Das Altpapier am 27. August 2020 Mehr Alarmismus wagen!

Warum die Berichterstattung über die Klimakrise von Verdrängung geprägt ist. Warum Julian Reichelt und Ulf Poschardt in erster Linie Politiker sind. Warum es Amerika in wenigstens einer Hinsicht doch noch besser hat. Außerdem: neue Details rund um die fragwürdige Absetzung der ARD-Dokumentation "Wuhan – Chronik eines Ausbruchs". Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 27. August 2020: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Das Ausmaß der Klima-Katastrophe wird klein geredet

"Die Verengung der Welt", lautet der Titel der auch an dieser Stelle häufig erwähnten Passauer Studie zu den Corona-Sondersendungen von ARD und ZDF. Infolge dieser "Verengung" ist auch das wichtigste Thema überhaupt aus dem Blick geraten: die Klimakatastrophe. In der Wochenzeitung Kontext wirft Tomas Konicz einen Blick auf die aktuelle Berichterstattung:

"In der veröffentlichten Meinung findet sich (…) eine Vielzahl ideologischer Hilfskonstruktionen, die die Menschheit mit dem drohenden Klimakollaps versöhnen sollen. Dabei findet eine schizophren anmutende Aufspaltung des öffentlichen Krisendiskurses in vermeintlich von einander trennbare ‚Sachthemen‘ statt, bei der die beiden Momente der kapitalistischen Systemkrise – Wirtschaftskrise und Klimakrise – fein säuberlich voneinander getrennt werden. Durch diese Diskurstrennung können die ökonomischen Konjunkturmaßnahmen zum ‚Hochfahren‘ der Wirtschaft debattiert werden, ohne sich groß mit den klimatischen Folgen beschäftigen zu müssen."

Konicz spricht von den "üblichen Strategien der Verdrängung".  Und:

"Gewöhnungseffekte lassen die Berichterstattung über Klimakatastrophen aus den Schlagzeilen verschwinden, sodass die Klimakatastrophe zur ‚neuen Normalität‘ gerät, an die man sich zu gewöhnen habe. Ein ganzer öffentlicher Diskurs kreist um lokale und regionale Strategien der Anpassung an den Klimawandel – immer unter der gewagten Voraussetzung, dass eine Anpassung schon irgendwie gelingen wird, wofür der sprunghafte, non-lineare Verlauf des Klimawandels ausgeblendet werden muss."

Der Autor erwähnt des weiteren eine Anfang des Monats erschienene Studie des Woods Hole Research Center - und die (Nicht-)Reaktionen der Medien:

"(D)as beteiligte Forschungsteam (glich) den Entwicklungsverlauf der Treibhausgas-Emissionen mit den früheren Prognosen des Weltklimarates der Vereinten Nationen (IPCC) ab (…). Das Ergebnis, das noch vor wenigen Jahren für Schlagzeilen in der nunmehr krisenmüden Öffentlichkeit gesorgt hätte, ist niederschmetternd: Die Welt befindet sich auf dem Weg in das schlimmste Horrorszenario des IPCC (…), das lange als unseriös alarmistisch galt und einen Anstieg der globalen Temperatur um 3,3, bis 5,4 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts prognostiziert (…) Aber das weitgehende Schweigen im deutschen Blätterwald zu diesen alarmierenden Forschungsergebnissen, die ein radikales Umsteuern in der Klimapolitik alternativlos machen, wurde nur durch wenige Beiträge unterbrochen, die eher geneigt waren, das Ausmaß der Katastrophe kleinzureden."

Mit anderen Worten: Es fehlt der Berichterstattung an jenem Alarmismus, der sonst so oft kontraproduktiv ist. Während Konicz aus einer kapitalismuskritischen und explizit medienkritischen Perspektive schreibt, befassen sich Sören Müller-Hansen und Julian Rodemann in der SZ aus wissenschaftsjournalistischem, zumindest implizit aber auch medienkritischem Blickwinkel mit der während der Pandemie "vergessenen Katastrophe" (79 Cent bei Blendle):

"Verknüpft man die im Wirbel um Corona untergegangenen Meldungen einzelner Wetter- und Klimaextreme der jüngsten Zeit, ergibt sich ein düsteres Bild: Der blaue Planet gerät an etlichen kritischen Punkten aus dem Gleichgewicht, er droht zu kippen. Das in die Atmosphäre geblasene CO2 hat längst Prozesse in Gang gesetzt, die sich verselbständigt haben – und nichtmehr aufzuhalten sind."

