Das Altpapier am 20. Januar 2022 Metaphern sind nicht nur Ausschmückungen …

..., sondern sie erschaffen Realitäten. Zudem auf der Agenda: In dem ZDF-Film "Die Wannseekonferenz" geht es nicht nur um historische Fragen. Thomas Gottschalk war bei seinem Debüt im Ersten 25 Jahre alt, und in dem Alter darf dort heute niemand mehr ran. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 20. Januar 2022: Porträt Autor René Martens
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Die Rolle der Medien in Pandemien seit 1889

Seit Beginn der Corona-Pandemie wissen wir auch ein bisschen besser Bescheid über die Spanische Grippe, weil sie in historischen Rückblicken auf Pandemien stets eine starke Rolle spielt. Dass dies auch aus medienhistorischer Perspektive stimmig ist, stellt Mark Honigsbaum in einem Interview heraus, das Philip Sarasin mit ihm für Geschichte der Gegenwart geführt hat

Honigsbaum ist Medizinhistoriker und Journalist, er hat  das 2019 erschienene Buchs "The Pandemic Century: One Hundred Years of Panic, Hysteria, and Hubris" (2019) geschrieben. Zur Erläuterung des Titels sagt er in dem Interview:

"(Ein) Grund für meine Datierung des 'Jahrhunderts der Pandemien' auf die Zeit ab 1918 ist, dass die Spanische Grippe mit dem rasanten Wachstum der Zeitungen und der internationalen telegrafischen Kommunikation zusammenfiel. Denn das bedeutet, dass zum ersten Mal in der Geschichte Informationen über neue Krankheitsausbrüche an die einheimische Bevölkerung weitergegeben werden konnten, noch bevor die Erreger selbst eintrafen."

Andererseits:

"Genau genommen war die erste Pandemie, bei der diese neuen Medientechnologien eine bedeutende soziale und kulturelle Rolle spielten, die russische Grippepandemie von 1889-92, die auf die Verlegung des transatlantischen Telegrafenkabels zwischen den Vereinigten Staaten und England folgte und mit dem Boom billiger, massenhaft verbreiteter Zeitungen und der raschen Expansion von Reuters und anderen Nachrichtenagenturen zusammenfiel, die die neuesten telegrafischen Kommunikationstechnologien nutzten. Das Ergebnis ist eine neue, moderne gesellschaftliche Realität, in der sich Informationen über neue Krankheitserreger schneller verbreiten als die Viren selbst, wodurch biopolitische Diskurse und die Fähigkeit, Pandemien mit rationalen wissenschaftlichen Methoden zu bewältigen, gestört werden."

Damit wären dann auch ein paar Stichworte für den Sprung in die Gegenwart gefallen. Sarasin fragt dann auch, welche Rolle die Medien in der Jetztzeit "bei einem Ausbruch einer Infektionskrankheit spielen". "Im Mittelpunkt" der "Übersetzung wissenschaftlicher Fachbegriffe in den Laiendiskurs", sagt Honigsbaum dazu, stehe die Metapher:

"Metaphern sind nicht nur rhetorische Ausschmückungen, sondern sie ‚erschaffen' oder konstituieren für uns soziale, kulturelle und psychologische Realitäten, indem sie uns auffordern, auf bestimmte Weise auf die Welt zu reagieren. Bei dieser Pandemie wurden wir beispielsweise immer wieder aufgefordert, ‚die Kurve abzuflachen' oder Impfstoffe als 'Silberkugeln' zu betrachten, die den 'Krieg' gegen das Virus zu einem raschen Ende bringen und die Wiederherstellung eines normalen sozialen Lebens ermöglichen werden."

Eine allgegenwärtige Metapher im Zusammenhang mit Omikron ist derzeit bekanntlich die von Honigsbaum allerdings nicht erwähnte "Wand", siehe aktuell etwa beim "Tagesspiegel" ("Berlin gegen die Omikron-Wand: Bald auch Ausfälle bei U-Bahn und Tram?) oder bei n-tv ("Stürzt die Omikron-Wand nach drei Wochen ein?") - wobei ja auch die "Welle" als Metapher noch in Gebrauch ist ("Blind durch die Omikron-Welle", Zeit Online).

"Die Metaphern können zwar dazu beitragen, den sozialen Zusammenhalt zu stärken und unser Verhalten zu lenken, aber in dem Maße, in dem sie komplexe wissenschaftliche und soziale Realitäten vereinfachen oder verzerren, sind sie ein zweischneidiges Schwert."

