Das Altpapier am 15. August 2019 Einheizer mit angebundenem Arm

Journalisten und Politiker kritisieren den MDR weiterhin dafür, dass er einen Neonazi zu einer Diskussion eingeladen hat. Außerdem: super Bremer BAMF-Filiale; Kritik an "Kacheln". Ein Altpapier von René Martens.

Teaserbild: Das Altpapier zum Donnerstag. Ausgerissene Buchstaben "Das Altpapier" auf geknülltem Papier
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Es sei ein Irrtum zu glauben, "dass ausgewogener Journalismus bedeutet", man müsse "allen Meinungen Raum" geben "egal wie menschenfeindlich oder faktenfern sie sind", hat im vergangenen Sommer die österreichische Buchautorin Ingrid Brodnig gesagt. Einige Wochen später kritisierte der Nobelpreisträger Paul Krugman in der New York Times die Neigung von Journalisten, ungeheuerliche Behauptungen oder Verhaltensweisen eines Politikers auf eine Stufe zu stellen mit den moderaten Äußerungen seiner Gegner. "Bothsideism", so Krugman, sei "die letzte Zuflucht der Feiglinge".

Aktuell gibt es zwei Fälle, die einem die Richtigkeit dieser Positionen vor Augen führen: Kommen wir zunächst zu einem aktuellen Studienergebnis aus den USA, veröffentlicht in der Zeitschrift Nature Communications:

"Die sogenannten Klimaleugner – und damit sind Menschen gemeint, die an der Tatsache zweifeln, dass der Mensch im Zuge der Industrialisierung durch Emissionen an Treibhausgasen aus Fabriken, Verkehr und Landwirtschaft maßgeblich und nachweislich das Klima auf der ganzen Erde auf gefährliche Weise verändert – hätten sich 'zu einer lauten Stimme innerhalb von Politik und Wissenschaftskommunikation' entwickelt",

fasst Zeit Online den Artikel der US-Zeitschrift zusammen. Um ins Detail zu gehen:

"Die Studie ergab, dass diese Skeptiker des Klimawandels selbst in seriösen Medien wie der New York Times oder dem britischen Guardian öfter zitiert wurden als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die 'unverhältnismäßige Sichtbarkeit skeptischer Argumentationen und ihrer Akteure in den Medien' verdrehe 'die tatsächliche Verteilung von Expertenmeinungen' zu den Ursachen des Klimawandels, kritisierten die Studienautoren."

Fazit: Verrückte oder Personen, die aus strategischen Gründen die Rolle des Verrückten spielen sind als "Experten" stärker präsent als Personen, die nicht verrückt sind oder kein Interesse daran haben, die Rolle des Verrückten zu spielen.

Eine Gewissensfrage

Wer jetzt meint, sie/er könne sich für den Rest des Tages ins Bett legen und die Bettdecke über den Kopf ziehen, sollte aber noch kurz warten und das Missstimmungsfutter mitnehmen, das uns unser MDR derzeit liefert.

Der will bekanntlich unter anderem mit dem Rechtsextremisten Arthur Oesterle auf einer Podiumsdiskussion über einen Film diskutieren, in dem er, Oesterle, selbst vorkommt (siehe Altpapier von Mittwoch).

Eine der anderen Eingeladenen, Margarete Rödel von der Grünen Jugend Sachsen, hat bereits abgesagt [Update, 14:40 Uhr: Und inzwischen auch die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig, SPD]. Rödel:

"Mir war bei der Zusage an den MDR nicht klar, dass es sich bei Arthur Oesterle um einen eingefleischten Neonazi handelt."

Der MDR wusste sehr wohl um diese Eingefleischtheit, denn er hat über Oesterle bereits vor einem Jahr berichtet in einer 30-minütigen Reportage für die Reihe "Exakt Die Story" unter dem Titel "Ist das noch meine Stadt?"

Die MDR-Pressestelle argumentiert bei Twitter unter anderem folgendermaßen:

"Zu MDR-Previews werden vor allem Protagonisten eingeladen, die die gesamte Bandbreite des Films widerspiegeln, um dem Publikum einen unmittelbaren Eindruck zu vermitteln und den Austausch zu ermöglichen."

