Das Altpapier am 16. Juni 2021 Jetzt noch größer: Emotionen

... also im Fernsehen. Z.B. Backen, Hunde und eine Sendung wie "eine Zeitschrift, die Sie immer wieder gerne durchblättern"! Aber auch der "provokanteste Fernsehsender Deutschlands". Außerdem: eine kleine Rundfunkbeitrags-Überraschung, "kleine Absolutisten" und ein sehr zufriedener Intendant auf Abschiedstour. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 16. Juni 2021: Porträt Autor Christian Bartels
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Konstante Einnahmen, "kleine Absolutisten" (Öffentlich-Rechtliche)

Nicht viele klassische Medien konnten im vergangenen Krisen-Jahr ihre Einnahmen konstant halten. Zwei bis drei wichtigen Playern ist es gelungen: unseren Öffentlich-Rechtlichen.

"Die Erträge aus dem Rundfunkbeitrag lagen 2020 bei rund 8,1 Milliarden Euro: Insgesamt 7,958 Milliarden Euro flossen an ARD, ZDF und Deutschlandradio, 153 Millionen Euro erhielten die Landesmedienanstalten. Das ist ein halbes Prozent mehr als im Vorjahr – trotz Corona und der von den Rundfunkanstalten beschlossenen Möglichkeit der Beitragsfreistellung für Betriebsstätten, die im Zuge des Lockdowns schließen mussten",

teilt der Beitragsservice mit. Gestern war Pressekonferenz in Köln. Klar, dass das ein Thema für klassische Verlagsmedien ist. Oliver Jungen widmet die erste Hälfte seines ausführlichen FAZ-Berichts allerdings einem, der nicht für die Öffentlich-Rechtlichen arbeitet, sondern ganz im Gegenteil: Georg Thiel, dem "prominenten Beitragsverweigerer, der im Gefängnis sitzt". Falls wer noch nichts von dem komplexen Fall mitbekommen haben sollte: Über den Mann, der überhaupt nicht einsitzen müsste, wenn er "bloß seine Vermögensverhältnisse offenlegen" würde, wobei auf der Gegenseite auch der WDR "hätte darauf verzichten können, die Erzwingungshaft zu beantragen", ähnlich wie es der MDR vor ein paar Jahren bei einer Beitragsverweigerin tat (die deshalb auch nicht so prominent wurde), schrieb kürzlich Susanne Lang bei uebermedien.de.

Jungen wundert sich einerseits ebenfalls, dass "man sich selbst diesseits der üblichen Verdächtigen aus rechten Foren nicht entblödet, von einem 'politischen Gefangenen' zu faseln (so der Jungliberale Benedikt Brechtken)", nutzt andererseits natürlich die dankbare Gelegenheit, den WDR kräftig zu kritisieren:

"Inmitten der Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Zuge des neuen Medienstaatsvertrags gegen jemanden wie Georg Thiel mit maximaler juristischer Härte vorzugehen, wie es nun beim WDR geschieht, scheint vor diesem Hintergrund zumindest ungeschickt und ähnlich unglücklich wie die beleidigte Ankündigung von WDR-Intendant Tom Buhrow Ende vergangenen Jahres, das 'Ausbleiben der Beitragsanpassung' werde 'man im Programm sehen und hören'. Dass sich Sendergewaltige wie kleine Absolutisten aufführen, ist ja gerade ein zentrales Problem, das Kritiker mit dem System, in dem sie sich nicht repräsentiert fühlen, haben."

Was weitere Details der Beitrags-Einnahmen betrifft, für die 2021 ein dann 2022 feststellbarer Rückgang erwartet wird, berichtet auch Thomas Gehringer im Tagesspiegel. Was generelle Öffentlich-Rechtlichen-Kritik betrifft, hat Springers Welt "17 exemplarische Fehler des öffentlich-rechtlichen Rundfunks" zusammengetragen. Es sind größere oder kleinere, weithin bekannte und durchdiskutierte Aufreger, die meist einzelnen Kommentaren, Beiträgen oder Postings in den (sog.) sozialen Medien gelten. Zu den größeren gehört etwa ein RBB-Bericht aus dem Mai über die "sehr, sehr gute Atmosphäre" einer propalästinensischen Demonstration, von der auch antisemitische Rufe und Festnahmen wegen gefährlicher Körperverletzung dokumentiert waren – bloß nicht in der "Abendschau". Klar, vieles würde sich besser ausbalancieren, wenn es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch konservative Kommentare in nennenswertem Ausmaß gäbe. Doch ein umfangreicher öffentlich-rechtliche Rundfunk, dessen viele Berichterstattung für keine exemplarischere Aufregung gut ist, kann nicht ganz schlecht sein.

