Das Altpapier am 2. Juni 2021 Erklärung und Ausflucht

Das Magazin Reportagen hat den ehemaligen Spiegel-Autor Claas Relotius interviewt. Was sagt er? Und die Weltklasse-Tennisspielerin Naomi Osaka will keine Pressekonferenzen mehr geben. Was sagt das über Medien? Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 2. Juni 2021: Porträt Autor Klaus Raab
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Über ein Interview mit Claas Relotius

Da wollte ich diese Kolumne heute mal mit der Geschichte einer Tennisspielerin beginnen – es gibt schließlich sonst nicht so viel Tennis an dieser Stelle. Und dann kommt Claas Relotius dazwischen. Der Mann, der bis 2018 im Ruf stand, Autor journalistischer Reportagen zu sein, hat dem Schweizer Magazin Reportagen ein Interview gegeben (frei nach Anmeldung per E-Mail, eine dpa-basierte Zusammenfassung steht etwa bei tagesspiegel.de). Und das war natürlich innerhalb der Medienbranche die Nachricht des Jahres, oder zumindest des Dienstags. Denn Interviews hat Relotius bislang nicht gegeben zur Relotius-Affäre, wie Die Welt schreibt.

Ob sich viele Menschen, die nichts mit Medien machen, en detail dafür interessieren, was Relotius zu sagen hat, der 2018 nach zahlreichen Fälschungen aufgeflogen ist, sei dahingestellt. Wer sich aber ernsthaft mit Journalismus beschäftigt, kommt an den knapp 90 Fragen (die seine ehemalige Redaktion bei spiegel.de durchgezählt hat) schlecht vorbei. Denn die Affäre hat ja doch einiges ausgelöst, wie es im Vorspann des Interviews heißt: "Relotius löste eine Debatte über die Form der Reportage aus, Storytelling im Journalismus geriet unter Generalverdacht. Viele Kollegen überprüften ihre Arbeitsweisen, Redaktionen bauten ihr Fact-Checking aus, setzten neue Standards". Man könnte ergänzen: Sie führten Transparenzparagraphen ein. Vor dem Relotius-Interview etwa steht: "Wir haben uns Zeit genommen, um uns ein möglichst umfangreiches Bild zu machen und Relotius' Schilderungen zu überprüfen." Auch mit "dem behandelnden Psychiater und Therapeuten", Weggefährten und unabhängigen psychiatrischen Fachleuten habe man gesprochen.

Der Fall Relotius ist auch deshalb für Medienschaffende so aufwühlend (und für andere so leicht instrumentalisierbar), weil er selbst a Gschicht’ ist, wie es bei Helmut Dietl hieße. Dieses Interview reiht sich hier ein: In ihm bekommen wir nämlich schon wieder eine Geschichte von Claas Relotius erzählt.

Laura Hertreiter schreibt in der Süddeutschen Zeitung: "Es ist, so kennt man das von ihm, eine Geschichte von bestechender Stringenz und mit schillernden Details. (…) Diese Relotius-Geschichte nun nach mehr als zwei Jahren des Schweigens handelt von einem kranken Mann, der sich nur mit dem Verfassen von Märchen für die deutsche Presse aus psychischen Krisen retten konnte."

Diese Version lässt, wenn sie auch zunächst plausibel wirkt, viele ratlos zurück. Relotius sagt etwa auf die Frage, wie viele seiner etwa 120 Texte "journalistisch korrekt" gewesen seien: Das treffe wohl auf die wenigsten zu – "nach allem, was ich heute über mich weiss". Es ist also die Geschichte einer Selbstdistanzierung. Relotius erzählt von sich als einem Mann, dem das "hemmungslose Schreiben", wie er es nennt, Therapie gewesen sei: "Es hat mir geholfen, Zustände, in denen ich den Bezug zur Realität verloren habe, zu bewältigen, zu kontrollieren und von mir fernzuhalten."

Nicht nur die Interviewer, Margrit Sprecher und Daniel Puntas Bernet, hinterfragen das: "Um Realitätsverlust geht es in einem wesentlichen Teil Ihrer psychiatrischen Aufarbeitung. Im Kontext eines Fälschungsskandals klingt das nach einer zu einfachen Erklärung." Auch den Journalisten Johannes Böehme macht die Erzählung skeptisch: "Es fällt vor allem auf, wie entlastend die Geschichte der psychotischen Realitätsverwischung ist – in der das betrügerische Schreiben als Therapie, als Selbstmedikamention verkauft wird. Das ist eine verführerische Erklärung – vielleicht sollten wir ihr gerade deshalb misstrauen."

