Das Altpapier am 17. Oktober 2022 Bürgerliche Kälte

Sagt der abwertende und höhnische Umgang mit Margarete Stokowskis Long-Covid-Krankheit nicht nur etwas aus über die Niedertracht einiger Journalistinnen und Journalisten, sondern auch über die gesamtgesellschaftliche Haltung zu Schwerkranken? Außerdem: eine Würdigung der Zeitschrift "Pardon". Ein Altpapier von René Martens.

Das Altpapier am 17. Oktober 2022: Porträt des Altpapier-Autoren René Martens
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Seit zehn Jahren an Kotze gewöhnt

Wenn Journalisten über Veranstaltungen der Bundespressekonferenz schreiben, gehen sie in der Regel nicht auf das Outfit jener ein, die auf dem Podium sitzen. Als dort am Freitag die wegen ihrer Long-Covid-Erkrankung nicht mehr arbeitsfähige "Spiegel"-Kolumnistin Margarete Stokowski saß, um - an der Seite des Ministers Karl Lauterbach, der an diesem Tag eine neue Impf-Kampagne vorstellte - über die Schwere ihrer Krankheit zu berichten, war das anders.

"Stokowski trägt Nasenring, schwarzen Hoodie, mehrere Goldketten und roten Nagellack",

schreibt Frédéric Schwilden in der "Welt". Subtext: Sie tritt nicht so auf, wie man das von einer Schwerkranken erwartet.

Dass die Journalistin Stokowski gemeinsam mit einem Minister auftrat, sei "angreifbar", meint Schwilden, und das ist grundsätzlich natürlich eine legitime Kritik. Tatsächlich ist Stokowski aber gar nicht als Journalistin aufgetreten, was Schwilden dann auch erwähnt:

"Auf dieser Veranstaltung in Berlin ist sie als Betroffene geladen. Das ist die Rolle, die das Gesundheitsministerium für sie vorgesehen hat, die sie aber auch dankend angenommen hat. Jetzt ist sie Long-Covid-Influencerin der Bundesregierung."

"Rolle", "dankend angenommen", "Long-Covid-Influencerin" - Mühe, seine Abneigung für Stokowski zu verbergen, gibt sich Schwilden nicht.

Der Autor Frédéric Valin verweist in einem Facebook-Post darauf, dass Stokowskis "Medien- und Öffentlichkeitserfahrung bei einem solchen Auftritt hilfreich" sei, weil sie es (auf entwaffnende und unglaublich souveräne Art) schafft, all die Anwürfe an sich abprallen zu lassen - und dass Schwilden selbst dazu beitrage, dass es "diese Masse an unaufrichtigen Angriffen" gebe.

Abgesehen davon, kann man Stokowskis Auftritt auf der BPK auch als mindestens implizite Medienkritik verstehen, als Reaktion darauf, dass der Journalismus in seiner Gesamtheit der Dramatik der Corona-Lage im Allgemeinen und der Long-Covid-Problematik im Besonderen nicht gerecht wird. Wäre die Corona-Berichterstattung und das Informations-Level in der Bevölkerung besser, hätte sich Stokowksi nicht aufs BPK-Podium setzen müssen.

Diverse "Springer-Sherlocks" (Alena Schröder) durchforsteten nach der Veranstaltung Stokowskis Twitter-Account, um etwas zu finden, dass sich vermeintlich gegen sie verwenden ließe.

"Stokowski kritisiert, dass viele Long Covid mit Burn-out oder Depression gleichsetzten. ‚Beides habe ich nicht‘, sagt sie. Allerdings schrieb sie im Dezember 2020 noch, dass sie ‚jahre- oder jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Depressionen habe.’"

twitterte zum Beispiel "Welt"-Feuilletonchef Andreas Rosenfelder.

Worauf die Schriftstellerin Asal Dardan folgendermaßen reagierte:

"Sind Sie stolz auf Ihre Arbeit? War das Ihr Traum als junger Mensch, solche Arbeit zu leisten als Journalist? Macht es Ihnen Spaß, das Geld auszugeben, das sie auf diesem Weg verdienen? Glauben Sie, jemand wird sich an diese Arbeit erinnern und Sie dann wertschätzen?"

