Das Altpapier am 5. August 2020 Reichweite allein reicht auch nicht

"Die Dose gibt's, die Dose nimmt's", bzw. ein österreichischer Milliardär stellt ein ambitioniertes Rechercheprojekt ein. "Millennial-Medien" für junge Leute geht's auch nicht gut. Jemanden zu blockieren, ist immerhin noch eine Interaktion, doch selbst damit könnte es vorbeigehen. Droht dem gesamtgesellschaftlichen Diskurs die große Tribalisierung? Außerdem: Hurra, die Bundeszentrale für Digitale Aufklärung ist da. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 5. August 2020: Porträt Autor Christian Bartels
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Das nächste per Twitter verkündete Ende

Gestern ging es hier mit dem traurigen Tweet des Instituts für Rundfunktechnik anlässlich seines bevorstehenden Endes los. Auf unsere via Twitter gestellte Frage, ob sich darüber niemand aufregt, meldete sich die Fernseh- und Kinotechnische Gesellschaft, die tatsächlich schäumt: "Alle Anzeichen deuten ... darauf hin, dass wieder einmal Geldgeschachere verbunden mit Machtspielchen, potenziert durch technologische Inkompetenz dazu geführt haben, dass das wohl renommierteste deutsche Rundfunkinstitut zerschlagen wird". Für Leser, die im Thema nicht drin sind, noch mal der Hinweis: Am Anfang des Endes des renommierten Instituts standen kriminelle Geldgeschäfte.

Heute nun folgt ein Beispiel, wie ein Tweet das Aus eines Medien-Projekts mit immerhin 57 Mitarbeitern fröhlich-wortspielerisch verkünden kann: "We put the END in AddENDum" twitterte Addendum, das hier mehrfach erwähnte österreichische Rechercheprojekt. Ein Klick auf den Link im Tweet führt zu einer aussagestark verquasten Pressemitteilung:

"Nach eingehender, von wechselseitiger Wertschätzung geprägter Diskussion sind Dietrich Mateschitz als Stifter der Quo Vadis Veritas Privatstiftung und Michael Fleischhacker als Geschäftsführer der Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH zu dem einvernehmlichen Entschluss gekommen, die Aktivitäten der Stiftung und die Rechercheplattform Addendum einzustellen. Der Grund dafür ist, dass es trotz erheblichen Mitteleinsatzes und einer Reihe erfolgreicher und relevanter Rechercheprojekte insgesamt nicht gelungen ist, die Zielsetzungen der Stiftung in ausreichendem Maß zu erfüllen und Dietrich Mateschitz beabsichtigt, die von ihm unterstützten journalistischen Aktivitäten stärker auf lösungsorientierte Projekte jenseits der politischen Alltagsauseinandersetzungen zu konzentrieren."

Mateschitz ist der durch ein duftstarkes Energiegetränk reich gewordene Milliardär, der außer dem Fernsehsender Servus TV auch Teams in Sportarten wie Fußball und Autorennen besitzt oder betreibt, die selber als Medieninhalte bekannt sind. "Die Dose gibt's, die Dose nimmt's", haben abgeklärte Mitarbeiter dem Standard zufolge gesagt. Dennoch sei "das Aus nach drei Jahren ... überraschend" gekommen, zumal gestern noch eine "Aufdeckerstory über geheime Großaufträge der Republik", also Österreich, online gegangen war. Diese.

"Dass es bei 'Addendum' schnell zu Ende sein könnte, wussten wohl alle im Unternehmen" meint indes der in Wien ansässige Timo Niemeier bei dwdl.de, der auch auf die "sehr hohe Fluktuation" "bekannter Journalisten" hinweist. Schade um das ambitionierte Projekt ist es natürlich. Sein Slogan lautete übrigens "das, was fehlt". Wenn man dem vertraut, fehlt nun das, was fehlt, wieder.

