Das Altpapier am 4. November 2020 Die Klamotte kommentiert mit

In den USA wurde gewählt. Deutsche Medien blieben genauso dran wie amerikanische. CNN zählte quasi jede einzelne Stimme live mit. Jörg Schönenborn bediente seinen Touchscreen mit dem Ärmel. Und am vorläufigen Ende wusste man doch nur eines: Es wird ein älterer weißer Mann gewinnen. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 5. November 2020: Porträt Autor Klaus Raab
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Die Dynamik der Wahlnacht

US-Wahlnächte und ihre Dynamik, ey. "So ganz ganz leichte Tendenzen können wir bereits erkennen", sagte Christian Sievers im ZDF um halb fünf am Mittwochmorgen. Er sprach es nicht aus, aber die Tendenz lautete um diese Uhrzeit: Der Amtsinhaber könnte durchaus wieder US-Präsident werden. Zumindest war ein Erdrutschsieg für Joe Biden vom Tisch.

Der Eindruck zu Beginn der US-Wahlnacht war ein etwas anderer gewesen. Dass die Berichterstatter in ihren Wahlstudios viel falsch gemacht hätten, kann man aber trotzdem nicht sagen. Über die Briefwahlstimmen, über die im Vorfeld so viel gesprochen worden war, hätten sie insgesamt etwas ausführlicher informieren können; was die Briefwahl für die Ergebnisse bedeuten könnte, wurde nicht ganz klar. Aber vorschnelle Festlegungen auf den Wahlausgang vermieden sie. Nur in Spekulationsabschnitten wurden Talkgäste nach ihren Tipps gefragt. Bei "Markus Lanz", zum Beispiel, am späten Abend, der diesmal ein recht früher Abend war – "einmal kurz spekulieren", bat Lanz seine Gäste, und die meisten taten ihm den Gefallen: Biden, Biden, Biden. Aber es gab keinerlei Ergebnisvorwegnahme.

Claudia Kleinert und Caren Miosga hatten sich für die "Tagesthemen" republikanerrote Jacketts  angezogen und sahen in Kombination mit der demokratenblauen "Tagesthemen"-Wall extraneutral aus. Christian Sievers im ZDF und Peter Kloeppel bei RTL trugen weiß-rot-blaue Krawatten. Daraus sprach eine gewisse Vorsicht: Die Klamotte kommentiert mit.

Jörg Schönenborn präsentierte in der ARD derweil wieder seine ewigen Balken und dazu eine politische Karte der USA. Und ein ums andere Mal rechnete er vor, dass Joe Biden, der demokratische Kandidat, mehrere Optionen habe, um Präsident zu werden, Donald Trump aber nur eine: Er müsste eigentlich all die Staaten gewinnen, die den Umfragen nach noch halbwegs offen waren.

Um halb fünf sah es dann tatsächlich so aus, als könnte er vielleicht die Wahl gewinnen. Live-Informationsfernsehen. Nichts für schwache Nerven.

Noch 402 Minuten bis zum "Morgenmagazin"

Also, wie war’s im Wahlfernsehen? Nun, "dramatisch", "spannend", es war viel "Geduld" gefragt, lange war es "too close to call", und "Sorry, jetzt habe ich aus Versehen die Ergebnisse von 2016 aufgerufen" war es auch.

Vor allem war es aber ausführlich. Würde ganz Deutschland alle Liveblogs, -streams und -sendungen zur US-Wahl nacheinander wegbingen, die in der Nacht zum Mittwoch mit Balkendiagrammen, Karnevalsnummern, roten Jacketts und Aufrufen zur Geduld gefüllt wurden, wären bis zum Ende des Lockdowns alle gut beschäftigt.

Wenn man zum Beispiel irgendwann vor Mitternacht ins ZDF schaltete, stand da, dass die laufende Sendung "noch 402 Minuten" dauern werde. Zurück in die ARD: "noch 312 Minuten". Aneinandergereiht knapp sieben Fußballspiele am Stück, allein in den Hauptprogrammen der Öffentlich-Rechtlichen. Und danach begann gleich das "Morgenmagazin".