Frédéric Valin, der aufgrund seiner Erfahrungen in der Krankenpflege noch einmal einen anderen Blick auf Corona als die meisten zu dem Thema Publizierenden hat, schreibt dazu in dem erwähnten Post:

"Man könnte (…) annehmen, dass Margarete Stokowski durch eigene Erfahrung weiß, worin der Unterschied zwischen Depression und Long-/Post-Covid (besteht)."

Generell ordnet Valin das Wirken der "Welt"-Leute so ein:

"Der (…) Welt-Feuilletonist (…) insinuiert (…) zweierlei: Margarete Stokowski sagt die Unwahrheit, wenn sie von ihrer Erkrankung berichtet, entweder weil sie eine hidden agenda verfolgt, oder weil sie selbst nicht durchschaut, was sie da sagt, und sich unwissentlich zum Teil einer (Regierungs-)Propaganda macht. Schwilden und Rosenfelder docken hier an die Verschwörungsmythen der Querdenker*innen an."

Was taten andere "Welt"-Leute? Einer, der frei für den dortigen Bereich "Schwerpunktrecherche" tätig ist, machte auf dicke Hose, weil er herausgefunden hatte, dass Stokowski "kein Geld" dafür bekommen hatte, dass sie auf der BPK über ihre Erfahrungen berichtete. Die Chefreporterin Hühnerfrikassee sprach mit Bezug auf Lauterbach und Stokowski von "Panikkampagne" und "Gruseltheater" (Screenshot in diesem Tweet), und ein Fahrrad fahrender Kolumnist bezeichnete Long Covid als "normale Härte des Daseins" (Screenshot in diesem Tweet).

Am meisten Kritik zog eine bis vor wenigen Monaten noch für die "Bild"-Zeitung tätige Journalistin auf sich, die ein paar Fotos von Stokowski zusammenstellte, um die Botschaft zu verbreiten, dass jemand, der sich die Nägel lackiere und Brot backe, ja nicht schwer krank sein könne (Screenshot unter diesem Tweet rechts unten).

"Ich kann das wirklich kaum fassen, wie wieviel Niedertracht man aufbringen muss, um Menschen zu verurteilen, die in Leidens- und Krankheitsphasen jeden guten Moment mitnehmen, der möglich ist!",

kommentiert der Literaturwissenschaftler und "54 books"-Redakteur Simon Sahner.

"Mir macht der Hass nix, ich kenn das einfach schon zu lange. Es ist Teil meines Jobs seit über zehn Jahren, und ich denke mir immer, in anderen Berufen gewöhnt man sich auch daran, mit Scheiße und Kotze umzugehen."

"Faktisch geht es dabei natürlich allerdings nicht so sehr um mich als Person, sondern um einen tiefen Hass auf kranke oder behinderte oder sonstwie als schwach verstandene Menschen."

Hanning Voigts, Landeskorrespondent der "Frankfurter Rundschau" in Wiesbaden, twittert auf seinem Account:

"Die Frage, wie man so hasserfüllt wird, dass man auf eine chronisch Kranke draufhaut, kann ich nicht beantworten. Ich behelfe mir da meist mit Adornos These der bürgerlichen Kälte. Das bürgerliche Subjekt, das sich als Monade in Konkurrenz begreifen muss, ist einfach beschädigt."

Dass diese Kälte nicht "nur" bei manchen Menschen zu beobachten ist, die Texte in die Content-Management-Systeme von Medienunternehmen einspeisen oder einspeisen lassen (um mal einen Versuch zu unternehmen, den Begriff "Journalisten" zu vermeiden), konstatiert der Arzt Philipp S. Holstein:

"Der Umgang mit @marga_owski zeigt klar, wohin unsere ‚Gesellschaft‘ sich entwickeln soll: Wenn Du chronisch krank bist, sei dankbar, dass Du nicht in den Sumpf geschubst wirst. Teilhabe und Lebensfreude haben wir heute leider nicht für Dich vorgesehen, das wäre ja noch schöner."