Dass das Synonym "der blaue Planet" noch Verwendung findet, überrascht mich etwas, aber das nur am Rande. Müller-Hansen und Rodemann sprechen des weiteren von einem

"Netz aus drohenden Kipppunkten im Klimasystem. Überschreiten bestimmte Ökosysteme Kipppunkte, können sie nicht mehr gerettet werden. Im November 2019 warnten führende Klimaforscher in einem viel beachteten Kommentar im Fachblatt Nature davor, dass das System Erde an neun solcher Punkte aus der Balance zu geraten droht".

Das Fazit der SZ-Autoren:

"Wie im Falle der Corona-Pandemie zeigt sich: Die Menschheit interessiert sich offenbar nur dann ernsthaft für Katastrophen, wenn sie nicht mehr aufzuhalten sind. Beim Klimawandel könnte es bald soweit sein – wenn Kipppunkte in Sibirien oder im Amazonas überschritten werden, gibt es kein Zurück mehr."

Zu den, um Konicz zu paraphrasieren, Verdrängern und Ausblendern gehört Georg Meck, Wirtschaftsressortchef bei der FAS. Die FAZ hat am Mittwoch Mecks am vergangenen Sonntag erschienenes Interview (€) mit der Wissenschaftlerin und Bundesregierungsberaterin Maja Göpel online gestellt. Meck fragt zum Einstieg:

"Können wir uns darauf einigen: Der Klimawandel ist ein ernstes Problem, Hysterie führt aber zu nichts."

Göpel wehrt sich da natürlich gegen das "Framing mit der Hysterie, weil es allen, die für Klimaschutz eintreten, Irrationalität unterstellt".

In dem Sound geht es weiter ("Corona war aus Ihrer Sicht eine feine Sache: Das Land stand still, die Wirtschaft schrumpft, das hilft dem Klima" - "Nein, das Virus ist überhaupt nicht fein. Diese Argumentation ist eine absichtliche Verfälschung von dem, was wir angeblich sagen"). Nachdem Meck dann auch noch mit rechtem Szenejargon ("Ökodiktatur") um die Ecke kommt, ist Göpel irgendwann so gereizt, dass sie sagt:

"Ich finde die polemisierenden Unterstellungen in Ihren Fragen wenig hilfreich für eine ernsthafte Suche nach Lösungen."

Die Gereiztheit klang auch nach der Veröffentlichung nicht ab. Auf Twitter kritisierte sie, dass sie im Vorspann als "Umweltaktivistin" bezeichnet werde - womit sich die FAS auf das Niveau von Ulf Poschardt herab begibt.

Journalismus als Tarnung

Die Berichterstattung der Bild-Zeitung über das zumindest nach derzeitigem Stand (kurz vor 11 Uhr) noch gültige Verbot der "Querdenken"-Großdemo in Berlin hat vor allem natürlich bei Twitter (etwa hier und hier) Kritik auf sich gezogen. Aber auch im Bildblog. Der schreibt über die in dieser Sache sehr "leidenschaftliche" Aktivistenzeitung:

"Mit selbst für 'Bild'-Verhältnisse ungewöhnlichem Furor spricht sie von einem 'inakzeptablen Angriff auf eines unserer höchsten Grundrechte', die Entscheidung sei 'gegen jede Verhältnismäßigkeit' getroffen worden, sie sei 'an politischer Dummheit kaum zu überbieten'. Bei Berlins Innensenator Andreas Geisel treffe man auf "Sprache und Denken wie aus der DDR”. Das alles sei 'auf demokratieverachtende Weise lächerlich'. Vor gerade mal vier Tagen, als eine Demonstration in Hanau zum Gedenken an die neun Menschen, die ein halbes Jahr zuvor Opfer eines rassistischen Anschlags geworden sind, nicht stattfinden durfte, war von diesem Furor bei 'Bild' keine Spur."

Lorenz Matzat weist aus aktuellem Anlass darauf hin, dass die Kritik an der Bild-Zeitung andere Ansätze braucht:

"Mit dem Anlegen von journalistischen Kriterien an 'Bild' (und 'Welt') geht man nur deren Strategie auf den Leim und kann sich unendlich daran abarbeiten - ohne je etwas zu erreichen. Sie müssen als politische Akteure analysiert, markiert und kritisiert werden. Dann ließe sich das Handeln von Reichelt, Poschardt usw. anders einordnen: Sie sind Politiker und machen ganz bewusst genau das, wofür sie eingestellt wurden und bezahlt werden: Eine Agenda verfolgen, die Journalismus nur als Tarnung verwendet."

