Das Altpapier am 1. September 2021 Image statt Inhalte

Politikerinnen und Politiker bejubeln einen Fernsehauftritt ihrer Parteifreundinnen und -freunde, und große Tageszeitungen halten das für eine Nachricht. Eine neue Studie erläutert, inwiefern es AfD-Anhängern bei der Verbreitung alternativer Fakten auf Facebook nicht auf den Inhalt ankommt, sondern auf die performative Wirkung. Der große Medienkritiker Fritz Wolf ist gestorben. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 1. September 2021: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Die Krise des Politikjournalismus, Folge 427

Ob Redaktionen die Zitate von Politiker*innen und anderen Ideologiegeschäftsleuten verbreiten, hängt ja leider allzu oft nicht von der Substanz oder Relevanz der Äußerungen ab. Zu oft werden Marketing-Kanäle von Politiker*innen und Parteien in den redaktionellen Teil unabhängiger Tageszeitungen verlängert. Oder, um ein Zitat von Daniel Drepper von Anfang 2019 (Altpapier) abzuwandeln: Zu oft sind Medien "am Ende doch nur eine Abspielfläche für die Politikerin oder den Wirtschaftsboss".

Um einen Sonderfall dieses größeren Problems kümmert sich Stefan Niggemeier in einer "Triell"-Nachberichterstattungskritik, die er als "Glosse" für Übermedien aufgeschrieben hat. "Nach dem ersten Fernseh-Triell der Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD), Annalena Baerbock (Grüne) und Laschet am Sonntagabend stellten die Parteien das Abschneiden ihrer Bewerber gleichermaßen als Erfolg dar", lautet ein in der FAZ erschienener Satz, den Niggemeier zitiert. Er steht in einem Artikel, "in dem einen ganzen Absatz lang referiert wird, dass wichtige Parteimenschen exakt das sagen, was von ihnen in dieser Situation erwartet wird".

Wie kommt man auf die Idee, es für berichtenswert zu erachten, wie Politiker*innen die Auftritte von Parteikolleg*innen im Fernsehen finden? Wie ist es um das Selbstverständnis von Politikjournalist*innen bestellt, die es nicht als unter ihrer Würde betrachten, sich quasi als Tweet-Aggregatoren zu verdingen? Das sind Fragen, die Niggemeiers Glosse aufwirft. Die anderen beiden Artikel, die er kritisiert, stammen übrigens aus der SZ und der Welt.

Mit dem Genre der Fernsehdebatten im Allgemeinen (inclusive historischer Abrisse, Stichworte: Nixon vs. Kennedy, Schröder vs. Stoiber) befasst sich in der eben erwähnten FAZ Oliver Georgi unter der Überschrift "Das Image entscheidet". Er thematisiert dabei auch "die Zweifel vieler Debattenskeptiker". Georgi meint:

"Auch Sie werden jetzt vielleicht sagen: Mich interessieren nur die Inhalte! Aber auch bei Ihnen, davon bin ich überzeugt, wirken Fernsehduelle und -trielle nach. Weniger wegen der Sätze, die die Kandidaten in die Kamera sagen, meistens sind das ja mehr oder minder bekannte Versatzstücke aus Reden und Parteiprogrammatik. Sondern vor allem im Kontext ihres öffentlichen Bildes: Im Gedächtnis bleibt, wer entweder schwächer wirkt als vermutet, was sein Image ins Wanken bringen kann, oder wer sich stärker, konzentrierter, schlagfertiger zeigt als man es ihm zugetraut hat."

Das klingt nicht völlig unplausibel, aber gerade mit Blick auf das eskalierende Bohei um das Triell von Sonntag (siehe Altpapier von Montag und Dienstag) wirkt der Text auch wie eine Rechtfertigung dafür, dass sich Politikjournalismus - aus welchen Gründen auch immer - zu oft mit Dingen jenseits der Inhalte beschäftigt.

Neue OBS-Studie zu "alternativen Fakten"

Durchaus passend zum gerade laufenden Bundestagswahlkampf hat die Otto-Brenner-Stiftung ein "Arbeitsheft" zum Thema "alternative Fakten" veröffentlicht. Hannah Trautmann und Nils C. Kumkar haben sich die meistbesuchten Facebook-Seiten der AfD angeschaut und schließlich 13 ausgewählte Konversationen analysiert. In einem Thread arbeitet Co-Autor Kumkar Folgendes heraus:

"Es geht (…) darum, und das ist der Twist, sich als Ermittler*in zu inszenieren, und nicht primär darum, etwas herauszufinden. Deswegen spielt der faktische Gehalt der Äußerungen auch weniger eine Rolle als ihre performative Wirkung: bist Du eine*r von uns oder von denen? Daraus folgt zweierlei: Kritik funktioniert nicht. Wo jemand inhaltlich widerspricht, wird sie*er ignoriert. Wo jemand die Qualität der Quellen o.ä. anzweifelt, wird seine Loyalität zur Gruppe infrage gestellt."