Was soll das denn? ("Bundeszentrale für Digitale Aufklärung")

In der waagerechten Menüzeile oben, noch überm von Bundesregierungs-Webseiten bekannten gelben Band in Eilmeldungs-Optik, durch das die Zeile "Jetzt die Corona-Warn-App runterladen ... " läuft, grüßt "Die Staatsministerin" (wenn man klickt: "Hallo, ich bin Dorothee Bär!", leider nur in schriftlichem Text). Dass die Gestalterinnen und Gestalter des Webauftritts sich Gedanken gemacht haben, zeigt dann auch das große Getty Images-Foto über der anschließend formulierten "Vision", über deren Rechtschreibung, vor Groß- und Kleinschreibung ("Mündige Bürgerinnen und Bürger ... können so ... Konsequenzen für die freiwillige Herausgabe oder auch Nichtherausgabe Ihrer Daten überblicken"), allerdings nochmal jemand Kundiges drüberlesen sollte. Bevor wir uns jetzt in einer Webauftritt-Kritik verlieren: Es gibt ja schon die gründliche (und von einem im direkten Vergleich geradezu anrührenden Symbolfoto gezierte) Kritik des so spät wie übereilt online gegangenen neuesten Bundesregierungs-Digitalisierungs-Portals von netzpolitik.org:

"Der visionäre Absatz beginnt mit dem tausendfach kopierten Standardsatz, dass die Digitalisierung 'alle Lebensbereiche der Bürgerinnen und Bürger' erfasse, und irrlichtert dann durch eine Ansammlung von Beispielen ...  Es sind in der 'Vision' einige Bereiche der Digitalisierung beispielhaft versammelt, sprachlich und grammatikalisch hastig zusammengestoppelt und auch thematisch ohne große Linie",

schreibt da Jana Ballweber, die auch darauf hinweist, dass das, was die neue Bundeszentrale noch plant, z.B. "ein Expertengespräch zur digitalen Transformation von Schulen", vor Monaten sehr vielen Menschen geholfen hätte. Außerdem sei unklar, wie die neue Zentrale sich "von bestehenden Bildungsangeboten abgrenzen will". Schließlich rät Ballweber der Staatsministerin Bär zu "etwas mehr Tiefstapeln".

Anders gesagt: Falls Bürgerinnen und Bürger sehr große Hoffnungen ins Wirken der ersten Digital-Staatsministerin bereits in der laufenden Legislatur gesetzt haben sollten, wäre es Zeit, diese Hoffnungen herunterzuschrauben, damit sie nicht zu arg enttäuscht werden. Falls im Gegenteil der Groko-Strategie, Digitalisierung als Quersschnittsaufgabe für sämtliche Ministerien (unter besonderer Berücksichtigung des an vielen Ecken ge- bis überforderten Verkehrsministers Scheuer) zu betrachten, skeptisch gegenüber steht, böte die neue "Bundeszentrale für Digitale Aufklärung" in ihrer aktuellen Form einen guten Angriffspunkt.

Die Probleme der Junge-Leute-Portale

Zurück in die privat finanzierte Medien-Landschaft, in der für neue Projekte ohnehin weniger Budget zur Verfügung steht und in den vergangenen Monaten erst recht knapp wurde:

"Der Spiegel gründete 2015 Bento, der Zeit-Verlag 2015 Ze.tt, das Handelsblatt ebenfalls 2015 Orange und Ströer Media 2014 Watson. Jetzt, das junge Angebot der Süddeutschen Zeitung gibt es (erst als Heft) schon seit den Neunzigern, es hatte zuletzt 2016 einen Relaunch, und auch Vice mischt schon länger mit im Markt der jungen Online-Magazine."

Da macht Aurelie von Blazekovic auf der SZ-Medienseite "eine Bestandsaufnahme" der "Millennial-Medien", die sich an junge Leute "zwischen 16 und Mitte dreißig" richten. Ob Watson nicht eher ein schweizerisches Original ist, spielt keine große Rolle. Spiegel und Zeit haben ihre Angebote bekanntlich eingestellt bzw. runtergefahren. Und um ein echtes Original, die deutsche buzzfeed.com-Ausgabe mit ihrem wilden Mix aus scharfer Investigation und krassem Klick-Quatsch, scheint es auch nicht gut zu stehen. Da sei

"... nach wie vor kein neuer Käufer bekannt, obwohl man Ende April verkündete, schon mit mehr als dreißig potentiellen Partnern aus verschiedenen Industrien im Gespräch gewesen zu sein und bald ein Ergebnis präsentieren zu können."

