Das Altpapier am 9. Januar 2020 In der Nachrichtenwertfalle

Facebook will Deepfakes löschen, aber US-Medien sind skeptisch: Wenn der Präsident manipulierte Videos hochlüde – dann würden sie bleiben. Über US-Medien in der Klemme und den deutschen Oma-Lied-Skandal aus der Fox-News-Schule. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 9. Januar 2020: Mark Zuckerberg mit Gittermaske einer Algorithmus-Abtastung, daneben ein Mark Zuckerberg in schwarz-weiß.
Bildrechte: IMAGO/IP3press / Collage: MDR Medien360G

Was ist denn jetzt los? Unternimmt Facebook etwas gegen gewisse Manipulationsprobleme, obwohl es "noch nicht zu spät ist", wie das WDR-Blog Digitalistan schreibt? Oder, wie es zu Beginn eines instruktiven Texts bei Wired formuliert ist: "Wait – did Facebook just address a problem before it became a colossal nightmare?" Es geht um Deepfakes, also "Videos, die durch elaborierte Techniken Dinge vortäuschen, die nie stattgefunden haben" (FAZ-Wirtschaftsteil). Am Montag teilte Facebook auf seinem offiziellen Blog mit, es werde gegen solche Videos vorgehen, sofern es nicht gerade Satirevideos seien.

Wie kommt es aber, dass das Unternehmen diesmal rechtzeitig zu handeln scheint? Erklärung eins: Es wird schlichtweg seiner Verantwortung gerecht. Denn "dieses Jahr wird in den USA gewählt – und da ist mit zahlreichen Manipulationsversuchen zu rechnen" (nochmal Digitalistan).

Erklärung zwei stand unter anderem bei Spiegel Online, kurz bevor SpOn gestern zum Spiegel wurde: "Am Mittwoch (…) findet im amerikanischen Repräsentantenhaus eine Anhörung zum Thema 'Manipulation und Täuschung im Digitalzeitalter' statt, bei der sich auch eine Vertreterin Facebooks mutmaßlich kritischen Fragen stellen wird. Da ist es sicher hilfreich, wenn sie auf gerade erst angepasste Regeln verweisen kann, die zeigen, dass man sich dem Problem Deepfakes bereits angenommen hat."

Entscheiden Sie doch bitte selbst, ob Erklärung zwei oder Erklärung zwei die bessere ist.

Die "newsworthiness"-Falle

Wobei Facebooks Motivation letztlich nicht so wichtig wäre, wenn das Ergebnis denn stimmte. Gerade Wired formuliert daran aber doch einige Zweifel. Die New York Times tut das auch. Aus verschiedenen Gründen. Letztere etwa, weil zum Beispiel einige der bekanntestesten manipulierten Videos, die vorgeblich eine betrunkene Nancy Pelosi zeigten, wohl nicht betroffen wären: Bei diesen Videos wurde nur die Abspielgeschwindigkeit reduziert und im Anschluss die Tonhöhe angepasst, sodass die Demokratin Pelosi betrunken klang. Nicht deep genug. Wer aber hat seinerzeit einen Zusammenschnitt getwittert? Donald Trump.

Die New York Times fragt nun sinngemäß: Wenn ein gewisser Präsident mit einem Deepfake-Video Politik machen würde – was dann? Sie mutmaßt begründet, dass ein solches Video von Facebook dann nicht gelöscht würde, unter anderem weil es "newsworthy" wäre, also berichtenswert. Und von hier aus kriegt die Zeitung dann leicht den Weiterdreh zum Journalismus hin:

"Throughout the Trump era, the media has often found itself caught in the newsworthiness trap", schreibt sie: Medien der Trump-Ära säßen in der Nachrichtenwertfalle. "Mr. Trump exploits the media’s blind newsworthiness adherence masterfully, as the political journalists dance to his tune tweet after tweet" – Donald Trump twittert, Journalisten tanzen. Newsworthiness sei nicht per se gegeben, sondern eine Entscheidung, allerdings eine, "die sich als Unumgänglichkeit maskiert".