Zeitgleich videoberichtete die taz acht Stunden lang aus den privaten Räumlichkeiten von Redaktionsmitgliedern. Die Krautreporter zoomkonferierten mitten in der Nacht mit den Mitgliedern. Zeit Online livestreamte und -bloggte. Same bei Spiegel Online. Bei Bild-TV saßen Bild-Leute mit wechselnden Gästen in einer Oval-Office-Kulisse und dachten quer. Es war wie auf einem Jahrmarkt: Alle, die einen Stand aufgebaut hatten, konkurrierten um die Aufmerksamkeit des Publikums. Neu war im Vergleich zur Wahl von 2016 vor allem, dass es neben den eingeübten Liveblogs auch so viele Livestreams gab.

Gut, ein paar Sender hielten sich auch weitgehend raus. Bei Sat.1 lief knallhart "Navy CSI", das "Frühstücksfernsehen" begann um 4.28 Uhr. Und bei Vox ging es in "Prominent" um 100 Millionen Dollar und einen ruinierten Ruf: Ausgerufen wurde dort "das Ende von Johnny Depp".

Insgesamt aber war in Sachen US-Wahl gut was los. Zeitlich, grob geschätzt, lief pro Sender mehr als die doppelte Ladung Bundestagswahlabend-Berichterstattung. Viel Holz, aber am Ende gab die Wahl der Planung Recht. Der Bundestag wird halt dann doch nur in einer einzigen Zeitzone gewählt.

Der Sieger nach Zahlen

Die meisten Zahlen von allen Sendern, die man in Deutschland so reinkriegte, hatte allerdings CNN. Würde man alle Zahlen aufeinanderstapeln, die dort auf dem Touchscreen auftauchten, ergäbe das, ungefähr genau, einen Turm von 443.162 Kilometern. Was etwa der Strecke von der Erde bis zum Mond entspricht. Luftlinie. Um 2.16 Uhr deutscher Zeit führte Donald Trump in Florida mit 5.107.483 Stimmen gegenüber 4.990.455 Stimmen für Joe Biden. 87 Prozent der Stimmen waren zu diesem Zeitpunkt ausgezählt. Im Mahoning County – nur um hier mal ins Detail zu gehen – lag er zu diesem Zeitpunkt mit 42.024 Stimmen gegenüber 25.133 Stimmen für Joe Biden vorne. Das Ganze dort nach etwa etwa der Hälfte der Auszählung.

So ging das bei CNN in einem fort. Es wurde quasi jede einzelne Stimme live mitgezählt. 54,2 Prozent in Miami-Dade County. 83,6 Prozent in Pennsylvania. 44,9 Prozent in North Carolina. 54,5 Prozent in Ohio. 1.517.441 Stimmen derzeit für Biden, ein Vorsprung von 284.156, aber lassen Sie uns das doch kurz mal mit dem Endergebnis von Hillary Clinton 2016 vergleichen, take a look, wow. Unter dem Stichwort "Zahlenfeuerwerk" müsste in jedem ernstzunehmenden Lexikon die Wahlberichterstattung von CNN als Beispiel aufgeführt werden.

Jörg Schönenborns Ellenbogen

CNN, das war also nochmal eine ganz andere Nummer als unsere ARD, in der Jörg Schönenborn mit den Fingern auf einer US-Landkarte herumspielte und mal mit dem Ellenbogen, mal mit dem Ärmel alle halbe Stunde einmal versehentlich auf einen Staat klickte, den er gar nicht aufrufen wollte. Menschenskinder, diese Touchscreens! Schönenborn färbte versuchsweise mal diese Staaten rot, dann jene. Immer um zu zeigen, was Donald Trump noch alles gewinnen müsste, um zu gewinnen. Florida, Ohio, Pennsylvania, dies, das. Ein kurzer Blick auf den Stand der Senatswahl, ein weiterer auf den Zwischenstand, "keine überraschenden Bewegungen", ein ausgewogenes Lächeln, und ups, Ellenbogentouch.

Zusammenfassender Satz von Schönenborn: "Die politische Landkarte der USA ist spannend."

Lieber Geduld

Spannend, spannend, spannend. Eigentlich eine Entertainment-Vokabel. Sie wurde ein wenig überstrapaziert, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Christian Nitsche leitete am frühen Abend zum Beispiel mit den Worten "Sehr spannend, schau ich mir an" von "Report München" zu den "Tagesthemen" über, wo es um die US-Wahl gehen sollte und darum, wie Österreich das Trauma des mutmaßlich islamistischen Anschlags vom Vortag bewältigen wolle. Spannend ist auch, wie der öffentlich-rechtliche Krimiüberschuss sich mit kleinen sprachlichen Übergriffen der Informationssendungen bemächtigt.

