Das Altpapier am 25. Juli 2019 Herren der Grauzone

Der sogenannte Newsroom der AfD läuft nur schleppend an. Minister Andi radelt gern bei Instagram. Über das Dilemma politischer Kommentatorinnen, nicht Teil von Empörungsoperetten zu werden. Und RTL entdeckt weitere Manipulationsfälle. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 25. Juli 2019: Mann tipp auf Button "Newsroom"
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VW hat einen, der TÜV auch, die SPD ebenso und auch der Spiegel. Nein, es geht diesmal nicht um Skandale, sondern um sogenannte Newsrooms, die es mittlerweile nicht mehr nur in journalistischen Redaktionen gibt, sondern nach deren Prinzip seit einiger Zeit auch Unternehmen und Parteien arbeiten.

Olaf Wittrock widmet sich nun im Journalist der Frage, ob Parteien-"Newsrooms" (ich weigere mich, den Begriff 1:1 für die Öffentlichkeitsarbeit zu übernehmen, weil er suggeriert, hier würden Nachrichten produziert und journalistisch gearbeitet) auf Dauer die Arbeit von Journalist:innen ersetzen werden.

Darin wird unter anderem ein Blick auf die AfD geworfen, die Anfang 2018 angekündigt hatte, eine solche Abteilung aufzubauen und u.a. über Themen zu berichten, die laut Weidel "unter den Teppich gekehrt werden", um sie dann "journalistisch sauber für die Öffentlichkeit aufzubereiten" (Altpapier). Das Vorhaben laufe bisher eher schleppend, berichtet Wittrock:

"Noch fehlen vier, fünf Leute für das Team, gibt Braun [Anm. Altpapier: Jürgen Braun, Zweiter Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion] zu. Auch die Räume passen noch nicht recht. Das wichtigste Parlamentsgebäude, das Jakob-Kaiser-Haus, ist schlicht nicht auf Arbeiten im Großraum und mit aufwendiger Studiotechnik eingerichtet. So belegt die AfD derzeit provisorisch unter anderem ein ehemaliges Kellerlager. Bislang ist man auch weit entfernt davon, regelmäßig aktuell produzierte eigenständige Inhalte zu liefern – jüngst mehrten sich gar kritische Stimmen von Abgeordneten, das Projekt komme gar nicht recht ans Laufen."

Mit dem Fahrrad in die Grauzone

In dem Artikel tritt auch Carline Mohr als O-Ton-Geberin auf, die seit einigen Monaten den SPD-Mediendienst bzw. "Newsroom" leitet. Sie wolle die Kommunikationsarbeit der Partei "konsequent ins Digitale (...) verlängern". Beim Begriff Newsroom gehe es lediglich um die Organisationsstruktur, darum, Botschaften nach Relevanz für die Partei zu sortieren und die Verbreitung über digitale Kanäle zu organisieren.

"'Wer meint, er könne als Partei etwas produzieren, was aussieht wie Nachrichten, der verfolgt die schlechteste Idee aller Zeiten.' Schließlich gehe es darum, neues Vertrauen aufzubauen – und da helfe es sicherlich nicht, die eigene Meinung als alleinige Wahrheit zu verkaufen. 'Es kann auch niemals darum gehen, an der Presse vorbei zu kommunizieren oder zum Herrscher über die eigenen Botschaften zu werden. Das ist ein autoritäres Verständnis von politischer Kommunikation und verstößt gegen fundamentale demokratische Werte'

kritisiert damit so direkt-indirekt wie möglich Annegret Kramp-Karrenbauer. Die CDU-Frontfrau hatte sich ja im März damit gebrüstet, bei einem Werkstattgespräch keine Presse zugelassen und nur einen Livestream angeboten zu haben. Künftig wolle die Partei häufiger "Herr über die Bilder" sein und die Nachrichten selbst produzieren.

Wittrock sieht die Aktivitäten von Parteien in sozialen Medien grundsätzlich nicht negativ und warnt vor Schwarzmalerei auf Seiten der Journalist:innen:

"Nun gehört in der Tat schon eine Mischung aus viel Pessimismus und ein wenig Naivität dazu, anzunehmen, man könne als Journalist den eigenen Job allein deshalb nicht mehr machen, weil andere ihre Botschaften auch ungefiltert verbreiten. Das ist nicht nur deren gutes Recht, sondern verschafft möglicherweise ja sogar neue Anlässe zu Recherchen oder Nachfragen."

Grundsätzlich ist es das sicherlich. Bei dem Thema dürfen Journalist:innen aber nicht nur auf Befürchtungen vor einem eigenen Bedeutungsverlust schielen, sondern müssen auch ganz pragmatisch auf die konkrete Umsetzung und Finanzierung der Newsrooms und ihrer Aktivitäten schauen. Welche Inhalte werden mit welchen Mitteln produziert? Das Verkehrsministerium hat z.B. seit 2018 als erstes Ministerium ein eigenes "Neuigkeitenzimmer" (Link zum Twitter-Account) eingerichtet.