Der Spiegel, für den, wenn man die Autor*innenzeile als Maßstab nimmt, offenbar gleich drei Redakteurinnen mindestens Teile der Studie gelesen haben, geht mit folgenden Worten auf diesen Sachverhalt ein:

"Wer versuche, inhaltlich gegen die Kommentare zu argumentieren, bleibe (…) meist erfolglos. 'Lassen Kritikerinnen und Kritiker von ihrer Kritik nicht ab, werden sie aus der ›Gemeinschaft‹ der Fundamentaloppositionellen ausgeschlossen', sagt die Wissenschaftlerin Trautmann. 'So entfaltet sich eine politische Gesprächsdynamik, die sich gegen Sachkritik immunisiert und die Gruppe stabilisiert.'"

Etwas aus der Kategorie "Eine gute und eine schlechte Nachricht" hält Kumkar in seinem Thread, den es auch in einer Art erweiterten Audiofassung gibt (Interview bei Radio Dreyeckland), dann auch noch parat:

"Die Menschen lehnen nicht die Pandemiebekämpfungsmaßnahmen ab, weil sie 'alternative Fakten' dazu gehört haben (gute Nachricht), sie teilen und rezipieren diese 'alternativen Fakten', weil sie die Pandemiebekämpfungsmaßnahmen ablehnen (schlechte Nachricht)."

Die Welt lügt

Ein Herz für Pandemiebekämpfungsmaßnahmengegner hat bekanntlich Hugenbergs, pardon: Springers Welt, was sie gerade mal wieder bewies, als sie für ein Interview die Headline "Corona bei 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten wohl nicht Todesursache" dichtete. "Diese Überschrift, die zehntausendfach durch das Netz geisterte, ist falsch und irreführend", meint der Volksverpetzer - und zitiert dazu den von der Welt interviewten Mediziner und Soziologen Bertram Häussler: "Die Überschrift des Artikels der WELT ist in ihrer Allgemeinheit falsch und würde von uns niemals so vertreten werden.""

Mit Häussler geht der Volksverpetzer aber auch hart ins Gericht:

"Im Interview stellte (er) (…) folgende Spekulation auf: Mit Daten lediglich aus dem Juli und August 2021 vermutet Häussler, dass angeblich 80 % der Todesfälle mit Corona fünf Wochen nach dem Feststellen der Infektion eintraten. Er äußert die unbelegte Vermutung, dass in manchen (!) dieser Fälle nicht Corona die Todesursache gewesen sein könnte. Aus dieser bereits unbelegten Vermutung bastelte die WELT dann die völlige Falschaussage, bei der der Eindruck entsteht, es handle sich erstens um eine Tatsache und zweitens um über den gesamten Pandemie-Zeitraum."

Der Volksverpetzer weiter:

"Es ist ja auch in Ordnung, dass Herr Prof. Häussler diese Daten zur Diskussion stellt, das macht Wissenschaft aus. Das RKI könnte möglicherweise für Aufklärung sorgen, wenn es denn will. Allerdings ist die Welt definitiv das falsche Medium dafür, da dort regelmäßig Fakten völlig aus dem Kontext gerissen werden und Fake News gezielt produziert werden (…)"

In einem Screenshot hat der Volksverpetzer noch dokumentiert, welche Personen die Fake News verbreitet haben. Die Mischung ist durchaus unterhaltsam.

Zum Tod von Fritz Wolf

Am Dienstagabend meldeten epd medien und das Grimme-Institut den Tod von Fritz Wolf. Er starb im Alter von 74 Jahren nach schwerer Krankheit. Sein Tod geht mir persönlich nahe, denn ich habe mit ihm in den vergangenen Jahren in verschiedenen Gremien des Grimme-Preises zusammen gearbeitet.

So intensiv und systematisch wie Fritz Wolf hat kein anderer Journalist hier zu Lande sich mit dem Dokumentarfilm und anderen dokumentarischen Formaten befasst. Ähnliches gilt für den Magazin- und Nachrichtenjournalismus im Fernsehen. Fritz Wolf war ein ständiger Programmbeobachter, und für großnamige Medien, die in regelmäßigen Abständen berechenbare, bestenfalls süffige Generalabrechnungen mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen in die Welt setzen, denen anzumerken ist, dass sie eher nicht auf einer kontinuierlichen Programmbeobachtung basieren, hatte er nur ein Naserümpfen übrig.

Fritz Wolf war auch Autor verschiedener Studien zu Medienthemen. Zuletzt erschien 2019 im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) "Deutschland - Doku-Land". Eine Studie, die deutlich machte, in welchem Ausmaß das öffentlich-rechtliche Fernsehen den langen Dokumentarfilm vernachlässigt. Im Altpapier haben wir die Studie damals vorgestellt (siehe dazu auch ein Interview, das meedia.de aus diesem Anlass mit Fritz Wolf geführt hat)

Was den Dokumentarfilm angeht, war Fritz Wolf aber noch mehr als der Experte, der mehr gesehen hat als andere, er hat sich auch immer wieder engagiert dafür, dass dieses Genre generell angemessen gewürdigt oder wenigstens angemessen wahrgenommen wird. Ausdruck dessen war etwa das Blog Wolf sieht fern, das er in den 2010er Jahren betrieb und sich an "Freunde des dokumentarischen Films" richtete. Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit.

