Das Altpapier am 29. August 2022 Krise der Kritik

Wer es gut meine mit ARD und ZDF, soll sie präzise kritisieren, fordert Carolin Emcke. Wie man unpräzise und unredlich kritisiert, zeigt "Bild", die behauptet, "bei den Öffentlich-Rechtlichen" seien nun "Winnetou"-Filme abgemeldet. Und: Die MDR-Affäre um Udo Foht ist zurück in den Medien. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Das Altpapier am 29. August 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Ein Rücktritt beim MDR

Es gibt derzeit mehrere Anlässe, sich mit den Öffentlich-Rechtlichen zu beschäftigen. Tatsächliche wie aufgeblasene. Der RBB-Skandal steht heute allerdings einmal nicht im Mittelpunkt dieser Kolumne, weil es seit Freitag wenig Neues zu vermelden gibt – außer, dass die Suche nach einem Interims-Intendanz-Kandidaten (Altpapier) nun mit einer Eile betrieben werde, die "einigen Mitgliedern des Rundfunkrates (…) Bauchschmerzen" bereite, so der "Tagesspiegel".

Nachrichten gibt es dafür vom MDR, unter dessen Dach auch diese Kolumne erscheint: Ines Hoge-Lorenz, die Landesfunkhausdirektorin in Sachsen-Anhalt, tritt, wie der MDR am Freitag bekannt gab, "aus eigenem Entschluss" von ihrem Posten zurück, weil "sie es versäumt habe, den MDR darüber zu informieren, dass ihr Ehemann vor über 10 Jahren eine Rolle in der Causa Foht gespielt habe", und nun unter anderem verhindern wolle, dass der Anstalt dadurch Schaden entstehe. Udo Foht, das ist der ehemalige Unterhaltungschef, dessen Fall den MDR 2011 "massiv erschüttert" hat, wie das "Flurfunk"-Blog nun schreibt. Zusammengefasst, so faz.net (via Agenturen),

"stehen Vorwürfe im Raum, dass es ab Februar 2008 Filz und Geldschiebereien gegeben haben soll. Der MDR hatte Foht nach Aufkommen des Skandals gekündigt. Vor dem Arbeitsgericht schlossen Foht und der MDR einen Vergleich. Am 1. September beginnt der Strafprozess gegen ihn."

Das ist also in dieser Woche. Weshalb die "Süddeutsche Zeitung" vermutet, dass der Foht-Fall, jetzt "wieder einige Aufmerksamkeit auf sich ziehen" dürfte – zu einem "Zeitpunkt, wie er für die ARD kaum ungelegener kommen könnte".

Dass 2011, in der Berichterstattung über den Fall Foth, vielfach kommentiert wurde, dass die Kontrolle durch den MDR-Rundfunkrat nicht gut funktioniert habe: Daran wird angesichts der laufenden Debatte über die Kontrollgremien des RBB (die also nicht die erste ihrer Art ist) jedenfalls nun gewiss noch öfter erinnert werden. Hier im Altpapier (das seinerzeit noch beim Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik erschien) amüsierte sich Christian Bartels damals einmal über den hübschen mutmaßlichen f/g-Vertipper im Satz "Derweil schläft der MDR-Rundfunkrat Alarm".

Neues vom NDR dann unten im Altpapierkorb. Und hier nun zu einer anderen Perspektive auf die Öffentlich-Rechtlichen: Es geht ums Fiktionsprogramm.

Ein Ausweg aus der Zweiseitigkeit der Debatte

"Die Kritik der öffentlich-rechtlichen Programme hat ja in den vergangenen Jahren so funktioniert, dass die AfD den ganzen Laden abschaffen wollte, weshalb jeder besonnene Gebührenzahler ihn verteidigen musste. Wenn es die Öffentlich-Rechtlichen nicht gäbe, müsste man sie erfinden, sagen die gern über sich selbst – und übersehen dabei, dass man sicher nicht diesen aufgeblähten, unbeweglichen, ständig unter seinen eigenen Möglichkeiten arbeitenden Riesenapparat er­fände. Und erst recht nicht die daran angeschlossene Fiktionsindustrie."

Schreibt Claudius Seidl auf der Feuilletonaufschlagseite der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Und kritisiert vor allem diese Fiktionsindustrie für ihre vielen "Soko-Bielefelds und Tirana-Krimis" hart, aber genau. Gut so, würde vielleicht Carolin Emcke sagen, die in ihrer monatlichen Kolumne in der "Süddeutschen Zeitung" diejenigen,  "die es gut meinen mit ARD und ZDF", anregt, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk präzise zu kritisieren und Veränderungen einzufordern:

"Vielleicht ist das der eigentliche Skandal, den es aufzuklären gilt: dass diejenigen, die das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für eine unverzichtbare, großartige Institution halten, es nicht scharf genug kritisiert haben, wenn es erkennbar seinem Anspruch und Auftrag nicht nachkam. Vielleicht ist das der eigentliche Skandal, dass diejenigen, die an dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk hängen, ihn allzu oft bloß kategorial gegen alle politisch-motivierten Anfechtungen verteidigt haben, anstatt ihn konkret und präzis zu kritisieren und zu verbessern. Vielleicht ist das das eigentliche Versäumnis, aus purem Entsetzen über die destruktiven Ambitionen der Gegner das eigene Unbehagen, die eigene Skepsis, die eigene Unzufriedenheit unterdrückt zu haben."

