Das Altpapier am 26. August 2019: Fusionieren, nein danke
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 26. August 2019 Fusionieren, nein danke

Der erste einzelne Youtuber hat 100 Millionen Abonnenten. Das Spiegel-Cover sorgt für Grummeln und Gegengrummeln. “Wirklichkeitsverpuffung“ auf der Gamescom. Eine Theorie der digitalen Gesellschaft. Ein ZDF-Mann lehnt eine Mediathekenfusion von ARD und ZDF ab. Und der MDR-Film “Chemnitz – Ein Jahr danach“ in der Kritik. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Das Altpapier am 26. August 2019: Fusionieren, nein danke
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Medienthemen gibt’s, mit freundlichen Grüßen an Herrn Rezo, an denen kommen weder FAZ noch gala.de vorbei: PewDiePie alias Felix Kjellberg beziehungsweise umgekehrt hat als erste Einzelperson die 100-Millionen-Abonnenten-Marke durchbrochen. “Zum Vergleich: Der deutsche Youtuber Rezo, der mit seiner Kritik an der CDU und den Medien zuletzt von sich reden machte, kommt aktuell auf etwas über eine Million Abonnenten auf Youtube“ (Tagesspiegel).

Zahlen funktionieren wohl einfach ziemlich gut als Relevanzindikator. Vor allem wenn sie groß sind. Wie groß und relevant der Marktplatz ist, auf dem der Herr PewDiPie allen anderen gerade davonzog, davon können Gala und FAZ allerdings zwei unterschiedliche Lieder singen.

gala.de belässt es hierbei: “PewDiePie ist ein sogenannter YouTube-Gamer. Er filmt sich beim Spielen von Videospielen und kommentiert den Spielverlauf. Schätzungen zufolge verdient er damit rund 13 Millionen Euro im Jahr. Sein Vermögen soll sich auf 26 Millionen Euro belaufen.“

Während die FAZ auf ihren Unternehmensseiten ein wenig mehr Distanz zurücklegt und auch die freundliche Erwähnung des Felix Kjellberg durch den mutmaßlichen Attentäter von Christchurch im Programm hat:

“Zwar lässt sich kein direkter Zusammenhang zwischen Pewdiepie und dem Attentäter oder rechtsextremen Terror im Allgemeinen herstellen. Doch der Youtuber ist in der Vergangenheit schon mehrfach mit rassistischen und teilweise antisemitischen Anspielungen aufgefallen. Infolge kritischer Berichterstattung distanzierte sich Kjellberg immer wieder davon.“

Die Gamescom ist Medienseitenmaterial

Ist eine solche kritische Kontexterwähnung in der FAZ nun aber schon die Medienkritik, die Rezo kürzlich von den Printmedien verlangt hat (Altpapier), als er sie bat, öfter mal gegen die “Assi-Printmedien“ zu “ranten“? Wohl eher nicht. Erstens ist es kein Rant. Zweitens ist PewDiPie kein Printmedium, nicht einmal ein Assi-Printmedium.

Wie sieht es aber überhaupt mit Printmedienkritik in Printmedien aus? Prinzipiell kann man den FAZ-Redaktionen nicht vorwerfen, sie vernachlässigten sie kategorisch, auch wenn sie sich noch lieber als mit Print mit dem Fernsehen beschäftigt. Aber an diesem, dem zurückliegenden Wochenende kann man nach Printmedienkritik in Printmedien lange suchen. Nicht nur bei der FAZ.

In der FAS hat Harald Staun in der häufig auch printmedienkritischen Kolumne “Die lieben Kollegen“ einen kleinen Hinweis parat, was Teil des Problems sein könnte: “Ein Ressort für Medienkritik in der Zeitung: Das ist natürlich eine phantastische Idee. Wir würden sofort damit anfangen; wenn es nur jemand lesen würde.“

Ach so ist das!, sagt da der Altpapier-Blogger und kratzt sich nachdenklich am Kopf. Zur allgemeinen Erheiterung einfach noch einmal die Zahl vom Anfang: 100 Millionen Abonnenten eines Game-Youtubers.