Auch hier haben wir es (siehe den heutigen Kolumnen-Einstieg) mit dem Problem der falschen Gewichtung unterschiedlich zu gewichtender Positionen zu tun. Und abgesehen davon, dass ein Mensch, der einen Verstand hat und ein Gewissen, sich nicht mit einem "eingefleischten Neonazi" (Diskussions-Absagerin Rödel) "austauscht": Ich habe schon so manche Diskussionen zu Dokumentarfilmen, Dokumentationen und Reportagen miterlebt, und spontan würde ich sagen, dass dort nie sämtliche Protagonisten eines Films eingeladen waren, sondern immer nur eine Auswahl, manchmal auch nur eine Person. Was bringt eine Diskussion, die allzu vieles, was im Film gesagt wurde, noch einmal wiederholt?

Arnd Henze aus dem ARD-Hauptstadtbüro twittert in Richtung MDR-Pressestelle:

"In dieser Logik würde der MDR also bei einem Film über die NSU-Morde Beate Zschäpe aufs Podium einladen? Der Rundfunkstaatsvertrag fordert vom MDR, für die Menschenwürde und die freiheitlichen Werte der Verfassung einzutreten – und keinen 'Austausch' mit deren Verächtern."

Zitiert hat’s Die Welt. Sarah Ulrich hat für die taz mit dem freien Journalisten und Rechtsextremismusexperten Tim Mönch gesprochen:

"Mönch hat Oesterle auf den Chemnitzer Aufmärschen beobachtet. (Er) sagt, Oesterle habe bei den Aufmärschen in Chemnitz als Ordner von Pro Chemnitz eine führende Rolle übernommen. 'Sein Wort hatte auf den Demonstrationen starkes Gewicht', sagt Mönch."

Die bereits zitierte Welt greift auch einen Ausruf Georg Restles Richtung MDR auf:

 "Geht‘s noch? Das könnt ihr doch nicht ernsthaft durchziehen wollen!"

Nun sagt "Monitor"-Chef Restle das vielleicht auch deshalb, weil in seiner Sendung im September vergangenen Jahres unter dem Titel "Schulterschluss mit Rechtsextremen: die neue Strategie der AfD" ein Beitrag lief, in dem Oesterle zu sehen ist, und zwar wie er als "Einheizer" ("Monitor") bei der in der taz-Passage beschriebenen Demo in Chemnitz seinen Gesinnungsgenossen rät:

"Meinetwegen bindet euch den rechten Arm an. Wir sind heute hier als Volk und nicht als politische Gesinnung."

Dieses Zitat greift Restle nun noch mal in einem Tweet auf. Sich in bestimmten Situationen aus taktischen Gründen den rechten Arm anbinden das ist ja ohnehin eine beliebte Strategie der Rechtsextremisten.

Die Leipziger Internet-Zeitung zitiert aus einem unter anderem vom Jüdischen Forum für Demokratie und Antisemitismus (siehe das eben verlinkte Altpapier von gestern) per Tweet verbreiteten Kurzvideo die eigenwillige Auffassung zur Pressefreiheit, die Oesterle als "Ordner" bei der Demonstration in Chemnitz performte (man muss das Video übrigens anklicken, um zu sehen, dass es sich hier beinahe schon um rechtsextremistisches Overacting handelt):

"Meine Damen und Herren von der Presse. Es gibt zwei Möglichkeiten. Erste Möglichkeit ist gemeinsam mit Ihnen. Zweite Möglichkeit ist ohne Sie."

Ob Journalisten von einem Aufmarsch berichten "dürfen" oder nicht das haben allerdings nicht "Ordner" oder "Einheizer" zu entscheiden, zumindest noch nicht.

Im vergangenen Jahr hat übrigens das Sachsenradio des MDR eine Diskussion absetzen müssen. Die Kolleg*innen dort hatten geglaubt, man müsse mal darüber reden, ob man das N-Wort noch aussprechen dürfe. Nachdem es in erster Linie auf Twitter massive Proteste gegeben hatte, ließen sie’s dann aber bleiben (siehe Altpapier).

Eine etwas andere einladungspolitische Frage greift heute die FAZ (Blendle-Link) auf ihrer Medienseite auf: Weil eine Gruppierung, die sich den Namen "BVB/Freie Wähler" gegeben hat, nicht zur "Wahlarena" des RBB am 20. August eingeladen ist, ist diese vor das Verwaltungsgericht Berlin gezogen und hat dort zumindest einen Teilerfolg errungen. Der RBB, zitiert die FAZ unter Bezug auf das Urteil, müsse nun "ein schlüssiges und nachvollziehbares Konzept mit tragfähigen Differenzierungskriterien für die Einladung zur 'Wahlarena' vorstellen und auf dessen Basis bis Freitag neu entscheiden". Der RBB hatte die Nicht-Einladung bisher damit begründet, dass es nicht wahrscheinlich sei, dass "BVB/Freie Wähler" über fünf Prozent komme.

