Das Altpapier am 6. August 2020 Kollision mit dem Social-Media-Nachrichtenstrudel

Kritik an der Berichterstattung von "heute" und der "tagesschau" über die Explosionen in Beirut zeigt: Die Rolle der klassischen linearen Hauptnachrichten-Sendungen in Zeiten von Social Media ist weiter diskussionswürdig. Dabei lohnt es sich auch, die Mediennutzung unterschiedlicher Publikumsgruppen mit einzubeziehen und ihre Ansprüche an die Formate. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 6. August 2020: Porträt Autorin Nora Frerichmann
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

"Journalistische Fehleinschätzung"

Sie ist wieder da, eine Diskussion über die Gewichtung der Themenauswahl in den guten, alten, linearen TV-Abendnachrichten. Es geht um die Berichterstattung am Dienstagabend, als die libanesische Hauptstadt Beirut von schweren Explosionen erschüttert wurde. Unter anderem bei Twitter gab es harsche Kritik an den Redaktionen von "tagesschau/tagesthemen" und "heute", was Sendungsaufbau und Themengewichtung anging.

"Über Social Media haben wir schnell reagiert und ausführlich berichtet, aber hätten wir dieses Ereignis nicht auch im klassischen Fernsehen besser abbilden müssen? Um es kurz zu sagen: Ja, hätten wir. Es war eine journalistische Fehleinschätzung",

erklären Marcus Bornheim, Helge Fuhst und Juliane Leopold aus der ARD-aktuell Chefredaktion nun im "tagesschau"-Blog. Es sei der Anspruch der Redaktion, Zuschauerinnen und Zuschauer "zu  Augenzeugen bei relevanten Ereignissen zu machen". Im Nachhinein sei es schwierig zu erklären, warum das am Dienstag "nicht ausreichend" gemacht worden sei,

"denn es war eigentlich so offensichtlich. Es sind marginale Details, die am Ende zu einer Fehlerkette führen. Beide Teams grämen sich heute, dass dies dem Nachrichtenereignis nicht angemessen war. Sie können davon ausgehen, dass Redakteurinnen und Redakteure von ARD-aktuell die schärfsten Kritiker ihrer eigenen Produkte sind. So ein Abend wie gestern nagt an unserem Selbstverständnis."

Erstmal Chapeau für diese öffentliche Auseinandersetzung mit Kritik und den eigenen redaktionellen Prozessen. Aber werfen wir auch nochmal einen Blick auf die genauen Abläufe am Dienstagabend: 

In der "tagesschau" um 20 Uhr gab es gegen Ende der Sendung einen Beitrag, in den "tagesthemen" einen kurzen Bericht im Nachrichtenblock. "Auch das war zu wenig", schreibt die Chefredaktion.

"Die ARD war am Dienstag übrigens nicht allein mit der Einschätzung der Nachrichtenlage", schreibt Timo Niemeier bei dwdl.de. In den "heute"-Nachrichten um 19 Uhr kamen die Explosionen erst gegen Ende der Sendung in einer Schalte vor, samt wilder, unbelegter Spekulationen über die Ursachen (es gebe Behauptungen, Israel sei verantwortlich oder ein Waffenlager der Hisbolla explodiert). Seit den Explosionen war da nur etwa eine Stunde vergangen.

Im "heute journal" wurde dann in der Mitte ein kurzer Beitrag gesendet. Die gerüchteweisen Vorwürfe gegen Israel kamen dort nicht mehr vor, stattdessen hieß es, laut Hafenverwaltung habe es einen Brand gegeben in einem Gebäude mit explosivem Material. Laut Niemeier heißt es aus Mainz zur Berichterstattung am Dienstagabend, der Korrespondenten-Bericht im "heute journal" sei erst um kurz nach 22 Uhr zu sehen gewesen, weil noch aktuelle Bilder darin einfließen sollten. Aufmacher waren, wie auch bei den "tagesthemen", die Vorschläge der DFL zur Wiederaufnahme des Bundesligabetriebs mit Zuschauern.

Einerseits wirkt es zynisch, diese Katastrophe mit mehr als 100 Toten und Tausenden Verletzten recht weit hinten auf der Agenda der linearen Formate anzusiedeln und stattdessen mit der Nachricht aufzumachen, dass Fußballspiele wieder mit Zuschauern möglich sein sollen.

Wichtige Frage wären aber auch: Welche Infos hätten die Redaktionen zum Zeitpunkt der Sendungen gehabt? Und wäre eine Aufmacher-Berichtertstattung auf der Basis sinnvoll gewesen oder hätte sie sich lediglich einer Weiterverbreitung von Netzvideos und Spekulationen erschöpft? Zur Zeit der Spätnachrichten gegen 22 Uhr gab es dann allerdings schon mehr gesicherte Infos, etwa das Statement der Hafenverwaltung.