Was anderes: Die FAS beschäftigte sich am Wochenende auf der Medienseite in zwei längeren Texten übrigens mit der: Gamesbranche. Anlass dafür war die Computerspielmesse Gamescom in Köln. Wobei sich speziell die FAS mit ihrem vergleichsweise weiten Medienbegriff auch sonst immer wieder einmal Videospielen widmet. Die Texte darüber scheint, im Gegensatz zu printmedienkritischen, wohl jemand zu lesen. Die Games-Berichterstattung dort ist durchaus wohlwollend: “Videospiele werden in Deutschland noch immer kulturkritisch eher als Gefahr gesehen und nicht als Chance. Dabei können sie Themen vermitteln wie kein anderes Medium. Können Empathie anregen wie in einem ‚Sea of Solitude‘ oder fiktive Geschichte spielbar machen wie in einem ‚All Walls Must Fall‘.“

Über die Gamescom hat freilich, neben anderen wie dem WDR-Blog “Digitalistan“ oder dem Gesellschaftsteil der Samstags-SZ, auch schon die Frankfurter Allgemeine Werktagszeitung am Freitag auf der Medienseite berichtet. Und dabei ein Wort geschöpft, das in keinem aktiven Wortschatz fehlen sollte: “Wirklichkeitsverpuffung“ – sie ereigne sich, “sobald man nur endlich einen der Rechner erreicht hat, auf dem neue Videospiele ausprobiert werden dürfen“: “Zwei Sekunden, und der monströse Lärm in den Hallen ist vollkommen egal.“ Die geräumige Nische der Games-Interessierten wird jedenfalls mittlerweile wahr- und ernstgenommen.

So isser, der Twitter: über das Spiegel-Cover

Printmedienkritik gab es am Wochenende trotzdem. Die stand aber vor allem bei Twitter. Neuer Stoff musste her nach der sehr brisanten Causa Luke Mockridge, die am vergangenen Wochenende mit einer Hand unter der Achsel über deutsche Wohnstuben hereingebrochen war. Sie hat einigen Kolumnistinnen und Kolumnisten dieser Tage ganz gut geholfen, die Themensuche zu bewältigen. (Selbstironisch winkt an dieser Stelle, huhu, das Altpapier vom vergangenen Montag.) Und Ausläufer fanden sich auch noch in Wochenrückblicksglossen und Medien-Podcasts von z.B. Welt/Meedia und Zeit Online. Nun aber scheint der Fall für den Anfang dann doch abgearbeitet.

Leicht hitzige Züge hatte dafür nun etwa die Diskussion über das Spiegel-Cover (“So isser, der Ossi. Klischee und Wirklichkeit“ unter einem Foto des seit ziemlich genau einem Jahr politisch besetzten schwarz-rot-goldenen Sonnenhuts), die, vor allem am Samstag, bei Twitter stattfand. Denn so isser, der Twitterer: immer feste druff. Die einen befanden, es handle sich bei der Coverdarstellung um die Reproduktion eines ermüdenden Klischees und die unnütze Anfütterung des Wahns “einer kollektiven Ost-Identität“, der nach hinten losgehen könne und den Rechten  vor den anstehenden Landtagswahlen nutze. Die anderen meinten, das Titelbild sei “doch wirklich vollkommen offensichtlich ein Witz über diejenigen, die über 'den Ossi‘ 'als solchen‘ schwadronieren – und keiner über Ostdeutsche“.

Es war keineswegs eine unterkomplexe Diskussion. Im Gegenteil, sie lud zu Beschäftigung mit allerlei Dingen ein: mit positionalem Fundamentalismus ebenso wie mit der aus der Kommunikationswissenschaft bekannten Kultivierungsthese (“geht davon aus, dass Nachrichtenbilder zu Verzerrungseffekten in der Einschätzung realer Mengen führen“ … “Bilder prägen das Bild, das wir uns über Sachverhalte machen, und wenn wir immer wieder mit dem selben Bild konfrontiert werden, halten wir es für die Norm“, so Samira El Ouassil Ende Juli einmal bei Übermedien).