Jetzt aber ins Privatfernsehen!

Backen, Hunde, Bild TV (Privatfernsehen)

"Screenforce –  das größte Event für Total Video in Deutschland" heißt eine Veranstaltung, die noch bis morgen, virtuell, läuft. Die ehemalige Kölner "Telemesse" dient der Präsentation dessen, was früher schlicht Werbefernsehen hieß und vor allem von Privatsendern veranstaltet wird. Zum Start hatte sie sich dieses Jahr einen Medienprominenten eingeladen, der, obwohl in punkto "Visual Person Branding" gewiss vorn dabei, mit Privatfernsehen bislang wenig am Iro hatte. Sascha Lobo erzählte,

"wieso aus seiner Sicht dem Medium Fernsehen eine Kraft innewohnt, die er selbst nicht erwartet hätte. Lobo beschrieb drei Säulen, auf denen das Potenzial von TV ruhe: Das Live-Gefühl, der Community und der Inszenierung und Eventisierung",

fasst bei dwdl.de Timo Niemeier zusammen, der von der Eröffnung nicht so begeistert war: "Zwar wurde viel von Emotionen und Events gesprochen, gezeigt wurde aber das genaue Gegenteil". Wichtiger ist natürlich, was einzelne Sendergruppen so planen und jeweils einzeln präsentierten. Etwa RTL, das ja mächtig aufdrehen möchte:

"Neben Gebackenem sollen auch Hunde im neuen RTL-Unterhaltungsprogramm eine große Rolle spielen",

lautet ein Schlüsselsatz in der ausführlichen Besprechung dieser Veranstaltung ebd.. Auch wenn Jan Hofer tanzend zu RTL gelangte, Pinar Atalay wird ja nicht fürs Backen geholt worden sein. Doch dazu gibt es wenig Neues, außer dass Hofers werktägliche Abendsendung aus Berlin kommen und am 16. August starten soll. Bzw. beherrscht RTL die Strategie, Nachrichten häppchenweise zu kommunizieren, die sich schon deswegen anbietet, weil Nachrichtenmedien ja bei jedem Häppchen wieder neu anspringen.

Tagesaktuell scherzt die Nische, ob nicht auch Claus Kleber, wenn er Ende 2021 beim ZDF in Rente geht, zu den Privaten wechselt. Davon sei "bislang nicht bekannt" (SZ), es sei "wahrscheinlich auch sehr falsch", schreibt  Joachim Huber (Tsp.) in einer weit vorgezogenen Abschieds-Hommage. Vor allem dürfte unwahrscheinlich sein, dass ein Privatsender Klebers "Jahressalär von angeblich knapp einer halben Million Euro" (FAZ) bezahlen kann und will. Aber über Linda Zervakis' neue Sendung gibt es ein größeres Info-Häppchen, das der kombinierte Pro Sieben- und Sat.1-Chef Daniel Rosemann in einem Interview, dem es auch nicht an Emotionalität mangelt (" ... Das ist kein romantisches Markengefasel. Denn dem Sender wird außerordentlich viel Liebe entgegengebracht, wenn das richtige Programm läuft ...") verrät:

"Die Sendung heißt 'Zervakis & Opdenhövel Live', kommt einmal pro Woche zwei Stunden lang und ist mehr als ein Magazin. Wir machen da eine wöchentliche Illustrierte in Bewegtbildform. Stellen Sie sich eine Zeitschrift vor, die Sie immer wieder gerne durchblättern, weil die Menschen sich mit den Stücken und Reportagen viel Mühe gegeben haben. Da wird auch mal ein Stück über sechs Seiten zu lesen sein. Und weil wir keine Illustrierte machen, sondern Fernsehen, können wir die Menschen sogar ins Studio einladen, zum Gespräch und für Aktionen. ..."

