Das Altpapier am 07. April 2020 Früher wurden Filme auf Magnetband gespeichert

Erlebt der Journalismus gerade eine "Sternstunde" oder bloß eine "späte Blüte" oder einfach Achterbahnfahrten? Die Landesmedienanstalten machen sich für "existenziell bedrohte" Privatradios stark (und bauen ihre "strukturelle Überfinanzierung" aus). Ein Pionier des Dokumentarfilms ist gestorben. "Kurzinhalte" zwischen Hollywood und Oberhausen trenden. Außerdem: die seltsame Politik, exklusiv auszugsweise aus ein bisschen vertraulichen Dokumenten zu zitieren. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 07. April 2020: Porträt Autor Christian Bartels
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Der Journalismus fährt Achterbahn

Journalismus erfreut sich gerade eines "riesigen Interesses". Daher hat die Journalistengewerkschaft DJV beschlossen, die bereits enorm üppige Szenerie der in Homeoffices gefilmten Selfievideos unterm frischen Trend-Hashtag #WirSindJournalismus mit noch mehr Selfievideos (darunter gute!) zu bereichern.

Tatsächlich betreffen wie sehr viele andere Bereiche des Lebens auch den Journalismus widersprüchliche Phänomene oft ohne unmittelbaren Zusammenhang. "Die einen arbeiten deshalb in diesen Tagen bis zum Umfallen ... Die anderen weniger oder gar nicht mehr" leitet die SZ-Medienseite mit Blick auf "Krankenpfleger, Ärztinnen, Kassierer" bzw. "Autobauer, Kinderbetreuerinnen, Kellner" ihren Überblick über die Lage der Presse-basierten Medienlandschaft in Deutschland und europaweit ein. Medien sehen sich außer steigendem Interesse oft sinkenden Einnahmen gegenüber.

Die Wissenschaft interpretiert das Ganze ... vielfältig. "Wir erleben derzeit eine Art Sternstunde für lokalen und regionalen Journalismus", sagte der Eichstätter Journalistik-Professor Klaus Meier der Schwäbischen Zeitung. Na ja, "eine späte Blüte", formuliert der Kommunikationswissenschafts-Professor Hektor Haarkötter, der unter der Überschrift "Geht’s auch mal wieder kritisch?" (in mmm.verdi.de, dem Medium der anderen größeren Journalistengewerkschaft dju) kürzlich allerhand zu kritisieren fand. Auch Meier differenziert und beschränkt sein Lob im Regionalzeitungs-Interview auf regionale Medien:

"Ich würde da das Fernsehen viel stärker kritisieren als die regionalen Medien. In den TV-Nachrichten und -Sondersendungen haben wir lange gerade zu Beginn der Krise kaum eine kritische, vielfältige Herangehensweise gesehen – sondern eher den Antrieb zu transportieren, was einzelne Chef-Virologen empfehlen und die Politik gehorsam und uneingeschränkt umsetzt, und das nicht in Frage zu stellen, um das Virus nur ja nicht zu verharmlosen. Das ist sicherlich auch wichtig, aber nicht um den Preis, eine distanzierte und vielfältige Perspektive komplett über Bord zu werfen (...) ."

Bei der Schwäbischen Zeitung scheint sich der "Vertrauenszuwachs" bruchlos in "deutlich höheren Reichweiten und Abo-Abschlüssen" niederzuschlagen. Davon spricht jeweils Interviewer Sebastian Heinrich. Anderswo in der Presselandschaft zeigen sich "gleichzeitig ... große Erfolge und tiefe Verunsicherung", schreibt Laura Hertreiter in der SZ. Dass "wegen der Krise vollzogene Kürzungen bei den Zeitungen auch nach der Coronakrise nicht wieder zurückgenommen würden", erwartete übrigens Alexandra Borchardt vom Oxforder Reuters Institute for the Study of Journalism, kürzlich im Deutschlandfunk.