Eine kaum angreifbare Zusammenfassung der Diskussion gab es zu guter letzt aber auch: “Quintessenz aus einem Tag Twitter-Diskussionen: Das Cover wird offensichtlich sehr unterschiedlich gelesen.“

Eine Theorie der digitalen Gesellschaft

Direkt anschlussfähig an die Beobachtung der unterschiedlichen Lesarten – und damit weiter zum nächsten Thema: ein Satz von FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube aus der FAS: “Das Internet sagt (…), anders als Zeitungen, Bücher oder der Funk, nicht: 'So ist es‘ oder vorsichtiger 'So scheint es zu sein‘, sondern: 'So scheint es diesem Beobachter zu sein, hier aber ist schon der nächste‘.“

So fasst Kaube einen Gedanken des Soziologie-Professors Armin Nassehi zusammen, von dem dieser Tage eine “Theorie der digitalen Gesellschaft“ erscheint. Die entsprechenden Festspiele mit Kaubes Feuilletonaufmacher sowie einer dialogischen Umkreisung der Nassehi-Thesen in der Sendung “Breitband“ vom Deutschlandfunk Kultur haben also begonnen.

Allgemein, heißt es in der Textversion des Hörfunkgesprächs, beklage Nassehi, “dass die bisherige kritische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung zu kurz greife“. Als konkretes Beispiel angeführt wird die Datenschutzgrundverordnung. Nassehi wird hier mit einer recht präzisen Problembeschreibung zitiert:

“Die Datenschutzgrundverordnung ist eine rechtliche Form, die uns dazu bringt, wenn wir eine neue App einrichten oder wenn wir irgendwo gespeichert werden, zuzustimmen, dass wir dort gespeichert sind. Und schon haben wir eine rechtliche Form genau dafür, dass man eigentlich mit unseren Daten mehr machen kann, als wir eigentlich wissen können.“ Das rechtliche Problem sei damit gelöst, das technische aber nicht. Festzuhalten sei, dass “die rechtliche Regulierung dieser Geschichte noch keineswegs dazu führt, dass sich die Handlungen dazu prinzipiell verändern“.

Kurz, durch die DSGVO würden nicht weniger Daten gesammelt. Das eigentliche Problem bestehe also unverändert weiter…

Gegen eine Mediathekenfusion

Es gibt demnach noch Dinge zu lösen in der digitalen Gesellschaft. Und auch ein alter Tanker (womit fährt der eigentlich?) wie das ZDF macht sich so seine Gedanken, wie es weitergeht.

Einen Klassiker des Medienjournalismus hat der Tagesspiegel, der die medienpolitische Debatte mit Gastbeiträgen zur Reihe “Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ immer wieder auffrischt. Diesmal ist Eckart Gaddum an der Reihe, der Leiter der Hauptredaktion “Neue Medien“ im ZDF. Einige Selbstbeweihräucherungssätze muss man überlesen, was man aber hinkriegen kann. Dann steht da: “Die strategisch richtige Ausspielung von Inhalten ist neben der Attraktivität des Inhalts selbst zum zentralen Erfolgsfaktor auch des ZDF geworden.“

Es geht im Text um die Frage nach einer gemeinsamen öffentlich-rechtlichen Mediathek, und während Gaddum einer Komplettfusion eine Absage erteilt (der Vorschlag zeuge nämlich “von wenig Sachkenntnis“), kündigt er für ARD und ZDF an:

“Wir wollen einen vernetzten Raum nonlinearer Inhalte schaffen. Natürlich muss es bei der Pluralität und Konkurrenz öffentlich-rechtlicher Sender untereinander bleiben. Sie gehört unzweifelhaft zum Fundament unserer stabilen Medienordnung. Und dennoch sollen sich Nutzer möglichst bruchlos in diesem Netzwerk aus Qualitätsinhalten bewegen können. (…) Die Vorstellung eines durchlässigen öffentlich-rechtlichen Raums für nonlineare Inhalte ist ein ebenso nutzerfreundliches wie auch machbares Modell.“

Gemeint ist zum Beispiel: Wer den “Tatort“ im ZDF suche, soll in einem “ersten Schritt“ etwa direkt zur zuständigen ARD-Mediathek weitergeleitet werden.

Man könnte sich als Zuschauer theoretisch auch schon im ersten Schritt direkt noch mehr vorstellen als das. Aber hier auch noch eines von Gaddums Argumenten gegen eine Mediathekenfusion: “Das Netzwerkmodell bietet demgegenüber große Chancen. Kein Staatsvertrag muss dafür geändert (…) werden.“

Hieße das etwa…? Ja, das hieße wohl, es könnte noch zu unseren Lebzeiten etwas geschehen.


