Entstanden aus den Trümmern der UdSSR Die Ukraine - Land mit zwei Gesichtern

Die Hoffnungen auf Demokratie und wirtschaftlichen Aufschwung waren groß, als die Ukraine 1991 ihre Unabhängigkeit erklärte. Erfüllt haben sich die Hoffnungen der Ukrainer damals nicht.

Bürger entfernen 1991 die sowjetische Flagge vom Hauptquartier der ukrainischen Kommunistischen Partei
Bildrechte: dpa

Eines eigenen Staates konnte sich die Ukraine nur während zweier kurzer Intermezzi – 1918/1919 sowie 1941 – erfreuen. Das änderte sich 1991, als die UdSSR ihrem Untergang entgegentaumelte.

"Ich saß im Sommer 1991 zusammen mit sieben Abgeordneten im Empfangsraum des Parlamentspräsidenten. Auf der Agenda des Gesprächskreises nur ein einziger Punkt: Wie sollte das Land, dass schon bald seine Unabhängigkeit erklären sollte, heißen", erinnert sich der damalige Regierungsberater, der ukrainisch-kanadische Wirtschaftswissenschaftler Bohdan Hawrylyshyn. "'Die demokratische Republik der Ukraine', schlug einer der Abgeordneten vor. 'Es gibt viele solcher Republiken, aber keine war so recht demokratisch', entgegnete ein anderer. 'Dann Ukrainische Republik!' Der Dichter Dmytro Pawlytschko meinte darauf: 'Warum nicht einfach nur Ukraine?' Wir mussten nicht weiter reden, alle Gesichter strahlten vor Zufriedenheit. In weniger als einer Minute entschieden wir über den Namen unseres Landes."

Am 24. August 1991 erklärte die Ukraine dann tatsächlich ihre Unabhängigkeit. Am 1. Dezember desselben Jahres wurde die Unabhängigkeitserklärung von mehr als 90 Prozent der Ukrainer bestätigt. Ursprünglich war ein Unionsvertrag zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken geplant gewesen. Doch der Putsch-Versuch konservativer Kräfte gegen Gorbatschow und seine Perestroika verhinderte diese einem gemeinsamen Präsidenten unterstellte Föderation unabhängiger Staaten.

Hoffnung auf schnellen Wohlstand und Demokratie

Nach der Unabhängigkeitserklärung hofften die Ukrainer, in kurzer Zeit zu Wohlstand und Demokratie zu gelangen. Westliche Wirtschaftsfachleute bestätigten sie durchaus in ihrer Hoffnung, dass sich die Ukraine zu einem stabilen Staat mit einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft entwickeln würde.

Denn schließlich konnte der neue Staat, der von den 15 ehemaligen Unionsrepubliken nach der Russischen Föderation das zweitgrößte Wirtschafts- und Industriepotential besaß, mit respektablen Betrieben aufwarten: Der Werkzeug- und Maschinenbau sowie die Elektroindustrie befanden sich auf vergleichsweise hohem Niveau; zudem galt die einstige Unionsrepublik in der Kohle und Erdgasförderung als führend. Und nicht zuletzt wurde die Ukraine stets als der "Brotkorb" der UdSSR bezeichnet – Ende der 1980er-Jahre wurden hier immerhin 46 Prozent aller in der Sowjetunion produzierten Agrarprodukte hergestellt. Doch leider zeigte sich schon bald: Die Industrieprodukte waren im Westen nicht konkurrenzfähig, die Kohleminen arbeiteten noch unrentabler als etwa die russischen und viele Ackerflächen waren durch die jahrzehntelange intensive Landwirtschaft ausgelaugt oder seit der atomaren Katastrophe von Tschernobyl verseucht. Und so schlitterte die ukrainische Wirtschaft bereits 1990 in eine erste Rezession. Nach der Unabhängigkeit beschleunigte sich der Niedergang von Industrie und Landwirtschaft noch einmal dramatisch.

