Das Altpapier am 04. März 2020 Die Opfermythen der AfD

Ist der Massenmord von Hanau “schon wieder vergessen“? Haben Joko & Klaas das Vertrauen ihres Publikums verspielt? Kennen sich Fußballjournalisten eigentlich mit gar nichts aus? Was ist eigentlich der Afrika-Berichterstatter des Handelsblatts für einer? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 04. März 2020: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Immer wieder Kassel

Am Dienstag gab es mal wieder eine Razzia bei Rechtsextremisten, es geht um eine mutmaßlich kriminelle Vereinigung namens “Aryan Circle Germany“, über dessen mutmaßlichen Chef Bernd Tödter der Spiegel Folgendes zu berichten weiß;

“In den Neunzigerjahren prügelte der Bad Segeberger mit einem Komplizen einen Obdachlosen zu Tode. In Hessen entwickelte sich Tödter zu einer Größe der Kasseler Neonaziszene. Er pflegte nach Spiegel-Informationen auch Kontakte ins Umfeld von Stephan Ernst, der im Sommer vorigen Jahres den CDU-Lokalpolitiker Walter Lübcke ermordet haben soll.“

Moment mal, Kassel, Lübcke - klingelt da nicht was? Nicht bei allen. Neben dem Spiegel berichtete auch die taz angemessen, der Tagesspiegel ebenso. Andererseits: In der heutigen FAZ finden sich 1330 Zeichen zur Razzia, eine dpa-Meldung bei welt.de, desgleichen eine in der gedruckten SZ.

“Gefährliche Rede“ ist gefährlicher als “Hassrede“

Möglicherweise passt diese eben beschriebene Gewichtung bei zumindest drei großen Medien zu dem Eindruck, den Juri Sternburg gerade für die taz formuliert hat:

"Wisst ihr noch?Vor nicht mal zwei Wochen? Der ein oder andere mag sich nicht mehr erinnern. Ist ja auch viel passiert seitdem. Es gab eine Pressekonferenz des Innenministers und sogar ein paar Schweigeminuten. Es gab ein Grippevirus und einen Milliardär, der unflätige Beleidigungen in Fußballstadien gegen sich mit dem Nationalsozialismus verglich. Da kann man so was schon mal vergessen.“

Gemeint ist natürlich der Massenmord von Hanau, und da die Überschrift “Schon wieder vergessen“ nicht ganz falsch ist, reden wir hier mal wieder über Hanau - und zwar anhand eines bei Geschichte der Gegenwart erschienenen Textes, in dem Holger Marcks und Janina Pawels sich folgendem Zusammenhang widmen:

Nach den Anschlägen von Halle und Hanau steht die AfD in der Kritik, die geistige Munition für solche Taten zu liefern. Doch was genau macht ihre Rhetorik so gefährlich? Die Antwort findet sich in ihren Opfermythen, die auch ohne Hassrede zu Gewalt einladen.“

Marcks/Pawels schreiben:

“Für (den) vermuteten Wirkungszusammenhang von behaupteter Gefahr und impliziter Gewaltlegitimation gibt es in der Gewaltforschung einen Namen. Er nennt sich 'gefährliche Rede’ und steht bisher im Schatten des Begriffs der 'Hassrede‘, der häufig angeführt wird, wenn es um rechte Rhetorik und Gewalt geht. Dabei ist die gefährliche Rede, auch wenn sie auf Gewaltrhetorik verzichtet, wohl entscheidender für rechten Terror als unverblümte Hetze. Wie die Sozialwissenschaftlerin Susan Benesch sagt, ist es gerade das Gerede von einer 'tödlichen Bedrohung durch eine verhasste … Gruppe, das Gewalt nicht nur angemessen, sondern notwendig erscheinen lässt.’“

Was heißt das konkret?