Unappetitliche ARD-Interna

Steffen Grimberg vergleicht in seiner aktuellen taz-Kolumne die im Juni kurzfristig abgesetzte, aber von einigen Journalisten gesichtete SWR-Dokumentation "Wuhan – Chronik eines Ausbruchs" mit einer anders konzipierten, auf mehrere Länder blickende Chronik des Pandemie-Verlaufs, die am Montag auf dem selben Sendeplatz ("Die Story") unter dem Titel "Der Zug der Seuche" ausgestrahlt wurde:

"Vergleicht man jetzt beide Filme, fällt eine höchst unterschiedliche Haltung zu China auf. "‚Der Zug der Seuche‘ bleibt beim haltungsstarken Schwarz-Weiß. China ist böse. Punkt. Die SWR-Doku bemühte sich um ein differenzierteres Bild, ohne irgendwelcher Propaganda auf den Leim zu gehen oder ihr gar Vorschub zu leisten."

Ich würde den aktuellen, von NDR und WDR verantworteten Film durchaus empfehlen. Interessant ist in Grimbergs Kolumne aber ein anderer Aspekt: Er rekapituliert noch einmal die dubiosen Umstände der Absetzung des ersten, von der Firma Gebrüder Beetz produzierten Films - und die Rolle, die die SZ und vermutlich der NDR dabei spielen. Wir haben hier schon recht ausführlich darüber berichtet, siehe diese und diese Kolumne. Die entscheidende Stelle in Grimbergs aktuellem Text lautet:

"Die SZ hatte auch von Zoff zwischen SWR und NDR wegen der Beetz-Doku berichtet. Der NDR ist für das ARD-Studio Peking und die aktuelle China-Berichterstattung zuständig. NDR und WDR sind bei 'Der Zug der Seuche' federführend. Christine Adelhardt, heute stellvertretende Investigativ-Leiterin beim NDR, war bis 2015 Studioleiterin Peking und ist eine der Redakteurinnen des Films. Alle drei Medien bilden den "Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung". Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Zumal Adelhardt nach taz-Informationen vom Beetz-Film wusste und während der Recherchen auch Kontakt zu den Machern hatte."

Wenn Letzteres stimmt - und da Steffen Grimberg es schreibt, ist das Gegenteil ausgeschlossen -, fällt eine zentrale Behauptung aus den Beetz-Doku-kritischen Texten in sich zusammen:

"Kritisiert wurde bei dem Projekt auch, dass die Korrespondenten der ARD, die in China arbeiten, weder eingebunden noch informiert worden waren, obwohl solche Produktionen Konsequenzen für ihre Arbeit haben können."

schrieb zum Beispiel die SZ. Nun ist Adelhardt zwar keine Korrespondentin in China mehr, aber wenn sie informiert war, kann es ihren Nachfolgern kaum verborgen geblieben sein. Was soll man noch sagen zu diesen unappetitlichen ARD-Interna? Nur so viel: Wir bleiben dran.

Ein gemaltes Denkmal

Amerika, du hast es besser - das war lange ein geflügeltes Wort dank Goethe, und obwohl es verständlicherweise aus der Mode gekommen ist. Aber manchmal kann man es doch noch anbringen, etwa wenn man den Text über aktuelle Entwicklungen auf dem US-Zeitschriftenmarkt liest, den Ursula Scheer für die heutige FAZ-Medienseite geschrieben hat (55 Cent bei Blendle). Über die September-Ausgaben der US-Vogue und von Vanity Fair schreibt sie:

"Nicht einen, gleich zwei afroamerikanische Künstler hat das Magazin für die Titelgestaltung verpflichtet: Der Maler Kerry James Marshall und die Malerin Jordan Casteel treten damit die Nachfolge unter anderem von Salvador Dalí und Giorgio de Chirico an. Ein Vorbild für diese gemalten Titelbilder kann man bei der amerikanischen Vanity Fair sehen. Sie setzt im September, nachdem schon im Juni O, The Oprah Magazine ihr Bild auf den Titel gehoben hatte, Breonna Taylor ein Denkmal. Die afroamerikanische Rettungssanitäterin war im März in Louisville von Polizisten in ihrer eigenen Wohnung erschossen worden. Ordnungskräfte waren auf der Suche nach Drogen in ihr Apartment eingedrungen. Taylors Partner hielt sie nach eigener Aussage für Einbrecher und eröffnete den Schusswechsel. Der Tod der jungen Frau ist einer der Fälle fataler Polizeigewalt, welche die 'Black Lives Matter'-Proteste befeuern.

Scheer schreibt weiter:

"Auf dem Cover von Vanity Fair, die von dem ‚white supremacy‘ anprangernden Autor Ta-Nehisi Coates als Gastherausgeber betreut wurde, steht Breonna Taylor statuarisch in Himmelblau vor einem himmelblauen Hintergrund, eine zugleich physisch präsente und ephemer wirkende Erscheinung, eine Schönheit. So verewigt wurde sie von der Malerin Amy Sherald – der Frau aus Baltimore, die vor zwei Jahren das schon ikonische Porträt der ehemaligen First Lady Michelle Obama malte."