"Die Wand" scheint mir übrigens eine im guten Sinne vereinfachende Metapher zu sein.

Was Honigsbaum am Ende des Gesprächs sagt, sollten sich nicht nur Kolleginnen und Kollegen aus den Wissenschaftsressorts immer wieder vergegenwärtigen: 

"Wir wissen, dass zwei Drittel der neu auftretenden Krankheitserreger beim Menschen zoonotisch sind und dass davon 70 Prozent von Wildtieren wie Fledermäusen, Nagetieren und wilden Wasservögeln stammen. Es wäre daher für die Pandemievorsorge und -bekämpfung sehr hilfreich, wenn wir einen besseren Überblick darüber hätten, welche Erreger sich in den Reservoirs von Wildtieren befinden und welche das Potenzial haben, "überzuschwappen" und Epidemien und Pandemien auszulösen."

Was "wir" ebenfalls schon "wissen":

"Dass die Globalisierung in Verbindung mit der steigenden Nachfrage nach tierischem Eiweiß und der fraktalen Landwirtschaft am Rande der Regenwälder diese Ausbrüche wahrscheinlicher macht, und dass wir dringend die Laborkapazitäten ausbauen und mehr in die Gesundheitsversorgung an vorderster Front investieren müssen, wenn wir eine Chance haben wollen, in Zukunft schneller zu reagieren (…) Solche Erkenntnisse sind wichtig, weil sie unterstreichen, dass Infektionskrankheiten Teil eines ökologischen Netzes sind, das seinerseits von einer Konstellation wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Faktoren beeinflusst wird, und dass Pandemien wahrscheinlicher werden, wenn unsere Welt aus dem Gleichgewicht mit der Natur gerät."

Die von Politikern und Journalisten gern beschworene "Rückkehr zur Normalität" wäre also eine "Rückkehr" in einen Zustand, in dem wir keine Chance haben, Pandemien zu verhindern.

Über ein "Meisterwerk", das ein mulmiges Gefühl hinterlässt

Ab heute ist Matti Geschonnecks Spielfilm "Die Wannseekonferenz" in der ZDF-Mediathek zu sehen, ein "strenges, finster entschlossenes Meisterwerk", wie im Spiegel (€) bereits zu lesen war.

Heute loben Alexander Gorkow und Joachim Käppnerauf der SZ-Medienseite den Film ausgiebig:

"Geschonneck hatte seinen Schauspielern, die die 15 Teilnehmer der Wannseekonferenz vom Januar 1942 spielen, eingeschärft: Sie sollen keine Nazis spielen. Sondern Männer, die auf einer Konferenz miteinander ringen um Lösungen, um Rangstreitigkeiten, Kompetenzabgrenzungen, Eigeninteressen der Ressorts - es ist das, was die meisten Menschen aus dienstlichen Besprechungen kennen werden, man darf sich da erschrecken. Nur dass es hier nicht um neue Produkte geht. Es geht stattdessen um den größten Massenmord der Geschichte."

Und für den "Tip Berlin" schreibt Katharina Dockhorn:

"Das ästhetische Konzept geht dank der schauspielerischen Qualität des Ensembles – unter anderem Maximilian Brückner, Fabian Busch, Godehard Giese, Peter Jordan – auf. Das Drehbuch ist auf den Punkt durchkomponiert und gibt dem statischen Geschehen ungeheure innere Dynamik Am winterlich verschneiten Wannsee treffen Logistiker aufeinander, für die Menschen nichts als Zahlen sind, die es effizient und systematisch zu dezimieren gilt (…) Entsprechend bleibt der Ton sachlich. Es ist genau diese Kühle der Männer und ihre distanzierte Sprache, die ein mulmiges Gefühl hinterlassen."

Ein "mulmiges Gefühl" hinterlässt "Die Wannseekonferenz" aber auch deshalb, weil heute jeder Film über die NS-Zeit in gewisser Hinsicht auch einer über die Gegenwart ist - jedenfalls angesichts dessen, was sich derzeit fast jeden Abend auf den Straßen in vielen deutschen Städten abspielt. Und auch angesichts dessen, dass ein jeder Restwürde verlustig gegangener Ministerpräsident Neonazis so wichtig nimmt, dass er sich bei ihnen anzubiedern versucht.

