Das Altpapier am 18. März 2020 Sind Medien in Krisenzeiten kritisch genug?

Journalisten sollen härter nachfragen, wenn eine neue Corona-Eindämmungsmaßnahme angekündigt wird, kritisiert Übermedien. Auch sonst ist wieder Corona-Tag in der medienjournalistischen Berichterstattung: Es geht um die Möglichkeit der Öffentlich-Rechtlichen, ihre Relevanz zu zeigen, um den Informationscontainer von Sat.1, den möglichen Krisenprofiteur Amazon und um die Auswertung von Handy-Standorten. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 18. März 2020: Porträt Autor Klaus Raab
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Die Resonanzorientierung der Redaktionen

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, an dieser Stelle heute nicht ausschließlich mediale Aspekte der Corona-Krise aufzugreifen. Aber: Es ist schwierig. Ich könnte praktisch nur Personalmeldungen und ihre Hintergründe nacherzählen. Will man das? Dann begeben Sie sich gerne zum Altpapierkorb. Ansonsten dominiert Corona auch heute die medienjournalistische Berichterstattung.

Eine gewisse Bandbreite der Aspekte gibt es allerdings schon: Sportrechte ("Wie Amazon vom Virus profitieren könnte"), Datenschutz ("Die Auswertung von Handy-Standortdaten soll dabei helfen, die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen"), auch Unterhaltung oder so (im "Big Brother"-Container weiß man nun Bescheid). Aber selbst wenn es nicht um Corona geht, geht es um Corona: Helmut Hartungs FAZ-Text über die noch ausstehende Zustimmung der Landesparlamente zur Erhöhung des Rundfunkbeitrags etwa beginnt mit zwei Absätzen über die öffentlich-rechtliche Virus-Berichterstattung.

Das Interesse ist tatsächlich immens, die Zahlen zeigen es ja. Eine Klick-, Quoten- oder Reichweitenorientierung zu kritisieren, wäre allerdings verkürzt mit Neigung ins Stammtischhafte. Es ist wohl eher Resonanzorientierung. Es gibt Rückkopplungseffekte zwischen Redaktionen und Rezipienten; Berichterstattung und Akzeptanz oszillieren. Und man kann, selbst wenn man wollte, als einzelne Redaktion – und letztlich bestehen "die Medien" aus lauter einzelnen Redaktionen – in einer solchen Lage nicht einfach mal Aufmerksamkeit umlenken. Gehen wir es also durch.

Stellen Journalisten rund um Corona genügend kritische Fragen?

Ein zentraler medienjournalistischer Text, der mindestens Weiterbeobachtungsanstöße bietet, ist ein Kommentar von Andrej Reisin, seit Dienstag online bei Übermedien. Er kritisiert unter anderem die Corona-Berichterstattung – mit konkreten Beispielen, aber im Ganzen – als "mediale Begleitmusik" zum Ausnahmezustand. Nicht ausreichend sei etwa die Auseinandersetzung mit der "größte(n) Einschränkung von Grundrechten in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland". Nicht ausreichend hinterfragt würden Erklärungen etwa des Gesundheitsministers, die nicht zutreffend sein könnten. Nicht ausreichend geführt werde eine kritische Diskussion über die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Virus; die meisten Medien stünden vielmehr Spalier, so Reisin, wenn wieder neue Maßnahmen verkündet würden:

"Warum gefallen sich deutsche Medien in ihrer Mehrheit darin, eilig die jeweils aktuellen Maßnahmen zu verkünden und implizit wie explizit immer noch härtere zu fordern, anstatt exakt diese Diskussion zu führen?"