“Gefähr­liche Rede findet etwa dann statt, wenn einer Gruppe besondere Grausamkeit zugeschrieben wird. Wo ihr unterstellt wird, sie bedrohe Existenz der Adressierten, erscheint es diesen opportun, drastisch gegen sie vorzugehen. Es geht immerhin ums Überleben. Und Notwehr ist bekanntermaßen der einzige Grund, aus dem Tötungen unbestritten erlaubt sind: Wer anderen das Leben nehmen will, darf dieser Norm zufolge unschädlich gemacht werden. Für die Legitimation von Gewalt eignet sich daher kaum etwas besser als der “Spiegelungsvorwurf“: Die Dehumanisierung des Anderen rechtfertigt die Brutalisierung des Selbst. Explizite Gewaltaufrufe sind dafür nicht nötig. Gewaltsame Politiken, die ja immer besonders rechtfertigungsbedürftig sind, gehen daher meist mit Mythen der Bedrohung einher.“

Zumindest in Teilen lässt sich das implizit natürlich auch als Kritik an jenen lesen, die derzeit angesichts der Lage im türkisch-griechischen Grenzgebiet zur Verbreitung von Bedrohungsmythen beitragen. Das gilt auch für folgende Passage:

“Die Gefährlichkeit der AfD-Rhetorik ergibt sich aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Erzählungen. Wo die Partei Menschen glauben macht, sie seien existentiell bedroht – nicht nur in ihrer Identität, sondern auch physisch –, wird eine Situation der Notwehr konstruiert, die gewaltsame Handlungen erlaubt oder gar verlangt. Die Lösungsvorschläge mögen Gewalt nicht explizit einfordern, diese erscheint im narrativen Gefüge aber als zumindest logische Weitererzählung.“

Der vorhin erwähnte Sternburg-Text aus der taz ist im Übrigen einer der wenigen journalistische Texte, der die Botschaft nicht vergisst, dass jene, die über den Rassismus im Innern reden wollen, über den nach außen nicht schweigen sollte. Immerhin redet eine NGO wie Medico International nicht um den heißen Brei rum:

“Die migrationsfeindliche Politik der Regierungen gerät zu einer Aufforderung an die extreme Rechte, selbst zur Tat zu schreiten. Der politische Diskurs der letzten Jahre ist eine Einladung an Neonazis. Er hat den Boden der rassistischen Morde und Übergriffe bereitet. Der Rassismus einer “Verteidigung Europas gegen Einwanderung“ verbindet die Morde in Hanau mit dem Sterben im Mittelmeer und dem Elend der griechischen Inseln“.

Zu den Journalisten, die derzeit von der griechisch-türkischen Grenze berichten - und oft befragt werden zu ihren Erfahrungen -, gehört Erik Marquardt, der aber wiederum vor allem in seiner Funktion als Mitglied des Europäischen Parlaments vor Ort ist. Der Checkpoint-Newsletter des Tagesspiegel zitiert den Grünen-Politiker mit folgenden Worten:

“Ein paar tausend Geflüchtete an den Außengrenzen und schon hebt die EU die Menschenrechte auf. Dabei wäre es so einfach: Humanitäre Hilfe, Sicherheitschecks der Ankommenden, Prüfung der Schutzbedürftigkeit in verschiedenen europäischen Staaten durch Kontingente und Verhandlungen mit der Türkei. Stattdessen: Chaos. Politiker, die eine Grenzsituation mit 13.000 Geflüchteten nicht organisieren können und gleichzeitig von der Türkei erwarten, dass sie eine Million Geflüchtete aus Idlib aufnimmt, obwohl das Land bereits mehr Geflüchtete aufgenommen hat als alle 27 EU-Staaten zusammen, sollten sich einen anderen Beruf suchen.“

Möglicherweise hat Marquardt Thomas Gsellas kürzlich im Schweizer Magazin veröffentlichtes Gedicht zum Thema Können und Wollen nicht gelesen. Natürlich könnten die Verantwortlichen "eine Grenzsituation mit 13.000 Geflüchteten“ organisieren, sie wollen es nur halt nicht.