Die SZ greift dann auch folgende Äußerung des Produzenten Oliver Berben von der Firma Constantin Film auf:

"Was passiert, wenn aus dem gesprochenen Wort Aktion wird? (…) Das ist keine historische Frage."

Jedenfalls "nicht in den Zeiten verbaler Radikalisierung wie in unseren oft hysterischen Tagen", wie die SZ direkt anfügt. Wobei wir ja eben nicht nur in Zeiten "verbaler Radikalisierung" leben, sondern in Zeiten, in denen, um Berbens Worte aufzugreifen, "aus dem gesprochenen Wort Aktion wird" - wie sich in der Nacht zu Mittwoch etwa im niedersächsischen Delmenhorst anhand von Hakenkreuz- und "Wir machen Holocaust"-Schmierereien an und vor dem Verlagshaus des dortigen "Kreisblatts" zeigte. Das zur NOZ-Mediengruppe gehörende "Kreisblatt" berichtet in eigener Sache, der "Weser-Kurier" aus dem nahen Bremen tut es auch - aber angesichts der fehlenden Aufmerksamkeit anderswo kann man den Eindruck bekommen, dass solche Angriffe auf Medienhäuser längst als Teil der Normalität betrachtet werden.


Altpapierkorb (programmkundige TV-Zuschauer, zwei Korrespondenten für 870 Millionen Einwohner, alte TV-Moderatoren, personeller Aderlass in Stuttgart)

+++ In einem FAZ-Interview (bei Blendle für 75 Cent) äußert sich Heike Raab, die rheinland-pfälzische Medienpolitik-Strategin, zu den Vorschlägen zur Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die Bürgerinnen und Bürger bis Ende der vergangenen Woche im Rahmen einer Online-Anhörung vorbringen konnten: "Bürgerinnen und Bürger haben uns unendlich viele Ideen und Überlegungen zum Programm geschickt: mehr Krimis, weniger Krimis; mehr Heimatserien, weniger Heimatserien; mehr 'Traumschiff', weniger 'Traumschiff' oder auch mehr Quiz-Formate, weniger Quiz-Formate. Dabei zeigen sich die Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als kundige Programmkritiker. (…) Die Sender werden die Möglichkeit haben, auf diesen Input zuzugreifen, soweit die Einreichenden einer Veröffentlichung zugestimmt haben."

+++ Der Historiker und Germanist Ladislaus Ludescher, unter anderem Autor der 2020 erschienenen Studie "Vergessene Welten und blinde Flecken. Die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens", ist ebenfalls ein kundiger Beobachter des öffentlich-rechtlichen Programms, insbesondere der "Tagesschau" (siehe Altpapier). Nun hat die Wochenzeitung Kontext mit ihm gesprochen. Ludescher sagt in dem Interview unter anderem: "Für das ARD-Studio in Nairobi gibt es zwei Korrespondenten und die sind für 38 afrikanische Staaten verantwortlich mit 870 Millionen Einwohnern. Im Fernsehstudio in Prag sitzen auch zwei ARD-Korrespondenten, und die haben als Gebiet Tschechien und die Slowakei mit 16 Millionen Einwohnern. Das zeigt die Relationen – und gibt natürlich auch ein Stück weit vor, welche Regionen wie stark abgebildet werden." Siehe dazu auch den an dieser Stelle schon öfter erwähnten Altpapier-Jahresrückblick zur Afrika-Berichterstattung.

+++ Angesichts dessen, dass "so viele deutsche TV-Moderatoren im Rentenalter sind", fragt Aurelie von Blazekovic auf der Seite Eins der SZ: "Wer gibt heute 30-jährigen Moderatoren eine Chance, nicht nur in Youtube- und Jugendformaten, sondern auf der ganz großen Bühne? Als 1976 die allererste Fernsehsendung von Thomas Gottschalk ausgestrahlt wurde, 'Szene' im Ersten, war er 25 Jahre alt." Sehr viel, sagen wir mal: reifer wirkte Gottschalk auch drei Jahre später in "Szene 79" nicht, als er den "Love Song" von The Damned ansagte, aber vielleicht liegt das auch an der Latzhose.

+++ Und dann noch eine dpa-Schreckensmeldung mit Medienbranchenbezug (via "Spiegel" und "Horizont"). In der gemeinsamen Redaktion der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten" wird es demnach Ende des Jahres 50 Kolleginnen und Kollegen weniger geben als heute.

Neues Altpapier erscheint am Freitag.

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