Das Altpapier am 6. Januar 2021 Wissen macht Naja!

Die BBC reüssiert während des britischen Lockdowns mit Schulfernsehen. Wie steht die ARD im Vergleich da? Und in Afrika wird nach Wegen gesucht, überhaupt mal jemanden zu impfen, was die mediale Debatte über das vermeintliche deutsche "Impfchaos" etwas kleingeistig wirken lässt. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 6. Januar 2021: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Die BBC sendet Unterricht. Und wir so?

Der Chef der sächsischen Staatskanzlei, Oliver Schenk (CDU), hat in einem lesenswerten FAZ-Interview gerade seine Vorstellungen von einer Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kundgetan. Er schlägt etwa vor, das Einstimmigkeitsprinzip in der Rundfunkkommission zu hinterfragen. Und er sagt auch, er halte es für notwendig, "die Angebote für alle sozialen und Altersgruppen attraktiv zu machen". Und alle Altersgruppen, das wären auch Kinder und Jugendliche.

Die BBC, also das britische Öffentlich-Rechtliche, tut für sie nun etwas, was von ARD und ZDF während der Pandemie ebenfalls schon gefordert wurde (Altpapier vom Mai): Die BBC sendet während des in Großbritannien vergleichsweise strengen Lockdowns auf zwei Kanälen explizites Schulfernsehen. "Als Reaktion auf die jüngsten Schließungen von Schulen in Großbritannien, die voraussichtlich in absehbarer Zukunft anhalten werden, wird das BBC-Bildungsprogramm für Kinder erheblich ausgeweitet", schreibt der Guardian.

Und was macht unser aller Rundfunk? Das fragten sich nach der BBC-Ankündigung gestern ein paar Menschen. Also?

Nun, er macht schon auch einiges, wie die ARD-Pressestelle zu twittern wusste: BR Alpha vermittelt Lerninhalte aus zahlreichen Fächern, ebenso die BR-Mediathek. SWR und WDR unterhalten den "Planet Schule". Bei uns zu Hause ist dieser Tage ein öffentlich-rechtliches funk-Video reingeflattert, verschickt von einer Lehrkraft zur Begutachtung im Homeschooling. Und in der ARD-Mediathek gibt es unter der etwas hochtrabenden Überschrift "Multimediales Schulfernsehen" eine eigene Abteilung für Lerninhalte, in der bestehende Inhalte zusammengestellt sind.

Scharfe Kritik an der ARD, unter deren Dach bekanntlich auch dieses Blog erscheint, würde ich daher für unangemessen halten, zumal echtes Unterrichtsersatzfernsehen nicht praktikabel sein dürfte – dafür ist der Lernfortschritt in den Bundesländern und sogar zwischen Schulen und Parallelklassen zu unterschiedlich. Überambitioniert wirkt das deutsche Bildungsprogramm für Schulklassen allerdings auch nicht. Ein großes Ruhmesblatt ist es zumindest nicht, dass von der Ausweitung eines lehrplanorientierten Bildungsprogramms, wie sie in anderen Staaten so stolz kommuniziert wird wie bei uns nur der jüngste Event-Schirach (Altpapier gestern), nach zehn Monaten Pandemie nicht wirklich die Rede sein kann. Grüße gehen an dieser Stelle auch raus ans ZDF.

Und es gibt noch einen Unterschied zum Vorgehen der BBC: Sie hat erklärt, sie wolle mit ihrem Schulprogramm sicherstellen, "dass alle Kinder Zugang zum lehrplanbasierten Lernen haben, auch wenn sie keinen Zugang zum Internet haben". Im linearen Programm wäre das Angebot in Deutschland aber nun wahrlich ausbaufähig, wie ein exemplarischer Blick ins ARD-Sendeschema von heute zeigt: zwei "Wissen macht Ah!"-Sendungen um 7.20 und 11 Uhr. Und dann geht es erst weiter um 18.15 Uhr.