Welche Diskussion? Zum Beispiel diese:

"Es fehlt zum Beispiel eine breite Diskussion der Frage, warum Südkorea das Virus erfolgreich bekämpfen konnte, den Shutdown des öffentlichen Lebens aber weitgehend vermieden hat. Südkorea setzte auf Massentests in extra eingerichteten Drive-Through-Testcentern, auf Social Distancing und auf radikale Transparenz, unter anderem durch eine App, die den Aufenthaltsort von Infizierten kennzeichnet. Die ‚Washington Post‘ wertet diese Maßnahmen nach detaillierter Analyse als Vorbild für alle Demokratien im Umgang mit der Krise. Zwar wäre einiges mit dem deutschen Datenschutz unvereinbar, aber gerade deshalb wäre die Diskussion wichtig: Wäre eine Suspendierung des beinahe heiligen deutschen Datenschutzes nicht angebrachter, bevor man eine Ausgangssperre verhängt?"

Unabhängig von der Frage, wie man zu den verhängten Maßnahmen steht und ob man andere für besser hielte, spricht Reisin hier Aspekte an, die bei der weiteren Corona-Berichterstattung eigentlich kaum übergangen werden können. Sie braucht ein paar mehr Gleise – schon um angesichts der Unsicherheit, die selbst Fachleute respektablerweise einräumen, sicherzustellen, dass mögliche alternative Maßnahmen öffentlich erklärt und gegebenenfalls – begründet – nicht ergriffen werden können.

Diskussionen über die Nutzung von Handy-Standortdaten

Überleitungshalber nochmal das Reisin-Zitat: "Wäre eine Suspendierung des beinahe heiligen deutschen Datenschutzes nicht angebrachter, bevor man eine Ausgangssperre verhängt?" Darüber kann man streiten, was aber ja genau das ist, was Reisin fordert.

Florian Klenk, Chefredakteur des österreichischen Falter, twitterte gestern: "Wir müssen Corona-Tote verhindern. Keine Frage. Aber wir müssen auch verhindern, dass Politiker jetzt in der Panik chinesischen Verlockungen erliegen und massenhaft Bewegungsprofile und Einschränkungen der Informationsfreiheit fordern." Aber: Klenk dürfte von Österreich sprechen, einen Text hat die österreichische futurezone.at:

A1, also Österreichs führender Kommunikationsanbieter, "stellt der österreichischen Regierung die Bewegungsprofile von Handynutzern anonymisiert zur Verfügung" – und zwar "auf Eigeninitiative", was es auch nicht besser macht. "Die Daten zeigen für einen beliebigen Tag an, wie sich die Mobilfunk-Kunden verhalten haben. So soll der Krisenstab nachvollziehen können, ob Ausgangsbeschränkungen eingehalten und die sozialen Kontakte reduziert werden."

Hintergründe zu den Entwicklungen in Österreich und in Deutschland hat seit Dienstagabend netzpolitik.org, und dort ist von Unterschieden die Rede: "Hierzulande preschten Anfang des Monats das Robert-Koch-Institut und das Heinrich-Hertz-Institut der Fraunhofer-Gesellschaft vor. Demnach sollte gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium ein Plan entwickelt werden, mit den Standortdaten infizierter Handynutzer deren Kontaktpersonen zu ermitteln. Letztere sollten dann informiert und gegebenenfalls in Quarantäne gesteckt werden." (Link im Original)

Nun ist von einem anderen Vorhaben die Rede ("Was genau derzeit diskutiert wird, bleibt bis auf Weiteres unbekannt"), das "technisch möglich und auch datenschutzrechtlich möglich" sein soll, wie es beim Robert-Koch-Institut heiße.

Big Brother is informing you

Und was ist los bei "Big Brother"? Man hat den Container, wie der Tagesspiegel schreibt, mittlerweile doch mal über die Ausbreitung des Corona-Virus informiert. Und wohl die Gelegenheit genutzt, auch dem Sat.1-Publikum ein paar Informationen an die Hand zu geben: "Dann Fragen zu Krankheitsverlauf, Zahl der Toten in Deutschland, Hamsterkäufen, zur Not und Hilfe von Kleinunternehmen und Pflegeheimen. Später noch Video-Botschaften von Eltern, Geschwistern, Kindern." Ob "Big Brother" nun deshalb als Informationsprogramm gelten kann, wäre eine interessante Frage. Jedenfalls, so der Tagesspiegel: "Ein bemerkenswertes Stück Reality-TV aus dem gerade wahrscheinlich sichersten Platz in ganz Deutschland: dem Containerdorf in Köln. Dann kam die Werbung."