Aktuelles Update in Sachen BAMF

Weil es in Deutschland viele Journalisten gibt, die besessen sind von einem Jagdinstinkt auf Menschen, die irgendwas mit "Asylbetrug" im weiteren Sinne zu tun haben könnten (jüngstes Beispiel: der von Springer zum Abschuss freigegebene Fußballer Bakery Jatta), ist im Laufe des vergangenen Jahres der BAMF-Medienskandal entstanden (siehe u.a. dieses, dieses, dieses und dieses Altpapier). In der Zeit liefert Martin Klingst nun ein Update zu der Frage, was nach derzeitigem Stand von den Vorwürfen gegen die Hauptbeschuldigten Bestand hat:

"Was vor einem guten Jahr als riesiger bundesweiter Asylskandal begann und die Republik erschütterte, fällt in sich zusammen, je länger und genauer die Justiz ermittelt (…) Im Gegenteil, die Hauptbeschuldigten haben rechtmäßig gehandelt. Das jedenfalls haben ihnen die Verwaltungsgerichte Hannover und Minden inzwischen mehrfach bescheinigt, die Urteile liegen der Zeit vor."

Konkret bedeutet das, dass "die Zentrale in Nürnberg" von "18.000 positiven Asylbescheiden" der Bremer BAMF-Filiale "lediglich 28 positive Asylbescheide zurückgenommen und korrigiert" hat. Ein Fazit Klingsts lautet:

"Damit hat die Bremer Filiale weit besser gearbeitet als viele andere Außenstellen."

"Kacheljournalismus"

Das Medienmagazin "Zapp" beschäftigt sich in einem Beitrag seiner ersten Ausgabe nach der Sommerpause mit den in Social-Media-Abteilungen von Redaktionen sehr beliebten "Kacheln mit maximal verkürztem Text" bzw. dem allgemeinen Hang zur Aussagen-Verkürzung unter anderem anhand des Falls Linnemann (Altpapier von Montag).

In der Textfassung des "Zapp"-Beitrags findet sich das zentrale Argument gegen Kacheln, es wurde bereits in einem NDR-Info-Beitrag im Herbst 2018 erwähnt und stammt von Martin Hoffmann (heute T-Online):

"Das Problem mit diesen 'Zitat-Kacheln' ist letztendlich, dass wir Journalisten da einfach eine Botschaft weitergeben, ohne ihr irgendwie einen Rahmen zu geben, also ohne sie einzuordnen."

Ich würde das noch zuspitzen: Das unkommentierte Weiterverbreiten von Politiker-Statements auch betrieben beispielsweise von der "Tagesschau"; ein Verantwortlicher kommt in dem "Zapp"-Beitrag zu Wort ist eher kein Journalismus, sondern letztlich ungefilterte Politiker-PR. Auch wenn der Gedanke utopisch ist: Wenn Redaktionen ihre Social-Media-Accounts nicht als Zitat- bzw. Fremdcontent-Schleudermaschine verstehen würden, wäre das zumindest ein kleiner Fortschritt.


Altpapierkorb (Morddrohungen gegen Journalisten, Neues Hamburger Polizeigesetz, Robert Lembke, Joachim Dorfs, Sea-Watch, Bezahlfernseh-Fußball)

+++ Der Zeit-Autor Christian Fuchs hat nach Veröffentlichung seines Buches "Das Netzwerk der Neuen Rechten" Morddrohungen bekommen. Das berichtet "Zapp" in einem weiteren Beitrag der eben bereits erwähnten Sendung. Fuchs: "Es gab 2017 mehrere Vorfälle, die gegen mich gerichtet waren, Angriffe auch gegen meine Familie. Daraufhin hat sich die Polizei auch von sich aus bei mir gemeldet, der Staatsschutz hat mich zu einem Gespräch gebeten, dann wurden die Dinge aufgenommen und ermittelt, ich habe keine Information, wie es weitergegangen ist, aber aus Sicht der Sicherheitsbehörden war die Bedrohung wohl so massiv, dass die das Gefühl hatten, mich schützen zu müssen." Auch andere Journalisten, die Morddrohungen erhalten haben (siehe dazu etwa dieses Altpapier), kommen zu Wort.

