Das Altpapier am 29. September 2020 Vielleicht ein bisschen zu einfühlsam

Ist die Pro-Sieben-Doku "Rechts. Deutsch. Radikal." lobenswert, weil sie ein wichtiges Thema in der Prime Time präsentiert? Zumal für ein Publikum, das sich sonst keine Dokumentationen über Rechtsextremismus anschauen würde? Oder sind die Schwächen des Films zu gravierend? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 29. September 2020: Porträt Autor René Martens
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Eine TV-Doku für Leute, die keine Victor-Klemperer-Leser sind

Deutsches Privatfernsehen wirkt, und sogar Le Monde und die Washington Post haben es bemerkt. Die Bundestagsfraktion der AfD hat ihren früheren, im April "beurlaubten" Pressesprecher Christian Lüth nun fristlos gekündigt. Den Grund dafür lieferten Äußerungen Lüths in der am Montag an dieser Stelle bereits erwähnten zweistündigen Pro-Sieben-Prime-Time-Dokumentation "Rechts. Deutsch. Radikal" bzw. die Vorberichterstattung über diesen Film - nicht zuletzt jene von Zeit Online, die überhaupt erst öffentlich machte, dass es Lüth ist, der kurz vor dem Ende des Films sagt:

"Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD."

Und zum Thema Migranten:

"Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen (…) Mir egal!"

Im Film wird der Name Lüth aus juristischen Gründen nicht erwähnt. Es lässt sich nun durchaus sagen, dass Pro-Sieben-Autor Thilo Mischke und Zeit-Online-Autor Christian Fuchs geschickt kooperiert haben. Um überhaupt auf Sendung gehen zu können, musste Pro Sieben den Namen Lüth weglassen, sonst hätte vielleicht ein Szene-Anwalt die Ausstrahlung verhindert. Zwecks PR-Effekt-Verstärkung brauchte es dann aber noch eine rechtzeitige, aber mit Blick auf eine noch mögliche juristische Verhinderung des Films nicht zu frühe Enthüllung.

Christian Fuchs kommt im Film übrigens gleich dreimal als Experte zu Wort. Zunächst nach 25 Minuten, eine Stunde später dann noch zweimal innerhalb kurzer Zeit. Eine längere Audio-Fassung seines Gesprächs hat Mischke auf seiner eigenen Plattform veröffentlicht.

Im Film bekundet Mischke, die Aussagen Lüths machten ihn "sprachlos". Aber sind sie nicht eher erwartbar, wie zum Beispiel Matthias Quent sagt, der Direktor des Jenaer Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft? Ist die in bzw. im Zusammenhang mit der Doku stattfindende "Skandalisierung" der zitierten Aussagen mindestens kontraproduktiv bzw. "ein Teil des medialen Unterhaltungsgrusels", wie die Autorin Asal Dardan meint? Ist sie nicht sogar bigott, wie Aurel Mertz nahe legt, jener funk-Kollege, der neulich mit einem Comedy-Beitrag bei Instagram ein paar Christdemokraten aus der Fassung brachte (Altpapier)?

Wie war denn der Film nun? In der ersten halben Stunde überzeugt die Dokumentation, Mischke macht als Autor im On zunächst eine gute Figur, was ich, der schon so einige Dokumentationen mit Thilo Mischke gesehen hat, gern hervorhebe, denn das ist sonst wahrlich nicht immer der Fall. Allerdings ändert sich dieser Eindruck dann im Laufe des Films, siehe etwa die Sequenz mit dem "Hknkrz"-Beutel.

Positiv hervorzuheben ist erst einmal, dass relativ früh von der "sogenannten Flüchtlingskrise"die Rede ist. Das kann man erwähnen, weil viele Medien, die sich für seriöser halten als Pro Sieben, das rechtsrandige Framing von der Flüchtlingskrise weiterhin gern übernehmen. Die Bedeutung von Rechtsrock und Kampfsportevents kommt zur Sprache, und hervorhebenswert ist auch die Einbindung eines Experten, der seit vielen Jahren in der Szene recherchiert: Mischke zur Seite stand der Fotograf Tim Mönch, der einige Bilder beisteuerte - und während der Ausstrahlung ergänzendes Material bei Twitter lieferte.

So weit, so gut.