Das Oma-Lied und die Fox-News-Schule

Womit wir wieder bei dem Thema gelandet wären, das ohne wirklichen Anlass zu einem Riesending wurde (weil ja alle berichtet hatten, weshalb es umso berichtenswerter wurde usw.): beim ehemaligen "Umweltsau"-Thema, das mittlerweile ein WDR-Thema ist (siehe zuletzt Altpapier vom Mittwoch).

"Sehen Sie die Tendenz, dass eigentliche Nebensächlichkeiten wichtiger genommen werden – weil sie eben emotionalisieren? Und zwar wichtiger genommen von Journalisten wie vom Publikum?", fragt Joachim Huber in einem interessanten Tagesspiegel-Interview Oliver Quiring, den Leiter des Bereichs Kommunikationswissenschaft der Universität Mainz. Der bejaht: "Emotionen gehen schnell und sind leichter zu triggern. Und deshalb landet auch der WDR-Kinderchor prominent in der Berichterstattung, während man schon genau suchen muss, um Fundiertes zur Zins- und Geldpolitik der EZB zu finden."

Das eigentlich Perfide ist aber – und da schnappt die newsworthiness-Falle, wie es die New York Times nennt, erst richtig zu –, dass die Emotion (instrumentalisierte Kinder!, arme Omas!) mit größeren politischen Fragen verknüpft wurde. Vom "Oma"-Liedchen war es in der Kommentierung etwa nicht weit zu "Mega-Etats" der öffentlich-rechtlichen Anstalten – als gäbe es keine nicht absurden Möglichkeiten, die Beitragsfinanzierung zu kritisieren.

Dass bei Meedia ein mehr als zwei Jahre alter Aufreger über die – freilich nur angeblich – gelenkte Willkommenskultur-Berichterstattung des WDR gerade wieder unter den meistgelesenen Texten war, dürfte auch an so einer Verknüpfung gelegen haben. Hans-Georg Maaßen hatte den Link zu diesem Artikel getwittert, just nachdem seine politische Vereinigung das Oma-Lied zum Anlass genommen hatte, die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks "in dieser Form" zu fordern: Über das Schlagwort "WDR" wurde das Lied mit dem rechten Kernthema des Jahres 2015 verknüpft.

Emotionalisierung ist als Erklärung für die ausufernde Diskussion nicht ausreichend. Hier wurde eine ganz bestimmte Emotion instrumentalisiert. Man fühlt sich daran erinnert, wie Barack Obama während seiner Präsidentschaft von Fernsehjournalismusdarstellern ein Skandal nach dem anderen angedichtet wurde. Die "Daily Show" hat das dieser Tage nachgezeichnet. Einmal bestellte Obama einen Burger nicht mit Ketchup, sondern mit Dijon-Senf; ein anderes Mal saß er ohne Jackett an seinem Schreibtisch im Oval Office. Albernheiten, die allerdings wirksam skandalisiert wurden: Sowas hätte es mit Ronald Reagan nicht gegeben!

Die "Umweltsau"-Diskussion beruht auf einer ähnlichen Skandalisierungspraxis. Im Leitartikel der Wochenzeitung Der Freitag (noch nicht online) nenne ich sie die "Fox-News-Schule: Mit Nichtigkeiten werden Feindbilder zementiert, deren Existenz dann politisch nutzbar gemacht werden soll." Der WDR wurde hier ja nicht etwa in seiner Rolle als Verursacher eines möglicherweise unnötigen Videos kritisiert, sondern als Repräsentant der Öffentlich-Rechtlichen, als Institution der liberalen Gesellschaft.

