Das Altpapier am 29. Oktober 2021 Der Elefant, in dem wir stecken

Kurz vor der Klimakonferenz in Glasgow geht es heute um all die großen Fragen rund um den Klimajournalismus: Was müssten Journalistinnen und Journalisten tun? Was sollte sich in den Nachrichtensendungen ändern? Müssten sich alle Journalistinnen und Journalisten als Klimajournalistinnen und -journalisten verstehen? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 29. Oktober 2021: Porträt Autor René Martens
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Das Lieblingswort "teuer"

Am Montag beginnt in Glasgow die 26. UN-Klimakonferenz, die unter dem Hashtag #COP26 wohl relativ oft in unseren Timelines auftauchen wird. Die Konferenz, die "womöglich die letzte Chance ist, um die Erderwärmung auf ein erträgliches Maß zu begrenzen", nimmt die Wochenzeitung Kontext zum Anlass, sich mit den "erschreckenden Wissenslücken" zu befassen, die "JournalistInnen in der Berichterstattung über die Energiewende" offenbaren – und mit den "fatalen, längst widerlegten Narrativen", die diese verbreiten.

Ein Teil von Jürgen Lessats Text beruht auf einer kürzlich veröffentlichten Analyse des Netzwerks Klimajournalismus Deutschland, in der dieses die drei Trielle vor der Bundestagswahl unter anderem bezüglich der Qualität der Moderatorinnen- bzw. Moderatoren-Fragen zum Thema Klima auswertet. Diese Analyse veröffentlichte das Netzwerk in Form eines Offenen Briefs "an die Intendanten, Geschäftsführer und Chefredaktionen von ARD, ZDF, PRO7/SAT1, RTL und NTV". Die Netzwerkleute kamen dabei zu folgendem Ergebnis:

"Das Thema Klima (wurde) in allen Triell-Fragen nur als Kostenfaktor hingestellt, das meistgenannte Wort war hier 'teuer'. Das dahinter stehende Narrativ: Klimaschutz bedeute Verbote und Verzicht und koste die Bürger:innen Unmengen an Steuergeldern."

Lessat fasst zusammen:

"Statt den Politikern auf den Zahn zu fühlen, wie und was sie gegen die Klimakrise zu tun gedenken, skizzieren die Moderationsteams ein seltsames Horrorszenario: in den Untergang führt nicht die Erderwärmung, sondern der Kampf dagegen."

Auf den Offenen Brief an die Sender hätten die Klimajournalistinnen und -journalisten bisher keine Antwort bekommen, schreibt Lessat. Eine Erklärung dafür wäre natürlich die, dass die Journalistinnen und Journalisten der Sender die dort benannten Schwächen für Stärken halten. Sie tun halt mit voller Überzeugung das Falsche, weil es in ihrer Glaubenswelt das Richtige ist.

Ob das auch für Markus Lanz zutrifft oder er den Offenen Brief nicht gelesen hat, ist schwer zu sagen, jedenfalls performte er in seiner Sendung von Dienstag dieser Woche irritierende Sätze wie "2035 CO₂-neutral… Was nicht machbar ist, wie wir alle hier wissen" - worauf Michael Flammer, der Gründer des "Klima vor acht"-Projekts, anhand eines Ausschnitts mit Carla Reemtsma hinweist (hier die komplette Sendung)

Wir brauchen lösungsorientierte Berichterstattung

Der aktuell längste Beitrag zu der Frage, was Journalismus zum Thema Klima leisten müsste oder was er nicht tun sollte, ist bei Übermedien erschienen, es handelt sich dabei um einen Auszug aus Samira El Ouassils und Friedemann Karigs neuem Buch "Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien - wie Geschichten unser Leben bestimmen":

"In der journalistischen Darstellung wurde die Klimakrise (…) lange Zeit vor allem als halber 'Mann im Loch’-Plot erzählt. Es ging immer um den Ist-Zustand und darum, wie die Menschheit in das Loch gefallen ist, aber viel zu wenig darum, wie der Protagonist wieder aus dem Loch klettert. Ja, wir müssen Emissionen senken, ja, wir müssen aus der fossilen Wirtschaft heraus – riesige Schritte, so komplex wie eben ein Hyperobjekt. So ließ sich kein denkbares Happy End anbieten – und also auch keine Hoffnung. Unser durch die Erzählstruktur bedingter Tiefpunkt lähmt allerdings jede Mobilisierung, denn die fehlende Aussicht auf einen möglichen Erfolg führt im schlimmsten Fall zu Verdrängung und Tatenlosigkeit."

