Das Altpapier am 08. Juni 2020 Gepflogenheiten in Grauzonen

Das Einbetten von Postings aus sog. sozialen Netzwerken ist für den Online-Journalismus bequem, steht aber rechtlich auf unsicheren Füßen. Vorabinformationen vertraulich mit ausgewählten Eingeweihten zu teilen, mag eine alte Tradition sein, am Verfassungsgericht hat sie wirklich nichts verloren. Weitere Fragen: Wie können sich Fernsehsender einen eigenen Knopf auf der Fernbedienung verschaffen? Und welche Aussagekraft besitzen Googles Daten? Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 08. Juni 2020: Porträt Autor Christian Bartels
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Die Grauzone des Postings-Einbettens

Praktische Gewohnheiten spielen auch im Journalismus eine große Rolle. Schon weil die täglich, mitunter rund um die Uhr betriebene Routinearbeit, auch wenn digitale Hilfsmittel zur Verfügung stehen, oft von immer weniger Personal erledigt werden muss. Im Onlinejournalismus zum Beispiel:

"Möchte man ein Bild auf seiner Webseite teilen, das einem gar nicht gehört, greift man gerne zu einer vermeintlich unproblematischen Lösung: das Einbetten von Social-Media-Beiträgen. Nun erklärt Instagram jedoch, dass Webseiten eine Nutzungsberechtigung bei den Urhebern einholen müssen, wenn sie ihre Postings einbetten wollen",

fasst der Standard zusammen. Gewiss, Facebooks Instagram ist eine Plattform, die auf schön wirken sollenden Fotos basiert. Einflussreiche Politiker wie der aktuelle US-amerikanische Präsident nutzen lieber Twitter, auch wegen der dort zwar oft ebenfalls bebilderten, aber textbasierten Einträge – und natürlich deswegen, weil Journalisten und weitere Multiplikatoren ihre Tweets scharenweise weiterverbreiten. Und alle Plattformen haben unterschiedliche und sich oft ändernde AGBs, denen Nutzer meistens zustimmen, ohne lange drin zu lesen. Das Teilen von Bildern ist eine große, dynamische Grauzone, wie der Standard aus dem längeren (und weitere Links enthaltenden) arstechnica.com-Beitrag "Instagram just threw users of its embedding API under the bus" übersetzt. Da gibt es das "Argument, ... dass Instagram, und nicht eine dritte Webseite ... das betroffene Foto verbreitet hat", gab es andererseits eine New Yorker Gerichts-Niederlage der Newsweek (die "die urheberrechtliche Beschwerde eines Fotografen nicht aufgrund der Nutzungsbedingungen Instagrams zurückweisen könne"). Und im EU-Europa gilt ein EuGH-Urteil aus dem Jahre 2014, demzufolge "das Einbetten von Videos und Fotos nicht grundlegend illegal ist".

Zu sehr auf die liebgewonnene Methode des Online-Inhalte-Einbettens sollte Onlinejournalismus jedenfalls nicht setzen.

In einer Zeit, in der immer mehr Bilder aller Art immer schneller und wirkungsmächtiger verbreitet werden, ließen sich hier noch viele aktuelle bis brisante Fragen anknüpfen. Zum Beispiel, dass der jüngste Twitter-Trump-Streitpunkt, die Löschung eines von Trumps Team verbreiteten Videos, auch mit Beschwerden über verletzten Urheberrechte zusammenhängt (heise.de). Oder wie denn nun Facebook sich zu Trump verhält. "Facebook-Chef Mark Zuckerberg will den Umgang des sozialen Netzwerkes mit kritischen Inhalten verbessern", wird gern vermeldet, so als ob Zuckerberg nicht laufend Verbesserungen und noch mehr Relevanz ankündigen würde. Dass Nachrichtenmedien solche PR-Äußerungen weiterverbreiten, ohne die nachrichtliche Relevanz lange zu überprüfen, zählt auch zu den eingespielten Onlinejournalismus-Mechanismen. Ein Ende des Provider-Privilegs (Altpapier), das Trump ankündigte, "würde Zuckerbergs Geschäftsmodell gefährden", kommentiert analystischer die Süddeutsche. Bemerkenswert nüchtern-sachlich fassen die Reporter ohne Grenzen die "Debatte über die gesellschaftliche Rolle und Verantwortung sozialer Netzwerke" zusammen –  in der es falsch wäre, sich darauf zu verlassen, dass Trumps Position sowieso falsch ist.

Die Grauzone vertraulicher Vorabinfos (vom Verfassungsgericht!)

