Das Altpapier am 1. Oktober 2021 Unerhört

Volker Bruch und Wotan Wilke Möhring geben nicht auf. Mit einer neuen Aktion und zusammen mit vielen anderen wollen sie in der Corona-Krise zu kurz gekommenen Positionen Gehör verschaffen. Diesmal mit Fachleuten statt mithilfe von Humor. Und wieder tappen sie in die Verschwörungsfalle. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 1. Oktober 2021: Porträt Autor Ralf Heimann
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#allesdichtmachen, zweite Staffel

Fangen wir mit dem Guten an: Ein Debattenangebot ist nie schlecht. Es ist die Chance, etwas zu lernen, und auch wenn das am Ende nicht gelingen sollte, ist es die Möglichkeit, einen Austausch zu beginnen, miteinander zu sprechen, in Verbindung zu treten. 54 Gespräche mit Fachleuten und die Forderung nach einem Runden Tisch können ein Gesprächsangebot sein. 

Die 54 Videos sind seit Donnerstag online. Und nur kurz, falls das alles an Ihnen vorbeigegangen ist: Schauspielerinnen und Schauspieler sprechen in Videokonferenzen etwa 20 Minuten lang mit Menschen, von denen die meisten einen oder mehrere akademische Titel, einen Lehrstuhl oder den Ruf haben, sich auf einem bestimmten Gebiet Expertin oder Experte nennen zu können. 

Die Aktion trägt den Hashtag #allesaufdentisch. Das erinnert nicht ganz zufällig an einen anderen Hashtag, #allesdichtmachen. Das Personal ist teilweise identisch. Volker Bruch, Wotan Wilke Möhring, das sind die bekanntesten Namen.

Und was ebenfalls gut ist: Mit Humor, der in den verschiedenen politischen Sphären ganz unterschiedlich funktioniert und daher in politischen Debatten immer eher ein trennendes Element ist, probieren sie es diesmal nicht. 

Der Themenrahmen ist die "Corona-Krise", so steht es auf der Website zur Aktion. Der Anlass für das alles ist, dass viele "ExpertInnen", das steht ebenfalls dort, bisher nicht gehört worden seien. Es wird also gegendert, ein erster Hinweis auf die politische Ausrichtung? Das wäre bei einer Aktion aus dem rechtskonservativen Spektrum wahrscheinlich nicht der Fall. Aber auch eine erste offene Frage: Von wem denn eigentlich nicht gehört?

Das könnte eine interessante Debatte werden, doch die ersten Bewertungen am Donnerstagabend fallen eher negativ aus, sehr negativ. Nils Minkmar nennt es auf der SZ-Medienseite (€) die "zweite Staffel der Querdenkerserie 'Alles dichtmachen'", und das steht online auch in der Überschrift ("’Alles dichtmachen’", Zweite Staffel). Schon der Titel transportiere, so schreibt Minkmar,  

"die übliche verquere Unterstellung, es würde in Sachen Corona etwas unter den Tisch gekehrt, und dies, wo doch seit Monaten kein anderes Thema in allen analogen und sozialen Medien rauf und runter behandelt wird".

Das wissen die Menschen, die sich hier vor die Kamera gesetzt haben, natürlich auch. Aber vielleicht muss man sich die Formulierung "nicht gehört" noch einmal etwas genauer ansehen. Hätte es vielleicht eigentlich "nicht erhört" heißen müssen? 

Funktioniert das System?

Das Problem der Aktion ist nicht die abweichende Meinung, sie tut der Debatte gut. Die Videos sind, das kann man so sagen, in Teilen sehenswert, denn hier bemühen sich Menschen auf einem Weg um Wissen, gegen den man erst mal nichts sagen kann: Sie befragen Menschen, von denen sie annehmen, dass sie mehr wissen.

Problematisch ist die hier in vielen Videos schwelende Annahme, dass die Meinung der anderen, also vor allem die Meinung der Mehrheit nur zustande gekommen sein kann, weil diese Menschen nicht genügend wissen, nicht genügend wissen wollen, Probleme nicht sehen, nicht kritisch genug sind. 