Wer eine Vorstellung davon bekommen möchte, was Fritz Wolf für heraussagendes Fernsehen hielt, schaue sich den Film "Vernichtet - Eine Familiengeschichte aus dem Holocaust" von Andreas Christoph Schmidt an. Ausgehend von einem Gedenkstein in einem brandenburgischen Dorf, sucht Schmidt hier nach den Spuren eines Verbrechens an einer unbekannten jüdischen Familie.

In der letzten Sitzungsperiode der Grimme-Preis-Nominierungskommission Information & Kultur hat sich Fritz Wolf stark für "Vernichtet" eingesetzt. Am vergangenen Freitag ist der Film mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden. Auf der Website des Grimme-Instituts ist ein ausführlicher Nachruf von mir erschienen.


Altpapierkorb (Vergewaltigung als Metapher, die Fehler des SWR bei der Flutberichterstattung, die Social-Media-Strategie und die Pressepolitik der Taliban)

+++ "Hört auf, Vergewaltigung als Metapher zu benutzen!" fordert Margarete Stokowski in Ihrer Spiegel-Kolumne, und das richtet sich unter anderm an Dorothee Bär, Jörg Meuthen, den Literaturkritiker Michael Opitz und das FDP-Maskottchen Dieter Jürgen Hallervorden. "Wenn Vergewaltigung als Metapher verwendet wird, ist das Problem nicht nur, dass Vergewaltigung verharmlost wird: Es ist noch viel schlimmer", meint Stokowski.

+++ Eine ausgeruhte Nachbetrachtung zu den Versäumnissen des SWR bei der Berichterstattung über die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal (siehe auch beispielsweise Altpapier und dwdl.de) findet sich heute in der FAZ (€). Der Text enthält unter anderem eine Passage zu den entscheidenden Stunden in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli: "Das Landesfunkhaus des Senders in Mainz war nur für den Normalfall besetzt. In den Nachtstunden, als die Katastrophe ihren Lauf nahm, versah ein einziger Mitarbeiter im Mainzer Sendezentrum seinen Dienst.  (…) So ging der Sender wenig vorbereitet in die Zeitspanne zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens, die am gefährlichsten für die Bewohner des Ahrtals werden sollte, und berichtete nur noch spärlich, abgesehen von einem Liveblog auf seiner Website. Die Hörfunkwellen des Senders wechseln nachts auf die ‚ARD Popnacht‘ – keine sendete aus Rheinland-Pfalz. Die Flut wurde dort in den stündlichen Hörfunknachrichten thematisiert, im Fernsehprogramm des SWR kam sie überhaupt nicht vor."

+++ Die Strategie der Taliban in den sozialen Medien war zuletzt mehrmals Thema im Altpapier (etwa in diesem). Der Spiegel (€) hat dazu Adam Rutland interviewt, den Mitgründer des Centre for Information Resilience. Frank Hornig fragt: "Hätten Plattformen wie Facebook mehr gegen extremistische Botschaften der Taliban tun können?" Rutlands Antwort: "Offizielle Kanäle lassen sich natürlich sperren. Aber was ist mit den inoffiziellen Accounts, die irgendwo aufploppen, wichtige Nachrichten verbreiten und dann wieder verschwinden? Es ist schwer, solche Aktivitäten schnell zu identifizieren und zu stoppen. Die Taliban haben sehr gut verstanden, wie die Grenzen in den sozialen Medien verlaufen – und haben sich auf den Plattformen im Großen und Ganzen ziemlich frei bewegt."

+++ Die Situation afghanischer Medienschaffender (siehe auch Altpapier von Dienstag) ist heute Thema auf der SZ-Medienseite. Moritz Baumstieger berichtet: "Der Gründer eines Verbunds von Lokalradios, die in den verschiedensten Gegenden Afghanistans senden, erzählt im Gespräch mit der SZ, dass in jeder Provinz seine Mitarbeiter von den Taliban einbestellt worden seien (…) Konkrete Regeln für seine Journalisten aber hätte kaum einer vorgegeben, trotzdem habe sich der Sendebetrieb deutlich verändert: ‚Musik spielt derzeit keine der Stationen mehr‘, sagt er, Frauenstimmen seien auch kaum mehr zu hören. ‚Nicht, weil das von den Taliban klar untersagt wurde - eher aus einer Art von vorauseilendem Gehorsam.‘ Die Vagheit, mit der sich die neuen Herren des Landes bisher gegenüber Pressevertretern verhalten, sei absurderweise zunächst fast effektiver als konkrete Verbote: ‚Bei klar definierten roten Linien weiß man zumindest, wie weit man gehen kann‘, sagt der Mann, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will. Wenn aber wie nun die einzige Ansage sei, sie sollten ‚Unislamisches‘ in der Berichterstattung vermeiden, müssten sich die Journalisten an die roten Linien erst langsam rantasten. Aus Angst vor Konsequenzen täten sie das bislang sehr, sehr vorsichtig."

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

0 Kommentare