Ein lesenswertes Magazin aus Südafrika

Ein Blick aus dem Fenster schadet nie. Wie das vergangene Jahr 2020 aus afrikanischer Perspektive war, erfährt man zum Beispiel, wenn man The Continent liest, einen wöchentlich über Messengerdienste und E-Mail verbreiteten Ableger des südafrikanischen Mail&Guardian (Altpapier vom September).

Im Dezember ist etwa eine Ausgabe erschienen, die den "Africans of the Year" gewidmet war. Es gibt demnach auf der Welt noch mehr Frauen als Lisa Eckhart, deren humoristisches Schaffen man wahrnehmen könnte. Die 19-jährige Comedian Elsa Majimbo aus Nairobi, zum Beispiel, die bei Instagram den Account "Bedtime with Elsa" bespaßt und in The Continent beschrieben wird als "a social media sensation". (Majimbos Wunsch für 2021 lautet übrigens, es möge einfach so gut weitergehen wie 2019.) Ebenfalls unter den Personen des vergangenen Jahres sind für The Continent eine Reihe von afrikanischen Journalistinnen und Journalisten, die wegen ihrer Arbeit bedroht, verfolgt oder inhaftiert wurden. Etwa der Journalist Hopewell Chin’ono aus Zimbabwe.

Lesenswert ist The Continent hierzulande vor allem als Perspektivenerweiterung und -verschiebungsangebot. Typischerweise wird darin als Buch des Jahres ein Roman empfohlen (der 2019 auch auf Deutsch erschienen ist), "Aus der Dunkelheit strahlendes Licht" von Petina Gappah, der eine Geschichte des britischen Nilquellen-Suchers David Livingstone erzählt, allerdings aus der Sicht unter anderem seiner Köchin. Und in der Ausgabe vom 24. Oktober geht es um Raubkunst, ein Thema, das man auch in Deutschland auf dem Schirm hat. Der Leipziger Afrikanist und Kommunikationswissenschaftler Lutz Mükke steuert einen Beitrag zum Text "How ancient Nigerian artefacts end up in Western museums and galleries" bei. Nicht-westliche Experten kommen aber in dem The-Continent-Schwerpunkt nicht als Neben-, sondern als Hauptfiguren vor, etwa in einem weiteren Text, in dem die Position vertreten wird, Museen seien nicht viel mehr als Asservatenkammern für Diebesgut. Das ist zwar eine Ansicht, die auch in Deutschland wahrnehmbar ist. Erhellend aus meiner Sicht ist aber die Umkehrung der hierzulande eher üblichen Praxis, in der ein Repräsentant des Berliner Humboldt-Forums der zentrale Akteur ist und afrikanische Kritiker nur die Nebendarsteller sind.

The Continent jedenfalls ist auch für ein nichtafrikanisches Publikum (an das sich der Dienst nicht oder nicht vorrangig richtet) ein Gewinn. Ich kenne kein anderes Textmedium, das dank Mitarbeiterinnen aus zahlreichen afrikanischen Ländern einen immerhin groben journalistischen Überblick über das Geschehen auf dem ganzen Kontinent zu geben versucht. Niedrigschwelliger geht es eigentlich nicht.

(Das nächste Heft erscheint ausnahmsweise erst am 23. Januar. Auf der Überblicksseite von The Continent gibt es die zitierten und andere Ausgaben zum Download. Da die Redaktion bittet, sie nicht wahllos zu streuen, sondern nur denen weiterzuschicken "who support quality African journalism", sind hier keine direkten Links gesetzt. Wer sich angesprochen fühlt, wird den Weg zu den Downloads leicht finden.)

In Deutschland ist wieder mal Wettrennen

Perspektiven aus aller Welt zur Kenntnis zu nehmen, könnte auch im deutschen Diskurs über Covid-19-Impfungen nicht schaden. Der stellt sich doch erstaunlich verkürzt dar: als wär’s ein Wettrennen. Am Montagabend im "heute journal" etwa (Minute 8), wo es in einem Beitrag über "die weltweite Impfquote" hieß: "Israel ist Vorreiter. Deutschland schneidet deutlich schlechter ab, liegt auf Platz 9." (Die Zahlen stammen von "Our World in Data".)