Problematisch ist indes, dass der Anteil von Interviews mit Rechtsextremisten sehr hoch ist. Dieses Unbehagen hat ND-Redakteur Robert Meyer recht ausführlich in einem Thread artikuliert. Und kurz und knapp Giulia Becker, Autorin unter anderem beim "Neo Magazin Royal". Sie stört sich an "einfühlsamen Gespräche mit jungen, mittelalten und alten Nazis".

Hinzu kommt: Im Off-Text finden sich journalistische Floskeln, die in der Berichterstattung über Personen vom rechten Rand schlichtweg nicht funktionieren. Über einen AfD-Politiker aus Brandenburg heißt es, er gelte "als rhetorisch begabt" und habe "ehrgeizige Ziele", auch "Hoffnungsträger" wird er genannt. In jener Passage fällt über die AfD zudem die Formulierung  "... sorgte die Partei zuletzt für Negativschlagzeilen". Sorgte sie denn jemals für Positivschlagzeilen?

"Ich frag’ mich immer: Wissen die Leute, was sie da wählen?" sagt Mischke mit Bezug auf die AfD dann noch. Das nimmt man ihm natürlich nicht ab, dass er sich das fragt, aber man kann natürlich darüber diskutieren, ob diese strategische Naivität legitim ist, weil unter den Zuschauenden vielleicht Menschen sind, die sich das wirklich fragen. Oder belegt so ein Satz, dass Pro Sieben das Publikum unterschätzt?

Michael Hanfeld lässt für die FAZ seiner "ziemlich begeisterten" (noch einmal Altpapier von Montag) Vorbesprechung noch eine im Ton ähnliche Nachbesprechung folgen, die auch die skurrilen Distanzierungs-"Eiertänze" der AfD zum Thema hat.

Werbeunterbrechungen? Gab es übrigens gar nicht. Nicht einmal nach der Sendung lief Reklame - abgesehen davon, dass beim Übergang zu "Late Night Berlin", wo Mischke als "Mann der Stunde" zu Gast war, zwei "… wird Ihnen präsentiert von …"-Trailer zu sehen waren. Der erste Werbeblock nach dem Start der Doku lief erst während "Late Night Berlin" um 22.45 Uhr.

Ist der Pro-Sieben-Film ein "Ansporn" für die Öffentlich-Rechtlichen?

Die Frage, die sich aus der bisherigen Diskussion herauskristallisieren lässt, lautet: Ist "Rechts. Deutsch. Radikal" ganz in Ordnung angesichts dessen, dass sich die Dokumentation, die sogar eine getwitterte Solidaritätsdresse der direkten Konkurrenz hervorgebracht hat, nicht an Auskenner richtet, sondern an "Leute, die nicht notwendigerweise die 'NSU-Protokolle' von Annette Ramelsberger oder 'LTI' von Victor Klemperer auf dem Nachttisch liegen haben" (Arno Frank in einer Spiegel-Nachkritik)?

Ist Lob auch deshalb angemessen, weil dieser privatwirtschaftlich finanzierte Film über Rechtsextremismus "Ansporn für

@DasErste und @ZDF sein" könnte, "ihr Material nicht immer erst um 23 Uhr unter die Leute zu bringen, weil vorher noch irgendwelche Nonnen tanzen müssen" (Imre Grimm)?

Der Eindruck, dass Dokumentationen zum Thema Rechtsextremismus bei den Öffentlich-Rechtlichen nur im Nachtprogramm vorkommen - den auch so unterschiedliche Personen wie Jagoda Marinic und Ulrich Deppendorf artikulieren -, ist übrigens nicht ganz abwegig, aber auch nicht präzise. Um 20.15 Uhr lief zum Beispiel im vergangenen Jahr bei ZDFinfo "Rechtsrock in Deutschland – Das Netzwerk der Neo-Nazis" und bei 3sat um 21 Uhr "Themar - Die Kleinstadt und der Rechtsrock", beides Filme, die sich mit Mischkes Dokumentation inhaltlich zumindest zu einem kleinen Teil überschneiden. Aber in den Hauptprogrammen von ARD und ZDF findet man diese Themen eher nicht um diese Zeit - und vor allem nicht in einer Länge von zwei Stunden. "Am rechten Rand", die beste TV-Dokumentation, die es in den vergangenen Jahren über Rechtsextremismus zu sehen gab, lief tatsächlich erst um 23 Uhr.