Blazekovic hat mit vielen Vertreterinnen und Vertretern des Junge-Leute-Journalismus gesprochen. Offenkundig haben Verlage das Potenzial, mit jungen Lesern, wie sie in der Werbung ja besonders geschätzt werden oder wurden, Medien zu finanzieren, überschätzt (oder es ist geschrumpft oder beides). Im eigenen Haus hatte sie mit jetzt.de-Redaktionsleiterin Charlotte Haunhorst auch eine Gesprächspartnerin. "Während es gerade zu Zeiten des Buzzfeed-Hypes vor einigen Jahren viel um virale Hits ging, zeige die aktuelle Lage, dass Reichweite allein nicht reicht", zitiert sie diese. Und macht dann noch augenzwinkernd einen Jusos-Vergleich ("Die Jungen sind eben etwas radikaler, manchmal auch anstrengender als die lange gewachsenen Mutterschiffe - ein bisschen wie die Jusos in der SPD ..."), der einerseits auf ein aktuelles jetzt.de-Thema deutet, andererseits auf ein Problem: Was der gut aussehende Aufreger Kevin Kühnert sagt und tut, beschäftigt alle Ältere-Leute-Medien ja ebenfalls gern. Und wenn alle dasselbe berichten, ist im Detail vieles ziemlich egal.

Ein anderer Aspekt: Zwar steigen die Online-/Digital-Werbeausgaben zwar ständig, bei Betreibern von Portalen kommt aber wenig an, dafür umso mehr bei den immer dominanteren Plattformen. Das jedoch, die Dominanz einer überschaubaren Handvoll Plattformen, könnte sich ändern ...

Zerfällt die Öffentlichkeit noch weiter?

Da verdient noch ein großer Wurf Aufmerksamkeit. Adrian Lobe, bekannt eher als SZ-Feuilletonist, formuliert in der Neuen Zürcher Zeitung die These "Wir kehren zu den Stämmen zurück" und zwar, weil das Versprechen des "herrschaftsfreien Diskurses", durch das die sog. soz. Medien groß wurden, "womöglich eine Illusion war".

Lobe hat vor allem Beispiele aus den USA im Blick, wo der Mainstream deutlich weniger links steht als hierzulande, und zieht überzeugende Parallelen. Es gebe

"eine digitale Debattenkultur, in der es längst nicht mehr um das Ringen um das beste Argument geht, sondern um die Legitimierung bzw. Delegitimierung von Sprecherpositionen, um Deutungshoheit über Wahrheit, Fakten und Geschichte. Die politische Willensbildung im Netz ist zum Kulturkampf degeneriert: Klimaschützer und Klimaleugner stehen sich in den digitalen Schützengräben ebenso unversöhnlich gegenüber wie Feministen und Genderkritiker, Rassismusgegner und Identitäre. Es tobt ein zäher Abnutzungskrieg. Die Geländegewinne sind minimal, doch der stete Strom an Nachrichten sorgt zuverlässig für Munitionsnachschub."

Womöglich treffen die Metaphern zum Ersten Weltkrieg, der vor etwas mehr als einem Jahrhundert beendet wurde (freilich mit Friedensschlüssen, deren Missglücktheit etwa im Nahen Osten bis heute gewalttätig nachwirkt), die neuen 20er Jahre. Lobe erklärt, warum sich "wertkonservative Milieus", die auf Twitter "mitdiskutieren wollen, wenn nicht zahlenmässig, so doch habituell marginalisiert fühlen, weil sie bestimmte Codes nicht beherrschen". Und sieht einen Vorzug, den Twitter trotz allem noch habe, gerade verschwinden:

"Selbst wenn man einen Nutzer blockiert, ist das noch eine Form der sozialen Interaktion. Wenn nun aber immer mehr konservative Nutzer Plattformen wie Facebook oder Twitter den Rücken kehren und sich in alternativen Foren organisieren, droht die Öffentlichkeit in immer kleinteiligere Neben- und Scheinöffentlichkeiten zu zerfallen – in homogene 'gated communities', in denen man gar nicht merkt, was auf der anderen Seite der Mauer stattfindet."

Konkret nennt er als solches alternatives Forum parler.com, nach eigenen Angaben "an unbiased social platform focused on open dialogue and user engagement", auf der "der republikanische Senator Ted Cruz sowie der ehemalige Breitbart-Journalist und Blogger Milo Yiannopoulos, der von Twitter gesperrt wurde", unterwegs sind. Hierzulande ließe sich natürlich der Messengerdienst Telegram nennen, der sich ja ebenfalls zur Plattform entwickelt (und Thema der aktuellen SZ-ARD-Recherche ist). Der gesamtgesellschaftliche Diskurs, in dem sich selbst in den Shitstorms der Plattformen Facebook und Twitter (das ja eine eher kleine Plattform ist) noch viele wähnen, verschwinde, lautet die überzeugend dystopische These.

