Das Altpapier am 25. September 2020 Cäsar Mathias Döpfner

Mathias Döpfner soll Friede Springers Nachfolger im Springer-Konzern werden. Darüber gibt es so viel zu lesen, dass wir es ordnen mussten, alphabetisch und der Größe nach: von Aktionäre bis Zweimetermann. Außerdem: die Diskussion über die Gastausgaben von taz und Stern. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 25. September 2020: Porträt Autor Klaus Raab
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Die Springer-Döpfner-Berichterstattung 

Das Schönste an Veränderungen im Axel-Springer-Haus ist bisweilen die Berichterstattung darüber. Sie ist ein Quell der freudvollen Beschäftigung für Mathematik- wie für Deutschlehrer, für Framing-Forscherinnen wie für Stilblütenfinderinnen, Küchenpsychologen und Konzernbeobachterinnen. Und für uns.

Was ist passiert bei Springers? Nun, da geht’s schon los. Wollen Sie’s nüchtern, blumig, mit extrem hohem Zahlenanteil? Versuchen wir die Berichterstattung mal zu ordnen.

Erster Ordnungsversuch: alle relevanten Zahlen, die in der Berichterstattung auftauchen – der Größe nach von 1 bis 1.000.000.000

Die Börsen-Zeitung berichtet heute auf Seite 1. Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE, ist 2,02 m groß. Bislang hielt er 3 Prozent der Anteile. Nun kauft er weitere 4,1 Prozent von der Großaktionärin Friede Springer. Sie war die 5. Ehefrau von Axel Springer. Weitere 15 Prozent schenkt sie ihm. Ihr Büro befindet sich im 19. Stock des Axel-Springer-Hochhauses. Döpfner hält nach dem Deal 21,92 Prozent der Konzern-Anteile; Friede Springer 23,52 Prozent. Sie hat mitgeteilt, dass sie ihm zudem die Stimmrechte ihres verbliebenen Aktienpakets überschreibe. Döpfner kontrolliert damit künftig mehr als 44 Prozent der Springer-Aktien. Der dritte Großaktionär ist die amerikanische Investmentgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts (KKR) mit 47,6 Prozent. Döpfner ist 57 Jahre alt. 62,42 Euro pro Aktie muss er für die Anteile wohl bezahlen, die er selbst kauft. Friede Springer ist 78. Der Text auf der Titelseite der Börsen-Zeitung umfasst 116 Wörter. Er steht in der Ausgabe Nummer 185. Axel Springer ist 1985 gestorben. Döpfner steht seit 2002 an der Spitze des Konzerns. Der hat mehr als 16.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Anteile, die Döpfner kauft, sollen einen Wert von 276.000.000 Euro haben. Die Anteile, die er geschenkt bekommt, einen Wert von 1.000.000.000 Euro.

Zweiter Ordnungsversuch: die Rollen der Hauptfiguren – alphabetisch geordnet

Friede Springer: Großaktionärin / Großverlegerin / Hauptaktionärin / Hüterin des Vermächtnisses ihres verstorbenen Mannes / Kinderpflegerin / Springer-Witwe / die starke, aber leise Frau / Verlegerin / Verlegerwitwe / Verlagseignerin / Villennachbarin in Potsdam

Mathias Döpfner: CEO / Chefredakteur der “Welt“ (ehemals) / Chief Executive Officer der Axel Springer SE / einflussreichster Manager im Haus / feinsinniger Feuilleton-Journalist (ehemals) / Germanist / Großaktionär / idealer Nachfolger / Journalist / der Mathias / Medienmanager / Milliardär / Musikwissenschaftler / Nachfolger / neuer starker Mann im Mutterkonzern von Bild und Welt / Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) / Springer-Chef / der starke und laute Mann im Haus / Theaterwissenschaftler / Topmanager / Vertrauter / Vorstandsvorsitzender / Wanderer zwischen der Welt der Zahlen und der Gedanken / Zweimeter-Mann

Dritter Ordnungsversuch: die verschiedenen Tonlagen – ein know-your-paper-Test

“Friede Springer benennt Mathias Döpfner als ihren Nachfolger“, so ist die am Donnerstag veröffentlichte Pressemitteilung der Axel Springer SE überschrieben. Steffen Grimberg verwandelt die Vorlage in der taz volley und betitelt ihn in seinem Text über “die Staffelstabübergabe von der Verlegerwitwe (78) auf den Zweimeter-Mann (57)“ folglich als “Deutschlands wichtigste Verlegerin“? Weniger ehrfürchtig wird’s in den anderen Medien nicht, außer natürlich bei denen, die sich gar nicht um die Springers scheren.