Die Diskussion über Tom Buhrow

Hier kommt in der Berichterstattung des Tages auch WDR-Intendant Tom Buhrow wieder ins Spiel, dem vorgeworfen wird, das nicht erkannt zu haben oder eingeknickt zu sein, weshalb Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo ihn harterweise für "komplett untauglich" erklärt.

In der Zeit kommentiert Uwe Jean Heuser, die Entschuldigung des Intendanten sei "regelrecht unnötig" gewesen. Er hätte wissen können, so Heuser, "wie sensibel der Umgang mit Satire ist zu einer Zeit, in der rechte Kritiker die Öffentlich-Rechtlichen und mit ihnen am liebsten die Demokratie kleinmachen wollen."

Georg Restle etwa, der Leiter der WDR-Redaktion "Monitor", hat Buhrow – zumindest intern – ebenfalls kritisiert. Altpapier-Kollege Ralf Heimann hat für Zeit Online über die gestern an dieser Stelle schon thematisierte Treffen der WDR-Mitarbeiter mit dem Intendanten geschrieben, und er zitiert Restles Wortmeldung:

"'Ich frage mich, wo die Programmverantwortlichen im vergangenen Jahr eigentlich gelebt haben.' Es habe mehrere forcierte Kampagnen gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegeben. Das sogenannte Omagate sei auch nicht die erste Kampagne, die den WDR treffe. 'Warum lernt man nicht daraus?', fragt Restle."

Uwe Jean Heuser kritisiert in der Zeit aber auch diejenigen unter den Mitarbeitern, die Buhrow "zum Abdanken bewegen wollen": Das sei "der Gipfel des linksliberalen Gegenangriffs auf die gezielte Aggression von rechts".

Und wenn man nun einen Weg zwischen weiter so und Rücktritt finden müsste? Vielleicht wäre es ja dieser: nicht so weitermachen.


Altpapierkorb (Blätter, Der Spiegel, Richard Gutjahr, "Die Frau aus dem Meer")

+++ Januar 2020: Guter Moment für ein bisschen Veränderung. "Neue Dekade, neue Website", schrieb eine Redaktion, die gerade ihren Relaunch hinter sich gebracht hat. Die Blätter für deutsche und internationale Politik haben ihren Internetauftritt grundlegend umgebaut.

+++ Ja, Der Spiegel auch, klar (Altpapierkorb vom Mittwoch). Horizont, der Deutschlandfunk und taz kümmern sich um Details.

+++ Ebenfalls gestern schon Thema waren hier Richard Gutjahr, "der auch ins Fadenkreuz jener geriet, die sich ohnehin an Verschwörungstheorien gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abarbeiten, und der aufgrund seiner Arbeit bedroht wird", und der Vorsitzende des BR-Rundfunkrats, der Gutjahrs Kritik am BR-Intendanten zurückwies. In der Zeit geht es um die Details des Einzelfalls, aber auch um das Grundsätzliche: "Welche Verantwortung hat der öffentlich-rechtliche Sender für einen Mitarbeiter, der als Vertreter oder gar Gesicht seines Hauses auftritt? (…) Das Problem geht weit über den BR hinaus. Für die öffentlich-rechtlichen Anstalten gibt es keine allgemeingültige Linie, wann ein Sender für die Kosten seiner festen freien Mitarbeiter aufkommen muss, erklärt der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Frank Überall. Das sei abhängig vom Wohlwollen der Verantwortlichen. Jede Anstalt handhabe das anders."

+++ Die Süddeutsche Zeitung hat ein Spinoff ihrer österreichischen "Ibiza"-Recherchen: Es geht um eine mögliche Übernahme der Kronenzeitung. Und Herausgeber Christoph Dichand, der vor einem "rücksichtslosen Versuch der Machtergreifung" warnt.

+++ Und ein vielbesprochener Fernsehinhalt von heute: "Die Frau aus dem Meer" (Arte) – rezensiert von SZ, Tagesspiegel und Print-FAZ.

Neues Altpapier gibt es am Freitag.

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