Das wäre in der Tat ein Ausweg aus der tendenziellen Zweiseitigkeit der Debatte über die Öffentlich-Rechtlichen: wenn die oft destruktive, manchmal vollkommen lächerliche Kritik der "Gegner" (Emcke) nicht mit grundsätzlicher und ausschließlicher Zustimmung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk beantwortet würde. Sondern mit besserer, weil möglichst präziser Kritik. Denn dass er reformbedürftig ist, das wissen eigentlich alle, auch innerhalb der Anstalten.

Mit Desinformation gegen die Öffentlich-Rechtlichen

Wie schwer es aber sein kann, sich nicht vom "Entsetzen über die destruktiven Ambitionen der Gegner" (Emcke) überwältigen zu lassen: Das hat sich am Wochenende am Beispiel der weitergehenden "Winnetou"-Berichterstattung gezeigt, die ziemlich groteske Züge angenommen hat. Und die man schwer mit einem anderen Begriff zusammenfassen kann, als mit dem, den der für den SWR tätige Daniel Bouhs bei Twitter benutzt hat: Desinformation. Die Winnetou-Debatte zeige, wie Desinformation funktioniere, schrieb er – und dass sie "auch innerhalb unserer etablierten Medienszene eingesetzt wird".

"ARD zeigt keine Winnetou-Filme mehr", hatte "Bild" online am Freitag unter der Dachmarke "Sender zieht Schlussstrich" geschrieben. Was Chefredakteur Johannes Boies Redaktion dem Sinngehalt nach vermittelte, war – im Kontext der jüngsten "Winnetou"-Diskussion bzw. Winnetou-"Diskussion" (siehe Altpapier), die von "Bild" als Cancel-Culture-Debatte befeuert wurde – also, dass die ARD nun die Filme aus dem Programm nehme. Der erste Satz des Textes lautet: "'Winnetou' ist auch bei den Öffentlich-Rechtlichen erst mal abgemeldet!"

Im weiteren Verlauf der Onlinefassung des Texts hieß es dann: "Auf BILD-Anfrage teilte die ARD mit, dass kein ARD-Sender Winnetou-Filme mehr spielt. Bereits im Jahr 2020 ließen die Anstalten die nötigen Lizenzen auslaufen." Und noch weiter unten: "Das ZDF werde 'in den nächsten Jahren' weiter Winnetou-Filme ausstrahlen."

Ob ARD und ZDF also "Winnetou"-Filme zeigen, und wer von beiden: Das hat mit der laufenden Diskussion über eine von einem Verlag zurückgezogene neue "Winnetou"-Erzählung nichts zu tun. Die Lizenzen wechselten vor zwei Jahren. Und das ZDF zeigte, wie t-online.de nach der "Bild"-Veröffentlichung schrieb, zuletzt im Juni "zwei Karl-May-Klassiker: 'Der Ölprinz' und 'Der Schatz im Silbersee'. Für den 3. Oktober steht bereits die nächste Ausstrahlung im Programmkalender: 'Winnetou und das Halbblut Apanatschi' ist ab 11.30 Uhr von dem öffentlich-rechtlichen Sender aus Mainz eingeplant."

Es gibt also keine Nachricht. Es gibt nichts zu deuten. Es gibt nichts, was eine Beschäftigung damit zum jetzigen Zeitpunkt nahelegen würde. Außer Kampagnenlust. Und doch ist es schwer, diese Berichterstattung mit der Nichtbeachtung zu strafen, die sie verdienen würde; sie triggert offensichtlich viele – was etwa die glossierende Nachbereitung im "Tagesspiegel" oder den verzweifelten Hilferuf über diese Scheindebatte bei "Zeit Online" erklärt.

"Kritik in der Krise"?

Und da sind wir auch wieder bei Carolin Emckes Forderung, nicht aus "Entsetzen über die destruktiven Ambitionen der Gegner" die eigene Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurückzuhalten.

"Bild", schrieb Stefan Niggemeier am Sonntag im "Übermedien"-Newsletter, hat mit ihrer "irreführend verpackten Meldung" nicht nur "offenbar eine rekordverdächtige Menge an sinnloser Leser-Empörung ausgelöst". Sondern, und dadurch wird die Sache sehr schwer ignorierbar, auch Reaktionen von Vertreterinnen und Vertretern von CDU, CSU, FDP und vom in "Bild" immer wieder "Klartext" brummkreiselnden ehemaligen Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), die sich ein Satireportal zum Teil kaum besser hätte ausdenken können.

