Teasergrafik Altpapier vom 5. Juni 2019: Berthold Brecht auf Youtube
Bildrechte: MEDIEN360G / panthermedia

Das Altpapier am 5. Juni 2019 Brechtsches YouTube

HC Strache spielt das Täter-Opfer-Umkehrspiel jetzt in der juristischen Version. Außerdem: Wird über den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke angemessen berichtet? Fehlt im deutschen Fernsehen eine Nachrichtensendung für Zwölf- bis 25-Jährige? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 5. Juni 2019: Berthold Brecht auf Youtube
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Wir können hier naturgemäß nicht jede Wendung der Ibiza-Affäre aufgreifen, zumal viele Entwicklungen nicht zwingend medienkolumnistisch relevant sind. Heute gibt es aber mal wieder einen Anlass für einen Österreich-Schwerpunkt  unter anderem, weil Hans-Christian Strache bei den Staatsanwaltschaften in Hamburg und München (also an jenen Orten, an denen die Medien ansässig sind, die das Video zuerst verbreitet haben) Strafanzeige "gegen alle Personen“ gestellt hat, “die für die Herstellung, Verbreitung und Veröffentlichung des sog. Ibiza-Videos mitwirkend verantwortlich“ seien. Das schreibt die SZ mit Verweis auf die Staatsanwaltschaft München I.

In ihren Texten dazu widersprechen sich SZ und Spiegel, die hier auch in eigener Sache berichten, m.E. in einem Punkt: Dass “die Anzeigen nicht namentlich gegen SZ, Spiegel oder bestimmte Personen gerichtet seien, bestätigten die Behörden der SZ“, schreibt eben jene, wohingegen bei Spiegel Online steht: “Bei dem Münchner Verfahren seien Vorwürfe gegen angeblich Verantwortliche der SZ erhoben worden, erklärte die Behörde auf Anfrage.“

Wiederum mit Verweis auf die Staatsanwaltschaft München, schreibt die SZ, die Strafanzeigen bezögen sich auf das "Zugänglichmachen von Bildaufnahmen, die geeignet sind, dem Ansehen der abgebildeten Person erheblich zu schaden" und das "Zugänglichmachen von höchstpersönlichen Bildaufnahmen".

Ibiza-Video-bedingte staatsanwaltliche Ermittlungen gibt es auch aus Österreich selbst zu vermelden. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) werde, wie der Standard berichtet, “im Umfeld“ jener Unternehmen ermitteln, die aufgrund von Straches Äußerungen im Video im Verdacht stehen, "zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt vor der Nationalratswahl am 15. Oktober 2017“ Geld in den “FPÖ-Einflussbereich“ fließen ließen, ohne die Summen als Parteispenden zu deklarieren.

Das Nachrichtenmagazin Profil hat gerade ein schon etwas älteres Interview, das Edith Meinhart mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen geführt hat, frei online gestellt. Aktuell ist der Inhalt des Gesprächs weiterhin. Pörksen spricht mit Bezug auf Strache von einer “verschwörungstheoretisch gerahmten Täter-Opfer-Umkehr“, die “medienanalytisch hochinteressant“ sei. So gesehen, spielt Strache das Täter-Opfer-Umkehrspiel jetzt also in der juristischen Version. Pörksen sagt des Weiteren:

“Man sieht hier die Herausbildung einer digitalen Stammesgesellschaft, die die Medienempörung im eigenen Selbstbestätigungsmilieu neu codiert und die Skandalisierung durch den klassischen Journalismus selbst mit aller Macht skandalisiert.“

Seine Zwischenbilanz:

“Österreich durchlebt momentan ein Live-Experiment, das von der Frage handelt: Behält der seriös sortierende Journalismus in Zeiten der fiebrigen Sofort-Spekulation die Deutungshoheit? Oder gewinnen die Akteure des Spektakels? Verschwindet das Kerngeschehen des Skandals – die erschütternde Korruptionsbereitschaft des Vizekanzlers – in einem einzigen Brausen aus Empörung und Gegenempörung, das im Zusammenspiel von sozialen und redaktionellen Medien entsteht?“

Das Stichwort “Zusammenspiel“ ist an dieser Stelle wichtig. Sollte Strache das von Pörksen so genannte “Experiment“ überstehen, werden daran auch die etablierten Medien mit ihrem mitunter kindsköpfigen Geraune einen Anteil gehabt haben.