Christian Sievers fand den passenderen Begriff: "Das Wort, das ich heute Nacht am meisten benutzen werde, ist Geduld", sagte er im ZDF.

Die Exklusivmeldungen des Abends

Die hatte Bild-TV, na klar. Aber nur, weil man dort auch das Nichts mit Superlativen versah. Bild-Chefredakteur Julian Reichelt informierte etwa superexklusiv, dass es "in den entscheidenden Staaten" Ohio und Arizona "nach Einschätzung des republikanischen Lagers" gut für die Republikaner aussehe. Bald wurde Josef Joffe zugeschaltet, "einer der intimsten Kenner der Vereinigten Staaten". Und "spannende Nachrichten" gab es aus North Carolina, was "einer der umkämpftesten Staaten" sei. Als spannend wurde konkret vermeldet: "Dort wird sich das Ergebnis verzögern."

Ein paar weitere kleine Exklusivinformationen: Im ZDF fand "Die Anstalt" heraus, dass Trump seit seiner ersten Wahl vier Jahre älter geworden ist, Bidens Altersvorsprung aber wohl nicht einholen kann. Aha. Irgendwo – Quelle nicht notiert, pardon – war zu erfahren, dass im Weißen Haus "kleine Hühnchen, Pommes frites und Hamburger" aufgetischt würden. Und dass Trump "die dankbarere Figur" sei "aus humoristischer Sicht". Ja Gottchen: Verbuchen wir es unter: Die Nacht war lang, sie musste halt auch voll werden.

Geräusch des Abends

Der Gong des ZDF. Er ertönte, wenn neue Zahlen kamen und Bettina Schausten von einer "Wetten, dass..?"-Gedächtniscouch aus rüber zu Christian Sievers schwenkte, der die neuesten Ergebnisse präsentierte. Lustigerweise war das Gerät, das das Gongen auslöste, ein Buzzer. Wenn ich es richtig verstanden habe.

Auf der Couch übrigens nahmen um Viertel vor eins, nach einem dramatischen Hintergrundgefidel, Heiko Maas und Norbert Röttgen Platz. Bald Alexander Graf Lambsdorff. Später Cem Özdemir, Katja Kipping und Beatrix von Storch. Nur falls jemand hinter Parteien ein Häkchen machen will. Ein paar der Gespräche hätte man sich sparen können. Es wurde auf der Couch einfach auch viel herumgemeint, was nicht weiter führte.

(So ein, zwei Folgen "Columbo" zwischendurch wären, so gesehen, theoretisch vielleicht doch auch möglich gewesen.)

Und nun?

Nun geht es weiter. Das ist der Stand um kurz vor 7 Uhr am Mittwochmorgen. Es wird gezählt. Was wir sicher wissen, ist das, was Jörg Schönenborn gleich zu Beginn des Wahlabends gesagt hatte. Er wisse, wer es werde, hatte er gesagt: "Es wird ein älterer weißer Herr." Ja nun.


Altpapierkorb (Geschenkpapier von Imre Grimm, Berichterstattung über den Terroranschlag in Wien, Haseloff und Buhrow, Diskussion über die Corona-Berichterstattung)

+++ Der Jubiläums-Gastbeitrag aka Geschenkpapier, zum Geburtstag des Altpapiers kommt heute von Imre Grimm, der das Gesellschaftsressort des RedaktionsNetzwerks Deutschland leitet. Merci bien! Er konstatiert, Donald Trump habe den Medien "eine ungewohnte Sympathiewelle des Publikums" verschafft. Leseempfehlung!

+++ Wien I: Die Liveberichterstattung über den Terror in Wien wird halbwegs umfassend nachbereitet – wenn man auch merkt, dass noch etwas anders in der Pipeline ist. Die taz macht’s dafür etwas größer und detailreich. Vor allem zur Frage der Verbreitung von Tatvideos in redaktionellen und in den sogenannten sozialen Medien: "Es ist bekannt, dass soziale Medien eine elementare Rolle in der Verbreitung von Terror spielen. Die bisherige Arbeit der Plattformen und das Appellieren an die Vernunft von Nutzer:innen scheint offenbar nicht auszureichen, wenn mehr als 12 Stunden später noch immer Videos online stehen."