Andreas Scheuer wird etwa in "Bild" zitiert: "Ich gehe jetzt erstmal Winnetou-Material hamstern, bevor die ARD noch alles aufkauft." CSU-Chef Markus Söder twitterte mit Bezug auf die "Bild"-Berichterstattung: "Es ist falsch, dass Buchverlage und Sender aus Sorge vor Kritik einzelner Winnetou verbannen." Und auch der MDR wurde quasi am Nasenring in die Manege gezogen. Von der CDU-Fraktion im sächsischen Landtag nämlich – in einem Instagram-Posting, das mit "Kein Winnetou mehr? Hallo MDR, wir müssen reden!" begann. Zitiert wird darin der CDU-Medienpolitiker Andreas Nowak, das sei "ein weiterer Schritt der #CancelCulture"; und dass "das von einem öffentlich-rechtlichen Sender vorangetrieben" werde, sei "inakzeptabel".

Dass mit solchen Verdrehungen, die in diesem Fall "Bild" in die Diskussion einspeist, Politik gemacht zu werden droht: Das wird wohl ein Quell der diskursiven Falle sein, die Carolin Emcke benannt hat. Denn wer auch immer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wie sie fordert, präzise kritisieren will, hat doch immer wieder erst einen Haufen Empörungsschlick aus dem Weg zu räumen, in den die RBB-Krise und der rein gar nichts bedeutende Wechsel eines Lizenzpakets von ARD zu ZDF gleichermaßen hineingemengt werden.

Robert Misik hat sich in einer "taz"-Kolumne am Samstag zwar nicht mit den Öffentlich-Rechtlichen beschäftigt, sondern mit der "Kritik in der Krise". Aber sein Text ist hier anschlussfähig. Er schreibt:

"Das Problem ist die Neigung zur relationalen Ordnung im politischen Diskursfeld. Klingt jetzt etwas deppert akademisch. Wie könnte man das einfacher beschreiben? Dass man die eigenen Positionen nicht immer nur quasi aus sich heraus entwickelt, sondern in Abgrenzung und im Konflikt zu Positionen, die andere haben."

Übertragen auf die Debatte über die Öffentlich-Rechtlichen: Wenn der ARD mit großer Wucht Harmlosigkeiten wie ein Kinderlied über eine "Umweltsau" oder, wie jetzt, ein ausgedachtes "Winnetou"-Cancelling vorgeworfen wird – so könnte die Rundfunkkritik derer, "die es gut meinen mit ARD und ZDF" (Carolin Emcke), womöglich deshalb manchmal zu leise artikuliert werden, weil sie nicht wirken soll wie ein bloßes Einstimmen in einen großen gemeinsamen Chor, der das Lied von der Abschaffung der Öffentlich-Rechtlichen singt.

Es könnte freilich auch sein, und das ist Stefan Niggemeiers abschließender Eindruck in seinem Newsletter: dass die "Winnetou"-Debatte, wie "Bild" und die zitierten Politikerinnen und Politiker sie führen, doch zu erkennbar überdreht ist:

"Ein üblicher Vorwurf an all die sogenannten 'woken' Aktivisten ist ja, dass sie grundsätzlich berechtigte Anliegen, Sorgen und Einwände ins Irrwitzige übertrieben und so das Gegenteil dessen erreichten, was sie eigentlich wollten. (…) Aber mir kommt es so vor, als ob die Gegenbewegung es in diesem Fall mindestens so sehr übertreibt und jegliche Sphären eines ernst zu nehmenden Konservatismus weit hinter sich gelassen hat."

Dass solcherlei Debatten wie die über "Winnetou" darüber hinaus Aufmerksamkeit von anderen Themen abziehen, die ganz offensichtlich wichtiger sind, wie Kia Vahland in der "Süddeutschen Zeitung" kommentiert, kommt noch dazu. Aber das hatten wir an dieser Stelle schon mal am Freitag.


Altpapierkorb (NDR-Landesrundfunkrat, BBC)

+++ Am heutigen Montag will in Kiel der NDR-Landesrundfunkrat Schleswig-Holstein zusammenkommen und "in einer Sondersitzung über Vorwürfe im Zusammenhang mit der Politik-Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Senders beraten" (dpa/horizont.net). Nach dem "Business Insider" hatte nun der "Stern" über mögliche "Hofberichterstattung" des NDR und eine Art "politischen Filter" berichtet (Altpapier vom Donnerstag) – und eine zu "große Nähe" zur CDU-geführten Landesregierung. Wäre das so, wäre es "ein Fiasko", findet die "FAS": "für den NDR, die ARD, den Ruf des öffentlich-rechtlichen Journalismus. Und für all jene, die den Kollegen jener Sender so gerne einen notorischen Linksdrall unterstellen." Auch bei "Übermedien" gibt es einen Text über den Fall.

+++ Die BBC wird derzeit kritisiert, weil es "vermeintliche konservative Einflüsse" auf die Berichterstattung gebe. Die "Frankfurter Rundschau" und der "Tagesspiegel" berichten über die Hintergründe: "Allzu häufig gebe die Sender-Spitze der Kritik aus der Downing Street nach, glaubt Emily Maitlis, die vor ihrem Ausscheiden im Frühjahr Jahrzehnte lang führende BBC-Magazine moderiert hatte."

Neues Altpapier gibt es am Dienstag.

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