Der Ball zurück bei den Öffentlich-Rechtlichen

Wer ist systemrelevant? Die Öffentlich-Rechtlichen? Kommen wir gleich drauf. Journalisten in Nordrhein-Westfalen sind es jedenfalls (Meedia): "Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) in Nordrhein-Westfalen hat Journalisten als Personenkreis in einer kritischen Infrastruktur definiert. Damit ist für Medienschaffende in NRW Kinderbetreuung auch während der Corona-Pandemie gesichert."

Aber eigentlich wollten wir ja über die systemrelevanten bzw. "systemrelevanten" Öffentlich-Rechtlichen reden: Deren Angebot rund um Corona werde von den Zuschauern honoriert, schreibt Helmut Hartung in der FAZ und nennt ein paar Zahlen. Und er schreibt: "Jetzt können die Sender ihre von der Medienpolitik oft betonte 'Systemrelevanz' unter Beweis stellen, um auch Bürger, die dem Rundfunkbeitrag kritisch gegenüberstehen, zu überzeugen. Damit würden sie auch manchem Landtagsabgeordneten die Zustimmung zur geplanten Beitragserhöhung erleichtern."

Die nämlich sei nicht sicher, nur weil die Ministerpräsidenten der Empfehlung der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (Kef) zur Erhöhung des Rundfunkbeitrags auf 18,36 Euro mehrheitlich zugestimmt haben. Vor allem die Zustimmung in Sachsen-Anhalt und Sachsen ohne Anhalt sei nicht sicher. Wobei, mit – ich greife Hartungs Gänsefüßchen gerne auf – "systemrelevantem" Programm allein ist es ihm zufolge nicht getan:

"Für eine 'einvernehmliche Entscheidung', wie sie Sachsen-Anhalt erhofft, können die Öffentlich-Rechtlichen einen weiteren wichtigen Beitrag leisten. Im Kef-Bericht sind zahlreiche Empfehlungen enthalten, wie gespart werden kann und wo – etwa bei Gehältern oder Investitionen – Änderungen angezeigt wären. Diese Vorschläge müssen sich jetzt in einer Art Selbstverpflichtung der Anstalten wiederfinden."

Womit dann der Ball zurück ins Feld der Anstalten gespielt wäre. Apropos: Was macht der Fernsehfußball?

Möglicher Virusprofiteur: Amazon

Dem Fernsehfußball geht’s so mittel. Denn wenn Fußballspiele ausfallen, und das tun sie ja derzeit aus Gründen, können Fernsehfußballübertragungsdienste keine Fußballspiele zeigen. Wobei, es ist wechselseitig, klar: "Ohne die Milliardenzahlungen des Abosenders Sky und der anderen ist die Liga nicht überlebensfähig", schreibt die FAZ in einem Text zur Neuvergabe der Bundesliga-Rechte. Aber zumindest fürs Altpapier relevanter ist die andere Seite, die der übertragenden Unternehmen: 


"Vor allem die Geschäftsmodelle von Sky, mit durchschnittlich 876 Millionen Euro pro Jahr der größte Zahlmeister der Liga, und von DAZN leiden unter der Corona-Krise. Die Abodienste haben ohne Live-Übertragungen keine Inhalte und müssen die daraus entstehenden Probleme mit ihren Kunden klären." Die, zumindest bei DAZN, monatlich kündigen können. Profitieren könnte Amazon, das derzeit "einen starken Anstieg der Bestellungen" verzeichne. Warum? "Aufgrund der Ausbreitung des Virus." Na klar.