Bei einem Minsterium könnte der Knackpunkt allerdings sein, dass Behörden und Ämter gesetzlich verpflichtet sind, sachorientiert, überprüfbar faktentreu und mit fachlicher Ausrichtung zu informieren. Schließlich werden sie durch Steuergelder finanziert. Sobald Ministerien also verstärkt auf Storytelling setzen sollten und schöne Geschichten über nette LKW-Fahrerinnen drüben bei Insta hochladen, wo Verkehrsminister Andreas Scheuer sich auch gerne als Fahrradminister verkauft, dürfte man teilweise in eine Grauzone radeln. Die Grenzen zwischen Information und Inszenierung sind zumindest fließend.

Das Dilemma der Empörungsoperette

Die Grenzen zwischen sachlicher Kritik und Morddrohungen sind hingegen deutlich klarer. Bei entsprechenden Einschüchterungsversuchen gegen den "Monitor"-Redaktionsleiter und "Tagesthemen"-Kommentator Georg Restle (Link zum Altpapier) war auch zu Beginn der Woche schon naheliegend, dass sie aus rechter Ecke kommen.

Der WDR hat mittlerweile bestätigt, dass in dem Schreiben auch ein Kontext zum Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hergestellt wurde (Tagesspiegel). Der WDR hatte ja bereits Anzeige gegen Unbekannt gestellt. Auch die Redakteure von ARD, ZDF und Deutschlandradio haben sich dem DLF zufolge nochmal hinter Restle gestellt. Man sei bestürzt über die Morddrohung, es sei "ein abscheulicher Angriff" nicht nur auf Restle, sondern auch auf die Presse- und Meinungsfreiheit.

Nicht nur Drohungen, sondern Schüsse gab es am Montag im hessischen Wächtersbach, als ein 26-jähriger Eritreer angeschossen und schwer verletzt wurde (Altpapier). Als mutmaßliches Motiv gilt bisher Rassismus. In ihrer Zeit-Kolumne ärgert sich Mely Kiyak über die zurückhaltende Berichterstattung über den Angriff, der neben Boris Johnson, der Abwesenheit von Schweinefleisch in zwei Kitas (nochmal Altpapier gestern) und dem Gesundheitszustand der Großen Koalition nur als "normale Meldung" vorkam, "irgendwo in der Mitte. Nach den Sextipps für Senioren." (Die Kolumne wurde ironischerweise Opfer des Empfehlungssystems von Zeit Online: Am Ende des Textes wurde zwischenzeitlich mal ein Stück über Tipps für Analsex angezeigt.)

In der Kolumne arbeitet Kiyak sich an dem Dilemma ab, in dem sie sich als politische Kolumnistin Woche für Woche sieht: Attacken auf Migranten, deren Nachfahren, Flüchtlinge, schwarze oder jüdische Deutsche oder auf Roma seien "aufgrund ihrer Anzahl nicht mehr nur Einzeltat, sondern Gemeinschaftstat". In der Berichterstattung und der Gewichtung der Nachrichten schlage sich das aber nicht angemessen nieder.

"Wie also reagieren? Man will ja schließlich nicht Twitter imitieren. Auf der anderen Seite. Wenn es Twitter nicht gäbe, würde das Ausmaß des rassistischen Terrors fast im Schweigen untergehen. Würde man in den Zeitungen jeden rechtsradikalen Vorfall gründlich nachrecherchieren und aufschreiben, wäre da kaum mehr Kapazität für etwas anderes. (…)

Wie also kommentieren? Man kann doch nicht jede Woche den gleichen Befund stellen. Man will unbedingt nicht Teil dieser Empörungsoperette werden. Aber ignorieren kann man die Todesopfer doch auch nicht. Dann würden die ersten vier Artikel wirklich nur noch vom Brexit und vom Waldbrand handeln. Kann man diese Sehnsucht nach einem reinen, weißen Deutschland mit einem starken Führer einfach so stehen lassen? Wie soll man den angeschossenen Eritreer, für dessen Namen es keinen Platz in der deutschen Zeitung gibt, der kein Recht auf ein eigenes Gesicht, eine Vita bekommt, der schon morgen keine Rolle mehr spielen wird, so stehen lassen?"

Eine abschließende Antwort darauf formuliert sie zwar nicht, mit ihrer Kolumne gibt sie aber trotzdem eine: Zeigen, dass es eben keine Einzelfälle sind, auf schiefe Gewichtungen hinweisen und das eigene Dilemma beschreiben.

