Das Altpapier am 3. Juni 2021 Flexibilität und Fragezeichen

Es kommt wieder Bewegung in den Mach-neu-Prozess zum Auftrag und der Struktur der Öffentlich-Rechtlichen – und bisher scheinen sich die Beteiligten aus Medienpolitik und den Anstalten ungewöhnlich einig zu sein. Das Interview mit dem ehemaligen Spiegel-"Reporter" Claas Relotius hat hingegen in der Branche eher für noch mehr Fragezeichen gesorgt. Immerhin kann der Entstehungsprozess des langen Gesprächs etwas Einordnung bieten. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 3. Juni 2021: Porträt Autorin Nora Frerichmann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Zäher Weg zu mehr Flexibilität im Staatsvertrag

Die Diskussion ist mindestens so alt wie die Öffentlich-Rechtlichen selbst: Geht es um den Auftrag der Rundfunkanstalten wird regelmäßig hitzig debattiert – in der Medienpolitik aber war der 2016 angestoßene Mach-neu-Prozess zu "Auftrag und Strukturoptimierung" aus verschiedenen Gründen ins Stocken geraten. Diverse Eckpunktepapiere, Absichtserklärungen, Blockademoves (hier ein detaillierter Überblick zum vergangenen Jahr von Altpapier-Kollege Christian Bartels) und Vertagungen später scheint nun aber wieder etwas Bewegung in die zähe Sache zu kommen:

"Länder wollen Auftrag von ARD und ZDF flexibler gestalten", vermeldete epd Medien gestern (abrufbar bei der Rheinischen Post) mit Blick auf einen noch nicht veröffentlichten Entwurf für den neuen Rundfunkstaatsvertrag. Dabei geht es unter anderem um die konkrete Beauftragung einzelner Programme und deren Ausspielwege. Laut des Entwurfs der Rundfunkreferent:innen

"sollen die Programme ZDFneo, ZDFinfo, Tagesschau24, Einsfestival (heute: One) und ARD-Alpha nicht mehr im Medienstaatsvertrag beauftragt werden. Die Sender könnten dann selbst entscheiden, ob sie diese Kanäle weiter betreiben oder in Online-Angebote überführen",

heißt es bei epd Medien. Was die Gremien der Öffis aber natürlich erst mal genehmigen müssten. Das deckt sich zumindest teilweise mit den Forderungen nach einer Überprüfung des Umfangs der TV- und Hörfunkkanäle, die in den vergangenen Wochen wieder verstärkt durch die bundestagswahlkampfige Öffentlichkeit geschickt wurde (looking at you, FDP) und in der Medien-Medien-Sphäre natürlich viel Beachtung fanden (zum Beispiel in diesem Altpapier). An dieser Stelle sei auch nochmal daran erinnert, dass Rundfunkpolitik Ländersache ist und der Bundestag da legislativ eher wenig zu melden hat.

Aber es deckt sich eben nur teilweise mit den Forderungen, denn ein konkreter Sparanspruch scheint damit bisher nicht verknüpft zu sein. Es ist lediglich die Rede davon, dass die neuen Angebote nicht teurer werden dürfen, als die bisherigen.

Und was sagen diejenigen dazu, die die Änderungen im Alltag umsetzen müssten? Die Gelegenheit, danach zu fragen, gab es gestern bei einer Diskussionsrunde bei den Medientagen Mitteldeutschland, an der neben ZDF-Intendant Thomas Bellut und MDR-Intendantin Karola Wille auch Vertreter aus der Medienpolitik wie Benjamin Grimm, Staatssekretär in der brandenburger Staatskanzlei und Oliver Schenk, Chef der sächsischen Staatskanzlei und Staatsminister für Bundesangelegenheiten und Medien teilnahmen, aber auch der Münsteraner Verwaltungsrechtler Bernd Holznagel. Altpapier-Kollege Christian Bartels schreibt darüber drüben bei MEDIEN360G:

"Die beiden auf Sender-Chefetagen Betroffenen scheinen mit dem Entwurf keine Probleme zu haben. Der Informationsanteil seines ZDF liege inzwischen bei fast 45 Prozent, sagte ZDF-Intendant Thomas Bellut. Daher sehe er keine Gefahr, dass das ZDF Privatsendern zu ähnlich sei. Eher sieht er die Gefahr, dass nichtbeauftragte Programme zu "Programmen zweiter Klasse werden" könnten. Das könne etwa ZDF-Neo betreffen, das wichtige, innovative Inhalte für die ZDF-Mediathek liefere."

Hm, sind sie das nicht ohnehin schon? Klar, einerseits nutzt das ZDF sein neo immer wieder als Experimentierfläche, in der auch neue Formatideen stattfinden können, ohne direkt und einem enormen Quotendruck zu stehen. Andererseits ist das Programm aber auch ein Abstellgleis für Wiederholungen bis zum Erbrechen. Viermal täglich "Bares für Rares", wie Moderatorin Diemut Roether erinnerte, kann sich doch kein Mensch bei Sinnen freiwillig geben. Da gäbe eine netzbasierte Verbreitung im Gegenteil vielleicht sogar Chancen, neo mit einem innovativen Online-Konzept neu aufzubauen und das Image der Resterampe endlich loszuwerden – wenn es denn im Interesse der Verantwortlichen liegt...

Apropos Internetz: Im erwähnten epd-Medien-Artikel heißt es, dass ARD, ZDF und Deutschlandradio in dem Entwurf aufgefordert werden, eine gemeinsame Plattformstrategie für ihre Telemedienangebote zu entwickeln:

"Empfehlungssysteme in den Online-Angeboten sollen ‚einen offenen Meinungsbildungsprozess und breiten inhaltlichen Diskurs ermöglichen‘. Die öffentlich-rechtlichen Sender dürfen auch weiterhin Plattformen wie Youtube oder Facebook zu Verbreitung ihrer Inhalte nutzen, ‚soweit dies zur Erreichung der Zielgruppe aus journalistisch-redaktionellen Gründen geboten ist‘."