Ach je: Platz 9 nur? Aber was heißt da eigentlich "nur"? Es hilft ungemein, zur Kenntnis zu nehmen, dass wir uns in einer weltweiten Pandemie befinden, die keineswegs vorüber sein wird, wenn Deutschland (übrigens Platz 2 unter den EU-Staaten) geimpft ist. Lesen kann man etwa zwecks Erdung den südafrikanischen Mail&Guardian, wo es um die Frage geht, wie Südafrika überhaupt mal irgendwie an Impfstoff kommen könnte. Oder die FAZ von heute (Abo), in der steht: "In 33 Ländern auf der Welt haben Corona-Impfungen begonnen, mehr als 13 Millionen Dosen wurden schon verabreicht. Der afrikanische Kontinent aber fehlt bisher in der größten Impfaktion in der Geschichte."

Die FAZ ist es auch, die auf der Medienseite die nicht nur, aber prominent vor allem von Springer-Medien verbreiteten These vom deutschen "Impfchaos" zurückweist. Michael Hanfeld kritisiert in seinem Text auch "heute journal"-Moderatorin Marietta Slomka für ihre "Hinterher-ist-man-immer-schlauer-Haltung" die sie gegenüber dem Gesundheitsminister gezeigt habe. Vor allem trifft seine Kritik aber die  "Bunkermedien aus dem Hause Springer, die zwischen kritischer Betrachtung, Blame Game und Schuldigensuche nicht unterscheiden, weil sie, wie die ‚Bild’-Zeitung, gar nichts anderes als draufhauen können".

Die Unterscheidung zwischen Kritik am Regierungshandeln während der Pandemie und Blame Game ist gut. Erstere ist wichtig, und wer sagt, es gebe davon zu wenig in der deutschen Medienlandschaft, hatte im März 2020 einen Punkt, hat aber seitdem nicht richtig hingeschaut. Letzteres dagegen ist halt dann doch in der Regel nur medienwirksamer Quatsch.

Altpapierkorb (Pressearbeit des Erzbistums Köln, IT-Angriff auf Funke-Mediengruppe, gestiegene Fernsehnutzung)

+++ 2019 hat der Volkswagen-Konzern einmal Journalisten eingeladen, wollte ihnen aber dann verbieten, ihre Arbeit zu machen. Handys sollten draußen bleiben, und selbst Mitschreiben sollte nicht gestattet sein, wie damals Ulrike Simon berichtete. Das Erzbistum Köln hat sich nun grob Vergleichbares überlegt: In einem Journalistengespräch "sollten die Reporter eigentlich die Möglichkeit erhalten, ein teilweise geschwärztes Exemplar eines Rechtsgutachtens zu lesen, das sich mit Fällen sexuellen Missbrauchs durch Priester in den zurückliegenden Jahrzehnten befasst." Aber: "Die Journalisten sollten sich heute rechtlich verpflichten, weder Tathergänge aus dem Gutachten zu veröffentlichen noch darin benannte Verantwortungsträger zu nennen", berichtet der WDR. Zu begrüßen ist: "Das lehnten alle anwesenden Journalisten ab." Die klare Einschätzung des teilnehmenden Reporters Joachim Franks steht bei Facebook.

+++ Die IT der Funke-Mediengruppe wurde im Dezember angegriffen (Altpapier). Zwei Wochen später "könne man Schritt für Schritt zurück in den Normalzustand übergehen", berichtet der Tagesspiegel.

+++ Die Pandemie "hat nicht nur den Streamingdiensten einen Boom beschert, auch die Fernsehnutzung ist im vergangenen Jahr erstmals seit Jahren wieder signifikant gestiegen".: Horizont übermittelt Daten der AGF-Videoforschung hervor.

Neues Altpapier erscheint am Donnerstag.

0 Kommentare