+++ Wien II: Ebenfalls mit der aktuellen Berichterstattung aus Wien beschäftigt sich DWDL: und lobt, ähnlich wie gestern an dieser Stelle Christian Bartels, vor allem Armin Wolf vom ORF, "der trotz der sich überschlagenden Ereignisse nicht nur als Moderator fungierte, sondern auch als Ruhepol; stets bemüht, dem Publikum die unübersichtliche Faktenlage näherzubringen".

+++ Wien III: Michael Hanfeld pickt in der FAZ(+) zumindest einige Berichterstattungsbeispiele heraus: "Krone.tv wandelt auf schmalem Grat, bei oe24.tv, das zu der Zeitung ‚Österreich‘ gehört, sind Videoaufnahmen vom Terrorangriff in Dauerwiederholung zu sehen, die Website der "Bild"-Zeitung verbreitet Aufnahmen, die zeigen, wie der islamistische Attentäter einen Passanten aus nächster Nähe erschießt. Das spielt den Tätern in die Hände."

+++ Wien IV: Die Berichterstattung von oe24.tv kam nicht nur bei Fachleuten nicht gut an, sondern auch bei Unterzeichnerinnen einer Petition, die fordern, "dass alle öffentlichen Institutionen Österreichs jegliche Zuwendungen sowohl in Form von Presseförderung als auch in Form von Inseraten und anderen Schaltungen einstellen". Große Anzeigekunden hätten einen Werbestopp der Werbeschaltungen angekündigt, und die österreichische Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig begrüßt das im Gespräch mit @mediasres vom Deutschlandfunk"Gerade Boulevardmedien wären sehr unreflektiert mit Bildmaterial des Terroranschlags umgegangen, OE24 zeige ein Video der Tat bis heute auf seiner Webseite. Wenn sich Geldgeber dann zurückziehen würden, könne es zukünftig dazu führen, dass Redaktionen 'zweimal nachdenken' würden".

+++ Wien V: Der Verein Medienjournalismus Österreich derweil "appelliert an alle Kollegen und Medien, nicht den Voyeurismus mancher zu befriedigen". Wenn Appelle nur helfen würden.

+++ Ebenfalls bei FAZ+: Reiner Haseloff setzt sich mit Tom Buhrow auseinander. "Haseloff (CDU), der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, hat davor gewarnt, die Einrichtung der in seinem Bundesland geplanten ARD-Kulturplattform von der Erhöhung des Rundfunkbeitrags abhängig zu machen." Das ging an den ARD-Vorsitzenden, der in der "Berliner Zeitung" angekündigt hatte, "die ARD-Kulturplattform werde nur kommen, wenn der Rundfunkbeitrag erhöht werde".

+++ "Vielmehr haben die Medien mit ihrem grotesken Übersoll an Berichterstattung Handlungsdruck in Richtung Lockdown erzeugt, dem sich die Regierungen in Demokratien kaum entziehen konnten", schrieb Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl dieser Tage in der SZ (Altpapier). Im "Bruchstücke"-Blog hat ihm Lorenz Lorenz-Meyer geantwortet und Russ-Mohl dann ihm und im Kommentarbereich Lorenz-Meyer dann wieder ihm. Dreh- und Angelpunkt ist die Frage, wann "die Medien" überdreht haben sollen. Russ-Mohl verteidigt sich, er habe vom Frühjahr gesprochen. Lorenz-Meyer kritisiert: "Wie soll man Ihre Veröffentlichung eines solchen Artikels, in der Süddeutschen Zeitung, zu diesem Thema, mit dieser 'zugespitzten' These, am 26. Oktober 2020, zwei Tage vor dem Bund-Länder-Gipfel zur zweiten COVID-19-Welle, anders interpetieren – als ein Statement zur aktuellen Lage?"

+++ Und sonst? Jan Böhmermann macht wieder Dinge, Horizont und die SZ wissen Bescheid.

Neues Altpapier erscheint morgen. Ein weiteres Geschenkpapier auch.

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