Stokowski selbst ruft "den Pfeifen von Springer u.ä." zu:

"Fakt ist, dass ich krank bin & vermutlich trotzdem glücklicher als ihr."

Das "u.ä." gibt Anlass, auf weitere Berichterstattung zu Stokowksi und der BPK einzugehen. Burkhard Ewert, ein konservativer Knochen aus der Chefredaktion der "Neuen Osnabrücker Zeitung", bezeichnet sie als "Aktivistin", und da weiß man dann ja immer schon, wie der Hase läuft. Ewert kritisiert:

"(Sie) bezeichnet (…) Menschen, die anderer Meinung sind als sie und ihr Umfeld, als ‚Deppen‘ und ‚Corona-Leugner‘. Sie greift also genau die Adressaten an, um die sie und die Kampagne werben sollen. Anders gesagt: Ihr und Lauterbach geht es um eine Kampagne aus der Blase für die Blase."

Ohne darauf jetzt inhaltlich einzugehen: Als Nicht-Regierungsvertreterin muss Stokowski ja nun keineswegs staatsmännisch reden.

Bemerkenswert ist hier die Verbreitung des Kommentars. Wenn man die Suche im Genios-Archiv als Maßstab nimmt, ist der gedruckt mit "Aus der Blase für die Blase" überschriebene Text in 34 verschiedenen Zeitungen erschienen - in überregional weniger bekannten wie "Der Prignitzer" oder dem "Wedel-Schulauer Tageblatt" und in relativ namhaften wie dem "Flensburger Tageblatt" oder der "Schweriner Volkszeitung". Sie gehören allesamt zum NOZ-Imperium.

Die Vereinheitlichung weiter Teile der Regionalzeitungs-Berichterstattung zu erwähnen, ist an sich natürlich nicht besonders originell, aber es kann ja nicht schaden, hin und wieder die konkreten Folgen der Zentralisierungprozesse zu benennen. In Sachen Marktanteile ist die NOZ-Gruppe übrigens "nur" die aktuelle Nummer neun unter den Zeitungsverlagsgruppen (an der Spitze steht die Verlagsgruppe Stuttgarter Zeitung/Die Rheinpfalz/Südwest Presse, siehe "Media Perspektiven" 6/22)

Medienhistorie und Medienzukunft

Angesichts der Art, wie Springer-Leute mit Margarete Stokowski umspringen, kann man natürlich mal wieder die Frage stellen: Ist der Konzern heute gefährlicher als zu jenen Zeiten, als er sich bisher am stärksten Gegenwehr ausgesetzt sah? Instruktiv ist in diesem Kontext ein Beitrag Rudi Dutschkes, der im Frühjahr 1967 in der Zeitschrift "Pardon" erschienen ist und nun nachgedruckt wurde in dem Buch "Teuflische Jahre. Pardon. Die deutsche satirische Monatsschrift 1962-1982". Hier handelt es sich wiederum um ein Buch zur Ausstellung (die am Wochenende im Caricatura-Museum in Frankfurt eröffnet wurde).

Dutschke also schrieb (unter der Oberüberschrift "Wer hat Angst vor Axel Springer?"):

"In der Bundesrepublik und besonders in Westberlin beherrscht der Springer-Konzern die Massenzeitungen, die immer noch bedeutendste Indoktrinierungsebene. Der Konzern entfaltet seit langer Zeit im Interesse der bestehenden Ordnung eine etatmäßige Verhetzung aller Kräfte, die das Freund-Feind-Schema der Meinungsmacher nicht akzeptieren wollen."

Die "bedeutendste Indoktrinierungsebene" sind gedruckte "Massenzeitungen" mittlerweile nicht mehr, aber es gibt noch eine wesentlich interessantere Veränderung. Springer agiert heute ja nicht mehr "im Interesse der bestehenden Ordnung", sondern um diese (mindestens) zu destabilisieren.