Peinliche Leute wählen peinliche Leute

Vom Wochenende noch nachzureichen ist ein Essay Richard Schuberths für den Standard, in dem der Autor auf sehr luzide Weise erläutert, warum das Ibiza-Video der FPÖ politisch bisher nicht geschadet hat:

“Dem politisch verwaisten FPÖ-Fan haben sich auf Ibiza Ocean Eleven-hafte, coole Jungs dargeboten, die wild und gefährlich leben, auf Augenhöhe mit verhängnisvoll schönen russischen Oligarchinnen pokern und sich stellvertretend für ihn den Anteil am Kuchen, von dem man ihn fernhält, nehmen. Und zwar mit den Methoden des Gangsterfilms, mit dem man sozialisiert wurde und der weitaus spannender ist als das Streberspiel namens parlamentarische Demokratie. Zum Leidwesen poststrukturalistischer Politologen hat das Ibiza-Video zudem enthüllt, wie primitiv und simpel die Spiele der Macht ablaufen, bei denen es dann doch zugeht wie bei Bertolt Brecht oder im Mobster-Movie.“

Kurzer Nebengedanke: Nicht der Inhalt von Straches Aussagen, aber zumindest sein Habitus und die Art, wie er im Video sein Verständnis von Coolness zelebriert, dürfte auch vielen nicht mehr ganz jungen Journalisten sympathisch sein. Das könnte zumindest zum Teil erklären, warum “redaktionelle Medien“ am von Pörksen erwähnten “Zusammenspiel“ beteiligt sind. Zurück zu Schuberth:

Richtige FPÖ-Wähler schrecken Kriminalität und Peinlichkeit nicht ab. Darum haben sie die Partei ja gewählt. Sie wählten ihre eigene Peinlichkeit an die Macht, eine Peinlichkeit, mit der sie sich identifizieren können, um den Preis, sich das letzte Hemd ausziehen zu lassen, und den Deal, dass wenigstens Migranten sich nicht einmal ihrer Haut sicher sein dürfen.“

Zitierenswert ist sein Essay auch deshalb, weil das Beschriebene ja auch auf Wähler der AfD zuzutreffen scheint (und weil ein entsprechender Text in einer mit dem Standard vergleichbaren deutschen Tageszeitung nur schwer vorstellbar ist). Was fangen Journalisten, die über (mutmaßlich) kriminelle Vorgänge in der AfD oder (mutmaßlich) kriminelles Verhalten von AfD-Politikern berichten, nun mit diesem Wissen an?

Um den heutigen Österreich-Komplex abzuschließen, blenden wir kurz rüber zu den Nachbetrachtungen einer Klimademo in Wien am vergangenen Freitag. Zu beobachten war hier unter anderem eine nach “Scheinhinrichtung“ aussehende Aktion der Polizei. Diese Formulierung verwendet zumindest der Anwalt Peter Nagel auf Twitter anlässlich eines viral gehenden Videos. Spiegel Online beschreibt den Vorfall folgendermaßen:

“Ein Mann (liegt) am Boden und wird von zwei Polizisten fixiert. Er wird zu einem Polizeibus gezerrt, wo die Beamten ihn mit dem Kopf unter dem Fahrzeug platzieren. Der Fahrer schaut aus dem Fenster nach hinten. Dann sieht es aus, als gebe einer der Beamten dem Fahrer ein Zeichen, das Auto fährt los. Erst im letzten Moment reißen die zwei Polizisten den Mann weg und verhindern, dass sein Kopf überrollt wird. Auf dem Video ist zu hören, wie die umstehende Menge aufschreit. Der Mann, heißt es später, habe bei der Sitzblockade den Einsatz der Polizisten gefilmt.

Filmen ist - das steht allerdings nicht in dem Spiegel-Online-Artikel - durchaus Teil seines Jobs, denn Anselm Schindler, so heißt das Opfer, ist freier Journalist. Er schreibt zumindest sporadisch für die taz und das Neue Deutschland (das in seiner Berichterstattung Letzteres aber nicht erwähnt).

Der mediale Umgang mit einem Mord

Einer wirklichen Hinrichtung (sofern das eine angemessene Umschreibung für einen Kopfschuss aus unmittelbarer Nähe ist) ist dagegen am Wochenende der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke zum Opfer gefallen. An verschiedenen Orten bei Twitter (etwa in einem Thread bei FR-Redakteur Hanning Voigts) finden Debatten darüber statt, ob die Berichterstattung über den Mord an dem CDU-Politiker bisher unangemessen zurückhaltend, angemessen zurückhaltend ist oder angemessen umfangreich ausfällt.