Altpapierkorb ( “Chemnitz – Ein Jahr danach“, Abschied vom SWR, Big Brother und Nachwuchsprobleme der Lokalzeitungen )

+++ Heute läuft die MDR-Doku “Chemnitz – Ein Jahr danach“ in der ARD (22.45 Uhr), die eine Vorgeschichte hat (siehe, nur zum Beispiel, dieses Altpapier). Der Tagesspiegel hat einiges und für meine Begriffe auch Gewichtiges auszusetzen – am Film wie am MDR (bei dem diese Kolumne erscheint): “Das muss man auch erst mal schaffen: eine Dokumentation über die Ausschreitungen von Chemnitz und deren Folgen zu drehen, ohne ein einziges Mal das Wort Rassismus zu verwenden. (…) Es wäre so leicht gewesen, (den Rechtsextremisten Arthur; AP) Österle durch ein paar Filmaufnahmen der Lüge zu überführen. Der MDR tut es nicht. (…) (Es) fällt auf, dass es immer wieder der MDR ist, der sich im Umgang mit Rechts zumindest ungeschickt anstellt und dafür in der Öffentlichkeit, aber auch ARD-intern heftige Kritik einstecken muss.“

Die gedruckte FAZ kritisiert anderes an dem “sehenswerten“ Film: “Die Protagonisten, darunter ein Unternehmer, eine Aktivistin der Grünen Jugend, ein Gastwirt, zwei Polizisten, eine ausländische Professorin, ein AfD-Mitglied und eine syrische Familie, zeigen ein vielfältiges Bild, doch fehlen leider Vertreter der älteren bürgerlichen Mitte, die der im Film zitierten Statistik zufolge doch das Gros der Stadt ausmachen.“
Die FAZ war auch bei der Premiere und der anschließenden Debatte.

+++ “Peter Boudgoust empfängt ohne Sakko und Krawatte“: Die Montags-SZ trifft noch einmal den scheidenden SWR-Intendanten.

+++ “Promi Big Brother“ ist zu Ende, und während die einen besprechend resümieren (SpOn), heben andere (die SZ vom Samstag) aus gegebenem Anlass ganz auf einen medienethischen Aspekt ab: die Abschottung der Insassen vor der Außenwelt – und wo sie Grenzen haben müsste.

+++ Die FAS (Politikteil) hinterfragt, warum die Kirchen standardmäßig in Rundfunkräten vertreten seien, islamische Vertreter aber nicht (“der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird über den Gebührenzahler finanziert. Und der ist immer seltener zugleich Kirchenmitglied“).

+++ Über Nachwuchsprobleme der Lokalzeitungen schreibt die taz und zitiert etwa Sven Szalewa von der Deutschen Journalistenschule: “Die DJS sieht einen gespaltenen Arbeitsmarkt im Journalismus. Renommierte Blätter wie etwa die Süddeutsche Zeitung, der Spiegel oder auch die deutlich kleinere taz sowie die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben weiterhin keine Probleme, Nachwuchs zu finden. ‚Aber die Regionalzeitungen in Bayern können meines Wissens ihre Plätze kaum füllen‘, sagt Szalewa.“

+++ Der Spiegel (€) bespricht die ZDF-Dokufiktion “Stunden der Entscheidung“ und findet, es sei ein Verdienst, “dass sie mit Mohammad Zatareih einen der Männer, die diesen Marsch organisierten, ins Zentrum rückt – es war eben kein biblischer Exodus, der sich am 4. September 2015 in Richtung deutsche Grenze bewegte, auch wenn es so wirken konnte. Sondern es waren entschlossene Menschen, Individuen, die einer verzweifelten Situation entkommen wollten. Und dies mit Mut und Disziplin auch schafften.“

++++ Und was machen die Talkshows? Der Freitag hat ihnen den aktuellen Titel gewidmet. Frei verfügbar ist bislang das Interview mit Talkshowkritiker Oliver Weber.

Transparenzhinweis: Ich arbeite frei für Spiegel Online.

Neues Altpapier kommt am Dienstag.

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Zuletzt aktualisiert: 26. August 2019, 11:48 Uhr