Das Altpapier am 29. April 2020 Enges Rennen zwischen Castorf und Palmer!

Wie kommt es, dass ein einst renommierter Theatermacher in einem Spiegel-Interview viel "AfD-Blabla" von sich gibt? Sollte man Argumente, in denen die derzeit populäre Feststellung vorkommt, "dass Menschen sowieso sterben", prinzipiell "verdächtig finden"? Wird das fiktionale Fernsehen nach der Krise "radikaler" und "empathischer"? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 29. April 2020: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Castorfs "Mischung aus Opferpose und Großsprecherei"

Am Montag haben wir an dieser Stelle die von Samira El Ouassil in ihrer Spiegel-Kolumne ausgeführten Thesen über die "publizistische Frustabfuhr" aufgegriffen, derzeit zu beobachten bei vielen nicht unprominenten Zeitgenossen, die "trotz mangelnder Expertise im diskursiven Vakuum dennoch irgendwie einen Aufschlag zu platzieren" versuchen und "statt die wissenschaftlichen Gegebenheiten stoisch zu akzeptieren, (…) sich in die kritische Gegenpose (werfen), um zumindest publizistisch Widerstand gegen das Virus leisten zu können". Falls es noch weiterer Beweise bedurft hätte für die Richtigkeit dieser Thesen: Sie wurden gerade an anderer Stelle im Spiegel-Universum erbracht, nämlich in einem Interview (€), das Wolfgang Höbel mit Frank Castorf, dem langjährigen Intendanten der Berliner Volksbühne, geführt hat. Der meist zitierte Satz daraus:

"Ich möchte mir von Frau Merkel nicht sagen lassen, dass ich mir die Hände waschen muss."

Markus Decker (Redaktionsnetzwerk Deutschland) schreibt dazu:

"Der Satz ist für sich genommen hanebüchen genug (…) Beim Lesen des kompletten Interviews wird es nicht besser, sondern schlimmer. So sagt Castorf etwa: 'Demonstrationen, das heißt die praktizierte Meinungsfreiheit, sind so gut wie verboten. Die Kunstfreiheit und die Glaubensfreiheit sind es auch.' Nein, sie sind nicht verboten. Verboten ist, sich wegen des Ansteckungsrisikos in Gruppen draußen zu bewegen. Die Meinungsfreiheit besteht fort."

Deckers grundsätzliche Einschätzung lässt sich als Ergänzung zu der El Ouassils aus der vergangenen Woche lesen. Er sieht das Castorf-Interview auch als Symptom einer Entwicklung:

"Frank Castorf präsentiert sich als ein Vertreter jenes neuen Typs von Intellektuellen, die die Welt nicht etwa geistig durchdringen, sondern sich im Gegenteil etwas darauf einbilden, dass sie die Welt weithin nicht zur Kenntnis nehmen."

Jens Balzer (Radio Eins) findet, dass der Theatermann zumindest in weiten Teil alten Wein in neuen Schläuchen anbietet:

"Ja, man findet in diesem Interview tatsächlich viel von dem üblichen AfD-Blabla … es gibt keine Meinungsfreiheit in Deutschland … es ist alles schon wieder so schlimm wie in der DDR usw. über weite Strecken redet Castorf nicht viel anders als, sagen wir einmal, Björn Höcke. Ich sehe da aber eigentlich keinen besonderen Schwenk. Diese Mischung aus Opferpose und Großsprecherei (…) hat man bei Castorf auch schon immer gefunden. (…)"

Balzer erwähnt zudem die Nähe zu den seit einigen Wochen regelmäßig am Samstag vor der Volksbühne demonstrierenden Wahnwichteln, die hier am Dienstag vergangener Woche über den Umweg einer Kritik an einem "Tagesschau"-Bericht Thema waren. Auch Birthe Berghöfer (Neues Deutschland) sieht die Verbindung zu den Verschwörungs-Heinis:

"Während sich (…) ein Großteil - dank gesundem Menschenverstand - an Hygienevorschriften hält, befürchtet Castorf, man schreibe ihm vor, was er zu denken und zu tun habe. Damit passt er ausgesprochen gut in jene Ansammlung, die sich bereits mehrfach, paradoxerweise zur 'Hygiene-Demo', vor der Berliner Volksbühne traf."

Daniél Kretschmar schlägt in seinem taz-Kommentar einen anderen Bogen und nimmt das Interview zum Anlass, en passant auch Leuten aus dem eigenen Haus einen mitzugeben:

"Das bisweilen peinliche Wohlbehagen liberalerer Linker beim Anblick der unaufgeregten Naturwissenschaftlerin im Kanzlerinnenamt ist nichts gegen die bizarre Figur der verhassten Übermutter, die ihre Kritiker*innen projizieren."