Die MTM-Runde schien nichts dagegen zu haben. Ziel müsse eine gemeinsame Netzwerkarchitektur sein, auf der alle Sender-Marken sich einzeln präsentieren, Nutzer aber schnell und einfach andere Angebote finden und dorthin wechseln können, schreibt Bartels. Nach Belluts Vorstellung solle das aber kein Netflix-Abklatsch werden.

Die Prädikate "gemeinsam", "schnell" und "einfach" dürften noch einiges an Arbeit bedeuten. Selbst innerhalb der ARD gibt es ja immer wieder Querelen, welche Anstalten wie und wo ihre Inhalte gemeinsam bündeln – oder eben nicht…

(Transparenzhinweis: Ich arbeite gelegentlich selbst für epd Medien. Außerdem ist das Altpapier als Teil von Medien360G an den MDR angedockt und damit Teil der ARD.)

Ein Meta-Klötzchen für Relotius

Außerdem müssen wir nochmal über Relotius reden: Nachdem gestern und vorgestern mit Blick auf das erste Interview mit dem ehemaligen Spiegel-"Journalist" Claas Relotius bei dem schweizer Magazin Reportagen unter anderem über die Glaubwürdigkeit eines Fälschers diskutiert wurde (siehe Altpapier) setzt u.a. Deutschlandfunks "@mediasres" und "radioeins ab drei" noch eine Meta-Klötzchen auf den Stapel und interviewen nun den Interviewer des erstmals Interviewten, den Reportagen-Chef Daniel Puntas Bernet. Dieser Loop zeigt einmal mehr: auch wenn das Bekanntwerden von Relotius‘ Betrug mittlerweile rund zweieinhalb Jahre her ist, es beschäftigt und emotionalisierte die Branche noch immer sehr.

Gestern hatte Altpapier-Kollege Klaus Raab das Interview an dieser Stelle als eine "Geschichte der Selbstdistanzierung" bezeichnet, die viele ratlos zurücklasse. So ähnlich geht es auch heute wohl noch vielen. Bein Einordnen des Wahrheitsgehalts von Relotius‘ Aussagen helfe es nicht viel weiter, dass die Interviewer:innen Einblick in die psychiatrischen Berichte gehabt und mit seinen Psychologen gesprochen haben, geben etwa der gestern hier schon erwähnte Johannes Böhme und der Journalist und Podcaster Krsto Lazarevic zu bedenken. Bei Deutschlandfunk Kultur sagte Lazarevic gestern:

"Es ist nicht die Aufgabe von Psychologen, da Wahrheitsfindung zu betreiben. Also, insofern weiß ich nicht, inwiefern das so wirklich gut aufgebaut ist als Interview, das uns irgendetwas sagt außer die Selbstinszenierung von Relotius."

Den österreichischen TV-Journalist Armin Wolf hat das Relotius-Interview sogar aus dem Urlaub hervorgelockt, um auf seinem Blog zu schreiben, der Text lese sich wie embedded journalism.Er schätze beide Kolleg·innen extrem, aber in diesem Interview seien sie zu verständnisvoll, zu wenig skeptisch und dem Interviewten zu nahe, kritisiert er. Er hätte sich zwei weitere Fragen gewünscht. Eine davon ist wohl DIE Frage, die sich die ganze Branche seit Jahren stellt:

"Sie können schreiben, Sie können Geschichten erzählen, Sie können Leser·innen fesseln. Wenn Schreiben Ihre einzig mögliche Therapie war – warum wollten Sie dann unbedingt Journalist werden und nicht Schriftsteller? Sie hätten auch schreiben und davon leben können, ohne ständig zu betrügen."

Puntas Bernet, der das Relotios-Interview an mehreren Tagen im vergangenen Jahr gemeinsam mit seiner Kollegin Margrit Sprecher führte, erzählt im oben erwähnten Gespräch von der Entstehung des 90 Fragen starken Interviews und von den eigentlich ganz anderen Plänen für den Text:

"Wir wollten ursprünglich tatsächlich eine Reportage machen, auch einen längeren, einordnenden Text. Und das ging aber dann nicht, weil wir wir dann aber gemerkt haben (…), dass das Gesundheitsbild vage ist und, dass sein privates Umfeld keine Rolle spielen durfte. Das wollte Class Relotius nicht und das haben wir akzeptiert."

Das alles gibt nicht viel mehr Aufschluss über den teils verworrenen Inhalt des Interviews, hilft aber vielleicht in einigen Punkten, sich ein umfangreicheres Bild der ganzen Sache zu machen.


Altpapierkorb (Trumps Blog, Zukunft des Radios, Pressefreiheit in Russland)

+++ Nach der Aufregung um Trumps Möchtegern-Twitter-Blog Anfang Mai scheint sich das Projekt schon wieder erledigt zu haben, berichtet der Spiegel (via dpa).

+++ Die Vor- und Nachteile des Webradios im Vergleich zu DAB+ wägt Annika Schneider bei "@mediasres" ab und beleuchtet auch, welche Rolle G5 dabei spielen könnte.

+++ Welche Pläne Amazon bei der Sportberichterstattung hat berichtet die Süddeutsche.

+++ Über das Verschwinden eines weiteren unabhängigen russischen Mediums berichten Barbara Oertel bei der taz und Rubina Möhring von Reporter ohne Grenzen beim Standard.

Neues Altpapier gibt‘s wieder am Freitag.

0 Kommentare