Die Medienanstalten engagieren sich (und bleiben "überfinanziert")

Um eines der Problemfelder ein wenig zu vertiefen: Bei privaten, also nicht aus dem Rundfunkbeitrag finanzierten Sendern besonders im Radio werden nachvollziehbarerweise höhere Einschaltquoten ermittelt. Sie lassen sich aber, ebenfalls nachvollziehbarerweise, nicht monetarisieren, sondern im Gegenteil. Viele Werbekunden verzeichnen selbst abrupt gewaltige Einnahmeverluste und werben zurzeit oft gar nicht. Solch eine "Berg- und Talfahrt" schilderte Peter Stawowy kürzlich hier nebenan mit Blick aufs MDR-Sendegebiet. Gar von einer "existenziellen Bedrohung der derzeitigen Rundfunkvielfalt" spricht die LMS ...

Okay, das ist die Landesmedienanstalt des Saarlands. Diese Anstalten setzen sich gerade für die privaten Sender ein, am anderen Ende Deutschlands auch. Kein Wunder, sie stehen Corona-Krisen-unabhängig selbst unter Druck. Die Landesmedienanstalten werden "zu teuer, veraltet und intransparent" sowie "zu behäbig" genannt, einerseits. Andererseits haben sie nicht bloß sehr sichere Einnahmen, sondern sogar eine "erhebliche strukturelle Überfinanzierung", weil sie ja anteilig aus dem Rundfunkbeitrag finanziert werden. Der Anteil liegt zwar bloß bei 1,8989 Prozent, wird aber durch die vermutlich kommende Beitragserhöhung wiederum anteilig steigen – um 5,2 Millionen Euro jährlich, errechnete Helmut Hartung am Samstag für die FAZ-Medienseite (€) und forderte eine "grundlegende Reform".

Warum noch mal werden die Medienanstalten aus dem Rundfunkbeitrag finanziert? Zwecks "Sicherung einer staatsfreien Medienaufsicht" war das – und da kommt die kleine saarländische Anstalt noch mal ins Spiel. Deren vom Verwaltungsgericht Saarlouis nun zwar für rechtmäßig erklärte, doch alles andere als landesregierungsferne Postenbesetzung erregte kürzlich übers Medienanstalten-Biotop hinaus Aufsehen.

Ein Dokumentarfilm-Pionier ist gestorben

Solche Strukturen erklären sich aus tiefen Vergangenheiten, in denen es noch wenige Medieninhalte und in Deutschland gar keine Privatsender gab und um deren Einführung erbittert gestritten wurde. Blicke zurück auch in diese Jahre wirft medienkorrespondenz.de aus anderem, traurigem Anlass:

Er war "ein Vorreiter in mehrfacher Hinsicht" ruft Dietrich Leder dem verstorbenen Dokumentarfilmer Thomas Schmitt nach. Besonders in der Hinsicht des Speichermediums Video, also Magnetband, das in den 1970er Jahren den für Filmproduktionen üblichen 16-mm-Film abzulösen begann. In der Gegenwart, in der preiswerteste Webcams und alle sog. Smartphones stundenlang trägermateriallos filmen und Gefilmtes speichern können, kaum mehr vorstellbar. "Diese Firmen waren für die Sender wie Minenhunde, die sich auf ein unbekanntes Terrain vorwagten", schreibt er über Schmitts und Gerd Haags Kölner Produktionsfirma Tag/Traum, "deren Name an die Lektüre der Bücher des Philosophen Ernst Bloch erinnerte" und deren Internetauftritt einen Besuch lohnt.

Dann kann man sich schon denken, dass Thomas Schmitt es in seinen letzten Schaffensjahren "in allen Sendern schwer hatte". Das zeuge "vom Niedergang eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems, das sich freiwillig an die privaten Marktkonkurrenten bis zur Besinnungslosigkeit anpasst", meint Leder. Immerhin habe Schmitt als Professor an der Kölner Kunsthochschule für Medien wichtige Dokumentarfilme inspirieren können. Genannt werden etwa Bettina Brauns "Was lebst Du?", Oliver Schwabes "Asi mit Niwoh" und "Am Kölnberg".