Reporter ohne Grenzen weist derweil darauf hin, welche indirekten  Folgen dieses Nicht-Wollen der EU für Journalisten haben kann:

“Am Montag sind der Fotograf Julian Busch und die Journalistin Franziska Grillmeier auf der Insel Lesbos von Rechtsradikalen mit Steinen und Holzstücken beworfen worden, als sie mit ihrem Auto auf dem Weg zum Flüchtlingslager Moria waren (…) Laut Busch ist die Berichterstattung von der Insel kaum noch möglich. Besonders nachts könne man nicht mehr das Haus verlassen, da rechtsradikale Gruppierungen selbst Straßensperren errichtet hätten und Journalistinnen und Journalisten gezielt angreifen würden.“

Verlängert die Politikmagazine!

Seit gestern sind die neuen Grimme-Preisträger bekannt. Unter anderem hat die Jury für Information & Kultur das WDR-Magazin “Monitor“ mit einem Preise für die “Besondere Journalistische Leistung“ ausgezeichnet, und zwar für seine “kontinuierliche und haltungsstarke Berichterstattung über Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus“.

Transparenzhinweis: Ich selbst war Vorsitzender der Nominierungskommisison Information & Kultur.

Die Jury lobt zum Beispiel, die Redaktion gewähre “ihren Beiträgen und Filmen zum Thema die Längen, die nötig sind“, und in diesem Zusammenhang kann man einen 15 Minuten lang Film zum Thema  “Unterschätzter Rechtsterrorismus“ erwähnen. Der Beitrag lief zwei Monate vor dem Mord an Walter Lübcke und also auch vor Halle und Hanau. Seitdem wird Rechtsterrorismus möglicherweise nicht mehr “unterschätzt“. Andererseits: Vielleicht sind “wir“, siehe Sternburgs Text und die zurückhaltende Berichterstattung über die Hausdurchsuchungen beim “Aryan Circle Germany“ zurückzukommen, inzwischen ja wieder in der Phase der Unterschätzung angekommen.

Einen 15 Minuten oder überhaupt nur mehr als zehn Minuten langen Beitrag - das leisten sich die Politikmagazine der ARD nur sehr selten, aber sie haben ja auch nur eine halbe Stunde Zeit.

Restle, der regelmäßig von rechten Publizisten und den angeschlossenen Troll-Fraktionen unter Beschuss genommen wird, nutzte die Pressekonferenz zur Preisverleihung dann auch gleich, um darauf hinzuweisen, dass es angesichts der gesellschaftlichen Lage an der Zeit sei, die 2005 um 15 Minuten Sendezeit gekürzten Politikmagazine der ARD wieder auf 45 Minuten zu verlängern.

Diese Debatte hat schon seit einigen Jahren niemand mehr geführt, zumindest nicht öffentlich, aber vielleicht ist ein Grimme-Preis für ein Politikmagazin ja tatsächlich eine gute Gelegenheit, die Sache mal wieder in Gang zu bringen.

Für die Jüngeren: Thomas Leif, der mittlerweile verstorbene damalige Vorsitzende des Netzwerks Recherche, protestierte gegen die Verkürzung seinerzeit zum Beispiel mit diesen markigen Worten:

"Die 15-minütige Reduktion der Magazine Panorama, Monitor, Report Mainz, Report München, Kontraste und Fakt wäre der empfindlichste Schlag gegen den kritischen Hintergrund-Journalismus in den vergangenen Jahrzehnten.“

Überblicke zu den Grimme-Preisen gibt es von mir in der Stuttgarter Zeitung und von Imre Grimm (RND). Er lobt die “gute, zeitgemäße Auswahl“ der Jurys und schaut sich unter anderem Entscheidungen im Bereich Fiktion genauer an:

“Die Machtverhältnisse im Erzählfernsehen haben sich verschoben. Das zeigt der Blick auf die Preisträger 2020: Von fünf ausgezeichneten Produktionen in der Kategorie Fiktion bekommt nur ein einziger traditioneller Fernsehfilm den Preis.“

Einen Preis bekommen auch Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt für die ungewöhnliche politische Sondersendung “Joko & Klaas LIVE“ (siehe Altpapier). Die beiden sahen sich am Dienstag aber auch mit einer Kritik des NDR/funk-Magazins STRG F konfrontiert, das ihnen eine Irreführung des Publikums bei den Sendungen “Late Night Berlin“ und “Duell um die Welt“ vorwirft - unter anderem den nicht  transparent gemachten Einsatz von Schauspielern.

“Sie haben tolle Ideen und stehen für hohe moralische Standards (…) In ihren Sendungen aber nehmen sie es offenbar mit der Wahrheit nur mittelmäßig genau“,

konstatiert Hans Hoff in der SZ angesichts der NDR-Recherchen. Hoff, der Mitglied der Jury war, die “Joko & Klaas LIVE“ auszeichnete, die ebenfalls nominierte und nun inkriminierte Sendung “Late Night Berlin“ aber nicht, plaudert auch noch ein bisschen aus dem Nähkästchen:

“In der für die Kategorie Unterhaltung zuständigen Jury (war) tatsächlich länger darüber diskutiert worden, ob nicht auch die Einspielfilme für LNB einen besonderen Preis verdient hätten. Die Art und Weise, wie Heufer-Umlauf diese Clips zu einer Art Mischung aus investigativem Ansatz und jugendhafter Witzelei kompiliert, beeindruckte einige Juroren, misstrauisch war dort niemand.“

Stefan Niggemeier kommentiert bei Übermedien:

“Es ist eine bittere Ironie, dass die Fakes in den Sendungen von Joko und Klaas am selben Tag entlarvt wurden, an dem bekannt gegeben wurde, dass sie für 'Joko & Klaas Live’ einen Grimme-Preis erhalten. Die Jury würdigte ausdrücklich, wie die beiden ‚gesellschaftspolitische Haltung' zeigen und ‚Haltung und Unterhaltung‘ verknüpfen.“

Und noch bitterer klingt sein Fazit:

"Beide Seiten ihrer Prominenz, die reine Spaß-Existenz und die engagierte Persönlichkeit, beruhen auf dem Vertrauen, dass sie das Publikum nicht für dumm verkaufen. Damit ist es erstmal vorbei.“

Die Recherchen über die Fakes bei “Late Night Berlin“ und “Duell um die Welt“ brachte dann auch Springersche Fake-News hervor (siehe u.a. DWDL.de). Demnach habe das Grimme-Institut J&K einen Grimme-Preis aberkannt. Tatsächlich haben die beiden ja einen gewonnen - nur halt für eine völlig andere Sendung. Die Falschmeldung der Welt  stand heute Morgen um 10.30 Uhr immer noch auf der Seite.

“Die Sportreporter in ihrer muckeligen Nische“

Weiterhin im Gespräch: die beschränkten Kontextualisierungs-Fähigkeiten von Sportjournalisten beim Themenkomplex “Hurensohn“ (siehe Altpapier von Montag). Johannes Schneider (Zeit Online) schreibt:

"Journalistisch irritierend erschien in den Zusammenfassungen und Wochenendsendungen vor allem die Passivität, mit der man Spielern, Trainern und Funktionären einfach nur Mikrofone hinhielt, in die hinein sie dann schiefe Superlative für das Geschehene sprechen durften.“

Tim Wolff wird in seiner ND-Kolumne “Best of Menschheit“ (29 Cent bei Blendle) ein bisschen grundsätzlicher:

“Sportreporter, speziell die im weltweit beliebtesten Leibesertüchtigungsspektakel, dem Fußball, sind wohlgenährt und anerkannt, obwohl sie sich mit nichts wirklich auskennen von dem, was sie tun: weder mit dem Gegenstand ihrer Berichterstattung noch mit den sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen Zusammenhängen, in denen das Spiel stattfindet, und am allerwenigsten mit ihrem eigenen Werkzeug, der Sprache.“

