Der Altpapier-Jahresrückblick am 24. Dezember 2019 Relotius ohne Ende

Der Betrugsfall Relotius hängt wie ein Schatten über dem Jahr 2019. Keine Angst, das ist nicht der Anfang einer Reportage. Es ist ein Rückblick auf ein Jahr, in dem wir viel über Journalismus gelernt haben – und leider auch über Psychologie. Ein Jahresrückblick von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 24. Dezember 2019: Claas Relotius mit dem CNN Journalist Award
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Zum Ende des Jahres hat Daniel Bouhs sich für das NDR-Medienmagazin "Zapp" noch einmal mit dem Fall beschäftigt, der uns in den vergangenen zwölf Monaten in über 50 Altpapieren begleitet hat. In einem 13-minütigen Interview mit Clemens Höges aus der Spiegel-Chefredaktion über das Werk des Hochstaplers Relotius und die Folgen sitzt Höges irgendwann (10:55 min) da, schaut ratlos auf seine Schreibtischplatte und sagt:

"Ich verstehe Relotius nicht. Ich verstehe nicht, warum er das gemacht hat."

Ein paar Wochen zuvor, Ende Oktober, als bekannt wurde, dass Claas Relotius juristisch gegen das Buch von Juan Moreno vorgeht, hatte Relotius unter anderem mitgeteilt: "Ich stelle mich allem, wofür ich verantwortlich bin(…)" Aber bis heute steht und spricht er nicht mit dem Spiegel, wie Höges ebenfalls in dem Interview sagt, "trotz mehrerer Anfragen" (02:35 min).

Und so bleibt die entscheidende Frage, das Warum, weiter unbeantwortet, was natürlich ärgerlich ist, weil man es gern wissen würde. Doch um die Wirkung und die Folgen des Betrugsfalls zu bemessen, ist es unerheblich, warum Relotius das alles getan hat. Wichtiger ist, zu verstehen, warum es passieren konnte – und was sich dadurch verändert hat.

Daher möchte ich in diesem als Jahresrückblick angekündigten Text nicht einfach nur auf das zurückschauen, was in diesem Jahr passiert ist. Das finden Sie alles im sehr ausführlichen Wikipedia-Eintrag über Claas Relotius, inklusive der später wieder korrigierten Manipulationen. Ich möchte hier darüber schreiben, was ich im vergangenen Jahr durch Relotius gelernt habe. Es beginnt mit der Recherche für diesen Jahresrückblick.

Ich hatte mir die Frage gestellt, welche Geschichten aus diesem Jahr ich im Zusammenhang mit Relotius erwähnen müsste. Dazu hatte ich mir angeschaut, welche Fälle mit ihm in einem Zusammenhang stehen oder in einen Zusammenhang gesetzt wurden.

Ich fand so einiges. Oft gab es Berührungspunkte oder Gemeinsamkeiten – kleine, große, möglicherweise auch nur scheinbare. Es ging um Autoren, die nachweislich, mutmaßlich oder vielleicht auch nur vermeintlich unsauber gearbeitet hatten oder einen ähnlichen Schreibstil wie Relotius haben.

Ich hatte das alles aufgeschrieben und wollte es Punkt für Punkt hier abhandeln – wie man eben eine Geschichte zusammensetzt. These: Das Jahr 2019 im Zeichen von Claas Relotius. Dann folgen Beispiele, die diese These belegen.

Doch diese Geschichte ist eine recht willkürliche Konstruktion. Und so ist es ja oft mit Geschichten. Sie bilden nicht die Realität ab, sondern eine ausgesuchte Folge von Kausalitäten, die möglicherweise nicht einmal Kausalitäten sind, sondern vielleicht auch nur Narrative, hinter denen man Kausalitäten vermutet. Oder einfach nur Zufälle.

Kitsch, Klischees und Framing

Da ist zum Beispiel der Journalist und Schriftsteller, in dessen Roman das Feuilleton Ähnlichkeiten zum Stil von Relotius erkannt hat. Der gleiche Kitsch, die gleichen Klischees. Der Text beginnt mit den Worten: "Relotius Reloaded". Dabei geht es eigentlich um etwas völlig anderes.

Relotius hat über Jahre sein komplettes Umfeld, seine Chefs, Kollegen und Freunde getäuscht und reihenweise Redaktionen und Leser belogen und betrogen. Später hat er versucht, das mit Methoden zu verschleiern, für die man nur schwer ein anderes Wort als "kriminell" findet.