Andere schließen sich an, etwa Wolfgang Luef bei Twitter, der einen "PR-Coup" für Relotius sieht – bietet sich ihm hier doch eine neue Möglichkeit, sich selbst quasi zu entlasten und zugleich die Glaubwürdigkeit Juan Morenos anzuzweifeln, des freien Spiegel-Reporters, der Relotius seinerzeit auf eigene Faust hinterherrecherchiert hat. Relotius wirft Moreno nun vor, er habe in seinem Buch über den Fall eine widerspruchslose, aber nicht zutreffende Darstellung abgeliefert. Eine zu gute Geschichte also. "Ich kenne Juan Moreno nicht persönlich, bin ihm aber ernsthaft dankbar, dass er mich im Dezember 2018 indirekt gezwungen hat, mich Problemen und Verhaltensweisen zu stellen, die ich schon lange nicht mehr sehen konnte. Was seine Buchveröffentlichung betrifft, wäre ich ihm noch dankbarer gewesen, hätte er mich als den Menschen blossgestellt, der ich auch bin."

Zum anderen ist Relotius Version, bei allen Fragezeichen, eben: seine Version. Die Interviewer vom Reportagen-Magazin scheinen sie nachrecherchiert zu haben, so weit es nur möglich ist. Und man kann sie nicht widerlegen, ohne seine "mutmaßliche schwere psychotische Erkrankung" zumindest anzuzweifeln, wie jemand in den Replys unter Johannes Böhmes Thread schreibt. "Ein heikles Unterfangen" sei das Interview deshalb auch für die Interviewer gewesen, findet Axel Weidemann auf der FAZ-Medienseite (Abo): Sie hätten vor der Herausforderung gestanden, "zu fragen, einerseits mit dem Respekt vor einer möglichen Krankheit, andererseits so, dass klar wird, wenn diese als Ausflucht benutzt wird". Dazwischen scheint mir das Relotius-Interview zu pendeln: zwischen Erklärung und Ausflucht.

"Tragödien: gut" – Medien als Mitspieler im Spitzensport

Die Weltklasse-Tennisspielerin Naomi Osaka, die fähig wäre, die French Open zu gewinnen, hat das Turnier verlassen. Und das hat mit Medienlogiken zu tun. Sie wolle nicht an Pressekonferenzen nach ihren Spielen teilnehmen, die bei einem solchen Turnier derzeit obligatorisch sind. Sie begründete das zunächst mit der hohen mentalen Belastung, später dann konkret damit, dass sie unter Depressionen leide. "Man werde entweder mit Fragen konfrontiert, die bereits oft gestellt wurden, oder mit 'Fragen, die Zweifel in unsere Köpfe bringen', erklärt Osaka kurz vor Beginn des Turniers auf Twitter. Sie habe häufig gemerkt, dass 'die Leute' keine Rücksicht auf die psychische Verfassung der Athleten nehmen", fasst @mediasres vom Deutschlandfunk zusammen.

Eine Frage, mit der nun in Sportressorts und darüber hinaus jongliert wird, ist, ob das nun vor allem etwas über Pressekonferenzen aussagt – oder über Osaka. In der Öffentlichkeit zu stehen, ist nun einmal Teil des Arrangements für eine Sportlerin, die mit Tennis nur deshalb Geld verdient, weil sie das öffentlich tut. Muss das "System", wie es Osaka nennt, also auf den Prüfstand? Die New York Times hat einen abwägenden Text dazu und zitiert darin die Fernsehkommentatorin Rennae Stubbs:

"You cannot allow a player to have an unfair advantage by not doing post-match press. It’s time consuming, so if one player is not doing that and others are, that is not equal. But after this, it’s time to really take a hard, long look at all of it." – Wenn also eine Spielerin sich Pressekonferenzen verweigern könne, andere sie aber absolvieren müssten, sei das nicht fair, so Stubbs. Man müsse sich also anschauen, ob das Modell insgesamt ein gutes sei.

Andererseits ist es auch nicht fair, von allen Spielerinnen und Spielern das Gleiche zu verlangen, wenn die Aufgabe, mit der Weltöffentlichkeit zu reden, an den einen abperlt und die anderen beeinträchtigt.

Was kann man von Sportlerinnen und Sportlern verlangen? Sportreporter Lars Ruthemann, bekannt vom ZDF, sagt bei @mediasres: "Ich finde, alle Sportler sollten sich immer vergegenwärtigen, dass die Medien auch zu diesem Zirkus dahingehend dazugehören, dass wir letztlich auch dafür sorgen, dass die Sportler, ob es die Tennisspielerin oder der Fußballspieler ist, auch ganz ordentliches Geld verdienen." Das ist quasi die Mathias-Döpfner-Version von Öffentlichkeit. Wer mit dem Aufzug hochfährt, muss damit leben, dass er auch nach unten fahren kann.

Wenn ein Fußballer wie der Kölner Jonas Hector allerdings direkt nach einer Niederlage, wie kürzlich gegen Kiel, nach seiner Gefühlslage gefragt wird ("Wie leer fühlen Sie sich?"), bleibt das eine dämliche Frage – völlig unabhängig davon, in welche Richtung der Aufzug gerade fährt. Die Sportpsychologin Babett Lobinger sagt, ebenfalls bei @mediasres,

"ich würde der Branche auch unterstellen in dem Moment, dass man gar nicht daran interessiert ist, eine detaillierte Spielanalyse von Jonas Hector zu bekommen, sondern, dass es auch darum geht, jetzt Emotionen nicht nur einzufangen, sondern, ehrlich gesagt, auch ein Stück weit zu provozieren." Und mit Branche meine sie: Unterhaltungsbranche.