Über eher Jahrzehnte als Jahre eingespielte Gewohnheiten gibt es auch im traditionelleren, weniger digitalen Journalismus, etwa die "uralte Hauptstadtjournalismus-Gepflogenheit des Hintergrundgesprächs".

Da für Transparenz zu sorgen, ist schon lange (vgl. z.B. Altpapier 2017) ein Steckenpferd des rechtspolitischen Tagesspiegel-Korrespondenten Jost Müller-Neuhof. Der ist nun auf einen ziemlich dicken Hund gestoßen, nicht in der Bundeshauptstadt, sondern sondern in der Hauptstadt des Bundesrechts:

"Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe teilt Informationen über seine Entscheidungen vor Ort einem kleinen Kreis ausgewählter Journalistinnen und Journalisten mit, noch bevor die Urteile offiziell verkündet werden. Damit erhalten Dritte Angaben zu Urteilsinhalten, bevor die Prozessbeteiligten selbst Näheres erfahren können. Die vertrauliche Vorabinformation entspreche einer 'langjährigen Übung', bestätigte ein Gerichtssprecher dem Tagesspiegel auf Anfrage."

Der "Karlsruher Medien-Verein", von dem da die Rede ist, ist dieser. Dass die Vorsitzende laut Tagesspiegel dazu bloß "erklärte, es sei ein 'eherner Grundsatz' von Journalisten, nicht mit Dritten darüber zu sprechen, 'wer uns wann welche Informationen gibt'", so als seien die Karlsruher Richter Whistleblower, macht die Sache nicht un-obskurer. Wem schadet es, ließe sich vielleicht fragen, da die höchstrichterlichen Urteile ja lange in Kraft bleiben. Nun, die Kommentare der Eingeweihten sind ausgeruhter, die der anderen schneller geschrieben worden, ohne dass das Publikum davon erfuhr. Und wenn das höchste Bundesgericht keine Chancengleichheit praktiziert, wer soll es denn dann tun? Da die Karlsruher Urteile ja gerade wegen ihrer bundesweiten – oder, wie kürzlich im Fall der Europäischen Zentralbandk, noch darüber hinausgehenden – Bedeutung Interesse verdienen, erscheint die Gewohnheit "befremdlich und nicht zeitgemäß", wie der DJV bekundete.

Eine andere Frage ist, warum der Tagesspiegel den Spin betont, dass die exklusiven Vorab-Informationen "vor allem ARD und ZDF" nutzen würden. Vielleicht ist das ein Vorbote schärfer werdender Konkurrenz. Schließlich konkurrieren im Netz alle unmittelbar mit allen, doch nur die Öffentlich-Rechtlichen haben sichere Einnahmen, über die privatwirtschaftliche Medien seit der Corona-Krise noch weniger verfügen. Apropos: Kommt denn nun die eigentlich längst vorgesehene Rundfunkbeitragserhöhung? Weiter unklar. Dass Sachsen-Anhalt "den Weg für das weitere Ratifizierungsverfahren ... freigemacht" hat, bedeutet noch keineswegs, dass sein Landtag oder überhaupt alle die notwendige Zustimmung geben (wiederum Tagesspiegel). Sollten einzelne Landtage nicht zustimmen, dürfte das Thema irgendwann ... in Karlsruhe landen.

Rasch noch ein Apropos: Auf der SZ-Medienseite taucht Karlsruhe heute unter der Überschriften  "Es herrscht Waffengleicheit"/ "Ein Urteil hilft Medienhäusern gegen Einstweilige Verfügungen" auch wieder auf (Onlinefassung). Wobei "Waffengleichheit" ein noch zupackenderes Synonym für "Chancengleichheit" ist.

Berlusconis Konzern und ProSiebenSat.1

Medien sind ein Wirtschaftszweig, zumal jenseits der Öffentlich-Rechtlichen in ihrer nicht un-diffusen Grauzone zwischen Qualität und Quote. Gespräche mit Medienmanagern lesen sich allerdings oft langweilig, da die geschulten Manager die Mechanismen der Medien natürlich bestens kennen und sich daher ähnlich oft frisch-überraschend äußern wie Fußballprofis vor der Sponsorenwand nach dem Spiel. Also praktisch nie.