Ich würde an dieser Stelle ergänzen wollen, dass das vor allem fürs Fernsehen zutrifft - siehe hier und hier -, für eine Reihe von schreibenden Fußballjournalisten aber nicht. Wolff weiter:

“Wenn (…) ein Multimilliardär beschimpft wird, der der marktgerechten Wettbewerbsverzerrung der Bundesliga noch eins draufgesetzt hat, indem er einen Dorfverein zum Bundesligisten gemacht hat und somit selbst für die Anhänger des raubtierkapitalistischen FC Bayern (…) zum Feindbild geworden ist, dann sind Sportreporter wahrhaftig aufgebracht. Dann erzählen sie etwas von gesellschaftlichen Werten und beleidigen die Beleidiger in dem Ton, der auf dem Rasen und den Rängen üblich ist.“

Das Fazit des Kolumnisten:

“Diese rückhaltlose Affirmation des Herrschenden, dieses 'Unpolitische‘, das immer genau dann politisch wird, wenn es um das Polieren des Produkts geht (…), ist so perfekt der spätkapitalistischen Welt angepasst, dass man sie nur bestaunen kann, die Sportreporter in ihrer muckeligen Nische. Man kann sich fast kein glücklicheres Leben im falschen vorstellen.“

Was der Afrika-Korrespondent des Handelsblatts über “den Afrikaner“ weiß

Ich weiß nicht, wer Diana zur Löwen ist, was möglicherweise nicht für mich spricht, denn sie hat bei Instagram mehr als 830.000 Follower. Ich hatte bis Dienstag auch noch nie den Namen Wolfgang Drechsler gehört, was ein nicht zu unterschätzendes Glück ist, wenn man sich ein bei Instagram gepostetes und zum Beispiel hier noch in Auszügen zu findendes Interview anschaut, das zur Löwen aus welchem Grund auch immer mit dem fürs Handelsblatt als Afrika-Korrespondent tätigen Drechsler in Südafrika geführt hat.

Drechsler, bis vor ein paar Jahren auch noch für Zeit Online und den Tagesspiegel tätig, schwadroniert hier unter anderem über “kulturelle Barrieren“. Außerdem weiß er zu berichten: “Der Afrikaner lebt sehr gern im Hier und Jetzt“, andererseits guckt er aber auch in die “Vergangenheit“. Und “deswegen werden immer Reparationsforderungen gestellt, deswegen immer die Kolonialphase, und ihr habt uns das angetan. Man kommt also nicht aus den Puschen“.

Den maßgeblichen Irrsinn aus dem Interview hat René Aguigah in einem Thread zusammengefassst. Wenn man sich anschaut, wo Drechsler gelobt wird, wundert man sich über seine Äußerungen dann aber schon ein bisschen weniger. Die Langfassung des Videos auf dem Instagram-Kanal zur Löwens wurde übrigens mittlerweile gelöscht.

Altpapierkorb (Wie gefährlich der Herkunftsnennungs-Trend ist; wie stark Hate Aid wächst; warum sich Anja Reschke nicht als Erfüllerin von “Kundenwünschen“ versteht; warum es weniger Pressefreiheit in Ungarn gibt; warum ein Frankfurter Urteil die Pressefreiheit für Rezensenten wissenschaftlicher Arbeiten stärkt)

+++ Angesichts aktueller Herkunftsnennungs-Debatten in der Schweiz greift Carlos Hanimann für die Republik die einschlägige Thomas-Hestermann-Studie auf (siehe Altpapier). “Die Nennung der Nationalität hat (…) nicht zum Abbau von Vorurteilen geführt, sondern die kriminalistische Realität ins Groteske verzerrt und fremden­feindliche Ressentiments verstärkt: Obwohl laut polizeilicher Kriminal­statistik 69 Prozent der verdächtigen Gewalt­täter Deutsche waren, wurden sie nur in 3 Prozent der Fälle als Deutsche identifiziert, Nicht-Deutsche hingegen in 28 Prozent (im TV) beziehungs­weise in 41 Prozent der Fälle (in der Presse).“