Im britischen Guardian schlägt sich Jonathan Liew auf die Seite von Tennisspielerin Naomi Osaka: Die Pressekonferenz nach Spielen sei, schreibt er,

"ein zynisches und oft räuberisches Spiel, bei dem es darum geht, so viel Inhalt wie möglich aus dem Thema herauszuholen. Klatsch und Tratsch: gut. Wut: gut. Fehden: gut. Tränen: gut. Persönliche Tragödien: gut. Währenddessen wird von dem jungen Sportler, der oft noch von den Emotionen des Sieges oder der Niederlage gefangen ist, erwartet, dass er die intimsten Fragen in der am wenigsten intimen Umgebung beantwortet, vor einer Reihe von Fremden und mit einem Stück gesponserter Pappe im Rücken."

Natürlich gebe es viele anständige Journalisten, so Liew. Und natürlich gibt es die Möglichkeit, unliebsame Fragen einfach nicht zu beantworten, wie Christopher Clarey in der New York Times meint. Aber man muss sich vielleicht doch fragen, was es für einen Menschen bedeuten kann, wenn er vor vielen Kameras jederzeit mit Fragen wie jenen rechnen muss, die Spielerinnen 2004 oder 2013 in Wimbledon gestellt wurden: "Sind Sie darauf vorbereitet, dass Sie ein Sexsymbol werden könnten, weil Sie sehr gut aussehen?", oder: "Sie sind jetzt ein Pin-up, besonders in England. Macht Ihnen das Spaß?"

Bevor man also einer der besten Sportlerinnen der Welt sagt, sie solle sich nicht so haben, könnte man unter Umständen auch zur Kenntnis nehmen, dass sie lieber bei einem Grand-Slam-Turnier hinschmeißt, als mit der Presse zu sprechen. Nur aus Jux wird sie das kaum gemacht haben. Der Guardian: "Anstatt zu hinterfragen, was das über sie aussagt, sollte man vielleicht lieber fragen, was das über uns aussagt."


Altpapierkorb (Öffentlich-Rechtliche im Osten Deutschlands, Pressesubvention in Mecklenburg-Vorpommern, Bild-interne Umfrage, Nannen-Preise)

+++ Die Linke fordert in einem Papier unter dem Titel "Ein Sandmännchen allein macht noch keinen Sommer", wie der Tagesspiegel berichtet, "unter anderem einen neuen Finanzausgleich innerhalb der ARD. Zusätzlich zu den bisherigen Mitteln sollen die drei für die ostdeutschen Länder tätigen ARD-Sender MDR, NDR und RBB ein Prozent der Beitragseinnahmen erhalten. Umgerechnet handelt es sich dabei um 80 Millionen Euro, die in ostdeutsche Programmangebote fließen sollen". Nun erscheint dieses Blog bekanntlich beim MDR, der davon womöglich profitieren würde. Dass in wenigen Tagen in Sachsen-Anhalt gewählt wird, sollte man aber bei der Einordnung des Papiers nicht übersehen.

+++ Um die Perspektiven öffentlich-rechtlicher Anstalten auf die ostdeutschen Bundesländer und um Verteilungsfragen geht es aus gegebenem Anlass auch in der taz. Der MDR kommt auch dort vor. taz-Korrespondent Michael Bartsch schreibt: "MDR-Intendantin Wille beklagt, dass mit dem Kinderkanal in Erfurt nur eine einzige von 50 ARD-Gemeinschaftseinrichtungen hier angesiedelt sei. Insofern hat Sachsen-Anhalt mit seiner Blockade des Rundfunkstaatsvertrages ein Eigentor geschossen. Denn die projektierte gemeinsame Kulturplattform von ARD, ZDF und Deutschlandradio sollte nach Halle kommen und liegt nun auf Eis. Von Insidern wird eine Stimmung kolportiert, man wolle die Saboteure nicht auch noch mit dem Standort Halle belohnen."

+++ Der Spiegel (Abo) berichtet von einer einer Befragung innerhalb der Belegschaft der roten Gruppe bei Axel Springer. Thema sei das Betriebsklima gewesen, und über einige Ergebnisse sei man bei Springer "erschrocken".

+++ Anne Haeming schreibt für Übermedien (frei zunächst nur mit Abo) über Pressesubventionen in Mecklenburg-Vorpommern: "Es ist eine Geschichte über Pressesubventionierung, die dem schlechten Image von Pressesubventionierung wirklich nicht hilft."

+++ Am Dienstagabend wurden die Nannen-Preise vergeben. Gewonnen haben diese Kolleginnen und Kollegen.

Neues Altpapier erscheint am Donnerstag.

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