+++ Unzulänglichkeiten in der Berichterstattung über das neue Hamburger Polizeigesetz hat Marie Bröckling (netzpolitik.org) bei der taz, der Welt und dem NDR ausgemacht.

+++ Linda Benedikt, die Enkelin des jüdischen "Was bin ich?"-Moderators Robert Lembke, der die NS-Zeit "in diversen Verstecken überlebt" hatte, fragt sich in einer "10 vor 8"-Kolumne für Zeit Online: "Was muss das für eine herzzersplitternde Traurigkeit gewesen sein? Und was für eine Unerträglichkeit, mit den Menschen, die ihm ans Leben wollten und seiner Familie ans Leben gegangen ist, post 1945 zusammengearbeitet zu haben? Was ging ihm durch den Kopf, wenn er bei ehemaligen Parteigenossen Semmeln kaufte, ein ehemaliger SSler seine Tram-Bahnkarte abzwickte oder ein Portier ihn fröhlich mit 'Guten Morgen, Herr Lembke!' begrüßte, der wenige Jahre zuvor 'Kauft nicht bei Juden!' auf Schaufenster gepinselt hatte?"

+++ Darüber, dass Joachim Dorfs, der Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, also ein "Vertreter der Marktwirtschaft in ungetrübt neoliberaler Form" bzw. der "journalistische Kofferträger" der "schwäbischen Society", bald abgelöst werden könnte, spekuliert in der Kontext Wochenzeitung Josef-Otto Freudenreich, der einst Chefreporter bei der Stuttgarter Zeitung war.

+++ Für die in dieser Woche aus der Sommerpause zurückkehrende Medienkorrespondenz habe ich eine Nachkritik zu einer der wichtigsten politischen TV-Reportagen des Jahres geschrieben: "Die Reise der Sea-Watch", ausgestrahlt in der vergangenen Woche in der Reihe "Panorama – die Reporter" (und unter anderem Titel zuvor bereits bei "Strg_f" (siehe Altpapier)

+++ Ebenfalls in der Medienkorrespondenz: Weil kommendes Wochenende die 1. Liga in die neue Saison startet, blickt auf den Wettbewerb der Fußball-Pay-TV-Anbieter Sky und Dazn: "Die Konkurrenz zwischen den beiden Anbietern kann man auch daran erkennen, wie Sky seit dem 9. August sein neues Angebot der Live-Übertragungen von der englischen Premier League präsentiert; diese Rechte hatte Sky im Juni erworben und damit DAZN ausgestochen. Das Eröffnungsspiel der neuen Saison 2019/20 zwischen dem FC Liverpool und Norwich City übertrug Sky jedenfalls mit hohem Aufwand, als handelte es sich um ein äußerst wichtiges Spiel der Bundesliga. Die Chancen von DAZN bezogen auf die Bundesliga-Rechte, die die DFL im nächsten Jahr für die neue Periode vergeben will, dürften nicht schlecht stehen. Denn Sky Deutschland ist nach dem Erwerb seiner britischen Muttergesellschaft durch den US-amerikanischen Mediengiganten Comcast deutlich verunsichert. In der deutschen Sky-Zentrale trennte man sich schon von führenden Mitarbeitern, was auf Sparmaßnahmen und einen veränderten Kurs schließen lässt. Für Konkurrenten wie DAZN eine gute Ausgangslage. Doch auch für den Streaming-Anbieter DAZN, der gewiss noch keine schwarzen Zahlen schreibt und angesichts der Investitionen auch in den nächsten Jahren nicht schreiben wird, bedeutet der Erwerb der Bundesliga-Rechte nichts als eine Spekulation auf die Zukunft.

+++ Noch mehr Fußball: ein "gigantisches digitales Fußballportal" (Antje Allroggen, @mediasres), ist gerade gestartet, und zwar ein britischer Ableger von The Athletic (siehe Altpapier). Mit dabei: Raphael Honigstein, der früher für die SZ über englischen Fußball berichtet hat. Mit ihm hat Allroggen für das DLF-Medienmagazin gesprochen. Honigstein sagt, The Athletic sei "tiefgründiger", "reportagiger" und "ruhiger" als das, was von aktuellen fußballjournalistischen Angeboten gewohnt sei .

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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