Nun gibt es nicht nur keine deutsche Vanity Fair, und mir fällt auch keine deutsche Entsprechung zu Ta-Nehisi Coates ein (die Literaturkritiker unter unseren Lesern mögen mich korrigieren). Aber kann man sich reichweitenstarke hiesigen Zeitschriften mit einem Intellektuellen von Ta-Nehisi Coates’ Rang als "Gastherausgeber" vorstellen? Würden sie einen Maler beauftragen, um auf dem Cover an Menschen zu erinnern, die von deutschen Polizisten unter sehr fragwürdigen Umständen erschossen wurden? Also zum Beispiel an Maria B.? Oder Aman A.? Die meisten Blattmacher würden daraufhin sagen: Die kennt doch kaum jemand. Das stimmt. Eine hinreichende Begründung wäre das aber nicht.


Altpapierkorb (Mexiko, Marokko, Belarus, Lübeck, Hamburg, Wiesbaden, Mainz)

+++ "Mindestens vier" Journalisten, so Wolf-Dieter Vogel in der taz, sind in diesem Jahr in Mexiko bereits eines gewaltsamen Todes gestorben. Nun wurde Juan Nelcio Espinoza Menera, Reporter des Onlinesenders Valedor TV, offenbar von Polizisten ermordet. Vogel zitiert die mexikanische Menschenrechtskommission mit den Worten, "es müsse geprüft werden, ob die Tat auf die publizistische Arbeit Espinozas zurückzuführen sei".

+++ "Vorwürfe von sexueller Gewalt oder der in Marokko verbotenen Abtreibung erhoben marokkanische Behörden in der jüngeren Vergangenheit in gleich mehreren Fällen gegen unliebsame Journalisten, um diese abzuurteilen", berichtet Moritz Bauumstieger für die SZ. Anlass der Berichterstatttung: Dem "preisgekrönten Investigativ-Journalisten" Omar Radi drohen zehn Jahre Haft, der Staat wirft ihm Spionage und Vergewaltigung vor.

+++ Wird das Interesse der internationalen Medien an den Ereignissen in Belarus anhalten? "Bald schon werden die Mikrofone ausgeschaltet und die Kameras weggepackt, wird die Weltpresse wieder abgereist sein aus Minsk. Die kurzlebige Aufmerksamkeit wird dem nächsten Schreckensthema gelten." Das befürchtet Alice Bota in einem Kommentar für die neue Ausgabe der Zeit.

+++ Die Polizei Lübeck hat kürzlich drei Pressevertreter, die von einer Aktion von Extinction Rebellion auf dem dortigen Flughafen berichten wollten, für mehrere Stunden in Gewahrsam genommen. Laut Stefan Endter, Geschäftsführer des DJV Hamburg, handelt es sich um "einen schwerwiegenden Vorgang, der schnell und umfassend aufgeklärt werden muss". Sarah Zaheer berichtet darüber für die taz Nord.

+++ Dass im Juli der Name der taz- und Missy-Autorin Hengameh Yaghoobifarah "erstmals in einem von 'NSU 2.0' gezeichneten Drohschreiben auftauchte", könnte damit zusammenhängen, dass im Monat zuvor ihre Daten in Hamburg im dortigen Polizeisystem abgerufen worden sind. Das legen Recherchen der SZ nahe.

+++ Der oben bereits erwähnte Bildblog kritisiert die Berichterstattung der Bild-Zeitung zu einem unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor dem Landgericht Wiesbaden stattfindenden Prozess "gegen einen Mann, dem unter anderem schwerer sexueller Missbrauch von vier Kindern vorgeworfen wird". Indem das Blatt den Angeklagten auf Fotos nicht unkenntlich mache, missachte es auch den "Schutz der Opfer", so Moritz Tschermak. Denn: "Wer den Angeklagten kennt und dank der 'Bild'-Redaktion auf dem Foto erkennt, weiß direkt, um wen es sich bei den Opfern handeln muss."

+++ Mehr Transparenz in Mainz: Der ZDF-Fernsehrat hat beschlossen, dass "die wesentlichen Sitzungen" des Gremiums künftig aufgezeichnet oder live gestreamt werden können - allerdings nur, so die Medienkorrespondenz unter Bezug auf die neue Geschäftsordnung, wenn "die Aufzeichnung und die Übertragung 'den Ablauf und die Ordnung der Sitzung nicht stören'".

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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