Nehmen wir das Video des Juristen und Journalisten Milosz Matuschek, der ein sehr kluger Mensch ist, in dem Gespräch einige sehr kluge und richtige Dinge sagt, differenziert argumentiert, das Mediensystem treffend erklärt, aber an einer Stelle zu einer anderen Einschätzung kommt, und das ist eine sehr zentrale. Matuschek hat vor einem Jahr für die NZZ eine Kolumne geschrieben, in deren Titel die Frage stand: "Was wenn am Ende 'die Covidioten' Recht haben?" Der Text erschien später bei Ken Jebsen, die NZZ beendete die Zusammenarbeit. Heute schreibt Matuschek einen Blog, der den Titel "Freischwebenede Intelligenz" trägt. In dem Video sagt er: "Und da kann man sehr viel Corona-Kritisches lesen." Das muss erstmal nichts Schlechtes bedeuten, denn natürlich fallen in der Debatte Dinge unter den Tisch, die eigentlich eine Rolle spielen sollten, es gibt prägende Narrative, die Tendenz, Dinge entsprechend den eigenen Annahmen, Erwartungen und Überzeugungen zu deuten und auch die Tendenz, der Mehrheitsmeinung zu folgen. 

Die grundlegende Frage, bei der Matuschek zu einer anderen Einschätzung kommt, ist meinem Eindruck nach die, ob dieses System seine Funktion trotzdem erfüllt – ob es funktioniert. 

Für seine eigene Geschichte könnte man verschiedene Erklärungen finden. Eine ist: Er hat einen Weg eingeschlagen, der etwas abseits verläuft, der beschwerlicher ist, ihm mehr Freiheiten eröffnet und immerhin nicht direkt vor die Wand führt, seinem Verständnis nach. In seinem Video sagt er: 

"Ich selber kann sagen: Ich kenne das heimelige Lagerfeuer des Mainstreams. Ich kenne die Privilegien, die man dadurch vielleicht ein bisschen hat. Und es macht auch durchaus Spaß, für eine große Zeitung zu schreiben, weil man auch eine schöne Reichweite bekommt – und auch dann für Verlage interessanter ist oder für den Mainstream dann wiederum rumgereicht wird, dann wird man eingeladen zu Talkshows, kommt vielleicht auch im Radio unter, das hat alles nur Vorteile per se. Aber wenn man sich auf diesem Weg eben nicht wohlfühlt oder eben merkt, man muss ein Lager wählen oder wird in ein Lager eingeordnet, weil man kritischer denkt über bestimmte Fragen wie eben bei Corona, aber es gab da vorher auch schon genug Sachen, die schief liefen, NSA-Überwachung, die Kriege, die geführt werden auf Basis von Lügen, der Irak-Krieg zum Beispiel, dann muss man sich einfach fragen: Was will ich eigentlich mit meinem Job erreichen?" 

Abzweigung in Richtung Verschwörung

Eine andere Erklärung wäre: Das System hat ihn ausgesperrt. Und wenn so etwas passiert, muss die ausgesperrte Person dafür eine Erklärung finden, die im besten Fall kein Opfer-Narrativ ist. Auch hier geht es um Psychologie. Und ich würde diese Erklärung gar nicht ins Spiel bringen, wenn Matuschek nicht einen Tweet veröffentlicht hätte, in dem er den Screenshot eines inzwischen gelöschten Tweets des Grünen-Politikers Jan Philipp Albrecht zeigt, diesen daran erinnert, dass sie im gleichen Jahr Stipendiaten der Heinrich-Böll-Stiftung waren und dann schreibt: 

"(…) aber mir scheint, bei dir hat die Gehirnwäsche funktioniert". 

Den Tweet von Albrecht möchte ich nicht bewerten, nur die Erklärung. Sie scheint mir exemplarisch für eine Grundannahme, die in den Videos an vielen Stellen auftaucht. Die Annahme lautet: Die Menschen sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, weil sie zu unkritisch, manipuliert oder verblendet sind.  