Gedruckte Medien als Metapher im "Total Video"-Privatfernsehen! Ist das rührend? Jedenfalls eher als zukunftsweisend. Was definitiv neu sein wird in der deutschen Medienlandschaft: ein weiterer Fernsehsender mit Massenwirkungs-Ambition, der sich nun ebenfalls vorstellte. "... Unsere 'Mission 007' – Double-O Seven – für das deutsche Fernsehen lautet: Ongoing News und Opinion, 24/7 live-haftig ...", zitiert Springers PM elaborierte Aussagen des Bild TV-Senderchefs Claus Strunz. Und dwdl.de notierte das Vermarkter-Versprechen vom "provokantesten Fernsehsender Deutschlands" –  das ist, auch wenn Glaubwürdigkeit nicht zu den allerersten Eigenschaften zählen mag, die Mediennutzer mit der Bild-Zeitung assoziieren, mal ein Versprechen mit hoher Glaubwürdigkeit.

Heißt außerdem: Statt wie bisher Bertelsmanns RTL- und die Unterföhringer ProSiebenSat.1-Sender gibt es in naher Zukunft drei deutsche Privatsender-Gruppen. Und das neben Googles Youtube, Netflix, Amazon und Co, deren Marktmacht ja keineswegs schrumpft.  Zwar betonte RTL-Mediengruppen-Chef  Bernd Reichart (laut o.e. dwdl.de-Bericht), "die Nachfrage nach Bewegtbild sei zuletzt 'regelrecht explodiert'". Aber das dürfte er nicht ohne Grund in Vergangenheitsform formuliert haben. Inzwischen ist nicht nur Sommer, womöglich neigen sich Pandemie und Lockdowns ihrem Ende entgegen. Und nun stehen sich noch mehr Sender mit weitgehend relativ ähnlichen, gern auf Emotion zielenden Konzepten gegenüber und hoffen auf Einnahmen von Procter & Gamble und wer sonst noch in großem Ausmaß Fernsehwerbung schaltet. Kann die Konkurrenz das Geschäft hinreichend beleben?

Thomas Bellut auf Abschiedstournee

Als Beispiel für belebende Konkurrenz kann womöglich bald die Sendungs-Idee  "Klima vor acht" dienen. Sie wissen (Altpapier), dass die ARD daran länger herumlaborierte, die Idee dann aber ein (inzwischen festgezurrtes) Plätzchen im entscheidungsfreudigeren Bertelsmann-Reich fand.

Um die Frage, ob so eine Klima-Sendung vor der Haupt-"Tagesschau" nicht mindestens so sinnvoll wie "Börse vor acht" wäre, ging es neulich auch am Rande einer Diskussion bei den Medientagen Mitteldeutschland. Wie sich da ZDF-Intendant Thomas Bellut "beinahe um Kopf und Kragen" geredet hätte, schildert wiederum Thomas Gehringer für epd medien (dessen Redaktionsleiterin Diemut Roether die Diskussion leitete). Bellut

"verteidigte das Richtige, die redaktionelle Unabhängigkeit, auf eine ziemlich ungeschickte Weise. 'Ich würde es nicht machen', sagte Bellut. 'Die Journalistinnen und Journalisten bestimmen, welche Themen gesetzt werden.' Der sonst so besonnene Intendant klang wie ein Platzanweiser, der die Klimaschützer anraunzt: Schön in der Schlange anstellen!"

Na ja, immerhin genderte der Platzanweiser vorschriftsmäßig. Ich selbst sah die Diskussion auch an, unter anderem Schwerpunkt, und hatte nicht genau verstanden, was Bellut wie gemeint hatte, oder bezweifelt, dass es jemand tat. Dass Bellut, der demnächst ja auch in den Ruhestand tritt, nun auf Abschiedstournee zufrieden sein Lebenswerk betrachtet und daraus Ratschläge ableitet, die er auch gerne erteilt, ist offenkundig. Mangel an Selbstzufriedenheit zählt unter Hierarchen des öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu den kleineren Problemen; da trifft die FAZ mit "kleine Absolutisten" durchaus einen Punkt.