Die taz steht damit am exakt anderen Ende von Bild und Welt, die die Sache ganz brav abhandeln. Logisch. Aber fast lustig brav.

Kurzer Blick auf das Ende des dpa-Interviews mit Friede Springer und Mathias Döpfner, das am Donnerstagnachmittag erschienen ist. dpa-Chefredakteur Sven Gösmann, einst selbst bei Welt und Bild in hohen Positionen, fragt: “Herr Döpfner, wenn Sie einem in der deutschen Medienszene nicht bewanderten Menschen Ihre Karriere in den vergangenen 20 Jahren in einem 'Bild‘-Zeitungs-tauglichen Satz erklären sollten – wie würde dieser Satz lauten?“

Döpfner antwortet: “Ich hatte als Boulevardjournalist nie eine besondere Begabung. Ich probiere es mal: 'Er kam, um zu bleiben’.“

Bei der Welt übernimmt man einfach den Titelvorschlag vom Chef; bei der Bild, leicht gekürzt, den der Kommunikationsabteilung (“Friede Springer benennt Döpfner als Nachfolger“).

Insgesamt ist die Berichterstattung für Fortgeschrittene ein know-your-paper-Test. Michael Hanfelds Text bei faz.net (“Der neue Axel Cäsar“) und in der gedruckten FAZ (“Im Hause Springer“) ist recht deutlich als ein Hanfeld zu identifizieren – dem Seitenhieb auf “die heutigen Herrscher der Daten“ wegen, “die, sobald Gesellschaft und Politik nach ihrer Verantwortung fragen, so tun, als hätten sie mit den Folgen ihres Wirkens nichts zu tun“.

Die Süddeutsche Zeitung, die sich – auch nicht ganz untypisch für ihre Medienkonzernberichterstattung – eher über Personen ans Schwarzbrot ranbeißt, reißt ein paar Schwänke aus Friede Springers Leben an und nutzt den aktuellen Anlass, um die Kritik der “Verlegerin“ und “Kinderpflegerin“ am “brutalen Kampagnenkurs der Boulevardzeitung“ namens Bild und ihres Chefredakteurs zu wiederholen.

Von einem “Paukenschlag“ ist erstaunlicherweise nirgends die Rede – sicher ein Versehen. Immerhin der “Nachfolge-Coup“ aber taucht auf in der Berichterstattung. Das könnte, wenn es nicht Bild ist, Meedia sein und ist es auch.

Die 1-Milliarde-Euro-Frage aber: Wer hat auf dem Schirm, wer die Berliner Rechtsanwältin und Notarin Karin Arnold ist? Das Manager-Magazin kommt infrage, es ist aber die Wirtschaftswoche, die sich erinnert, dass Friede Springers Nachfolgeregelung auch anders hätte ausfallen können:

“2016 schien vieles auf eine Stiftung zuzulaufen, in die die Verlegerwitwe alle ihre Anteile einbringen wollte. Als Vorbild dafür wurde etwa die Essener Krupp-Stiftung genannt. Was auf den ersten Blick wie eine kluge Lösung klang, sorgte allerdings für Theater und viele Gerüchte. Denn offen blieb, wer denn diese Stiftung anführen würde. Diese Person, so die Lesart, würde mit einem Mal über sehr viel Macht beim 'Bild‘-Konzern verfügen. Karin Arnold, eine Berliner Rechtsanwältin und Notarin, sollte diese Rolle zufallen. Im Umkehrschluss, so die Deutung vor wenigen Jahren, wäre die Rolle von Springers Vorstandschef Mathias Döpfner wohl arg geschwächt worden“.

Es kam anders, wie wir nun wissen, er ist gekommen, um zu bleiben, “Springer ist jetzt Döpfner“, wie dpa vorschlägt, oder vielleicht ist es auch andersherum und “Mathias Döpfner wird Axel Springer“, wie die taz meint. Bündeln lässt sich’s in dem Satz: Springer ist Döpfner, weil er Cäsar wird. Und wir fühlen uns nun alles in allem sehr gut überinformiert.

Zu den Gastausgaben von Stern und taz

Dass der Stern und die taz ihre aktuellen Ausgaben von “44 klimaaktivist*innen übernehmen“ ließen (taz) bzw. “in Zusammenarbeit mit jungen Aktivisten“ von Fridays for Future erstellten (Stern, bei Blendle), ist das zweite größere Medienthema neben Springers Erbfolgeunstreitigkeiten. Geht das? Geht das nicht? Ist das noch Journalismus? Das sind, wie gestern an dieser Stelle recht flott angerissen, die diskutierten Fragen.