Und TV-Autor Stefan Stuckmann hat sich zu einem Mikrodrama inspirieren lassen.

Brutales Frühstücksfernsehen

Unter aufmerksamkeitsökonomischen Aspekten hat sich Castorf am Dienstag ein enges Rennen geliefert mit einem Barbaren aus dem südwestdeutschen Raum, der im Sat-1-Frühstücksfernsehen (bei 3:09) gesagt hat:

"Ich sag’s Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären - aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen."

Dieser selbsternannte Brutalo heißt Boris Palmer, er ist weiterhin der unter Journalisten beliebteste Oberbürgermeister von 90.000-Einwohner-Städten. Claudia Henzler kommentiert in der SZ:

"Damit impliziert er, dass ausschließlich Menschen an Covid-19 sterben, deren Lebensuhr in sechs Monaten ohnehin abgelaufen wäre, was nicht stimmt (…). Vor allem aber legt er nahe, dass man für alte und kranke Menschen keinen Aufwand betreiben müsse, nach dem Motto: Die sterben ja eh bald. Das ist ethisch gesehen einfach nur: völlig daneben."

Man könnte Palmer darüber hinaus, wie es Lorenz Meyer in einem Twitter-Thread tut, entgegnen, dass "der Tod durch Covid-19 nicht bedeutet, gemütlich auf dem Schaukelstuhl am Kamin einzuschlafen, sondern (…) es sich oft um qualvolles und einsames Sterben handelt".

Im Neuen Deutschland schlägt Stephan Fischer einen Bogen zu einer inhaltlich verwandten Äußerung Wolfgang Schäubles vom Wochenende. Schäuble wie Palmer ließen etwas "ins Rutschen kommen":

"So eine abschüssige Ebene, die bekommt man kaum wieder gerade gerückt, wenn der Versuch Leben zu retten, nicht mehr an erster Stelle steht. Denn warum bei den Alten aufhören? Wenn das Funktionieren der Wirtschaft an oberster Stelle steht - wer trägt denn dazu bei und vor allem, wer weniger oder gar nicht?"

Was sagen andere Politiker zu Palmers Performance bei Sat1? In einer AFP/epd/Tagesspiegel-Zusammenfassung zum Beispiel steht’s. Hier findet sich auch eine Reaktion des Tübinger Provokationskünstlers auf die Kritik. Getreu dem auch bei vielen seiner rechten Kumpels recht beliebten Motto "Was ich gesagt habe, habe ich nicht gesagt", teilte Palmer am Dienstagabend mit: "Niemals würde ich älteren oder kranken Menschen das Recht zu leben absprechen." Narhalla-Marsch!

Margarete Stokowski beschränkt sich in ihrer Spiegel-Kolumne wiederum auf Schäubles Äußerungen - wobei sich ihr Text teilweise auch auf das von Palmer Gesagte anwenden lässt:

"Ein Politiker, der mitten in einer Pandemie mit demonstrativer Lässigkeit erklärt, dass wir eh alle sterben müssen - ich meine, diese Tatsache ist den meisten Leuten bekannt, aber wie gut hat er sich das überlegt? Es ist eine Sache, dem eigenen Tod mit Gelassenheit entgegenzublicken, aber dann doch eine ziemlich andere, das beim vermeidbaren Tod anderer Menschen zu tun. Sollte man nicht prinzipiell jedes Argument, in dem die Feststellung vorkommt, dass Menschen sowieso sterben, verdächtig finden?"

Stokowskis Fazit:

"Dass im Kapitalismus das Leben der Einzelnen nicht so wichtig ist, wenn es darum geht, Profite zu sichern, wusste man vorher schon. Unangenehm ist, wie explizit davon ausgegangen wird, dass ein paar Leute jetzt wohl geopfert werden müssen."

"Experten stehen nicht außerhalb der Dinge, die sie analysieren"

Das Schweizer Magazin Republik macht in einem Gespräch mit der Philosophin und Genderforscherin Patricia Purtschert die redaktionsinternen Diskussionen rund um die Planung des Interviews transparent, und so etwas lesen wir Medienkritiker ja prinzipiell immer gern. Andrea Arežina steigt folgendermaßen ins Gespräch ein:

"Frau Purtschert, als ich vorschlug, Sie zu Corona zu interviewen, war der stellvertretende Chef­redaktor skeptisch: Bei einem Gespräch zwischen einer Frau und einer Gender­forscherin sei ein Tunnel­blick zu befürchten."