Das ist die Abzweigung in Richtung Verschwörung. Und das entwertet die teilweise interessanten Gespräche, in denen berechtigte Fragen gestellt und nicht nur abwegige Antworten gegeben werden. Nils Minkmar schreibt zum Beispiel über das Video, in dem der Volkswirt Christian Kreiß mit dem Schauspieler Jakob Seeber über "Gekaufte Forschung" spricht. Kreiß sagt in dem Gespräch: "Wirklich freie Wissenschaft findet nur noch bei etwa einem Sechstel oder einem Siebtel der deutschen Forschung statt." Das ist die Schlussfolgerung aus einer Geschichte,  die Nils Minkmar eine "Verschwörungserzählung" nennt. 

In dem Gespräch, das der Schauspieler Volker Bruch mit dem Journalistik-Professor Michael Meyen über Faktenchecker führt, sagt Meyen: 

"Bei Google finden wir bestimmte Sachen einfach nicht, weil Google die Algorithmen einfach so ändert, dass das offizielle Narrativ weiter oben erscheint als das, was wir jetzt hier zum Beispiel machen." 

Das stimmt einerseits, weil Google die Algorithmen so ändert, dass bestimmte Dinge weiter oben erscheinen. Aber wer bestimmt, was das "offizielle Narrativ" ist?

Google in Zusammenarbeit mit der Regierung? Es gab diesen Fall, in dem Google mit dem Bundesgesundheitsministerium kooperiert hat. Wenn man danach sucht, findet man die Berichte darüber inzwischen in der Google-Suche, auch ganz oben. Diese Kooperation wurde zu Recht kritisiert. Meyen suggeriert, dass irgendwer generell im Hintergrund die Fäden zieht, damit möglichst nichts anderes als das offizielle Narrativ präsent wird. Das Gespräch zwischen ihm und Bruch muss man bei Google übrigens nicht lange suchen. 

Faktencheck in die Mülltonne?

Die zentrale Passage im Gespräch mit Meyen möchte ich hier ganz ausführlich dokumentieren, denn sie macht das Problem der gesamten Gesprächsreihe deutlich. Meyen sagt:

"Ich würde sagen, dass wir den Begriff letztlich in die Mülltonne treten sollten. Da steckt letztlich eine Anmaßung dahinter, weil kein Mensch die absolute Wahrheit hat. Die Frage ist ja immer: Was ist Wahrheit? Was sind Fakten? Wahr ist eine Aussage, wenn sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Die Wirklichkeit ist das, was ohne unser Wollen da ist. Wenn ich Wahrheit definiere als Aussage, die mit der Wirklichkeit übereinstimmt, dann stecken wir drin, da steckt die Aussage drin. Es gibt keine Aussage ohne einen Menschen. Auch im Wort Fakt stecken wir drin. Fakt ist immer was Gemachtes. Manufaktur, da wird was mit der Hand gemacht. Also es gibt keinen Fakt und keine Aussage, keine Aussage mit Wahrheitsanspruch ohne Menschen, und damit ohne unsere ganz persönlichen Erfahrungen, ohne unsere Sicht auf die Welt, ohne unseren materiellen Status, der diese Sicht auf die Welt bestimmt. Das ist eine Anmaßung, zu behaupten, ich hätte die Fakten. Ich hätte die Wahrheit. Wenn wir von Tatsachen-Wahrheiten ausgehen, also Dinge, die da sind, ohne dass der Menschen sie verändern kann, dann kann man uns diese Tatsachen-Wahrheiten eigentlich nur verklickern, wenn man sie mit einer Geschichte verbindet, wenn man ein Narrativ, eine Erzählung hat, und diese Narrative, die Geschichten, diese Erzählung, die sind einfach nicht zu prüfen, wie der Begriff Faktencheck ja behauptet." 

Wir sind hier mitten in einer philosophischen Debatte über die Möglichkeit der Erkenntnis. Was Meyen hier sagt, ist einerseits richtig. Viele gesicherte Erkenntnisse haben wir nicht. Es kann sein, dass vieles anders ist, als wir denken. Wirklichkeit ist eine sehr subjektive Erfahrung. Aber mit dieser Passage könnte man letztlich auch begründen, dass wir uns den Journalismus und die Wissenschaft sparen können. Denn wer weiß, ob die Wirklichkeit wirklich so ist, wie sie erscheint? 