In Kürze wird übrigens Belluts Nachfolgerin oder Nachfolger gekürt. Weiterhin stehen nur zwei Namen im Raum, aber nun auch der Wahltermin 2. Juli (SZ). Ob es den wahlberechtigten Fernsehräten da eher um die politische Machtposition oder um zukunftsweisende Konzepte geht, dürfte tatsächlich spannend werden.


Altpapierkorb (Zunder in der ÖR-Zukunfts-Debatte, "Propagandasender" in Polen, "Anhörungsschreiben" nach Dubai, "Instagram for Kids", Flinta, Badawi)

+++ In der Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die  seit Wochen auf der FAZ-Medienseite läuft, ging es bislang bemerkenswert zahm zu. Das ändert sich nun: Unter der Überschrift "Die Öffentlich-Rechtlichen missachten die freie Presse", beschwert sich heute David Koopmann: "Jeder Verlag kann nur voller Neid auf die Kollegen in den Rundfunkanstalten schauen: Sie müssen nicht um jede Kundin und jeden Kunden ringen, um ihre Existenz zu sichern. Sie können sich auf ihre jährlichen Einnahmen in Höhe von rund acht Milliarden Euro (!) verlassen. Sie zahlen Gehälter, mit denen die meisten Verlage nicht konkurrieren können ..." . Als Vorsitzender des Bremer Zeitungsverlegerverbandes ärgert ihn vor allem, was Radio Bremen-Intendantin  Yvette Gerner schrieb. Zu haben ist der Beitrag bei Blendle.

+++ Anlässlich einer Polen-Reise Bundespräsident Steinmeiers, schreibt Bartosz T. Wieliński im SZ-Feuilleton (€) über die sich verfinsternde Lage in Polen, etwa: "Unsere öffentlich-rechtlichen Medien wurden in Propagandasender nach türkischer oder russischer Art verwandelt. Sie können eines sehr gut, nämlich, die PiS-Partei und ihre Regierung zu loben. Was sie auch gut können: Gegner der Regierung als Landesverräter zu brandmarken" und "Orlen, ein staatlicher Ölkonzern, hat vor Kurzem 50 regionale Tages- und Wochenzeitungen von einem deutschen Verlag gekauft, dazu noch 500 Internetportale. Natürlich feuerte der neue Eigentümer erst einmal die bisherigen Chefredakteure ..."

+++ Das Bundesamt für Justiz hat netzwerkdurchsetzungsgesetzliche "Anhörungsschreiben" an den mutmaßlichen Telegram-Sitz in Dubai versandt (FAZ). Simon Hurtz bezweifelt im "@mediasres"-Audio-Interview, dass es Reaktionen erhalten wird.

+++ Facebook führt neues Unheil im Schilde. Einen ausführlichen Überblick über Kritik am "Instagram for Kids"-Projekt bietet netzpolitik.org. Facebook könnte nach einem EuGH-Urteil zu einem Rechtsstreit von anno 2015 künftig aber auch ein bisschen weniger leichtes Spiel dabei haben, europäischen Datenschützern mitzuteilen, dass ihm ausschließlich die Behörden des Steuerparadieses Irland etwas zu sagen hätten (ebd.).

+++ Auf der SZ-Medienseite geht es um eine feministische Schreibwerkstatt für die Wikipedia. Deren Gründerinnen wollen "mehr Flinta - das ist die Abkürzung für Frauen, Lesben, Inter, Nicht-Binär, Trans, Agender - dazu motivieren, selbst Autorinnen zu werden ...".

+++ Und am morgigen 17. Juni wird seit neun Jahren Raif Badawi im saudi-arabischen Kerker sitzen. Die Reporter ohne Grenzen rufen zur Mahnwache "vor der saudischen Botschaft ... oder online" auf.

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

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