Umso bemerkenswerter ist dieses Gespräch (€) des Spiegels mit Marco Giordani, dem Chief Financial Officer von Mediaset – also des hierzulande wegen seines Gründers und Gesellschafters Silvio Berlusconi verrufenen italienischen Konzerns, der inzwischen fast ein Viertel der deutschen ProSiebenSat.1-Aktiengesellschaft besitzt. Überraschend, lustig oder aufgeregt äußert sich Giordani freilich nicht. Er schildert bloß nüchtern die Grundzüge des Fernsehsender-Geschäfts, das sich wie alles in den Medien dynamisch verändert.

"Alles um uns herum ist global: unsere Wettbewerber, die Produzenten, die Fußballrechte, die TV-Formate, teilweise auch die Zuschauer. Als lokale Unternehmen können wir dagegen schwer ankommen",

sagt er etwa. Da habe sich in den wenigen Jahren, vor denen Berlusconi schon einmal (sehr vergeblich) sein Glück auf dem deutschen Fernsehmarkt versuchte, viel verändert. Tatsächlich konnten werbefinanzierte Privatsender damals ja noch um Liverechte an der Fußball-Champions League mitbieten. Inzwischen scheint das ausgeschlossen. Inzwischen wird immer mehr Fernsehen gestreamt. Giordani beziffert die Kosten, die Fernsehsender statt für Inhalte für "Technologie und Software" aufbringen müssen, auf "35 Prozent" ihres Budgets. Da könnten europaweit organisierte Unternehmen sparen. Auch dafür nennt er ein plastisches Beispiel:

"Wenn Mediaset Italia heute bei Samsung ankommt und fragt, ob unser Streamingdienst nicht einen eigenen Button auf der Fernbedienung haben kann wie Amazon oder Netflix, ist das einfach nur lächerlich. Natürlich bekommen wir keinen. Wenn wir als europäischer TV-Konzern mit Millionen Nutzern anfragen, sieht die Sache anders aus. Wir hätten eine viel größere Verhandlungsmacht."

Womit der Italiener elegant die Wirtschaftlichkeit der Streaming-Plattform von P7S1 und des US-amerikanischen Discovery-Konzerns elegant in Frage stellt. Dieses joyn.de funktioniert zwar technisch nicht schlecht (was im deutschen Internet auch nicht selbstverständlich ist). Wie sie ökonomisch funktionieren soll, wenn nicht einmal die ursprünglich erhofften Bundesliga-Spiele zu sehen ist, ist wirklich offen. Kurzum Giordani argumentiert so nüchtern und zerstreut zugleich nicht grundlegend aufgegebene Berlusconi-Befürchtungen ("Ich will damit nicht sagen, dass die Deutschen mit ihrer Erinnerung in Sachen Berlusconi falschliegen, aber das sind wirklich alte Geschichten"), dass es fast wirkt, als würde Berlusconis Konzern nun aber wirklich die Kontrolle über ProSiebenSat.1 übernehmen wollen.

Die Aussagekraft von Googles Daten

In der guten alten "Gutenberg-Galaxis" gab es den Besserwisser-Spruch "Wer lesen kann, ist klar im Vorteil". Manchmal mag er einem noch begegnen. Längst geht die Phrase "einfach mal googeln/ googlen" allen, wirklich allen flotter über die Tastatur. Streng genommen erfordert Googeln, seitdem der Plattformkapitalismus seine Nutzer auch mit sogenannten Smart Speakern penetriert, ja nicht mal mehr Lesen-Können.

Da verdient hier unten im Altpapier, wo Suchmaschinen sowieso nicht mehr crawlen, auch noch Aufmerksamkeit, was das "Investigativ-Ressort" der "Tagesschau" zu den "Trends" meldete, die der Datenkrake unter trends.google.de bietet (z.B. Onlinejournalisten, die schnell Neues über aktuelle Themen brauchen, das wahrscheinlich gut klickt, schon weil immer viele Nutzer via Google kommen ...).

"Es ist fraglich, ob die von Google gelieferten Daten überhaupt eine Aussagekraft haben: Journalisten und Journalistinnen des NDR haben zusammen mit dem Big-Data-Beratungsunternehmen "Hase & Igel" sowie Wissenschaftlern der Universitäten Oldenburg und Hannover Hinweise darauf gefunden, dass die Daten, die Google Trends anzeigt, nicht zuverlässig sind."

U.a. mit mehreren, teilweise attraktiv interaktiven Grafiken belegen die Forscher und Reporter, dass Google die Repräsentativität seiner Services offenbar aufbauscht und sowohl Wissenschaft als Journalismus das gern für bare Münze nehmen. Am Ende fordert Matthias Spielkamp von algorithmwatch.org "Zugang zu den Daten der Plattform, damit auch Außenstehende herausfinden können, ob etwas schief laufe. Das will Google jedoch nicht zulassen - aus Gründen des Geschäftsgeheimnisses und des Datenschutzes."