Was die Befragte erst einmal amüsiert. Sie sagt:

"Schon Freud fand, von Frauen könnten in der Psychologie keine Einsichten über Frauen erwartet werden, weil sie Objekt der Forschung seien. Er vergass dabei, dass er als Mann genauso ein Geschlecht hat wie die Frauen und Männer, über die er befand. Als Vertreterin der Gender­studies holt mich diese Frage immer wieder ein: Ist das nicht ein partielles Wissen, wenn Frauen über Frauen reden? (…)"

Die Überschrift des Interviews lautet: "In den Köpfen vieler Menschen gibt es diese Koppelung von Expertise und Männlichkeit" - und angesichts der aktuellen Lage ist es klar, dass es in dem Gespräch auch um "Virologen, Epidemiologen, Ärzte, Ökonomen" geht, also die derzeit besonders gefragten Expertisenanbieter. Purtschert sagt dazu:

"All diese Experten stehen auch nicht außerhalb der Dinge, die sie analysieren. Wenn ich als Virologe über Viren rede, bin ich auch ein Körper, der Viren ausgesetzt ist. Und wenn ich als Neoliberalismus-Experte über die Bedeutung der Ökonomie in der Corona-Krise rede, bin ich selber vom neoliberalen Regime geprägt. All diese Experten blicken nicht aus der Meta­Perspektive auf die Dinge. Das Gleiche gilt für unser Nachdenken über Geschlecht. Die feministische Wissenschaft hat das sehr stark reflektiert."

Während in anderen Wissenschaften solche Reflektionen eher nicht so stark verbreitet sind, würde ich sagen.

Deutsche TV-Fiction und aktuelle Politik

"Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fehlt es an überzeugenden fiktionalen Darstellungen des hiesigen Politikbetriebs" - so lautete eine These, die ich an dieser Stelle neulich formuliert habe. Die fiktionalen Darstellungen, die Politik auf andere Weise verhandeln, sind offenbar auch noch ausbaufähig. Das legen jedenfalls einige Rezensionen der gestern und heute im linearen Fernsehen ausgestrahlten dystopischen ZDFneo-Serie "Deutscher" nahe, die von den Auswirkungen eines Wahlsiegs einer rechten Partei auf ein "Mini-Soziotop" (Thomas Gehringer, Tagesspiegel) erzählt. Als "krampfhaft gewollte Serie über Rechtsruck in Deutschland" charakterisiert David Segler in der Frankfurter Rundschau diese Produktion:

"Das Thema politischer Rechtsruck ist so omnipräsent, dass es den Figuren, die in diesem Setting agieren sollen, überhaupt keine Luft zu atmen gibt. Das führt paradoxerweise dazu, dass "Deutscher" politisch kaum Relevanz entwickelt. Denn die Serie will im Grunde nichts wissen, nichts ergründen, keine Fragen stellen oder provozieren. Sie drängt durch ihr strenges thematisches Korsett die Figuren konsequent in ihre Rollen und Haltungen." 

Und Ulrich Kriest (konkret) spricht von einer "Verdichtung des Erzählens aufs Bebildern von Thesen". Ich kann "Deutscher" nicht beurteilen - ich habe nach ungefähr einer halben Stunde genervt abgebrochen -, kann aber sagen, dass die Kritik, die Segler und Kriest hier formulieren, in ähnlicher Form auf andere Produktionen aus dem Bereich ambitionierte TV-Fiction zutrifft.

Die taz ist ebenfalls nicht zufrieden, wohingegen das Urteil im bereits zitierten Tagesspiegel eher positiv ausfällt.

"Wir werden stärker sein als vor der Krise"

Die FAZ hat auf ihrer Medienseite mal wieder eine große Umfrage (€) gestartet. Was sie wissen will:

"Angesichts der Corona-Krise, von der wir noch nicht wissen, wie sehr sie unser Leben verändern wird, stellt sich die Frage: Wie geht man damit in Film und Fernsehen um?"

Geantwortet haben Regisseure, Autoren, Produzenten, TV-Hierarchen. Der mehrfach preisgekrönte Autor und Regisseur Kilian Riedhof ("Gladbeck") hat ein tendenziell kämpferisches Statement abgegeben, das zumindest leichte Hoffnung darauf macht, dass es dereinst besseres fiktionale Filme bzw. Serien geben wird als "Die Getriebenen" oder "Deutscher":

"Eines Tages, wenn wir diese Krise überstanden haben, weil die Politik noch rechtzeitig erkannt hat, dass auch Filme Leben retten können, und sie Filmschaffende, Produzenten und Kinos mit der Bazooka oder sonst wie vor dem Ruin bewahrt hat – eines Tages also werden wir antworten. Wir werden uns endgültig verabschieden von der wohldosierten Behaglichkeit mancher Serien. Wir werden uns wieder nach Kino sehnen (…). Nach Filmen, die nicht in Privatheit versinken, sondern sich der neuen globalen Wirklichkeit stellen (…). Wir werden radikaler erzählen, empathischer und menschlicher. Wir werden stärker sein als vor der Krise. Wenn wir mutig sind."