Kein echter Machtwechsel

Doch auch die erhoffte demokratische Umgestaltung der ukrainischen Gesellschaft blieb bereits im Ansatz stecken, jedenfalls kam es zu keinem Austausch der Eliten, ein wirklicher Machtwechsel fand nicht statt. In der Ukraine war weder die Gesellschaft stark genug, um den Staat zu kontrollieren beziehungsweise in Richtung Demokratie zu treiben, noch war der Staat mächtig genug, um sich die Gesellschaft gänzlich unterwerfen zu können, schreibt der ukrainische Publizist Mykola Rjabtschuk in seinem Buch "Die reale und die imaginierte Ukraine". Das Ergebnis war ein gewisser Pluralismus, der an den tatsächlichen Machtverhältnissen aber nichts änderte: Die alte Nomenklatura, die sich quasi über Nacht von ihren alten Idealen losgesagt hatte, schloss lediglich den einen und anderen Kompromiss mit den Nationaldemokraten und beteiligte sie schließlich auch an der Macht.

Gesetz des Dschungels

Der sogenannte Transformationsprozess der ukrainischen Wirtschaft war – bedingt auch durch den ausgebliebenen Elitenwechsel nach der Unabhängigkeitserklärung – im Wesentlichen ein monströser Wildwest-Kapitalismus, der einem winzigen Teil der ukrainischen Gesellschaft einen märchenhaften Reichtum bescherte, dem Großteil aber in die bitterste Armut stieß. Es war eine Zeit des großen Handels: die Kommunisten verscherbelten ihr Parteivermögen, die Militärs Waffen, der Geheimdienst Geheimnisse und die Staatsdeiner machten sich daran, die vormals Volkseigenen Betriebe gewinnbringend abzustoßen. Meine "Fabrik zerfiel wie alles im Land; was zu stehlen war, stahl der Direktor, was nicht, machte er kaputt, sagen wir, er hielt sich an die Instruktionen der Zivilverteidigung", schrieb der bekannte ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan in seinem Roman "Depeche Mode", der die Jahre des "Nullpunkts" in seinem Land beleuchtet. Der "SPIEGEL" konstatierte 1994: "Auf die wirre Totalplanung sowjetischen Typs folgte eine noch absurdere Art des Wirtschaftens: weder Plan noch Markt – das Gesetz des Dschungels."

Agonie der Wirtschaft

Unter diesen Umständen fiel die ukrainische Wirtschaft ab 1993 schließlich in eine fast vollständige Agonie: Die Staatsbetriebe fuhren riesige Verluste ein, das Bankensystem kollabierte, Strom, Gas und Öl wurden knapp; dies alles wurde begleitet von einer wachsenden Arbeitslosigkeit, Hyperinflation, einer Verelendung weiter Teile der Bevölkerung und einem wachsenden Einfluss der ukrainischen Mafia, die ganze Industriebereiche und Landstriche unter ihre Herrschaft bringen konnte. Zudem litten die Ukrainer an staatlicher Willkür, Zensur und allgegenwärtiger Korruption. "Die Euphorie von 1988 bis 1992 wurde in den folgenden Jahren durch Pessimismus, Vertrauensverlust für die Regierung und Zweifeln an den Vorteilen der Unabhängigkeit ersetzt", urteilte der Wirtschaftswissenschaftler Bohdan Hawrylyshyn.

Auch die "Orange Revolution" verändert fast nichts zum Guten

Erst viele Jahre später, 2004, erhoben sich Hunderttausende Ukrainer aus Protest gegen massive Wahlfälschungen bei den Präsidentschaftswahlen, als es um die Entscheidung zwischen Viktor Juschtschenko und Viktor Janukowytsch ging – es war der Beginn der sogenannten "Orangen Revolution". Freilich: Einen Elitenwechsel oder gar Veränderungen des maroden Systems konnte der sich über Monate hinziehende Aufstand nicht bewirken. Serhij Zhadan, selbst einer der Aktivisten der "Orangen Revolution", resümierte bereits ein Jahr später enttäuscht: "Die 'Orange Revolution' war in Wirklichkeit gar keine Revolution. Es haben sich nur die Gesichter der Politiker geändert."   

Literatur: "Vorwärts in die Vergangenheit, taz, 23. 12. 2011; Die Ukraine wird 20, Ukraine-Nachrichten, 24. 08. 2011; Henrik Bischof, Die Ukraine, Friedrich-Ebert-Stiftung 1994.