Der Schriftsteller hat einen Roman veröffentlicht, der sich gut verkauft hat, aber im Feuilleton durchgefallen ist.

Kann man das vergleichen?

Beide Autoren haben ein Faible für Pathos und Kitsch. Das verbindet sie. Natürlich darf man das schreiben. Aber wenn ich inzwischen an diesen Schriftsteller denke, denke ich auch an Relotius.

Das ist Framing: Man wirft den Schriftsteller mit dem Hochstapler in einen Topf, und dort verbinden sich beide Namen zu einer Bedeutungseinheit. Das tut dem Schriftsteller Unrecht. Daher verwende ich seinen Namen hier nicht. Sie können ihn googeln und werden ihn schnell finden. Aber das soll keine Aufforderung sein, denn mit jeder weiteren Wiederholung binden sich die Begriffe immer enger aneinander.

Diesen Mechanismus hat sich Relotius, wie wir inzwischen wissen, zunutze gemacht. In seiner Kurzgeschichte über die amerikanische Kleinstadt Fergus Falls etwa, die im Spiegel als Reportage erschienen ist, beschreibt er die amerikanische Provinz, wie man sie sich in Deutschland vorstellt. Relotius verpackt Klischees zu einer hübschen Erzählung. Er bestätigt das, was die Leser ohnehin vermutet haben. Und für diese Art von Geschichten sind Menschen ganz besonders empfänglich. Sie haben eine Vorliebe für Informationen, die ihre Überzeugungen bestätigen. Psychologen nennen das – Sie werden davon gehört haben – Confirmation Bias. Und je öfter Menschen eine Information hören, desto größer wird ihre Gewissheit, dass sie richtig ist. Dabei ist es unerheblich, ob die Information tatsächlich stimmt oder falsch ist. Auch dieser kognitive Effekt ist wissenschaftlich untersucht. Er führt dazu, dass Lügen mit jeder weiteren Wiederholung zu einer immer größeren vermeintlichen Gewissheit werden.

So kann eine Korrektur, in der eine falsche Information noch einmal genannt wird, einen Irrglauben weiter verstärken. Und als wäre das alles nicht genug, wird das noch von einem weiteren Effekt begünstigt: Menschen tendieren dazu, sogar dann an Informationen festzuhalten, wenn sie erfahren, dass sie falsch sind (Conservatism Bias).

Daher ist es vermutlich keine so gute Idee, hier eine Reihe mit Autoren und Geschichten aufzustellen, die irgendwie mit Relotius in Zusammenhang stehen oder gebracht werden können, um dann zu erklären, warum sie doch nicht in diese Reihe gehören.

Das Urvertrauen ist weg

Es gibt allerdings Zusammenhänge, die tatsächlich bestehen. Das SZ-Magazin zum Beispiel war eine der Redaktionen, die gleich nach dem Bekanntwerden des Relotius-Betrugs Sicherheitsnetze in der Form eingebaut haben, dass Reporter die Kontaktdaten von Protagonisten nun angeben müssen. Das führte gleich zu einem Treffer. Auch den Namen dieses Reporters erwähne ich hier nicht noch einmal, um nicht weitere Google-Suchtreffer zu dieser Begriffs-Kombination zu produzieren.

Das halte ich für gerechtfertigt, denn der Name ist veröffentlicht und leicht zu finden.

Statt über Namen möchte ich lieber über strukturelle Folgen sprechen. Clemens Höges erzählt in dem NDR-Interview von Arbeitsgruppen, die Sicherungsmechanismen, ethische Vorgaben und andere Standards erarbeitet haben, die man nun festschreiben will, um nach innen und außen zu dokumentieren, wie beim Spiegel gearbeitet wird. Auch in anderen Redaktionen hat der Betrugsfall Relotius einiges verändert. 

Daniel Bouhs hat in seinem Beitrag beim Reporterpreis in diesem Jahr einige Stimmen eingeholt, zum Beispiel die von Vice-Chefredakteur Felix Dachsel, der sagt:

"Wenn wir jetzt zum Beispiel aus dem Ausland Geschichten angeboten kriegen, dann lehnt man die vielleicht eher ab, weil das Risiko, dass man es nicht überprüfen kann, zu hoch ist, was eigentlich eine traurige Konsequenz ist."

Die Süddeutsche Zeitung hat laut dem NDR eine Datenbank angekündigt, in der Reporter ihre Recherche-Unterlagen ablegen und der Redaktion zur Verfügung stellen müssen. Auch in der Journalisten-Ausbildung arbeitet man heute anders.