Das Neue Deutschland weist auf die “Ironie“ hin, dass die wohl durchdringendste Kritik an den beiden Gastausgaben aus dem Springer-Haus kommt, wo erst 2019 eine Gastausgabe mit VW entstanden ist (Übermedien). Bei der Welt hat derlei tatsächlich “seit 2011 Tradition“, nur hat man dort halt andere Gäste. Der Verdacht, dass es bei mancher Kritik weniger um die sensible Frage geht, ob “das noch Journalismus“ ist, als darum, ob denn der Inhalt genehm ist, lässt sich daher nicht so leicht ausräumen.

Andererseits wird dadurch nicht jedes Argument entwertet, das sich gegen solche Gastausgaben vorbringen lässt. Es kommt halt aufs Argument an.

Festzuhalten ist, dass es sich bei Stern und taz um zwei im Detail unterschiedliche Arten von Gastausgaben handelt: Die taz (für die Transparenz: deren Redakteur ich gewesen bin) gibt ihre Infrastruktur für einen Tag ab, während die Stern-Redaktion mit FfF gemeinsam ein Magazin produziert.“Die taz hat ihre Zeitung in die Hände von Klimaaktivist.innen gegeben. Wir haben organisiert, die Logistik gestellt, hier und da beraten, manche Texte – sprachlich – redigiert und uns ansonsten rausgehalten.“ Schreibt taz-Chefredakteurin Barbara Junge, betont also im Grunde eine Art Couchsurfing-Prinzip. Früher in der taz-Geschichte hätte man vielleicht gesagt, man überlässt denen die Produktionsmöglichkeiten, die sonst keine hätten.

Für den Stern dagegen ist “dieses Heft anders ist als alle zuvor“, wie es darin heißt: “Zum ersten Mal in 72 Jahren konnten (…) Menschen direkten Einfluss auf die Gestaltung des Magazins nehmen, die nicht zur Redaktion gehören.“ Das sorgte wohl auch innerhalb der Redaktion für Diskussionsbedarf, der groß genug war, um – was gut ist – ins Heft einzugehen:

“Dabei unterstützen auch die Kritiker der Zusammenarbeit das Vorhaben, den Klimaschutz künftig stärker ins Zentrum der Berichterstattung zu rücken. Persönlich haben sie durchaus Sympathie für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen von Fridays for Future und teilen ausdrücklich deren Ziele. “‚Mir geht es nicht um FFF, sondern ums Prinzip‘, sagt der Wirtschaftsreporter Johannes Röhrig. ‚Der stern sollte mit überhaupt keiner Aktivistengruppe zusammenarbeiten, grundsätzlich nicht. Man kann sich auch mal mit einer Sache gemein machen. Mit einer Bewegung aber nicht.’“

Von allen Gegenargumenten, die ich in der vor allem auf Twitter ausgelagerten Diskussion über die Gastausgaben wahrgenommen habe, finde ich das nicht das schlechteste.


Altpapierkorb (Christine Strobl, Musikgeklimper in den Fernsehnachrichten, Roland Tichy)

+++ Ein ARD-Thema: SZ und Tagesspiegel schauen sich genauer an, was Christine Strobl als künftige Programmdirektorin (Altpapier vom Mittwoch) erwarten dürfte. Ihren Posten bei Degeto werde wiederum Thomas Schreiber übernehmen, heißt es. Und Daniel Bouhs diskutiert bei Zapp vom NDR, ob Strobl als Tochter und Frau zweier CDU-Spitzenpolitiker für eine relevante Figur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu nah an der Politik sei.

+++ Altpapier-Autor Christian Bartels widmet sich in seiner Medienkorrespondenz-Kolumne dem “Musikgeklimper (…) in den Fernsehnachrichten von ARD und ZDF“ und bittet berechtigterweise darum, es bleiben zu lassen: “Es ist (…) gar nicht sehr viel Untermalungsmusik, die die Nachrichtenmagazine einsetzen. Sie fällt nur auf, wenn man drauf achtet. Dann wirkt sie nicht, als erfülle sie publizistischen oder künstlerischen Wert, sondern wenigstens wie eine Misstrauenserklärung an die Bilder (…), oder eher noch: plump manipulativ.“

+++ Leonard Novy, der Direktor des Kölner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM), schrieb im Tagesspiegel einen Gastbeitrag: “Dem westlichen Journalismus droht der Kollaps“.

+++ Der Gründer des rechts blinkenden Magazins Tichys Einblick, Roland Tichy, werde nicht mehr als Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung kandidieren: Darüber und über die Gründe berichten taz, FAZ und @mediasres. Interviewen und kommentieren tun sie auch.

Neues Altpapier erscheint am Montag. Angenehmes Wochenende!

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