Dem real existierenden Journalismus liegt der Konsens zugrunde, dass wir in gewissem Maße schon Aussagen treffen können, dass es so etwas wie ein gemeinsames Verständnis von Wirklichkeit gibt, und dass es damit möglich ist, gewisse Aussagen zu treffen und sie im Zweifel zu widerlegen. In der Fehlerforschung gibt es die Unterscheidung zwischen objektiven und subjektiven Tatsachen. Objektive Tatsachen lassen sich klar als richtig oder falsch benennen. Ein Beispiel wäre: Die Union hat bei der Bundestagswahl 24,1 Prozent der Zweitstimmen erreicht. Bei subjektiven Tatsachen spielen Einschätzungen eine Rolle. Auch hier ein Beispiel: Armin Laschet war der falsche Kandidat. 

Im Falle von subjektiven Tatsachen ist der Faktencheck das falsche Instrument, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Hier bietet der journalistische Werkzeugkasten den Kommentar, der mögliche Erklärungen und Argumente zu einer Argumentation zusammenführt. Ein Gesamtbild entsteht aus der Summe der Kommentare. 

Man kann natürlich auch objektive Tatsachen anzweifeln. Sind die Stimmen richtig ausgezählt worden? Ist das Verfahren zuverlässig? Aber der mehrheitliche Konsens hier ist: Das Wahlergebnis gibt die demokratische Entscheidung der Menschen wieder. Und dann lässt sich sagen: Eine andere Angabe dazu ist falsch. 

Aber warum macht Meyen das? Er müsste doch wissen, dass er hier eine wichtige Differenzierung unterschlägt. 

Michael Hanfeld, Joachim Müller-Jung und Sibylle Anderl beschreiben in einem gemeinsamem Beitrag (€) ("Ein Kessel Schwurbel") auf der FAZ-Medienseite, den Impuls, "auf breiter Front das Säen von Zweifeln an seriösen wissenschaftlichen Ergebnissen mit dem Ziel, eine Polarisation der Gesellschaft und auch der Wissenschaftler zu erreichen".

Wo es keine gesicherte Erkenntnis mehr gibt, da gibt es auch keine Mehrheitsmeinung, die bei Entscheidungen maßgeblich ist, da gibt es kein False-Balance-Problem, weil ja alle Meinungen irgendwie die gleiche Berechtigung haben. Das Säen von Zweifeln in den Erkenntnisprozess kann also den Sinn haben, die Gewichtungsdifferenzen aufzuheben – und so den Minderheitenpositionen eine größere Berechtigung zu verschaffen. 

Über allem steht die Frage: Wie sehr können wir dem trauen, was uns da als Wissenschaft, als Journalismus und als Erkenntnis angeboten wird? Und die gleich mitgelieferte Antwort lautet hier: nicht allzu so sehr. 

Der Knackpunkt: das Vertrauen

Würde man die Passagen, in denen es um die Zweifel an der dargebotenen Wahrheit weglassen, ließe sich übrigens auch ein interessanter Text über all die Aspekte stellen, die tatsächlich etwas zu kurz gekommen sind, über Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Es gibt Beispiele für mediale Reflexe, die Debatten zu einem vorgezeichneten Ergebnis führen. 

Die Theorie etwa, dass das Corona-Virus im Labor entstanden ist, galt zunächst als Verschwörungsfantasie, und in diese Schublade wanderten fast automatisch alle Wortmeldungen zu diesem Thema. Dann gab es Hinweise darauf, dass an der  Erklärung doch etwas dran sein könnten. Das ließ die vermeintlich unseriöse Labor-Theorie wieder in einem anderen Licht erscheinen. Wie es wirklich war, ist nicht bekannt. Aber wie soll man Informationen dazu bewerten, von denen man nicht weiß, auf welche Weise sie entstanden, transportiert oder verändert worden sind? Letztlich geht es dabei auch um das Vertrauen, dass Medien ihre Einschätzung korrigieren werden, wenn Informationen falsch sind. 