Das Netzwerk Klimajournalismus kritisiert in dem eben zitierten Offenen Brief, dass in den Triellen "an keiner Stelle (…) nach bereits bestehenden Lösungsmöglichkeiten so gefragt (wurde), dass es motivierend und ermutigend auf das Publikum wirkte", und El Ouassil und Karig gehen auf einer allgemeineren Ebene in eine ähnliche Richtung:

"Man benötigt weiterhin einen Journalismus, der das Problem verständlich macht und dessen Tragweite vermittelt, aber man braucht ebenso eine konstruktive, lösungsorientierte Berichterstattung, um zu Verhaltensänderungen zu inspirieren. Erzählungen sind, wie wir wissen, in erster Linie inszenierte Problemlösungskompetenz – und davon brauchen wir sehr viel mehr. Der Kriegsberichterstatter Bill Blakemore, der in den US-Medien zu den entschlossensten Klimajournalisten zählt, hat es einmal so formuliert: 'Der Klimawandel ist nicht der Elefant im Raum; er ist der Elefant, in dem wir alle stecken.'"

El Ouassil und Karig schreiben weiter:

"Wenn wir die Klimakrise nicht als ein bloßes Phänomen, sondern buchstäblich als ein Objekt betrachten, in dem wir uns gerade befinden, so meint (der amerikanische Ökologiephilosoph Timothy) Morton, würden uns die Relationen zwischen Gesellschaft und Umwelt klarer werden, und wir würden die sichtbaren Schäden mehr auf uns und unser Handeln beziehen. Dann würden wir begreifen, dass wir Teil der von der Klimakrise betroffenen Umwelt sind."

In ihrem bei Übermedien publizierten Buchbeitrag beschreibt El Ouassil des Weiteren mehrere "Narrative" bzw. "Märchen", die auch in diesem Altpapier Thema waren:

"(Sie) entstehen nicht aus dem Nichts. Sie sind, zumindest in Teilen, Ergebnisse von millionenschwerer Propaganda, die vor allem die Fossilindustrie seit Jahrzehnten betreibt, offen oder versteckt."

In einem weiteren Altpapier ging es in der an dieser Stelle gebotenen Kürze auch um einen, wie ich es hier flapsig nannte, "Leitartikel-Gassenhauer", auf den El Ouassil und Karig natürlich etwas ausführlicher eingehen:

"Besonders die Individualisierung des Verzichtsnarrativs (…) geht auf das Konto der Industrie. So erfand der britische Ölkonzern BP den Ausdruck vom 'CO2-Fußabdruck', der jedem Menschen vor Augen führen soll, wie sehr man selbst schuld an der Misere sei. Das Perfide daran: Es stimmt. Jeder von uns emittiert CO2. Und doch liegt die entscheidende Lösungsebene für das Problem nicht im individuellen, sondern im politischen. Durch Ein-Wort-Narrative wie den CO2-Fußabdruck entpolitisierte man den Diskurs hingegen, lenkte die Aufmerksamkeit auf die private Ebene und schuf sich auf der politischen die Freiheit, weiter zerstörerisch zu wirtschaften."

Der Begriff "Klimakatastrophe" ist korrekt, aber er wird sich verbrauchen

Auf das Thema Industrie-Investitionen in Desinformation - die für Missetäter in den USA laut einem gestrigen Kongressausschuss-Beschluss nun Subpoenas zur Folge haben könnte (Heated, CNN) - geht aktuell auch Wolfgang Blau ein, der Mitgründer eines weiteren Klimajournalismus-Netzwerks (des Oxford Climate Journalism Network). Der Standard hat ihn interviewt, und das Gespräch beginnt im positiven Sinne bei Adam und Eva, nämlich mit der Frage, wie wir das, um das es geht, eigentlich genau benennen sollten:

"Klimawandel oder Climate Change klingen eher verniedlichend. (…) Auch das Wort Klimakrise ist unpräzise, da eine Krise als vorübergehender Zustand definiert ist, keine heute lebende Person aber das Ende der Klimakrise miterleben wird. Klimakatastrophe ist dann etwas genauer, hilft aber in der öffentlichen Kommunikation nicht weiter, weil diese Katastrophe, gemessen an der durchschnittlichen Lebensdauer eines Menschen, zunächst ein Dauerzustand bleibt und sich als Begriff verbrauchen wird. Dass wir sogar mit der Benennung dieses Phänomens Schwierigkeiten haben, illustriert aber nur, wie sehr es den Rahmen unserer bisherigen menschlichen Erfahrung sprengt – und damit auch den Journalismus auf die Probe stellt."

Blau erwähnt dann auch, was sich aus der Berichterstattung über Corona für die übers Klima lernen lässt. Was er zu diesem Thema zu sagen hat, stand im September auch in einem Altpapier von Nora Frerichmann. Gegenüber dem Standard sagt Blau nun:

"Es war (…) beachtlich, wie schnell es (…) Nachrichtenmedien gelungen ist, sich auf ein überschaubares Set von Metriken zur Covid-Krise einzuspielen, wie etwa die Ansteckungsrate, die nationale Impfquote oder die Hospitalisierungsrate. In der Klimaberichterstattung fehlen uns noch vergleichbar simple Metriken, die in Nachrichtensendungen immer wieder erwähnt werden und damit Orientierung geben könnten. Was könnten das für Metriken sein? Beispielsweise der aktuelle Stand des nationalen Emissionsbudgets für das laufende Jahr oder der Anteil erneuerbarer Energien am Energiemix des Landes."

Da "die Klimakrise ja nicht nur Thema für die Ressorts Wissen, Politik und Wirtschaft ist, sondern genauso auch alle anderen Ressorts betrifft" (Blau again), hat der Guardian gerade einen Beitrag veröffentlicht, in dem zehn Journalistinnen und Journalisten aus den unterschiedlichsten Fachgebieten - darunter auch eine Moderedakteurin - beschreiben, wie die Klimakatastrophe ihre Arbeit verändert hat und verändern wird.

Eine These daraus: Verändern sollten sich nur thematische Ansätze und Gewichtungen, nachdenken sollten wir auch darüber, wie Beiträge eigentlich entstehen. Der Guardian-Kunstredakteur Alex Needham schreibt dazu:

"For years, the production of culture involved sending people and objects flying around the world. It ate up resources voraciously; even sent journalists to far-flung countries to meet artists for short interviews. We are now acutely aware of the waste involved. The pandemic has taught journalists that interviews can be done satisfactorily on Zoom, even if there is sometimes no substitute for seeing works and people in real life. We’re still figuring this conundrum out. Use local writers instead? Travel by train rather than by air? Be extremely sparing about foreign trips? All of these, plus other solutions we haven’t worked out yet, deserve consideration as we change in tandem with the world we’re covering."

Eine ziemlich blöde Wahl

Der Hessische Rundfunk ist möglicherweise der seltsamste Laden unter den bekanntlich grundsätzlich nicht unseltsamen Landesrundfunkanstalten der ARD. Er veranstaltet das heimatseligste Heimatfernsehen unter der öffentlich-rechtlichen Sonne (siehe diesen Medienkorrespondenz-Klassiker, der im Altpapier auch schon mal Erwähnung fand), steht aber auch für eine exzessive Anbiederung an ein diffus imaginiertes jüngeres Publikum - was komprimiert auf, sagen wir mal: eindrucksvolle Weise in diesem aktuellen "Backstage"-Video zum Ausdruck kommt (Programmdirektorin Gabriele Holzner im grauen Hoodie! Ganz großes PR-Kino!).

Dass die Intendantinnen- bzw. Intendanten-Wahl am heutigen Nachmittag eine in vieler Hinsicht unbefriedigende Angelegenheit ist (siehe bereits Altpapier von Donnerstag), passt da irgendwie ins Bild. Die Süddeutsche hat sich für ihren Text unter anderem bei Mitarbeitenden des Senders umgehört:

"Viele kritisieren (…) das Verfahren zur Wahl des neuen Intendanten, der neuen Intendantin. Dass beispielsweise in der Findungskommission so viele alte Herren sitzen, die nun über die Zukunft des Senders entscheiden - 'ob das so ein schlaues Verfahren ist, da kann man geteilter Meinung sein", hört man aus dem Sender."