Ein Beispiel für den unterschiedlichen Umgang von Redaktionen mit dem Thema: Im “Nachtjournal“ von RTL in der Nacht von Montag auf Dienstag war der Mord an Lübcke der Aufmacher, in der 20-Uhr-Ausgabe der “Tagesschau“ am Montagabend hatte der Fall dagegen gar keine Erwähnung gefunden. Letzteres mutete angesichts dessen, dass ein hochrangiger Regionalpolitiker erschossen worden ist, also eine Person der Zeitgeschichte, dann doch recht seltsam an - völlig unabhängig davon, dass die Hintergründe derzeit nicht bekannt sind (was bei Tötungsdelikten kurz nach der Tat ja ohnehin die Regel ist). Der erwähnte Hanning Voigts hat aber einen Punkt, wenn er sagt:

“Bitte kritisiert meine Branche nicht dafür, dass sie sich aktuell im Fall #Lübcke mit Spekulationen und Panik einigermaßen zurückhält. Bitte kritisiert sie dafür, dass sie es in so vielen anderen Fällen überhaupt nicht tut.“

Unter anderem Vice, tagesschau.de und die FR dokumentieren derweil, wie deutsche Rechtsextremisten online ihre Freude über die Erschießung des von ihnen zum Feind erkorenen Lübcke zum Ausdruck bringen. Offenbar Bezug nehmend auf Äußerungen wie "Eine widerliche Ratte weniger. Fehlen noch die anderen" oder "Selbst schuld, kein Mitleid, so wird es Merkel und den anderen auch ergehen“, fragt Reinhard Müller oben rechts auf Seite 1 der FAZ:

“Wie kann man so verroht sein, ei­nen Po­li­ti­ker, ei­nen Men­schen, noch im Tod nicht nur zu verhöhnen, sondern ein schweres Verbrechen auch noch zum Anlass für weitere Drohungen zu nehmen?“

Die FAZ wäre aber nicht die FAZ, wenn sie in diesem Zusammenhang nicht auch die “Hehler der Hetzer“ ins Visier nehmen würde:

“Solche Hetze darf nicht ohne Folgen bleiben. Nicht nur für die Täter. Ohne Plattformen wie Youtube und Facebook wären sie kaum wahrnehmbar.“

Auf den etwas bizarren Umstand, dass ein offenbar der Ideologie der NPD und anderen rechten Positionen zugeneigter Nachbar gegenüber Medien sagt, dass “Walter einer von uns“ gewesen sei  bzw. “ein guter Freund“, macht die freie Journalistin Anna Dobler bei Twitter aufmerksam.

“Ich will mir das nicht wegnehmen lassen“

Mit anderen Verrohungen im rechten Milieu befasst sich Sibel Schick in der taz, und zwar in eigener Sache. Sie rekapituliert hier, wie nach einem 2018 erschienenen Artikel eines sehr reichen und sehr rechten Bloggers 2018 auf ihrem Twitter-Account nichts mehr war wie vorher:

“Natürlich wusste der Blogger, was sein Text verursachen könnte. Es wäre zu gutgläubig, davon auszugehen, dass er die Konsequenzen nicht durchdacht hat, mich fast in jedem Absatz namentlich zu nennen und öffentlich zu machen, wo ich arbeite. Inzwischen explodiert mein Twitter-Account. Die Beleidigungen werden innerhalb Stunden zu Gewaltandrohungen und -fantasien (…) Spätestens als Männer anfangen, die Ministerien anzurufen, die den Verein finanzieren, bei dem ich arbeite, um sich dort über mich zu beschweren, gewinnt das Ganze eine neue Dimension. Es ist kein virtueller Shitstorm mehr. Jetzt geht es darum, mir materiell zu schaden.“

Seitdem steht Schick bei Twitter unter Dauerfeuer:

“Alles, was ich seitdem schreibe, zieht Trolle und Hater an. Sie posten Hass unter fast jedem meiner Tweets. Ich weiß nicht, wie viele Selbstmordaufforderungen ich bisher bekommen habe oder wie oft sie mir schrieben, dass ich vergewaltigt werden sollte und dass ich dann selbst schuld sei. Kaum dachte ich, es könne nicht schlimmer werden, wurden meine Adresse und Telefonnummer veröffentlicht. Dass sie wussten, wo ich gearbeitet habe, war das kleinere Übel. Im Büro war ich nie allein, und meine Chefinnen und Kolleginnen waren solidarisch. Aber dass jetzt öffentlich wurde, wo ich wohne, war zu viel.“

Twitter aufzugeben, kommt für sie dennoch nicht in Frage.