Was ein Anlass ist, auf die plattform.dokomotive.com hinzuweisen – ein "Dokumentarfilm-Kollektiv", das Filme wie eben diesen nicht allein zugänglich macht, sondern mit zuspitzenden "Diskursen" ("Ist das Elendstourismus?") darauf gespannt. Allerdings kostet es 3,50 Euro, "Am Kölnberg" auf Vimeo anzusehen ...  Funktioniert so etwas in einer Medienlandschaft, in der es vor oft kostenlosen Video-Angeboten aller Art aus allen Themenwelten und mit sämtlichen Budgets nur so wimmelt?

Online-Kurzinhalte aus Hollywood und Oberhausen

Kurzfilme sind ein Ferner-liefen-Thema, um das es hier vor knapp einem Monat ging, aus dem auch nicht schönen Anlass, dass der Kultursender 3sat die Partnerschaft mit den Oberhausener Kurzfilmtagen aufkündigte, weil er "nicht mehr über die entsprechenden Sendeflächen" verfügt.

An Möglichkeiten, Kurzfilme online anzusehen, herrscht krisenaktuell auch eher Überfluss als Mangel. Da ließe sich etwa aufs Onlinefestival "My Darling Quarantine" verweisen, oder auf "Vier Wände Berlin", eine RBB-Initiative mit besonders kurzen Kurzfilmen à zwei Minuten (SZ gestern).

Überdies trenden "Kurzinhalte fürs Smartphone", Corona-Krisen-unabhängig, geradezu in den Medienressorts. Ein in den USA gestarteter neuer Streamingdienst, der zumindest kürzer getaktete Inhalte als die Rivalen Netflix und Co, freilich doch etwa in der Gesamtlänge von Spielfilmen anbietet, erregt breite Aufmerksamkeit.

Zwar ist dieses quibi.com in Deutschland noch gar nicht zu buchen, doch Berichte über die "Hollywood-Silicon Valley-Koproduktion" mit Prominentennamen- und Milliardensummen-Dropping haben etwa Deutschlandfunks "@mediasres" und dwdl.de. "Muss die Handlung wegen der Kürze simpler, ja, dümmer werden?" fragt Till Frommann im Tagesspiegel den mit deutschen Webserien befassten X-Filme-Produzenten Uwe Urbas. Gute Frage, wobei sie andersrum, also: ob nicht häufig längere Filme die dümmeren sind (zumal, wenn es sich um formatierte Fernsehfilme handelt, die immer achtundachtzigeinhalb Minuten dauern müssen), mindestens so berechtigt wäre.

"Das Gegenteil ist richtig: kurze Formen des Erzählens sind in diesen netzaffinen Zeiten neugieriger, wagemutiger, näher am Publikum – und damit zukunftsträchtiger denn je",

sagt zumindest Regisseur Christoph Hochhäusler – in einer Reaktion auf die erwähnte 3sat-Kurzfilme-Entscheidung. Eine Menge solcher Reaktionen sammeln die Oberhausener Kurzfilmtage in ihrem Facebook-Auftritt (leider vor allem dort und nicht im schönen Blog auf kurzfilmtage.de). Noch eine Reaktion verdient Erwähnung:

"Ich finde es einen Skandal, wie sich die öffentlich-rechtlichen Sender ihrer kulturellen Verantwortung entziehen. Im Falle des Kurzfilms ist es darüber hinaus ein Zeichen von Ignoranz und Phantasielosigkeit, denn gerade bei der wachsenden Ungewissheit der Zukunft wäre es jetzt vorteilhaft gewesen, alle alternativen Sendeformate zu pflegen und sich für völlig neue Umgangsweisen mit den Medien offen zu halten",

äußerte sich Edgar Reitz, einer der Unterzeichner des "Oberhausener Manifests" von 1962. Bekannt ist Reitz vor allem noch durch seine "Heimat"-Trilogie, die nicht wegen Kürze, sondern eher ihrer Länge wegen in den vielen Alles-Möglichen-Kanälen des öffentlich-rechtlichen Formatfernsehens schon lange überhaupt nicht mehr auftaucht.