Ein salomonisches Urteil über "Rechts. Deutsch. Radikal" fällt bei Twitter Krsto Lazarević:

"Die Doku bot zur besten Sendezeit einen guten Überblick über die rechtsextreme Szene Deutschlands. Es bleibt aber problematisch, Neonazis so viel Raum für ihre Argumentation einzuräumen und sie noch in ästhetischen Slow-Mo-Einstellungen zu portraitieren."

Möglicherweise noch länger ein Thema sein wird die Rolle jener Frau, die im Netz unter dem Lisa Licencia bekannt ist und in der Doku zu einer wichtigen Akteurin wird, weil sie Lüth, der sie als Gesinnungsgenossin wahrnimmt, die Aussagen, die ihn letztlich zu Fall brachten, überhaupt erst entlockt hat. Ist dieser Dienst, denLisa Licencia hier Pro Sieben erweist, als Abkehr vom rechtsradikalen Milieu zu interpretieren? Entsprechende Zweifel notiert Sebastian Weiermann. Und woran gab es noch Kritik? Ach ja, an der Einblendung "Gedächtnisprotokoll", die aber eben nicht wortwörtlich zu verstehen ist, sondern aus rein juristischen Gründen erfolgte.

Ein Philosoph hat Angst

Der überwiegende Teil der heute abgebildeten Debatte über "Rechts. Deutsch. Radikal" hat auf Twitter stattgefunden. Man könnte auch meinen: Ich habe mir diese Debatte nur eingebildet. Zumindest der Philosoph Markus Gabriel würde das vielleicht sagen. Am Wochenende sagte er in der taz jedenfalls:

"Wenn ich mich im Team Drosten gegen Team Streeck engagiere; wenn ich das auf Twitter tue, dann tue ich gar nichts. Das sieht nur so aus, das sind eingebildete Handlungen (…) Der Kollege Drosten hat ja, um den Vorwurf auch noch zu äußern, auf einen Angriff der Bild-Zeitung durch einen Gegenangriff auf Twitter reagiert. Nicht seine beste Idee (…) Die Bild-Zeitung ist fatal, aber weit weniger fatal als Twitter. Wenn die Bild-Zeitung verschwindet, habe ich nichts dagegen, aber ich möchte noch lieber, dass Twitter verschwindet. Vor Twitter habe ich ernsthaft Angst."

Enteignet Twitter, oder was? Aber warum hat der Mann eigentlich Angst vor "eingebildeten Handlungen"? Ich als Nicht-Philosoph - meine Karriere war nach zwei Scheinen im Grundstudium beendet - frage mich ja, ob Markus Gabriel eher der Dieter Nuhr oder eher der Gabor Steingart der Philosophie ist oder einfach nur der deutsche Philosoph, der mal bei RT Deutsch auftrat.

Corona: Was Joachim Huber und Stefan Aust sagen

Dass die Zahl der von der Corona-Erkrankung "Genesenen", die uns oft in den Nachrichten verkündet wird, zumindest in einer Hinsicht irreführend ist - das macht auf eindrucksvolle Art Tagesspiegel-Joachim Huber deutlich, dessen Schilderungen über seine Krankheit bei Radio Eins bereits gestern hier ein Thema waren, der sich am Montag aber auch gegenüber seiner eigenen Zeitung geäußert hat.

"Ich bin jetzt mit den Krankheiten nach der Krankheit beschäftigt. Mein linker Fuß macht nicht mehr mit (…) Ich habe starke Nervenschmerzen in den Beinen, die Nerven spielen verrückt, wie Blitze, ein dauerhaftes Zucken. Außerdem hatte ich einen Katheter, der nicht so richtig gut gesetzt war, und musste mich einer Nach-OP unterziehen."