“Sowohl als Migrantin als auch als freie Autorin bin ich auf Social Media angewiesen. Als Ausländerin ist es sehr schwierig, in deutschen Medien Fuß zu fassen und sich an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen. Auf Twitter habe ich die Möglichkeit, mich über politische Themen zu äußern, von denen ich betroffen bin (…) Ich nehme mir Raum. Ich bleibe, weil ich mir das alles nicht wegnehmen lassen will.“

100 relevante Bildungsangebote

Zwei auf heutigen Medienseiten erschienene Interviews lassen sich unter sich unter dem Schlagwort “Rezo und die Folgen“ subsumieren. Es geht um junges Informationsfernsehen bzw. fernsehähnliche Angebote. Der Tagesspiegel hat mit Tim Schreder gesprochen, der seit 2011 die ZDF-Kindernachrichtensendung “logo!“ moderiert. Er sagt:

“Das Allerwichtigste für mich: Dieses Video ist ja nur ein absolutes Symptom. Mit der Diskussion um Artikel 13 fing es an. Ich bekomme seit Jahren Nachrichten von Kindern, die schreiben: Warum hört uns keiner zu? Warum interessiert sich keiner für unsere Themen? Warum machen die Politik für Alte? Jetzt hat halt mal einer aus der Youtube-Szene auf den Tisch gehauen und gesagt, was ganz viele schon ganz lange denken. Das Rezo-Video hat mich nicht überrascht.“

Thema des Interviews ist auch, dass es nach Ansicht Schreders eine Art Alterslücke gibt bei öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen:

“Bis zu den Zwölfjährigen erreichen wir im Fernsehen sehr viele. Danach wird es dünn. Ich finde es schade, dass es kein 'logo‘ für Zwölf- bis 25-Jährige gibt (…) Vielleicht gibt es ja Überlegungen für das öffentlich-rechtliche Funk-Angebot. Da müsste viel mehr passieren.“

Für die FAZ-Medienseite hat derweil Gustav Theile mit Mirko Drotschmann gesprochen, der bei YouTube als “MrWissen2go“ unterwegs und mit diesem Format Teil des von Schreder mindestens implizit kritisierten ARD/ZDF-Netzwerks Funk ist. Theile will wissen:

“Wie viele Youtuber haben denn überhaupt einen Bildungsanspruch?

Drotschmanns “persönliche Schätzung“ dazu:

“Wenn man unter 'Bildungsanspruch‘ Journalisten, Wissenschaftsjournalisten und Lehrer mit Youtube-Kanälen zählt, auf denen sie Nachhilfe geben, dann gibt es vielleicht um die hundert Kanäle mit ansatzweise relevanter Reichweite. Dazu würde ich Kanäle mit mehr als tausend Abonnenten und mindestens zehntausend Aufrufen im Monat zählen.“

Ein recht großes Fass macht Drotschmann in dem für 45 Cent bei Blendle zu habenden Interview auch noch auf, eines mit dem heute in einem anderen Kontext oben bereits erwähnten Bertolt Brecht:

“(Er) hat ja diese 'Radiotheorie‘ entwickelt, dass Radios Sender und Empfänger gleichzeitig sein sollen. Auf Youtube wird das verwirklicht: Viele Videos werden tausendfach diskutiert. Das freut mich natürlich. Die Zuschauer stellen Fragen, geben Feedback. Das ist alles sehr hilfreich, auch für die redaktionelle Fortentwicklung der Videos.“

Zu den Reaktionen gehören auch Anfragen nach Hausaufgabenhilfe. Drotschmann dazu:

“Eigentlich habe ich damit aufgehört. Wenn jemand fragt, antworte ich doch noch.“

Damit lässt sich dann ganz gut überleiten zu unserem MDR-Kollegen Steffen Grimberg, der in seiner Dienstags-Kolumne eine Studie des Rats für Kulturelle Bildung mit dem Titel “Jugend-YouTube-Kulturelle Bildung Horizont 2019“ aufgreift. Demnach geben

“knapp die Hälfte der Befragten – 47 Prozent – (…) an, dass für sie YouTube-Videos zu Themen, die gerade in der Schule behandelt werden, wichtig sind. Diese nutzen sie zur Vorbereitung auf Prüfungen, bei den Hausaufgaben, allgemein zur Wissensvertiefung oder zur Wiederholung, wenn etwas im Unterricht nicht verstanden wurde“.