In vielen der Gespräche wird deutlich: Dieses Vertrauen fehlt, denn da ist eben der Eindruck, dass die eigentlich wichtigen Informationen unter den Tisch fallen und nicht gehört werden. Ginge es tatsächlich darum, eine dialektische Debatte in Gang zu bringen, hätte man vielleicht anders vorgehen müssen. Man hätte deutlich machen müssen, dass es nicht nur in eine politische Richtung gehen soll, wie es nun scheint. 

Jörg Phil Friedrich schreibt in einem Kommentar für die Welt (€)

"Das ist die wichtigste Schwäche des Projekts: Es fehlt die Kritik – obwohl doch so viel Kritik geäußert wird. Es fehlt die Kritik gegenüber den Kritikern. Um einschätzen zu können, ob ein Mensch wirklich fundiert etwas zu einem Thema sagen kann, muss man nicht nur nachschauen, wie viele wissenschaftlichen Artikel er zu der Sache bereits publiziert hat – man muss ihn vor allem mit kritischen Fragen konfrontieren und schauen, wie er damit umgeht. Das fehlt, soweit man es nach einigen Interviews sehen kann, in diesem Projekt weitgehend. Es ist den kritischen Stimmen gegenüber viel zu unkritisch."

Friedrich bewertet die Aktion aus einer liberal-konservativen Perspektive. Auch er bringt das Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass so viele Menschen mit der Corona-Politik in Deutschland im Großen und Ganzen einverstanden waren, wenn er schreibt: 

"Für viele Menschen wurden Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt in einem Maße, wie sie sich das wohl vor zwei Jahren nicht hätten träumen lassen. Dass eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung dies klaglos akzeptiert hat, gehört für wiederum andere zu den am meisten verstörenden Erfahrungen. Es ist schon ein großes Verdienst der Initiatoren, die Themenvielfalt dessen, was jetzt auf den Tisch gehört, auf diese Weise einmal aufgezeigt zu haben."

Deutungsmachtkampf

Man kann das auch anders bewerten als Friedrich, aber die Position ist nachvollziehbar, und Friedrich zieht aus ihr nicht den Schluss, dass hier ein systemisches Problem vorliegt. Er hält das Anliegen für berechtigt, und das entspricht meinem Eindruck nach in der Tendenz der Resonanz im konservativen bis liberalen Spektrum, denn natürlich ist das Ganze vor allem ein Deutungsmachtkampf, in dem es darum geht, der eigenen politischen Position ein bisschen mehr Raum zu verschaffen. Die Aktion selbst hält Friedrich allerdings aus den genannten Gründen nicht für so richtig geglückt. Er befürchtet, sie könnte die Gräben vertiefen. 

Nun könnte man sagen: Das Initiatorenteam hat aber doch den Versuch unternommen, auch andere Positionen vorkommen zu lassen. Zwischen den Videos tauchen ja immer Kacheln auf, die Gespräche ankündigen, die nicht stattgefunden haben. Abgesagt haben danach Mai Thi Nguyen-Kim, Harald Lesch, Richard David Precht, Alena Buyx, Lothar Wieler, Karl Lauterbauch, Sandra Ciesek oder Christian Drosten. Auch stellt sich allerdings die Frage: Wie ehrlich ist das Anliegen, auch ihre Positionen deutlich zu machen? Oder geht es hier vielleicht eher  darum, das eigene Narrativ noch einmal zu verstärken? Die Botschaft ist schließlich: Sie wollen nicht mit uns sprechen. 

Es ist schwer zu sagen, und vielleicht ist der Eindruck falsch, der sich aus den Informationen ergibt, die bislang vorliegen. Zu diesen Informationen gehört auch ein Tweet des ARD-Investigativ-Journalisten Daniel Laufer der bei Twitter eine Erklärung des #allesaufdentisch-Teams kommentiert. Das Team hatte laut Laufer angegeben, 20 Menschen aus Politik und Wissenschaft hätten nicht geantwortet oder nicht mitmachen wollen. Laufer schreibt: "Ich habe seit 3 Monaten eine Liste, mit wem das Projekt geplant gewesen sein soll. Keine der 20 Personen stand dort drauf."