Falls Sie übrigens den Artikel auf nzz.ch nicht frei online lesen können, sondern zur Registrierung gebeten werden (privatwirtschaftliche Medien müssen, auch wenn sie keine Tribalisierung im Sinne haben, nolens volens ja ebenfalls eingezäunte Communities schaffen, um sich zu finanzieren ...): Zu haben wäre er außerdem bei msn.com – also einem Portal des Microsoft-Konzerns, der im fast rein US-amerikanischen Wettbewerb des Plattformkapitalismus zuletzt abgehängt schien, nun aber dank Präsident wieder angehängt werden könnte (Altpapier gestern, weiter im Altpapierkorb).

Altpapierkorb (TikTok-Microsoft-Frage, "Twitter greift in den Meinungsbildungsprozess ein", Tele 5 verkauft, selbstquälerische Kolumne, wo bleibt der Günter-Gaus-Preis?)

+++ "Mit seinem blindwütigen Feldzug gegen die chinesische Videoplattform TikTok hat er die Pekinger Regierung in die angenehme Lage versetzt, vor aller Welt als Verteidigerin von Unternehmensrechten aufzutreten", heißt's in einem Kommentar des FAZ-Politikressorts zur Trump-TikTok-Microsoft-Frage.

+++ "Gemeinschaftsstandards sozialer Netzwerke können nicht das Mittel zur Sicherung der Meinungsfreiheit sein. Der Staat muss handeln", schreibt der Kölner Medienrechtler Rolf Schwartmann im FAZ-Wirtschaftsressort (€) zur anstehenden NetzDG-Nachbesserung, und wählt u.a. dieses Beispiel: "Twitter greift in den Meinungsbildungsprozess ein, indem der Dienst ausgewählte Beiträge des amerikanischen Präsidenten nach eigenem Gusto anderen Meinungen gegenüberstellt. Das ist so nachvollziehbar wie rechtswidrig. Ein dystopisches, aber technisch realisierbares Szenario: Heute bekämpft der Dienst Trump, morgen vielleicht die Opposition, um übermorgen einen eigenen Kandidaten zu unterstützen ..."

+++ Jetzt ist raus, wieviel Champions League-Spiele DAZN ab Sommer '21 live zeigen darf (heise.de).

+++ Das Fred-Kogel-geleitete KKR-Medienkonglomerat Leonine hat den am Rande mit eingekauften Fernsehsender Tele 5 weiterverkauft. (Medienkorrespondenz).

+++  Steffen Grimberg kolumniert mit Freude am Sprachspiel aktuell in der taz über die ARD-Veteranen der Talkshowbranche, deren Engagements allesamt wieder verlängert worden sind. +++ Eher selbstquälerisch kolummniert dagegen Michalis Pantelouris: "Ich habe in den vergangenen vier Jahren viel zu oft Donald Trump zugehört und in den vergangenen vier Wochen viel zu oft Attila Hildmann – in beiden Fällen ziemlich ausschließlich, um mir selbst zu bestätigen, dass sie Verrückte sind, die meine Aufmerksamkeit nicht verdienen. Ökonomisch ist das nicht. Aber ich kann zumindest die Teilrechtfertigung anbringen, dass ich meine verschenkte Aufmerksamkeit dazu benutze, hier selbst ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen, denn ...", und wer hier jetzt weiterlesen wollen sollte, muss uebermedien.de abonnieren.

+++ "Super-neutral" (Christoph Sterz) wird die taz auch künftig nicht sein, verspricht die neue unter den drei Chefredakteurinnen der Zeitung, Ulrike Winkelmann, im Interview ihres alten Deutschlandfunk-Kollegen.

+++ Auf der FAZ-Medienseite fordert Nico Hofmann ausführlich "einen von den Ländern gestützten Ausfallfonds für die deutsche Fernsehproduktion", und Hannes Hintermeier fragt sich, "warum bis heute kein Preis vergeben wird, der an Günter Gaus erinnert. Er ist ein journalistischer Klassiker, dem nachzueifern sich lohnte."

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

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