Ein paar grundsätzliche Worte über "Pardon" sollte man an dieser Stelle natürlich auch verlieren. Von "Pardon" spaltete sich Ende der 1970er Jahre die "Titanic" ab, aber das ist natürlich nur eine sehr grobe Einordnung.

Buch-Herausgeber Gerhard Kromschröder, zwölf Jahre lang Redakteur der Zeitschrift, schreibt im Vorwort:

"'Pardon' setzte Maßstäbe in einer Respektlosigkeit gegenüber weltlichen und kirchlichen Autoritäten, (…) provozierte Skandal und Debatten (…) (und) wurde vom rechten politischen Lager mit Prozessen überzogen."

Beziehungsweise: Es war "ein Blatt, das investigativen Journalismus, kompletten Nonsens, Anarchie und Aktionismus fröhlich vereinte" ("Frankfurter Rundschau" anlässlich der Ausstellung).

"Zu ihren Glanzzeiten kam (die Zeitschrift) auf eine Auflage von 320 000 und hatte anderthalb Millionen Leser",

schreibt die FR dann auch noch, und das kann man als Anlass nehmen, in die zumindest unter Auflagenaspekten eher triste Gegenwart linker Publizistik überzuleiten. Die in dieser Kolumne gelegentlich gelobte Wirtschaftszeitung "Oxi" teilt in ihrer am Freitag erschienenen Oktober-Ausgabe mit:

"5.000 Abonnements würden es uns ermöglichen, in der gewohnten Form weiterzumachen. Zur Ehrlichkeit gehört: 4.000 fehlen uns dafür noch."

Dass "Oxi" bisher mit 1.000 eigenen Abonnenten existieren konnte, liegt an einer Kooperation mit dem ND. Die wird aber bald Geschichte sein. Im Detail heißt es dazu:

"So wie es aussieht, werden die ND-Abonnent:innen ab April auf das Vergnügen, unsere Zeitung zu lesen, verzichten müssen. Und da wir nun mal über Wirtschaft schreiben, wissen wir auch, was das für eine gute, aber recht kleine Zeitung wie diese betriebswirtschaftlich heißt. Mit den gegenwärtig vorhandenen Einzelabonnements können wir nach Beendigung der Kooperation, die aus wirtschaftlichen Erwägungen seitens der ND-Genossenschaft gekündigt wurde, keine Monatszeitung mehr produzieren, drucken und verteilen."

In der Region der von "Oxi" angestrebten 5.000 bewegen sich wahrscheinlich auch die Abonnentenzahlen von "konkret" und "Jungle World", insofern ist das kein unrealistisches Ziel. Andererseits ist angesichts steigender Lebenshaltungskosten momentan keine gute Zeit für Print-Abo-Aufrufe.


Altpapierkorb (Öffentlich-rechtlicher Systemfehler, drohende Presseunfreiheit bei der WM, russischer und belarussischer Exiljournalismus)

+++ Am Freitag waren an dieser Stelle die "offenbar üppigen Versorgungsansprüche" der frisch freigestellten Juristischen Direktorin des RBB Thema. Die Üppigkeit ihres Gehalts kommentiert nun Joachim Huber für den "Tagesspiegel": "Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke verdient etwa 15.500 Euro im Monat, Susann Lange hatte bis zu ihrer Freistellung ein Gehalt von 18.200 Euro. Da liegt kein Rechenfehler vor, das ist ein Systemfehler. Ein öffentlich-rechtlicher."

+++ Der "Guardian" geht auf Restriktionen ein, die die katarische Regierung für internationale Filmteams für die Zeit der Fußball-WM festgelegt hat: "Broadcasters, such as the BBC and ITV, will effectively be barred from filming at accommodation sites, such as those housing migrant workers (…) Places where filming is not allowed under the permit are 'residential properties, private businesses and industrial zones' or government, educational, health and religious buildings."

+++ Und wie sich das lettische Riga und das litauische Vilnius "in den vergangenen Monaten zu Hotspots russischer und belarussischer Exilmedien entwickelt haben", beschreiben die Eheleute Katja Gloger (Reporter ohne Grenzen) und Georg Mascolo in der Wochenendausgabe der SZ.

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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