Wie das gehen soll, so lange in den Sendern die notorischen Behaglichkeits-Fans und Radikalitäts-Verschmäher über die Geldschatullen wachen, ist allerdings eine andere Frage. Noch wiederum eine andere Frage ist, wann sich das, was wir jetzt als Wirklichkeit wahrnehmen, in der TV-Fiktion widerspiegeln wird. Dazu sagt Martina Zöllner, Leiterin des Programmbereichs Doku und Fiktion beim RBB:

"Fiktion ist langsam; von der ersten Idee bis zum fertigen Film dauert es meistens zwei Jahre, bei Serien oft länger. Wenn wir jetzt eine Geschichte entwickeln, die in der Gegenwart zu spielen beansprucht, muss sie die Realität in zwei, drei Jahren treffen, und die ist gerade schwer zu antizipieren. Da das Leben im Ausnahmezustand jedoch absehbar noch jahrelang die neue Normalität sein wird, wird sich das auf alle fiktionalen Inhalte auswirken, die glaubwürdige Gegenwärtigkeit erzählen wollen."

Bieten sich Kulturmagazinen jetzt "neue Darstellungs- und Vermittlungsoptionen"?

Nebenan habe ich mich für die MDR-Reihe "Medien im Krisenmodus" mit den öffentlich-rechtlichen Kulturmagazinen befasst. Ich habe mit einigen Macherinnen und Machern darüber gesprochen, wie man damit umgeht, dass einem ein großer Teil der Berichterstattungsgegenstände abhanden kommt. Es gibt Magazine, die derzeit pausieren, andere senden abgespeckte Versionen oder entwickeln Übergangslösungen. In dem Text geht es auch darum, ob dadurch, dass klassische Themen wegfallen, auch ein positiver Druck entstehen kann. MDR-Kulturchef Matthias Morgenthaler ("Artour") meint dazu:

"Aus der Suche der Kunst und Kultur nach alternativen Vermittlungsformen und Wegen erwachsen auch für uns neue Themen und Fragen, im besten Falle auch neue Darstellungs- und Vermittlungsoptionen."

Am gestrigen Dienstag ist übrigens das BR-Kulturmagazin "Capriccio" aus einer sechswöchigen Pause zurückgekehrt.


Altpapierkorb (EU-Kommission segnet Medienstaatsvertrag ab; massiver Abonnenten-Zuwachs bei rechtsextremen Telegram-Kanälen; taz-Erfolg gegen den Mitarbeiter eines AfD-MdB)

+++ "Die Bundesländer können den Medienstaatsvertrag, auf den sich die Ministerpräsidenten der Länder im Dezember 2019 verständigt haben, in Kraft setzen" bzw. die Landesparlamente die Ratifizierung des Vertrags in Angriff nehmen. Der Grund: "Die Brüsseler EU-Kommission hat keine grundsätzlichen Bedenken gegen das Vertragswerk geltend gemacht." Darüber berichtet die Medienkorrespondenz ausführlich. Eine epd/Tagesspiegel-Zusammenfassung gibt es dazu auch. Heike Raab, Staatssekretärin im die hiesige Mediengesetzgebung regulierenden Bundesland Rheinland-Pfalz, ist "erleichtert, dass sich unsere Rechtsauffassung bis auf Kleinigkeiten bestätigt hat." Mit diesen Worten wird sie in der Süddeutschen zitiert. Weitere Reaktionen (etwa von den Landesmedienanstalten und von Vaunet) finden sich in einem weiteren MK-Artikel.

+++ Unter Bezug auf Miro Dittrich von der Amadeu-Antonio-Stiftung geht der Tagesspiegel auf den "Zulauf" ein, "den rechtsextreme und andere Verschwörungsideologen in der Coronakrise im Netz verzeichnen. So hätten sich seit dem 15. März innerhalb von zwei Wochen die Abonnentenzahlen einschlägiger Kanäle beim Messenger-Dienst Telegram verdoppelt".

+++ Die taz dokumentiert einen juristischen Erfolg für die Pressefreiheit in erster Instanz, indem sie (unter dem streitgegenständlichen Artikel) das komplette Urteil publiziert. Der Verlierer in dieser Sache: ein vom Militärischen Abschirmdienst als Rechtsextremist eingestufter Soldat, der nebenbei als Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten tätig ist.

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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