Altpapierkorb (AfD-Märchen, Medienpolitiker Helmut Kohl, Quandt-Medienpreis)

+++ Rund ein Jahr nach der Gründung von Themis, einer Anlaufstelle für Betroffene sexueller Übergriffe in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche, hat der Watch-Salon mit Mitgründerin Barbara Rohm über ihre Erfahrungen gesprochen. Sie sagt: “Die erste Frage von Medien lautet meist: Wie viele haben denn schon angerufen? Das klingt immer so, als müsste man noch beweisen, dass es sexuelle Belästigung gibt. Die Last des Kulturwandels sollte nicht auf den Schultern der Betroffenen liegen. Zahlen im luftleeren Raum helfen uns außerdem nicht weiter. Man muss das ja auch im Verhältnis zur Größe der Branche und der Kürze der Zeit sehen, die wir existieren. Aber im Prinzip melden sich täglich Ratsuchende und dies sind zum Beispiel auch Unternehmen.“

+++ Eine Art medienpolitikhistorischen Twist in die Rezo-Sache bringt Robert Heinze bei Geschichte der Gegenwart: “Die CDU-Politiker (…) sind mit ihrer empörten Reak­tion nur die Letzten in einer Reihe von Vertretern gesellschaftlicher Hegemonie, die widerständigen Umgang mit Medien nur als irrational, 'falsch‘ und illegitim wahrnehmen können und mit Kontrollfantasien reagieren. Dass dies ausgerechnet aus einer Partei kommt, die historisch eher die Liberalisierung des Medienmarktes befürwortete, kann nur die überraschen, die vergessen haben, dass die Einführung des dualen Systems in Deutschland Teil von Helmut Kohls 'geistig-moralischer Wende‘ war. Denn Kohl verließ sich auf die eher 'rechte‘ Ausrichtung der privaten Rundfunksender, die er der eher 'linken‘ Ausrichtung des ÖR entgegensetzen wollte.“

+++ Entgegen aller Klagen der AfD über eine vermeintliche "Kuscheljustiz" werden “ausländische Straftäter von deutschen Gerichten nicht milder behandelt als andere. Experten sagen: Das Gegenteil sei der Fall“. Darauf weist der “Faktenfinder“ der “Tagesschau“ hin. Weiterführende Lektüre: ein unter der Überschrift “Kriminalität in Deutschland im Spiegel von Pressemitteilungen der Alternative für Deutschland (AfD)“ erschienener Beitrag der Kriminalpolitischen Zeitschrift.

+++ “Warum haben die meisten Journalisten in der Bamf-Sache so wenig recherchiert?“ lautete vor rund einem Jahr eine Frage im Altpapier, und dieser (mutmaßliche) Medienskandal ist in dieser Kolumne seitdem immer wieder Thema gewesen (im vergangenen Monat etwa hier und hier). In einem Artikel für die Wochenzeitung Kontext habe ich versucht, dieses Versagen in einen größeren Zusammenhang zu stellen - auch mit Blick auf die kommende Jahrestagung des Netzwerks Recherche, wo die Bamf-Berichterstattung Thema sein soll.

+++ Obwohl Herbert Quandt “noch zum Kriegsende persönlich neue Pläne für ein weiteres KZ-Außenlager entwarf“, gibt es weiterhin einen nach ihm benannten Medienpreis. Darauf weist Eike Petering in einem Artikel für die taz hin. Unter anderem angesichts dessen, das Quandt “für den Tod hunderter Zwangsarbeiter in der NS-Zeit mitverantwortlich ist“ (Petering), sagen Hans Block und Moritz Riesewieck (“The Cleaners“, siehe Altpapier), zwei der aktuellen Preisträger: “Der Erhalt des Namens – Herbert Quandt - im Titel des Medienpreises ist für uns mehr als zweifelhaft.“ Ablehnen wollen sie den Preis, der am 22. Juni verliehen wird, aber auch nicht, da “mit dem Preisgeld von 20.000 € weitere Filme produziert werden könnten“. Schreibt Petering, der selbst auch als Dokumentarfilmer arbeitet.

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

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