Altpapierkorb (Funke-Verlegerin, Rundfunkbeitrag, Nemi El-Hassan, Impflügen, Wikipedia-Eintrag für Tanja May)

+++ Funke-Verlegerin Julia Becker hat Hannah Knuth und Götz Hamann für die Zeit ein Interview gegeben (€), in dem sie unter anderem erzählt, wie sie die schlechten Vibes dem Verlag bekommen will, den die zerstrittenen Eigentümerfamilien hinterlassen haben. 

+++ Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra spricht mit Alexander Walter in einem Interview für die Magdeburger Volkstimme (€) über die Lehren, die er aus dem Streit um den Rundfunkbeitrag zieht.  

+++ Mats Schönauer sich fürs Bildblog drei Monate lang angesehen, wie die "Bild"-Medien mit den Fotos von Opfern umgehen. Und jetzt hat er es ausgewertet

+++ Der WDR hat dementiert, dass im Fall Nemi El-Hassan eine endgültige Entscheidung gefallen ist, wie es zunächst geheißen hatte (Altpapier). Das meldet epd, hier bei der Jüdischen Allgemeinen. Und es sind noch weitere Kommentare zum Thema erschienen. Für Zeit Online schreibt Judith Liere: "Wenn Intendanten und Chefredakteurinnen jeder Empörungswelle nachgeben würden, hätte auch der Komiker Dieter Nuhr keine Sendung in der ARD mehr, die Comedian Lisa Eckhart dürfte nicht mehr im Fernsehen auftreten, würden die Welt und die taz ihre Kolumnisten und Kolumnistinnen feuern. Dann hätten wir die viel beschworene Cancel Culture, von der konservative Medien oft raunen. Im Fall Nemi El-Hassan hat sie nun tatsächlich ein prominentes Opfer gefunden. Für die NZZ kommentiert Jonas Hermann erwartungsgemäß in eine etwas andere Richtung: "Geschlossenheit im Kampf gegen Antisemitismus wäre somit wichtiger denn je. Als faktisch halbstaatliche Institution trägt der WDR hier eine besondere Verantwortung. Er hätte im Fall El-Hassan klar Position beziehen müssen und nicht wochenlang herumeiern dürfen. Antisemiten sollten nicht vom Gebührenzahler finanziert werden.

+++ Youtube verbietet Impflügen, meldet Netzpolitik.org.

+++ ARD und ZDF gehen rechtlich dagegen vor, dass "Bild"-TV am Wahlabend deren Sendesignale übernommen und selbst ausgestrahlt hatte (zuletzt gestern im Altpapier), berichtet unter anderem das Redaktionsnetzwerk Deutschland

+++ Das Portal muenchen.de ist nach Einschätzung des Oberlandesgerichts München zu presseähnlich, meldet unter anderem die Süddeutsche Zeitung, eines der Medienhäuser, die geklagt hatten. Das Urteil gilt laut dem Gericht ab sofort, eine endgültige Entscheidung wird aber wohl erst der Bundesgerichtshof treffen. Auch in anderen Städten stören sich Medienhäuser am Informationsangebot der Stadt. In Dortmund hatte der Verleger der Ruhr Nachrichten allerdings zuletzt im Juni vor Gericht gegen die Stadt Dortmund verloren, hier nachzulesen beim WDR. 

+++ Übermedien hat Tanja May, der neuen Unterhaltungschefin der "Bild”-Medien, einen Wikipedia-Eintrag angelegt. Boris Rosenkranz erklärt das in einem Video, das genau 9.11 Minuten elf lang ist. Zufall oder Chiffre?

+++ Und zum Schluss noch der Hinweis auf ein neues Dossier, das beim Altpapier-Host, der MDR-Medienredaktion 360G, erschienen ist. Es geht um das Phänomen der Influencer. 

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Neues Altpapier gibt es am Montag.

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