Jedenfalls ist der Dienstagabend ein Anlass, die Rolle der klassischen linearen Hauptnachrichten-Sendungen in Zeiten von Social Media weiter auszuloten. Solche Ereignisse zeigen, der Anspruch an Online-Nachrichten und Berichterstattung auf Social-Media-Plattformen kollidiert immer wieder mit den Erwartungen an "tagesschau" und Co. Ihre Rolle im von User-Generated-Content getriebenen Nachrichtenstrudel, scheint sich weiter zurecht ruckeln zu müssen.

Diskussionen am Nachrichten-Lagerfeuer

Die ersten Bilder solcher Katastrophen bringen meist vor allem eins: Emotionen. Und die sorgen bekanntlich für Engagement und Verweildauer. Für die Social-Media-Plattformen ist das ein Traffic-Magnet. In der Süddeutschen schreibt Dirk von Gehlen:

"Die Katastrophenbilder von Zerstörung, Leichen und Rauchschwaden, die im Kopf entstehen, wenn man diese Worte [der Katastrophen-Nachricht, Anm. Altpapier] liest, werden im Web potenziert durch Amateurvideos und jene von professionellen TV-Teams, die die tatsächliche Explosion zeigen. Wie geht man mit diesen Bildern um? (...) Muss man das Geschehen wirklich aus diversen Perspektiven erleben? Und muss man das alles seinen Followern präsentieren? Die Gefahr ist schließlich groß, dass im Ringen um Aufmerksamkeit, um das noch spektakulärere Video auch Fragwürdiges gepostet und geteilt wird: Bilder von Verletzten zum Beispiel. Oder Bilder von Toten."

Das stelle Nutzerinnen und Nutzer vor die Herausforderung, selbst zu filtern, was sie vertragen, während quasi in Echtzeit immer neue Videos auftauchen. Ein neuer Impuls, ein zusätzlicher Reiz.

Während all diese Bilder im Netz massenweise zugänglich sind, ist es da nicht Aufgabe von Angeboten wie "tagesschau"/"tagesthemen" und "heute" bzw. "heute-journal", Mehrwert und Einordnung zu bieten, statt die Bilder nur zusammenzuschnipseln und ein paar Spekulationen dazu rauszuhauen, wie in der 19-Uhr-Ausgabe von "heute"?

Die Antwort auf diese Frage hängt wahrscheinlich auch von der Mediennutzung ab. Wer die Sendungen als Hauptinformationsquelle begreift, würde wahrscheinlich eher mit nein antworten. Wer sich vor allem online informiert, hat an die abendlichen Nachrichtensendungen und vor allem an die -magazine wohl eher den Anspruch, eine einordnende Zusammenfassung zu sehen.

Da "tagesschau" und "heute" gerade stolz sind, ihren "Lagerfeuer"-Charakter und ihre breite Nutzerschaft gern betonen, müssen sie mit diesen auseinanderdriftenden Ansprüchen und damit verbundenen Diskussionen leben.

Altpapierkorb (Kritik an STRG_F-Vernehmungsvideo, Dunja Hayali, Cookies adé?, was ist eigentlich diese „zweite Welle“?)

+++ „Ein sehr kleiner Ausschnitt der Wahrheitsfindung“: SZ-Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger kritisiert beim NDR-Medienmagazin „Zapp“ den ebenfalls vom NDR produzierten „STRG_F“-Film mit Ausschnitten aus Vernehmungsvideos des mutmaßlichen Mörders von Walter Lübke. In dieser Kolumne ging es am 29. und 31. Juli darum.

+++ „Journalismus wird hier zu einer sozialexperimentellen Performance“, schreibt Samira El Ouassil in ihrer Wochenschau bei Übermedien über Dunja Hayali, wie sie am Samstag in Berlin aus dem „Auge eines antijournalistischen Sturms“ berichtete bzw. von der Berliner Demo gegen die Corona-Einschränkungen.

+++ Sollten Medienhäuser auf Cookies und Targeted Ads auf ihren Webseiten verzichten? Der niederländische Rundfunk NPO (Nederlandse Publieke Omroep) habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, berichtet Wired.

+++ Boris Rosenkranz glossiert bei Übermedien das Gerede von der „Zweiten Welle“. Dabei werde permanent über etwas gesprochen, „von dem wir nicht mal wissen, was es ist, geschweige denn, ob überhaupt. Ok cool. Auf dieser Basis kann man schon mal ein paar Artikel schreiben oder Statements abgeben.“

+++ Das US-Startup Our.News hat einer Art Nährwertkennzeichnung für Nachrichten bzw. Fakten Checks entwickelt. „But instead of calorie count and fat content, readers can see who is the author of the post, publisher’s location and other 'ingredients' that help them understand what they are consuming“, heißt es bei Journalism.co.uk dazu.

+++ TikTok-Ticker: Die Tochter des chinesischen Mutterkonzerns Bytedance will Inhalte auf Falschinformationen und Manipulation prüfen lassen (Handelsblatt) und sein erstes Datencenter in Europa, in Irland, bauen (Bloomberg).

Neues Altpapier gibt‘s wieder am Freitag.

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