Jedenfalls: Eine der Gepflogenheiten, die sinnvollerweise jeder zurückfahren kann, um den allgegenwärtigen Plattformkapitalismus wenn nicht zu bremsen, dann sein Ausufern zu verlangsamen: einfach mal nicht zu googeln, um zu sehen, "was im Netz gerade los ist", sondern lieber mal andere Suchmaschinen zu nutzen, die sich für viele Suchaktionen genauso gut eignen. So gefundene Ergebnisse sind natürlich nicht repräsentativ. Aber das, was Google oder Facebook für repräsentativ oder "noch relevanter" erklälren, ist es auch keineswegs immer. Diese Altpapier-Kolumne ist übrigens (so wie jede von mir) komplett ohne zu googeln entstanden.


Altpapierkorb (Bundesliga-Rechteversteigerung, "MDR und Rechsextremismus", Drehprobleme vorm Berliner Landgericht, Geschlechterstereotype und Fernseh-Synchronisation)

+++ Heute geht "die wegen der Corona-Krise um sechs Wochen verschobene Auktion der Medienrechte" an der Fußball-Bundesliga wieder los (Welt). Die Preise sollen natürlich steigen, aber wer kann das bezahlen? Am ehesten Amazon (Tagesspiegel).

+++ Für epd medien hat Johannes Süßmann ausführlich den MDR [bei dem, Sie wissen es, auch diese Kolumne erscheint] "und das Thema Rechtsextremismus" untersucht: "Auch wurde für den gesamten MDR ein 'Social-Media-Führerschein' eingeführt. Auf einem zweitägigen Seminar wird dabei unter anderem über Community-Management, Social-Media-Strategien, Qualitätsmanagement und Technik-Tools gesprochen. Den Führerschein kann man seit Jahresbeginn machen." Bislang hätten "die Schulung exakt fünf Mitarbeiter durchlaufen. Wegen der Corona-Krise sei das Programm momentan unterbrochen, teilt die Pressestelle mit. Für die kommenden Seminare lägen bislang 23 Anmeldungen vor", heißt es im Artikel, der inzwischen frei online steht.

+++ Bilder von Übergriffen gegen ZDF-Journalist Arndt Ginzel und seinen Kameramann am Rande einer Berliner Gerichtsverhandlung gingen letzte Woche herum (Altpapier). Dem dabei entstanden Eindruck, "Justizbedienstete würden Journalisten an der Berichterstattung hindern", ist netzpolitik.org nachgegangen – inklusive via Twitter eingebetteter Ginzel-Bilder.

+++ In Kürze beginnt die "Tatort"-Sommerpause, der im Herbst das nächste große "Tatort"-Jubiläum folgen wird. Aber werden die neuen Krimi-Episoden rechtzeitig fertig? Zumindest werden sie in größeren Autos gedreht. "Szenen werden weniger dicht geschrieben, beispielsweise sitzen zwei Kommissare bei der Observation nicht nebeneinander im Pkw, sondern in einem größeren Wagen vorne und hinten", hat sich Kurt Sagatz (Tagesspiegel) vom WDR sagen lassen.

+++ Werden Geschlechterstereotype auch durch Fernseh-Synchronisation verstärkt? Ungefähr dieses Problem macht ebd. Jan Freitag bei seinem Verriss der deutsch-französisch-italienischen Spionageserie "Mirage" auf.

+++ Und dass die ZDF-Sendung "Terra X" ab dem morgigen Dienstag 50 bis zu dreiminütige Clips vor allem Schulen zur freien nicht-kommerziellen Nutzung anbietet, also vor allem Schulen, und die Zahl kontinuierlich erhöhen will, meldet die SZ-Medienseite: "Das Schlagwort, das bei der Lizenzänderung zur freien Nutzung der Terra X-Clips mitschwingt, ist Urheberrecht ... Simone Fleischmann, Präsidentin des größten Lehrverbands Bayern (BLLV) erinnert sich an ihre Zeit als Lehrerin: 'Wenn man nur aus einem Buch etwas kopierte, schwebte das Urheberrecht wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen'". Dieser Artikel steht am Montagmorgen noch nicht online. (Der Artikel wurde im Laufe des Tages online gestellte und danach auch hier verlinkt. Anm. d. Red.)

Neues Altpapier gibt's wieder am Dienstag.

0 Kommentare