Das Beste an der Welt-Gruppe ist deren Paywall, eine Art anti-kapitalistischer Schutzwall. Wenn ein Untergebener einen der Hausgötter interviewt, macht man aber mal eine Ausnahme - so am Wochenende, als der Hamburger Welt-Filialleiter Jörn Lauterbach sein turnusmäßiges Gespräch mit Herausgeber Stefan Aust führte. Ob "sich Deutschland einen weiteren Lockdown überhaupt wirtschaftlich leisten" könne, will Lauterbach zum Beispiel wissen. Aust dazu:

"Die Wahrheit ist doch: Wir konnten uns schon den ersten Lockdown wirtschaftlich nicht leisten, deswegen stellt sich die Frage eigentlich gar nicht mehr."

Die "Wahrheit" ist wohl eher, dass der "Lockdown" - verglichen mit den Maßnahmen in anderen Ländern - so soft ausfiel, dass man von einem "Lockdown" kaum reden kann. 

Wird der Spiegel sich eigentlich jemals mit der Frage auseinandersetzen, was es über das eigene Blatt und das Selbstverständnis aussagt, dass so viele seiner ehemaligen Leistungsträger in den vergangenen Jahren in eine andere Milchstraße abgedriftet sind? Eine Frage, die man sich aus unterschiedlichen Gründen ja auch bei Gabor Steingart und Matthias Matussek stellen muss.

Vielleicht kommt ja bald mal jemand auf die Idee, Huber und Aust zu einem Streitgespräch zusammenzubringen.


Altpapierkorb (Polizisten-Gesichtserkennung, Berufsrisiko Haft, Berufsrisiko Rippenbruch, "Rohwedder")

+++ Die FAZ (€) berichtet auf ihrer heutigen Medienseite, "belarussische 'Cyberpartisanen'" arbeiteten daran, "aggressive Polizisten, die von Demonstranten als 'Faschisten' oder 'Unterdrücker' (…) geschmäht werden, zu deanonymisieren. Hacker haben die persönlichen Daten Tausender Mitarbeiter des Innenministeriums gesammelt und auf dem Portal narushitel.org sowie auf dem Telegram-Kanal 'karateli belarus' publiziert. Dass obendrein mittels automatisierter Gesichtserkennung gewalttätige Polizisten trotz Masken identifiziert und ihre Taten der Nachwelt überliefert würden, versprach nun der aus Belarus stammende Computerspieldesigner Andrew Maximow, der in Los Angeles lebt (…) in einer Videoadresse, die schon mehr als eine Million Mal angeschaut wurde".

+++ Belarus II: Die SZ hat den Fotojournalisten Alexander Vasukovich interviewt, dem die Berichterstattung über die Proteste in seinem Land elf Tage Haft eingebracht hat: "Mir ist dort nichts passiert, aber auf der Polizeistation wurde mein Kollege mehrere Male von einem Polizisten in Zivilkleidung geschlagen. Und sie nahmen all unsere Speicherkarten mit und gaben sie auch nicht wieder zurück. Sie haben uns auch nicht erklärt, warum wir eigentlich festgenommen wurden."

+++ Während ihrer Berichterstattung über die Proteste von #EndeGelände am Wochenende hat sich eine für die junge Welt tätige freie Journalistin, die sich in einem Videostatement in eigener Sache "die Manu" nennt, unter anderem einen Rippenbruch und eine Gehirnerschütterung zugezogen. Der Fotograf Marcus Golejewski erwähnt den Vorfall ebenfalls. Andere Journalisten wurden von einer Privatarmee des RWE-Konzerns angegriffen, unter anderem die taz-Redakteurin Katharina Schipkowski.

+++ Die taz hat mittlerweile bereits den dritten Text über die vierteilige Netflix-Dokumentation "Rohwedder" (Altpapier von Montag) veröffentlicht. Anja Maier widmet sich den "ostdeutschen Frauen, die in dieser Dokumentation zu sehen sind. An Männern mit beamteter Anzugbrust und der Attitüde westdeutscher Bescheidwisser gibt es darin keinen Mangel. Es sind nämlich die Szenen mit den Frauen, die nach dreißig Jahren immer noch unter die Haut gehen. Sie, deren Betriebe von der Treuhand verkauft oder geschlossen werden, schauen in die Kamera. Sie haben Angst, sie sind aggressiv, manche weinen. Es sind andere Bilder als die von den tuckernden Trabis und den feiernden Menschen, die wir uns so gern anschauen. Die Wende scheint ja eine einzige Party gewesen zu sein. Aber so war es eben nur einen historischen Moment lang."

Neues Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.

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