+++ Jan Heidtmann stellt im Politikteil der SZ die Organisation Hate Aid vor, die Menschen unterstützt, die “sogenannte digitale Gewalt aus rechten Kreisen erleben“. Er hat u.a. mit Geschäftsführerin Anna-Lena von Hodenberg gesprochen: “Noch vor einem Jahr hatte sie nur eine Angestellte. Dann, als sie im vergangenen Juli mit der Webseite hateaid.org online gingen, explodierten die Anfragen. Jetzt arbeiten mehr als zehn Angestellte bei Hate Aid, gut 170 Verfahren führen die Anwälte der Organisation derzeit.

+++ Kontext hat mit Anja Reschke, der Leiterin des Programmbereich Kultur und Dokumentation beim NDR, gesprochen. Sie sagt: “Mein Eindruck ist (...), je mehr man dem besorgten Bürger zuhört, desto mehr hat er das Gefühl, er müsse jetzt ansagen, wie’s gemacht werden muss. Ich kriege haufenweise Mails, in denen steht: Sie sind der öffentlich-rechtliche Rundfunk, ich bezahle Sie mit meinen Gebühren, also berichten Sie gefälligst so, wie ich mir das wünsche. Aber ich bin doch kein bestellter Journalist! Und die Zuschauer oder Hörer sind nicht meine Auftraggeber. Dieser Gedanke: "Ich bin Kunde", zieht sich durch viele Bereiche. "Politiker müssen mich bedienen", auch solche Sprüche habe ich schon oft gehört. Nee, die Demokratie ist kein Kaufhaus. Ich bin nicht Kunde, sondern Teil des Ganzen.“

+++ Zur Lage der Pressefreiheit - in einem anderen Kontext (Vorfälle in Griechenland) heute bereits weiter oben ein Thema - schalten wir an dieser Stelle noch nach Ungarn. Lili Bayer hat für Politico E-Mails ausgewertet, die deutlich machen, dass “staatliche Medien in Ungarn ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen (haben), ihre Berichterstattung in sensiblen Bereichen genehmigen zu lassen“ - so formuliert der ORF in einer deutschsprachigen Zusammenfassung. Bayer schreibt: “The emails come from senior editors who work for an organization with responsibility for state media outlets such as the state news agency MTI and multiple television and radio stations (…) “In the case of (Greta) Thunberg, the Swedish climate activist, journalists were told they need permission before they even start writing, according to one email.“

+++ Die FAZ berichtet in einer längeren Meldung auf ihrer Seite “Forschung und Lehre“ über ein “bisher noch unveröffentlichtes Urteil“ des Landgerichts Frankfurt in einer offenbar recht bizarren Angelegenheit. Dieses Urteil habe “die Stellung von Rezensenten wissenschaftlicher Arbeiten gestärkt. Zuletzt hatte es einige Fälle gegeben, in denen Autoren mit anwaltlicher Hilfe gegen Besprechungen ihrer Bücher vorgegangen waren (…) Dabei wurde in einem Fall auch die Forderung nach Schadensersatz laut, da eine Autorin sowohl eine Rezension als auch die Berichterstattung darüber für den Misserfolg ihrer eigenen akademischen Karriere verantwortlich machte.“ Die FAZ hatte darüber vor drei Jahren berichtet. Das Landgericht Frankfurt sagt nun: “Die Autorin ist mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit in die Öffentlichkeit getreten und muss sich mit dieser auch wissenschaftlicher Kritik stellen. Eine solche stellt die Rezension ihrer Arbeit dar.“

Neues Altpapier gibt‘s wieder am Donnerstag.

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