Für die Medienkorrespondenz benennt Volker Nünning das Entscheidende, was man über die Kandidatin Stephanie Weber wissen muss, die beim Saarländischen Rundfunk (SR) von 2011 bis 2016 stellvertretende Justiziarin und dann Verwaltungs- und Betriebsdirektorin war und schließlich im Januar 2021 (!) zum HR wechselte:

"Dem Vernehmen nach hat die Juristin Weber den SR in Richtung HR verlassen, weil ihr in Saarbrücken wohl signalisiert wurde, dass ihre Ambition auf das SR-Intendantenamt keine ausreichende Unterstützung finden würde."

Mit anderen Worten: Weber hat den kleinen SR vor allem deshalb verlassen, weil sie beim nicht ganz so kleinen HR die besseren Chancen sieht, an die Spitze zu gelangen.

Nun ist es natürlich gang und gäbe (und legitim), dass man Sender (oder überhaupt Unternehmen) verlässt, weil man anderswo bessere Aufstiegschancen hat oder diese sich zumindest verspricht. Ein bisschen lame wirkt dieser Wahlvorschlag der Findungskommission dann aber doch.

Webers Konkurrent ist der seit Januar 2020 als ARD-Vizeprogrammdirektor in München amtierende Florian Hager, der gerade erst an der ARD-Programmreform (Altpapier, Altpapier) maßgeblich mitgewirkt hat. Wenn ich mich mal in die Position jener versetze, die in der ARD was zu melden haben (ein Perspektivwechsel, der nicht zu meinen leichtesten Übungen gehört), würde ich sagen: Jetzt soll der Bursche aber auch bitteschön während der Umsetzung des Dings dabei bleiben und nicht gleich wieder den Job wechseln.

Dass nur Hager und Weber in Frankfurt zur Wahl stehen, ist - darüber habe ich für die taz geschrieben - symptomatisch für einen generellen Missstand bei den Öffentlich-Rechtlichen: Als Bewerber für Führungspositionen kommen in der Regel nur Leute "aus dem System" in Frage, die gemäß einer internen Aufstiegsarithmetik "dran" sind, befördert zu werden. Seiteneinsteiger haben keine Chance. Unvorstellbar, dass ein hochrangiger Manager aus der Kulturbranche oder eine Zeitungs- oder Zeitschriften-Chefredakteurin an die Spitze eines öffentlich-rechtlichen Senders gelangt.


Altpapierkorb (Rebmann legt in Sachen Döpfner nach, Klagen gegen Staatstrojaner, öffentlich-rechtliche Gesprächsformate für Jüngere)

+++ Dass sich das BDZV-Präsidium erst am 24. November (siehe auch Altpapier von gestern) mit der Frage beschäftigen wird, wie Verbandspräsident Mathias Döpfner die deutsche Medienwelt sieht - das findet der gestern ebenfalls in diesem Kontext erwähnte frühere Ex-BDZV-Vizepräsident Richard Rebmann "schade", wie er im Interview mit der SZ (deren Herausgeberrat er angehört) sagt. Denn: "So lange bleibt die Angelegenheit ungeklärt. Und letzten Endes muss sowohl das Präsidium als auch Herr Döpfner persönlich für sich entscheiden, ob er noch in der Lage ist, die Aufgabe des BDZV zu erfüllen. Diese Aufgabe besteht schließlich in der Wahrung des Ansehens der deutschen Zeitungsverlage. Im Präsidium sitzen kluge Köpfe, die werden ein Urteil finden und sagen, ob und unter welchen Voraussetzungen wir weiterarbeiten können. Das ist ein Abwägungsprozess, dem kann ich schwer vorgreifen."

+++ Über die Klagen verschiedener Investigativjournalisten und von Reporter ohne Grenzen gegen den Staatstrojaner berichten u.a. letztgenannte Organisation, das ND und netzpolitik.org.

+++ Der Freitag schließlich lobt einige öffentlich-rechtlich Gesprächsformate für Jüngere.

Neues Altpapier gibt es wieder am Montag.

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