

Ein eigenes Standesamt erledigt diese schmutzige Arbeit. Wenn die Nummerierung in den Sterbebüchern den Beamten verräterisch hoch erscheint, starten sie die Zählung wieder bei eins. Auch ist man beim Versand der Todesnachrichten sehr darauf bedacht, nicht zu viele Sterbeurkunden aus derselben Gegend auf einmal zu verschicken, um auffällige Häufungen zu vermeiden. Ähnlich verfährt man in den übrigen fünf Mordzentren.

Trotzdem gelingt es nicht, den Massenmord geheim zu halten. Nachrichten sickern durch, Gerüchte mache die Runde. Es regt sich Protest von den Angehörigen, die recht bald Zweifel bekommen, und von Vertretern der katholischen Kirche. Die "Euthanasie" wird gestoppt. Trotz aller Propaganda in den Vorkriegsjahren ist das deutsche Volk nicht bereit, eine solche "Wohltat" zu akzeptieren.

Eine ehemalige Gaskammer in der Gedenkstätte NS-Euthanasie in Bernburg
Eine ehemalige Gaskammer in der Gedenkstätte NS-Euthanasie in Bernburg Bildrechte: dpa

Die Mörder – Menschen "wie du und ich"

Am 24. August 1941 wird die Vergasung von Geisteskranken in allen sechs Mordzentren gestoppt. Für Jutta von Gustedt und viele andere Patienten kommt dieser Tag jedoch zu spät. Allein in der Gaskammer von Bernburg sterben zwischen Herbst 1940 und Sommer 1941 mehr als 9.000 Menschen. Ihnen gegenüber stehen rund 140 Mitarbeiter, die die Todesfabrik in den zwei Jahren am Laufen halten: Ärzte, Pfleger, Schwestern, Busfahrer und Heizer. Alles keine geborenen Mörder und keine verrohten SS-Leute, erzählt Gedenkstättenleiterin Hoffmann. "Wir haben eine Untersuchung über das hier beschäftigte Personal gemacht und das Ergebnis ist wenig ermutigend, weil es sich nicht um ausgesprochene Sadisten oder besondere Parteigänger des Regimes handelt, sondern en gros um ganz normale Menschen, die aufgrund einer Kriegsdienstverpflichtung, einer Versetzung oder einer freiwilligen Bewerbung hierher kamen. Viele von ihnen haben erst vor Ort gesehen, um was es sich dabei handelt, aber nur zwei hatten den Mut zu sagen, das mache ich nicht. Und den Beiden ist nichts passiert!"

Die führenden Kopfe der NS-"Euthanasie" müssen sich nach dem Krieg vor Gericht verantworten. Viktor Brack und Karl Brandt werden bei den Nürnberger Ärzteprozessen im August 1947 zum Tode verurteilt und ein knappes Jahr später hingerichtet. Die meisten der Beteiligten, insbesondere das Hilfspersonal, entgehen aber einer Strafe.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Sachsen-Spiegel: TV | 23.03.2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juli 2018, 12:06 Uhr