Ariel Hauptmeier sagt:

"Ich leite ja zusammen mit einem Kollegen die Reportageschule in Reutlingen, und wir werden das insofern auch reflektieren, diesen Skandal, dass wir künftig einen Dokumentar, einen ehemaligen Dokumentar vom Stern, beschäftigen werden, der jeweils jede Übungsreportage einmal stichprobenartig überprüfen wird."

Den entscheidenden Satz aber sagt Zeit-Reporter Stephan Lebert:

"Das Urvertrauen ist weg."

Relotius hat es zerstört, denn er war nicht einfach irgendein Reporter. Er war auch nicht einfach nur einer der erfolgreichsten Reporter. Er war genau der Mensch, dem niemand einen Betrug zugetraut hätte. Und wenn man selbst dem nicht vertrauen kann, wem denn dann noch?

Methoden von Menschenfängern

Der Eindruck ist vermutlich nicht zufällig entstanden. Relotius hat systematisch Vertrauen aufgebaut, indem er sich wie eine Figur aus seinen Geschichten als das Klischee eines Menschen inszeniert hat, dem man sein ganzes Vertrauen schenken würde.

In seinem Buch "Tausend Zeilen Lüge" schreibt Juan Moreno auf Seite 245:

"Man darf nicht vergessen, dass Relotius, wie die meisten Hochstapler, ein Menschenfänger war. Besagter Dokumentar (der für Relotius zuständige Dokumentar, Anm. Altpapier) hatte eine schwerkranke Mutter. Was war die erste Frage, die Relotius stellte? Natürlich die nach der Mutter."

Relotius hat bewusst oder unbewusst auf ein ganzes Instrumentarium an kognitivem Blendwerkzeug zurückgegriffen – in diesem Fall etwa auf die Tatsache, dass Vertrauen abfärbt. Es wächst sehr schnell in persönlichen Beziehungen. Und wenn es erst mal vorhanden ist, überträgt es sich auch auf andere Zusammenhänge. Wenn jemand sich nett und rücksichtsvoll verhält, halten wir es für wahrscheinlich, dass er auch sonst gute Eigenschaften hat.

Oder anders gesagt: Jemand, der sich für meine kranke Mutter interessiert, meint es offenbar gut mit mir. Und so einer wird mich bei der Arbeit ja wohl nicht übers Ohr hauen.

Das ist die Annahme. Auch dafür gibt es einen Begriff in der Kognitionspsychologie. Es ist der Halo- oder der Heiligenschein-Effekt. Wir schließen von bekannten Eigenschaften eines Menschen auf unbekannte. Das ist einer der Gründe dafür, dass Prominente so oft in der Werbung zu sehen sind.

Vertrauen färbt nicht nur ab, es multipliziert sich. Dieser Effekt spielt in den Medien eine große Rolle. Wenn wir bei Twitter etwas lesen, müssen wir uns an irgendetwas orientieren, um beurteilen zu können, wie glaubhaft es ist. Dieses Vertrauen können bekannte Medienmarken stiften. Die Tatsache, dass Menschen, die man selbst für vertrauenswürdig hält, mit einer Person in Verbindung steht oder ihre Inhalte verbeitet, baut ebenfalls Vertrauen auf. Auch Preise, wie Relotius sie reihenweise gewonnen hat, haben diese Funktion.

Wenn jemand einen Preis gewinnt, bedeutet das: Die Mitglieder einer Jury bürgen mit ihrem Namen für die Leistung einer Person. Sie zertifizieren ihre Arbeit. Das schafft Vertrauen.

Oder umgekehrt: Wenn ich mein Misstrauen an einem Menschen zum Ausdruck bringe, der von vielen anderen in meiner Umgebung geschätzt wird, isoliere ich mich damit möglicherweise selbst.

Kampf um die Glaubwürdigkeit

Diese Erfahrung beschreibt Juan Moreno in seinem Buch an mehreren Stellen. Relotius ist der mit vielen Preisen dekorierte Star-Reporter. Er genießt das größere Vertrauen. Und wenn man sich die Glaubwürdigkeit beider wie in einem Computerspiel als zwei konkurrierende Energie-Balken vorstellt, die im Verlauf schwanken, kleiner werden, sich aber auch wieder aufladen, dann versetzt Relotius der Glaubwürdigkeit von Moreno immer dann einen Schlag, wenn dessen Balken den eigenen überholt hat – auch in diesem Jahr nach Erscheinen des Buchs noch, indem er ihn verklagt, weil einige Fakten nicht richtig seien. Das rückt die Überführung des Hochstaplers in der öffentlichen Wahrnehnung wieder in die Richtung eines Streit zwischen zwei Reportern auf Augenhöhe.