Chronistisch könnte noch erwähnt werden, dass 3sat andererseits gerade auch gelobt wurde, von Hans Hoff in seiner dwdl.de-Kolumne für die Ende März begonnene kurze, werktäglich zehnminütige Sendung "Noch nicht Schicht" mit Sebastian Pufpaff. Im Vergleich mit vielen sonstigen spontan improvisierten Corona-Sendungen mag sie ansehnlich sein. Zugleich kennzeichnet es das Problem, wenn öffentlich-rechtliche Kultursender ihre Kabarettsendungen lobende Erwähnungen erhalten: Der Kulturauftrag ist ziemlich unter die Räder gekommen.


Altpapierkorb ("Exklusive" Dokumente, neuseeländisch-deutsche Medienkrise, Virtual Reality wird wichtiger, Kündigungen per Videocall, 12.706 Android-App-Hintertüren)

+++ "Das Selbstbild von Medien als Gatekeeper ist allerdings eine Rolle, die mehr mit Standesdünkel zu tun hat als mit tatsächlicher Verantwortung", schreibt Arne Semsrott auf uebermedien.de über die seltsame Politik (sowohl von Politikern als auch von klassischen Medien), exklusiv auszugsweise aus ein bisschen vertraulichen Dokumenten zu zitieren, anstatt sie wenn, dann transparent und vollständig zu veröffentlichen.

+++ "Wie der deutsche Bauer Verlag Neuseeland in eine Medienkrise stürzt", indem er nämlich sein gesamtes neuseeländisches Zeitschriftengeschäft (an das er durch den Kauf australischer Zeitschriften gelangte) offenbar für immer schließt, berichtet auf der FAZ-Medienseite Anke Richter aus Christchurch. Zu haben für 55 Cent bei Blendle.

+++ Kann Verfolgerin Illner Anne Will noch einmal bei den sowohl inhaltlich ziemlich identischen als auch linear ziemlich gleichzeitigen Sonntags-Talkshows überholen? Zum gestern hier erwähnten Thema hat die dpa noch was zusammengetragen. "Dass die beiden größten linearen Programme zur selben Zeit Talkshows zum selben Thema bieten ..., zeigt, dass das lineare Fernsehen in der gewaltigen Breite der Jahrtausendwende seinen Höhepunkt überschritten hat, und zwar nicht erst in diesem Frühjahr", schrieb ich dazu in meiner MK-Kolumne.

+++ "In der Coronavirus-Krise gewinnt Virtual Reality jedenfalls an Bedeutung", schreibt der Tagesspiegel in einer Besprechung sowohl des "bei Weitem aufwendigsten Spiels, das je für Virtual-Reality-Brillen entwickelt wurde", als auch der dafür notwendigen Geräte.

+++ Als "eine Art Pandemie-Frühstücksfernsehen" betrachtet Altpapier-Autorin Nora Frerichmann in epd medien das multimediale WDR-Format "#InZeitenVonCorona".

+++ "Die internationale Marke Business Insider gilt strategisch als wichtigste Wachstumsmarke für Axel Springer" und wird daher ausgebaut, nun auch ums schon lange Springer gehörende, bislang aber eigenständige Portal gruenderszene.de, berichtet Ulrike Simon bei horizont.net. +++ Worüber gruenderszene.de gerade so berichtet: über "Massenkündigungen per Video".

+++ 12.706 Apps von den rund 150.000 fürs Google-Betriebssystem Android verfügbaren enthalten Hintertüren, durch die "Angreifer gefährliche Sachen anstellen könnten", meldet heise.de über Forschungen der The Ohio State University und des Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit.

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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