People for Pressefreiheit

Zum Schluss noch ein kurzer Reminder und ein Motivationsschub für den heutigen Arbeitstag: Für Deutschlandfunks Medienmagazin "@mediasres" hat Michael Borgers mit Christoph Dreyer von Reporter ohne Grenzen gesprochen. Er erinnert daran, dass die Mehrheit natürlich eine andere ist, als das vorhin erwähnte laute, aufmerksamkeitsträchtige, rassistische oder pressefeindliche Geschrei:

"Es gibt in der Bevölkerung immer ein Streben nach Pressefreiheit. Wenn wir uns die Demokratiebewegungen der vergangenen Jahre anschauen, beispielsweise Ägypten, Iran oder Sudan, spielt immer die Forderung nach Pressefreiheit eine große Rolle. In Ländern, die besonders autoritär regiert werden, ist die Unterdrückung der Pressefreiheit ein Teil des Unterdrückungsinstrumentariums. Das wissen die Menschen sehr gut, und deshalb kämpfen sie auch dagegen an, wenn man sie lässt."

Altpapierkorb (Manipulation bei RTL, Ungereimtheiten beim Spiegel, Höcker-Zitat beim RBB, Snapchat vs. Instagram)

+++ Bei RTL sind 14 weitere Fälle von Manipulation aufgefallen, berichtet u.a. der Kölner Stadtanzeiger.  Die Beiträge wurden vor allem für "Punkt 12" produziert, erklärt RTL in eigener Sache. Man habe nun die Prozesse von Bestellung und Abnahme der Beiträge überarbeitet. Genauere Infos gibt es zu den Lücken und wie die nun geschlossen werden sollen allerdings erstmal nicht. Und auf der FAZ-Medienseite heißt es zu den vor sechs Wochen bekanntgewordenen Manipulationen des ehemaligen Mitarbeiters: "Er manipulierte die Dauer von Experimenten im Selbstversuch, überredete Protagonisten zu Behauptungen und gab mit Protagonisten gedrehte Szenen vorsätzlich als verfremdete Szenen aus. Zudem nutzte er Archivbilder zur Unterstützung seiner Reportagen, ohne sie als solche zu kennzeichnen."

+++ Bei Übermedien (teils €) berichtet Stefan Niggemeier über eine "mutmaßliche Lüge" im Spiegel. In einer Geschichte über Schiebung bei verschiedenen Spielen der Fußball WM der Männer 2014 in Brasilien gebe es verschiedene Ungereimtheiten. Niggemeier hat verschiedene Belege gesammelt, die gegen die in der Spiegel-Geschichte aufgestellten Behauptungen sprechen und kritisiert Pläne, ihren Autor Rafael Buschmann zum Chef des Investigativ-Teams zu befördern.

+++ Der Medienanwalt Ralf Höcker hat laut Meedia eine einstweilige Verfügung gegen den RBB erwirkt. In einem Beitrag hatte das Magazin "Kontraste" über eine vermeintliche Nähe der Werte Union zur AfD berichtet und gab eine Aussage Höckers in einem verkürzten Zitat wieder. Der Anwalt und Pressesprecher der WU kritisierte eine sinnentstellende Wiedergabe und forderte eine vollständige Veröffentlichung des Zitats.

+++ Über die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (agma) und deren Zahlen zu den Entwicklungen auf dem deutschen Zeitungsmarkt berichtet dwdl.de.

+++ Michael Herl sinniert bei der Frankfurter Rundschau über die Einstellung von HR2-Kultur. Dabei bekommt auch der MDR (bei dem das Altpapier ja erscheint) einen Klaps in den Nacken: "Eigentlich wundert mich ja schon lange nichts mehr, vor allem nicht beim Hessischen Rundfunk. Der ficht seit Jahren mit dem Mitteldeutschen Rundfunk einen Zweikampf um den ersten Platz in der Trivialitätsskala aus, scheint nun aber das Rennen zu machen. Plant er doch, seine letzte Existenzberechtigung auch noch einzustampfen, den Radiosender HR 2, der sich durch eine wohltuende Wort- und Kulturlastigkeit auszeichnet."

+++ Auf der FAZ-Medienseite und in der FR werfen Frank Lübberding und Tilmann P. Gangloff einen Blick auf den heutigen Themenabend bei ZDFinfo zu Rechtspopulismus in den östlichen Bundesländern. "Beide Dokumentationen bieten eine sehenswerte Perspektive auf die Lage einer Republik, die mit einem erstarkenden Rechtspopulismus lebt und gleichzeitig einen rechtsextrem motivierten Terrorismus zu bekämpfen hat", lobt ersterer. Und Gangloff schreibt über "Sachsen zwischen Mauerfall und Rechtspopulismus": "Bärsch hat nicht nur Stimmen und Stimmungen gesammelt, sondern auch Daten und Fakten, mit denen er belegen will, warum sich viele Menschen in den schon längst nicht mehr neuen Bundesländern immer noch als 'Deutsche zweiter Klasse' fühlen."

+++ Macht Snapchat in Sachen Mediennutzung evtl. doch bald Instagram Konkurrenz, fragt Tobias Weidemann bei t3n.

+++ Die neue Facebook-Währung Libra gibt’s zwar noch gar nicht, Betrug damit aber schon, berichtet SpOn.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Freitag.