Und das scheint im Rückblick auf das Jahr und vergangene Enthüllungen ein wichtiges Charakteristikum solcher Fälle zu sein. Die entscheidende Leistung von Investigativ-Reportern besteht nicht nur darin, die Fakten ans Licht zu bringen, sondern auch darin, den Angriffen auf die eigene Glaubwürdigkeit standzuhalten.

Juan Morenos Zweifel werden beim Spiegel anfangs als Neid intepretiert. Ronan Farrow, der mit seiner Recherche Harvey Weinstein überführt hat, beschreibt in seinem Buch "Lies, Spies, and a Conspiracy to Protect Predators", wie ihm immer wieder unterstellt wird, er handle nicht aus aufklärerischem Interesse, sondern aus persönlichen Motiven. Farrow ist der Sohn von Woody Allen und Mia Farrow. Farrows Schwester Dylan wirft ihrem Vater vor, sie missbraucht zu haben. Ronan Farrow hat sich öffentlich auf die Seite seiner Schwester gestellt.

Eine ähnliche mediale Strategie verfolgten auch Donald Trumps Anwälte in den Impeachment-Anhörungen im November. Die Faktenlage ließ kaum Zweifel zu. Also unterstellten die Republikaner den Demokraten politische Motive. Eine recht übliche Vorgehensweise.

Hinzu kommen Nebelkerzen und Ablenkmanöver, als die man auch die Klage gegen das Buch von Moreno bezeichnen kann. Es ist ein nicht enden wollender Kampf um die Deutungshoheit. Es ist der Kampf darum, welche Version der Geschichte sich am Ende durchsetzt.

Dass dieses Ringen mit der Recherche beginnt und eine Geschichte sich gegen viele Widerstände erst langsam formt und wieder umformt, hat Ronan Farrow im Dezember 2018 mit einem Zitat zum Ausdruck gebracht, das Juan Moreno seinem Buch vorangestellt hat:

"Wenn die Arbeit getan ist, wirkt alles einfach und glatt. Als sei die Story ordentlich verpackt und mit einer Schleife verziert dahergekommen. So ist es nicht."

Auch hier spricht er von einer typischen kognitiven Verzerrung. Psychologen nennen es den Rückschaufehler. Im Nachhinein sieht alles so aus, als hätte sich eines aus dem anderen ergeben müssen – als wäre eine Geschichte eine zwangsläufige Verkettung der vorliegenden Kausalitäten. Nach Terroranschlägen führt dieser Denkfehler oft zu der Frage, wie Behörden Hinweise denn einfach ignorieren konnten. Die Antwort ist: Oft gab es Hunderte Hinweise. Es ließ sich nicht sagen, welche davon wirklich relevant waren. Genau hier liegt die Schwierigkeit in Investigativ-Recherchen und die große Leistung von Ronan Farrow oder Juan Moreno – sich trotz aller Gefahren, Zweifel und Widerstände nicht beirren zu lassen.

Der Kampf ist jedoch nicht zu Ende. Das hat sich im November gezeigt, als bekannt wurde, dass jemand mit gefälschten Belegen versucht hat, den Wikipedia-Eintrag von Claas Relotius zu manipulieren. Dies ist ein Rückblick, aber wahrscheinlich wird der Fall uns auch im nächsten Jahr weiter begleiten – und wahrscheinlich auch danach noch. Clemens Höges kann darin auch etwas Gutes erkennen. In dem NDR-Interview sagt er (9:45 min):

"Ich wäre eigentlich froh, wenn die Affäre Relotius nicht verschwinden würde, sondern wenn sie uns, aber durchaus auch Kollegen in anderen Häusern immer sagt, was passieren kann, worauf man achten muss, dass man eben immer noch mal zehn Prozent gründlicher arbeiten muss, als man das eigentlich vielleicht für nötig hält."

Und das ist auch einfach pragmatisch. Als Vorbild ist Claas Relotius ja nun nicht mehr zu gebrauchen – aber vielleicht doch noch als Mahnmal.

Der Altpapier-Jahresrückblick 2019