Altpapierkorb (Chefredaktionsabgänge bei FR und SZ, Klaas Heufer-Umlauf, Netzbelastung)

+++ Der scheidende taz-Chefredakteur Georg Löwisch verabschiedet in der taz seine Vorvorgängerin Bascha Mika, die als Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau heute "um 13 Uhr" ihrer Redaktion mitgeteilt habe, dass sie in dieser Funktion aufhören werde. "Die 66-Jährige werde künftig als Autorin für die Zeitung arbeiten, teilte der Verlag am Dienstag mit. Grund sei das Erreichen der festgesetzten Altersgrenze für Führungskräfte." Unter Mika machte ich meine ersten Gehversuche als Redakteur, bitte sehen Sie es mir nach, dass ich die Gelegenheit nutze, ihr etwas zu wünschen, nämlich: Alles Gute!

+++ Löwisch macht auch einen Schlenker zur anderen Personalmeldung des Tages: "Wie sehr sie Avantgarde war, kann man daran erkennen, dass am Dienstag eine andere Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, verkündete, dass sie erstmals eine Chefredakteurin bekommt. Judith Wittwer vom Tages-Anzeiger aus Zürich wird in München an die Spitze rücken, gemeinsam mit Wolfgang Krach, als Nachfolgerin von Kurt Kister." Womit im Grunde die Meldung schon zusammengefasst wäre, aber es gibt sie auch ausführlicher. Zum einen "in eigener Sache" in der SZ selbst. Wir lernen: a) Kister geht demnach auf eigenen Wunsch. Und b) "Das neue Führungsteam soll seine Aufgabe im Sommer übernehmen und vollständig integriert arbeiten, also ohne getrennten Zuständigkeiten für die gedruckte, die digitale sowie die Online-Ausgabe." Zusätzlich Schweizer Stimmen hat der Tagesspiegel.

+++ Klaas Heufer-Umlauf sah sich kürzlich mit einem Film des NDR/funk-Magazins STRG F konfrontiert, das u.a. ihm etwa den nicht transparent gemachten Einsatz von Schauspielern vorwarf (Altpapier). Das Medium Magazin erkennt ihm nun deshalb den dritten Preis ab, den er war bei der Wahl zum "Journalist des Jahres" in der Kategorie "Unterhaltung" erhalten hatte (u.a. zeit.de). "Zur Preis-Aberkennung hieß es vom 'Medium Magazin', das Format 'Late Night Berlin' habe 'in einigen Beiträgen Authentizität nur vorgetäuscht und auf die notwendige Transparenz verzichtet'. Solche 'Fakes' schadeten dem Journalismus und vertrügen sich nicht mit den journalistischen Kriterien, die der Auszeichnung zugrunde lägen." (Tagesspiegel) Bleibt die Frage, warum man Heufer-Umlauf mit einem Journalistenpreis ausgezeichnet hat. Dass er nicht als Journalist arbeitet, das war doch bekannt.

+++ Unter anderem das WDR-Blog Digitalistan kümmert sich um die besondere Belastung der Netz-Infrastruktur durch die Home-Office-Arbeitenden und alle anderen, die zu Hause nun besonders viel surfen: "Wer eine Serie in 4K-Qualität bingewatcht, saugt enorme Datenmengen aus dem Netz. Wenn das ganz Viele machen – und es sind derzeit mehr Menschen als sonst! –, macht sich das im Netz bemerkbar." Droht allerdings "ein Netz-Kollaps", wie in der Überschrift gefragt wird? Eher nicht. "Es scheint so zu sein, dass unsere Netz-Infrastruktur stand hält." Ganz abwegig ist die Frage aber wohl nicht: In Italien habe sich der Internetverkehr zuletzt um bis zu 70 Prozent erhöht, angeblich auch wegen des Online-Spiels Fortnite, ist zu lesen.

Das nächste Altpapier gibt es am Donnerstag.

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2020, 10:10 Uhr

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